K(l)eine Unterschiede

Gender Studies Mann-Frau-Konflikte gibt es in Medizin, Gesellschaft, Kultur. Die Geschlechterforschung wird trotzdem abgesägt

Sie hat ihn, den Blick für die „Gender“: Anne Becker sitzt in einem selbstverwalteten Café in der Uni Göttingen, an der Wand hängen Plakate gegen Nazis und gegen Sexismus. Es ist aufgeräumt und gemütlich im „Autonomicum“, als wir uns zum selbstgekochten Kaffee treffen. Becker studiert im achten Semester Geschlechterforschung, auch „Gender Studies“ genannt. Und nun steckt das Fach in der Krise. Nach der Umstellung auf Bachelor und Masterabschlüsse wurden die Mittel für das Forschungsfeld an vielen Unis zusammengekürzt oder gleich ganz abgeschafft. Man hält Geschlechterforschung für altmodisch oder sogar für unwichtig – und das, obwohl die von Klischees verfolgte Disziplin schon viel erreicht hat, wie Becker meint.

Wie kommt das? In den Gender Studies geht es darum, geschlechtsspezifische Machtverhältnisse aufzudecken. Geschlecht wird dabei als rein gesellschaftliche Qualität betrachtet – und nicht als biologisch festgelegte Tatsache, aus der sich gesellschaftliche Unterschiede zwangsläufig ergeben. In fast jeder Fachrichtung konnten die Forscher und Forscherinnen bislang eine sogenannte Geschlechterblindheit aufspüren, also die kritiklose Akzeptanz eines geschlechtlichen Ungleichgewichts. Diese Missverhältnisse zwischen Männern und Frauen werden viel zu selten mitgedacht. Stattdessen gilt das Maskuline noch immer als Normalfall.

Die erfolgreiche Enthüllung dieser verkannten Realität hat vielen Gender-Forschern und Studenten neuen Auftrieb gegeben und die Forschung positiv beeinflusst. „Ich bin sehr froh, dass ich das alles erkannt habe“, sagt Becker mit Blick auf ihr Studium. Für sich selbst, aber auch, weil sie andere Wissenschaftler nun kompetent auf ihre Blindheit hinweisen kann – „feministische Wissenschaftskritik“ nennt sie das, und sie soll die Unterschiede und Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern in vielen Bereichen ausgleichen helfen. Um so fataler findet die 26-jährige Studentin, die sich gerade Sojamilch in ihren Kaffee gießt, dass die Gender Studies in den ­vergangenen Jahren einen immer schlechteren Stand haben. Die mit dem Fach verbundene Kritik sei in einer zunehmend naturwissenschaftlich ausgerichteten Universitätslandschaft kein Thema mehr. In der modernen Vorstellung von Mann und Frau werden Unterschiede immer häufiger mithilfe von Biologie und Evolution erklärt, eine gesellschaftliche Auseinandersetzung erscheint nicht mehr notwendig .

Interesse guckt in die Röhre

Exemplarisch zeigt sich das in Hannover. Seit dem vergangenem Sommersemester stoßen die Studenten dort auf ein deutlich reduziertes Angebot. Zwar wird es auch künftig in einzelnen Fächern Lehrveranstaltungen zu Gender-Themen geben. Wer sich für die vielen Facetten des Verhältnisses zwischen Männern und Frauen interessiert – die sich ja nicht allein auf die Benachteiligung von Frauen beschränken, sondern umgekehrt auch auf Probleme von Männern – guckt in die Röhre. Komplett eingestellt wurde längst auch der fachübergreifende Studien- und Forschungsschwerpunkt und das viersemestrige Studienprogramm. Die Arbeitsgruppe, die dieses Vertiefungsprogramm getragen hat, war im vorvergangenen November aufgelöst worden, nachdem die Universitätsleitung den Bereich finanziell geschröpft hatte. Man bedauere die zugrunde liegenden Entwicklungen, heißt es in der Auflösungserklärung. Eine Weiterführung in der bisherigen Form sei aber ausgeschlossen.

Leicht hatten es die Gender Studies auf dem wissenschaftlichen Schlachtfeld nie, man ist Sorgen gewohnt. „Es gibt starke Widerstände“, bestätigt Katharina Pühl vom Studienfach Gender Diversity an der Freien Universität Berlin. Die Disziplin hat mit Wissenschaft nichts zu tun, heiße es oft, sondern ist ideologisch geprägt. Doch die Umstellung des Studiums auf Bachelor- und Masterstudiengänge habe die einzelnen Disziplinen nun noch stärker von einander abgegrenzt, sagt die ehemalige Sprecherin der Arbeitsgruppe Gender Studies in Hannover, Gudrun-Axeli Knapp. Gerade weil die Geschlechterforschung sich nicht nur für eine Disziplin interessiert, sondern potenziell für alle, sind die Konsequenzen hier besonders deutlich zu spüren. Nicht der Gegenstand ist der gemeinsame Nenner, sondern das Erkenntnisinteresse: Gesellschaftliche Machtstrukturen, die die Gender Studies herausarbeiten wollen, wirken überall. Dieses Erkenntnisinteresse steht im Widerspruch zu dem Trend, selbst innerhalb der Fächer stark zu spezialisieren. Angesichts der massiven Umstrukturierungen im universitären System kommt die fehlende Spezialisierung der Gender Studies gerade recht, um Stimmung gegen sie zu machen: „Der Konkurrenzdruck um Stellen steigt, die Notwendigkeit der Profilbildung nimmt zu, da wird die Gelegenheit des Generationenwechsels genutzt, die Karten neu zu mischen“, resümiert Axeli-Knapp.

Auch in Freiburg bangen die Gender Studies um ihr Fortbestehen, auch hier geschieht dies im Zuge der Umstellung auf Bachelor und Master. Das Kompetenzforum Genderforschung in Informatik und Naturwissenschaften (kurz: „gin“) wurde bereits geschlossen. Es soll stattdessen einen neuen Master-Studiengang geben, mit anderen Schwerpunkten. Die Bewerber auf die Professur verfügten allerdings über keine ausreichende Qualifikation in Gender Studies, beklagt die Fachschaft in einem Brief an die Unileitung, und befürchtet, dass die Fortexistenz des Fachs in angemessener Weise nicht gesichert sei. Diese Angst geht auch unter den Dozenten um.

„Man muss das in einem größeren Zusammenhang sehen“, sagt Marion Mangeldsorf, Koordinatorin der Gender Studies in Freiburg. Es werde immer wieder und in letzter Zeit an deutschen Universitäten vermehrt überlegt: „Brauchen wir das noch?“ Insgesamt gehe der Trend einfach weg von den kritischen Wissenschaften. Die Einführung des neuen Masters sei mittlerweile auch zu diesem Sommersemester „völlig illusorisch“, sagt Mangelsdorf. Man hoffe einfach nur noch, dass es irgendwie weitergeht.

Gender macht auch Musik

Einen regelrechten Aufschwung erleben die Gender Studies dagegen im deutschsprachigen Ausland. In der Schweiz kommt der Studiengang gerade jetzt erst so richtig an: Noch vor neun Jahren gab es im ganzen Land keine einzige Gender-Professur, das Studienangebot war äußert dürftig. Andrea Maihofer organisierte den Aufbau der Gender Studies in der Schweiz, alle ausgestattet mit staatlichen Mitteln. Mittlerweile gibt es Studienangebote in Basel, Bern, Zürich, Fribourg, Genf, Lausanne und an kleineren Unis – sie alle werden gefördert und sind gewollt von der Regierung. „Es gibt in der Schweiz die wissenschaftspolitische Einsicht, dass Gender Studies notwendig sind“, sagt Maihofer. „Sehr stolz“ sei sie darauf, den Studiengang in einer weltweit einmaligen Weise aus dem Boden gestampft zu haben: „Das gibt es sonst nicht, dass ein Fach auf nationaler Ebene aufgebaut wird.“

Maihofer kommt ursprünglich aus Frankfurt am Main. Viele junge WissenschaftlerInnen aus Deutschland migrieren in die Schweiz, weil es ihnen hierzulande an Perspektiven mangelt. „Die müssen ja irgendwo hin!“, sagt auch Maihofer. In der Schweiz sind die entsprechenden Bewerbungen deutscher Studenten sogar oft erfolgreicher als die der heimischen Konkurrenz. „Das sorgt immer wieder für Ärger. Wir werden mehr Aufmerksamkeit auf den eigenen Nachwuchs legen müssen.“ Denn bei der Nachwuchsförderung sei Deutschland besser aufgestellt als die Schweiz. Nur werden hier keine entsprechenden Stellen geschaffen.

Veränderungen finden innerhalb der Gender Studies aber auch ohne äußere Zwänge statt. „Die klassische Frauenforschung ist auf dem Rückzug, weil sich das Feld erweitert hat“, berichtet die Berliner Studiengangskoordinatorin Pühl. Die gesellschaftliche Unterdrückung der Frauen ist längst nicht mehr das einzige Erkenntnisinteresse, das die Gender Studies haben. So war es in der klassischen Frauenforschung. Spätestens seit den 1990ern mit der Entwicklung der Gender Studies hat sich das Interesse der Wissenschaftler erweitert.

Heute werden Gender-Aspekte in vielen Bereichen verhandelt: in der Musikwissenschaft zum Beispiel. Da wird vor allem der Einfluss der Geschlechter auf die eigenen Theorien reflektiert. Gibt es zum Beispiel wirklich typisch weibliche und typisch männliche Musik und wenn ja, ist das tatsächlich biologisch determiniert? Natürlich nicht, sagen die Gender Studies, denn es gibt immer einen gesellschaftlichen Einfluss. Nicht alle Musikwissenschaftler akzeptieren das: Aus dem biologischen Geschlecht, also der genetischen Veranlagung, leiten sie weiterhin vermeintlich typische Muster ab. Dur zum Beispiel ist angeblich männlich, Moll soll weiblich sein. Die Gender Studies bezweifeln das.

Frauenherzen schlagen anders

In der Medizin hat die Rücksicht auf Gender-Aspekte dafür schon viele Vorteile gebracht. Krankheitsbilder seien früher aus einer rein männlichen Sicht interpretiert worden, erzählt die Medizinethikerin Claudia Wiesemann von der Göttinger Universitätsklinik. Doch „Frauen, die Herzerkrankungen haben, erleben das zum Beispiel selbst mit anderen Symptomen als Männer“, erklärt Wiesemann. Als die medizinische Forschung feststellen musste, dass sich dieses Phänomen allein mit der Biologie nicht fassen lässt, reagierte die Wissenschaftswelt überrascht. „Uns ist auch sozial vorgegeben, wie wir auf Krankheiten zu reagieren haben“, sagt Wiesemann und bemängelt, dass Ärzte auf nichtmännliche Krankheitsbilder oft unerfahrener und teilweise verharmlosend reagierten.

Die Medizinerin appelliert daher an die Kollegen, den Gender-Aspekt mitzudenken: „Diese Mühe muss sich die Medizin machen, denn sonst kann sie 50% der Menschheit nicht korrekt behandeln.“ Die Professorin führt das bisherige Zögern der Kollegen auch auf deren Eitelkeit zurück.

Gender-Aspekte betreffen noch viele weitere Fachrichtungen – genau das macht ja den fachübergreifenden Charakter dieses Feldes aus. Trotzdem findet dieses Thema im Mainstream der Soziologie und in der Volkswirtschaftslehre gar nicht statt. „Da werden Dinge zur Nebensache erklärt, die eigentlich eine Hauptsache sind“, sagt Katharina Pühl. Sie beobachtet einen negativen Rückstoß: Je mehr geforscht wird, desto stärker müssten die Gender Studies kämpfen.

Argumente spielen in diesem Kampf allerdings keine Rolle, glauben die Betroffenen. In Hannover sei es eine intransparente Politik des Dekanats gewesen, die zur Abwicklung der Gender Studies geführt hätten, sagt Gudrun-Axeli Knapp. Hinzu kam, dass hinter den Kulissen eigene – andere – Interessen und Schwerpunkte durchgesetzt wurden. Die günstige Gelegenheit sei genutzt worden.

„Gender machen doch heute alle“, lautete eines der Argumente, das gegen die Gender Studies ins Feld geführt wurde, erzählt Knapp. Tatsächlich fände sie es begrüßenswert, wären die Gender Studies tatsächlich so erfolgreich gewesen, dass sie sich selbst überflüssig machen. Waren sie aber nicht. Also muss es weitergehen. Damit irgendwann doch alle „Gender machen“.

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13:35 31.03.2010

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