Jung, pleite und besoffen

Randexistenzen Zwei nicht ganz gleichgute Romane des amerikanischen Autors Tristan Egolf

Der US-amerikanische Schriftsteller in Paris gehört zu den fest etablierten Größen im französisch-amerikanischen Kulturcrossover. Daß ein solcher Autor allerdings keine zotigen Erlebnisse aus den Untiefen des Pariser Großstadtlebens erzählt, sondern die Geschichte eines Außenseiters in einem US-Provinzstädtchen - das ist schon eine eher ungewöhnliche Geschichte. Noch seltsamer wird es, wenn der ziemlich monumentale Roman des 1971 geborenen Autors durch Vermittlung der Tochter eines bekannten französischen Autors in der Erstausgabe bei Gallimard erscheint. So geschah es 1998 mit Tristan Egolfs Roman Lord of the Barnyards, der zwei Jahre später in Deutschland unter dem Titel Monument für John Kaltenbrunner erschien. Mein Buchhändler legte mir das Werk nachdrücklich ans Herz - mit dem Vermerk, das sei ein "anarchistischer Roman". Tatsächlich passt die individualanarchistische Hauptfigur im ersten Drittel in die Abteilung Der Einzige und sein Eigentum: Bereits im frühen Alter arbeitet er nämlich zäh daran, sich seine eigene Farm aufzubauen. Doch Naturkatastrophen und das zweifelhafte Verhalten der sogenannten moralischen Autoritäten seiner Heimatstadt machen sein Projekt völlig zunichte. Danach schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch - etwa in einer Schlachterei - um am Ende bei der Müllabfuhr des Städtchens zu landen. Dort schließlich zettelt er angesichts der erschütternden Arbeitsbedingungen einen Streik an, der in die Annalen der Stadt eingeht - unter der Bezeichnung "die Krise".

Das ästhetische Konzept von Egolfs Erstling zu beschreiben ist nicht ganz einfach. Sein 500seitiges Monument ist in klassisch realistischer Manier konzipiert als der Bericht eines ehemaligen Arbeitskollegen, der den Menschen John Kaltenbrunner dem Vergessen und der üblen Nachrede entreißen möchte. Dabei erinnert die detaillierte Beschreibung der skurrilen Kleinstadttypen an John Steinbeck und die Darstellung der grauenhaften Arbeitsbedingungen im Schlachthof an Upton Sinclair. Doch Egolf fehlt sowohl der Exotismus des Einen als auch das Moralisieren des Anderen. Das ganze ist so Over-The-Top und Tongue-in-Cheek, daß es letztlich auch in einer britischen Männerzeitschrift wie Loaded ganz gut aufgehoben wäre. Egolfs Stil ähnelt einer 70er-Jahre-Aufnahme des Free-Jazz-Saxophonisten Gato Barbieri: Laut, dreckig, hektisch und auf einem Dauer-Höhepunkt. Dabei ist das "Monument" wohl so eine Art perverser Bildungsroman in bezug auf die Randexistenzen des Neoliberalismus. Dessen Maxime lautet bekanntlich, dass ein jeder Unternehmer werden soll. Das kann jedoch nur eine bestimmte neo-bürgerliche Schicht. Die anderen landen im Falle des äußerst wahrscheinlichen Scheiterns bei den miesen Jobs. Und bei den wilden Streiks. Denn wo nur stumpfes Schuften erwartet wird, wirken gerade die besonders starken Individuen als ständige Störquelle. Kaltenbrunner stirbt am Ende. Bildung abgeschlossen.

Dass Egolfs erster Roman ein brillanter Wurf war, darüber kann kein Zweifel bestehen. Allerdings blieb seine politische Haltung so unklar, dass erst weitere Bücher Aufschluss darüber geben konnten, ob Egolf als Protagonist einer neuen littérature engagé in Frage käme. Nun ist sein zweiter Roman erschienen: Ich Louise. In einem Interview in den USA hatte Egolf gemeint, dass dieser Roman davon handele, wie es sei, "jung, pleite und besoffen" in Philadelphia zu leben. "Aber nicht im Sinne von Generation X", fügte er hinzu, "sondern verschrobener und mehr Over-the-Top. Ich denke, dafür werden sie mich niedermachen". Weise Worte. Tatsächlich ist der Roman zu verschroben und zu übertrieben - und es gibt reichlich Gründe, Ich Louise"niederzumachen. Während der Bericht über John Kaltenbrunner trotz aller Überspanntheiten reichlich mit Realität gesättigt war, wirkt sein neuestes Werk wie eine Übung im eigenen Stil. Worum es geht? Als Protagonist fungiert erneut ein Außenseiter: Charles ist der während des Vietnamkrieges gezeugte Sohn einer kambodschanischen Prostituierten und eines schwarzen GIs. Er arbeitet in einem obskuren Philz-Town in Amerika als freier Violinist. Nachdem ihn sein Agent zusammen mit anderen klassischen Musikern als Kanonenfutter im Vorfeld einer Heavy-Metal-Band verheizt hat, schmeißt er das Geigen hin. Danach zieht er in die Pension Desmon, wo - wie unerwartet - ein Haufen skurriler Gestalten sein Dasein fristet. Er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Am besten bezahlt: Rattenfangen. Schließlich begegnet er der reichen französischen (!) Journalistin Louise, die sein Leben verändert. Ende. 240 Seiten.

Ganz offensichtlich sind alle Zutaten vorhanden, die Monument für John Kaltenbrunner zu einem großartigen Roman gemacht haben. Aber Ich Louise ist schlicht und ergreifend zu ausgedacht. Die Hauptfigur könnte aus einem schlechten US-Seminar über Theorien der Hybridität stammen. Im Gegensatz zu Kaltenbrunner lässt sich im Falle von Charles keinerlei Milieu identifizieren. Wie das Heimkind etwa zur Violine kam, bleibt dunkel. Warum dem klassischen Violinisten, der doch versnobtes Konzertpublikum gewöhnt sein müsste, die französische Journalistin wie ein Wesen aus einer gänzlich anderen Welt erscheint, ebenso. Auch das Milieu der Arbeitswelt ist nicht so überzeugend geschildert wie im Vorgänger: Im Gegensatz zur Beschreibung des Schlachthofs wirkt die Rattenjagd in der Kanalisation nur noch grotesk. Zudem gibt es viel zu viel Slapstick. Wenn Charles mit Kumpel Tinsel von Louise in ein Sterne-Restaurant ausgeführt wird, dann erinnert der seitenlange Rapport der Faux-Pas an einen Film mit Bud Spencer und Terence Hill.

Wer realistischen Stoff aus der Welt der billigen Pensionen in den USA erwartet, der sollte wohl eher zu Dagoberto Gilb greifen. Ganz offenbar wollte der junge Autor seinem gefeierten Debüt schnell irgendwas im gleichen Stil hinterher schicken. Dadurch freilich tritt eher die Seite von ihm zutage, die in ein Männermagazin passt. Allerdings können gut geschriebene Artikel in britischen und US-amerikanischen Männermagazinen (nicht in deutschen) eine ziemlich leckere Sache sein. Fazit: Ich Louise, das neue Buch von Tristan Egolf, ist eine einzige Enttäuschung. Aber eine unterhaltsame.

Tristan Egolf: Ich. Roman. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, 239 S., 22,90 EUR

Tristan Egolf: Monument für John Kaltenbrunner. Vom Schlachten des gemästeten Kalbs und vom Aufrüsten der Aufrechten. Roman. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, 501 S., 17,80 EUR

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00:00 19.09.2003

Ausgabe 38/2020

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