K.o. durch Schachmatt

Prekariat Helmut Kuhn ist Schachboxer, Journalist und lebt in einem prekären Berlin. Sein aktueller Romanheld sieht ihm ähnlich

Sie liegen vor ihren Schachbrettern auf dem Boden und ringen nach Luft. Ein Chor aus Keuchen, die Köpfe alarmrot, die Brillen beschlagen. Dem Dutzend Männern perlt der Schweiß von Nasenspitze und Kinn, dass sich Tropfen für Tropfen kleine Seen auf den Boden vor ihren Brettern bilden. „Jeder 40 Liegestütze“, brüllt der Trainer. „Wer verliert, spielt mit Schwarz!“ „Wenn einer ein Schachbrett zerstört, müssen alle 100 machen!“

Im Keller einer Berliner Schule wird an drei Abenden in der Woche der Sauerstoff knapp – wenn die klassischen Boxer gehen und die Schachboxer kommen. Sie trainieren, um Adrenalin und Blutzirkulation zu beherrschen, ringen Geist und Körper nacheinander nieder. Bei einer Partie wechseln sie im Minutentakt zwischen Ring und Schachbrett. Auf drei Minuten Boxen, folgen vier Minuten schneller Züge. Dann geht alles von vorne los.

Einer von ihnen ist der Autor Helmut Kuhn. Er hat gerade einen Roman geschrieben. Dessen Held steigt wie Kuhn regelmäßig in den Keller hinab, spielt Schach und boxt. Dass der gebürtige Münchner Kuhn dazugehört, erkennt man an dem dicken Silberring an seiner Hand. Darauf lässt sich vage ein Boxhandschuh erkennen, der eine Schachfigur umklammert hält. Schachboxer sind da wie die Freimaurer: ein Verein mit Clubring.

Demut und Größenwahn

Auch Iepe Rubingh trägt einen solchen Ring. Der Niederländer ist Künstler und lebt seit Jahren in Berlin. Er hat sich Schachboxen ausgedacht. Auf die Idee kam vor neun Jahren nach der Lekture von Enki Bilals Comic Äquatorkälte. Damals hatte er noch eine Performance im Sinn, inzwischen hat sich die Idee verselbständigt. Anfragen kommen selbst aus der Ukraine. „Ich sage immer, ich bin Künstler und Sportpromoter.“ Eine seiner Farbaktionen verschaffte dem Rosenthaler Platz ein gelb-rot-blaues Muster, ein Foto davon ziert Kuhns Cover. Rubingh boxt, seit er 25 ist. Bevor er in den Ring steigt, bindet er seine roten, kinnlangen Haare mit einem Lederband hinterm Kopf zusammen, legt seine Brille beiseite und schwitzt in kürzester Zeit sein orangefarbenes T-Shirt nass. Man brauche „eine Mischung aus Demut und Größenwahn, kaltblütig muss ein guter Schachboxer sein.“

Zum Training hat Kuhn es an diesem Tag nicht geschafft. Er sitzt in einem kleinen Café ein paar Häuser weiter, faltet die Hände mit dem dicken Silberring und sagt: „Vor 15 Jahren führte man den Überlebenskampf auf der Straße, heute führt man ihn in der Gesellschaft.“ Auch deshalb hat er das Schachboxen in seinem neuen Roman zur Metapher erhoben: demütig, größenwahnsinnig, kaltblütig. Anders kommt man aus dem Prekariat nicht lebend raus.

Gehwegschäden ist ein Überlebensbuch. Im Mittelpunkt steht der freie Journalist Thomas Frantz und seine Recherchen über Armut in Berlin. Für Helmut Kuhn sind Gehwegschäden ein Zeichen der Resignation. Das Straßenbauamt des Bezirks stellt Schilder auf – zum Ausbessern fehlt das Geld. Es gibt auch Straßenbegeher. Ihr Job ist es festzustellen, wo was kaputt ist. Sie haben Formularblöcke zum Ankreuzen, da steht dann Loch, Versackung, Hebung, Stoßkante, Riss oder Fuge, beschädigt, zerstört oder Wurzel. Allein entlang der Torstraße mit ihren 231 Hausnummern gibt es davon mehr als genug.

Oberflächenphänomene. Flaneuren fallen sie auf. Wie Anfang des 20. Jahrhunderts dem Kulturkritiker Siegfried Kracauer. Oder Alfred Döblin und Erich Kästner. Das hier war ihr Kiez, als das Café St. Oberholz – „Sitz“ der digitalen Bohème – noch Gasthaus Aschinger hieß. Heute ist es die weniger hübsche Seite von Mitte, grau und angeranzt – und deshalb gerade gefragt. Kuhn setzt Döblins Ära als Dauerreferenz ein. Muntere Dada-Sätze leiten Kapitel ein. „Thomas richtet sich ein in seinem post-mortalen Glück, da springt ihm Hurricane Katrina mit ihrem hübschen Hintern ins Gesicht.“ Kurze Passagen aus Berlin Alexanderplatz finden sich kursiv gesetzt übers Buch verteilt.

Kuhn ist selbst Journalist, war für Stern und Focus unterwegs. Dass sein Protagonist Thomas Frantz, der immer hart an der Grenze zur Armut lebt, den gleichen Beruf wie Helmut Kuhn hat, sich ebenfalls im Kiez zwischen Schönhauser Allee, Torstraße und Rosenthaler Platz bewegt, sei eine zweckgerichtete Entscheidung gewesen: „Keiner sonst kann so recherchieren, keiner bekommt so viel Einblick in andere Leben wie ein Journalist“, sagt Kuhn. Das St. Oberholz taucht ebenso auf wie Sascha Lobo, samt – hier gelbem – Iro und dem Satz „Wir nennen es Arbeit“.

„Ich bin der Meinung, dass ein Roman, der heute die Finger in die Wunde unserer Gesellschaft legen will, hier spielen muss“, sagt Kuhn. „Bei Döblin lebte hier das Proletariat, heute ist es das Prekariat.“ Und die zentrale Frage, die sich die Prekären stellten, sei eben: „Ist man überhaupt noch Leistungsträger, ja oder nein?“. Wenn Kuhn erzählt, dröhnend den Raum des Cafés füllt, dann klingt das nach eigenem Erleben. Wie die Akademiker am Armutsrand zusammenzucken, wenn sie an ihre alten Freunde denken, die nun in Zehlendorfer Villen wohnen oder wochenends auf dem Markt am Kollwitzplatz in allergrößter Ernsthaftigkeit Schmierkäse testen: Man gehört nicht mehr dazu.

Der kleine Eckladen neben der Trainingshalle scheint das Stammcafé der Schachboxer zu sein. Anderntags sitzt hier Erfinder und Weltverbandschef Iepe Rubingh, „The Joker“, so sein Boxername, und erzählt, er habe noch kein Match auf der Welt verpasst. Die Regeln mit den Verbänden in Sibirien, Indien, Großbritannien und Deutschland müssten vereinheitlicht werden. „Wir brauchen eine Kommerzialisierung und Professionalisierung des Sports“, sagt er und beweist: aus einer prekären Idee kann ein globales Unternehmen werden. TV-Sender haben angefragt. Es geht um Übertragungsrechte, Sponsoren. In England wurde ein Macht im Fernsehen gezeigt, zwar nicht live, aber immerhin. Es bewegt sich etwas, in Berlin sind es über 100 Mitglieder. „Seit einem Jahr kümmere ich mich nur noch ums Schachboxen.“

Auch Kuhn ist diesem Prekariat entwachsen, diesen verschiedenen akademischen und nicht-akademischen Armutsszenen. „Ich will mich nicht vergleichen, aber“, sagt Kuhn häufig; nicht mit Döblin, Kästner, Céline – aber. Das ist beim Schreiben wohl wie beim Boxen: Man misst sich mit den Besten, lässt die Muskeln spielen. Kuhn erzählt von seinem Buch über Murat Kurnaz, das „wirklich um die Welt gegangen“ sei, von seiner Lesung in der Public Library in New York, von den „fulminanten“ Reaktionen der US-Medien, von John le Carré, der einen Blurb für den Umschlag beigesteuert habe. Seit zehn Jahren, erzählt er, lebe er in erster Linie vom Bücherschreiben.

„Schachboxen ist ein Tool, nicht nur testosterongesteuert zu agieren“, sagt Iepe Rubingh. „Man braucht Beherrschung, man braucht die Balance, man muss vorausdenken können.“ Man müsse sich ja nur einmal umschauen, „die Finanzkrise: eine rein männlich geprägte Angelegenheit“.

Wenn man mit Helmut Kuhn eine Runde durch den Kiez drehen möchte, in dem er und seine Figur Thomas Frantz sich bewegen, dann verabredet er sich am Soho-House. Das Gebäude in der Torstraße 1 war einmal ein jüdisches Bankkaufhaus, dann zog hier die Zentrale der Hitlerjugend ein, zu Beginn der DDR war es das Parteigebäude der SED, Wilhelm Pieck residierte hier. Bis 1994 war die Torstraße nach ihm benannt. Und seit zwei Jahren ist das Eckhaus eine Filiale des Kreativbranchenclubs Soho-House. 900 Euro kostet die Mitgliedsgebühr. Dafür gibt es Zugang zum Hauskino, zum Dachpool, zum Restaurant mit Kamin. Den normalen Soho-Hotelgästen bleibt es verwehrt. Gehwegschäden ist für Kuhn auch ein Buch über soziale Entfremdung: Die, „die das Sagen haben“, werden immer abstrakter, immer weiter entfernt. „Heuschrecken von der schlimmsten Sorte“, lässt Kuhn seinen Protagonisten Frantz über die Soho-House-Betreiber sagen.

„Das Buch ist Pflicht“

Dass es ums Überleben geht, sieht man ihnen an: Rubingh mit seinen schwarzen Lederkopfhörern, der schwarzen Hose, der Jacke, den Sneakern, Kuhn mit schwarzem Rolli und Pullover, der sein rumpeliges Rad mit einer schweren, eisernen Gliederkette ankettet, und der drahtige Kubaner Jesus sowieso, mit dem schwarzen T-Shirt, auf dessen Rücken steht: „Fighting is done in the ring, wars are wagend on the board.“

Autoren, Webdesigner, Immobilienmakler treffen sich in dem niedrigen Raum mit dem Boxring in der hinteren Ecke, den Pokalen und Zinntellern in den Vitrinen. Sie zeugen von Siegen des alteingesessenen Boxvereins. Im grauen Spind hängen bergeweise Springseile und stapeln sich Schachbretter und kleine Holzkästen mit Schachfiguren. Beim Training hört man Wasserstandsmeldungen zum Lesefortschritt. Schließlich sind es ja die eigenen Leute im Buch: Jesus, der Profi, Trainer Frank, der gerade in Afghanistan Polizisten ausgebildet hat. „Schon drei Viertel durch“, „ich bin schon fertig“, „das Buch ist Pflicht“.

Die sieben Kapitel von Gehwegschäden haben als Titel einzelne Worte. Schreibt man sie hintereinander weg, landet man bei einer Frage: „Ist Hoffnung, Verzweiflung, Furcht, Überheblichkeit und Zorn gleich Wut?“ Es klingt auf jeden Fall wie eine adäquate Beschreibung des akademischen Prekariats. Am Schluss rauscht die Welt an Thomas Frantz nervenzusammenbruchartig und kubistisch um ihn herum. Doch dann schiebt sich Jesus mit seinen Fäusten ins Blickfeld, brüllt ein „Ra-ra-ra-BAMM-BAB!“ und alles hat wieder seine Ordnung: links, rechts, links, schwarze und weiße Felder, das reicht. Oder wie Iepe Rubingh sagt: „Beherrsche Dich, sonst wirst Du beherrscht.“


GehwegschädenHelmut Kuhn FVA 2012, 443 S., 22,90


Anne Haeming ist freie Autorin in Berlin. Sie radelte 2010 kurz nach Rubinghs Farbaktion über den grundfarbenbunten Rosenthaler Platz

10:35 17.04.2012

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