Kampfzone zwischen Land und Meer

Beispiel Rostocker Heide Die neue Bescheidenheit im deutschen Naturschutz

Ihre Spuren sind so frisch, als würden sie noch nahebei im Gesträuch harren. "Wildschweine", sagt Christian Berg und schreitet ungerührt weiter. "Leider fressen sie auch die Niedrige Schwarzwurzel." Und die, das werden die Teilnehmer der Exkursion gleich lernen, ist ein schützenswertes Gewächs. Vor einer Stunde noch haben sie den letzten Frühstückskaffee in ihrem Hotel genossen, sich in Goretex und Fleece gehüllt. Nun stiefeln sie tapfer über den aufgewühlten Waldboden und atmen tief die würzige Luft: vier Juristen, zwei Botaniker, ein Stadtplaner und ein Geograf.

In den zurückliegenden zwei Tagen hatten sie sich mit Kollegen auf einer Konferenz über das Thema "Erhaltung der Biodiversität als Querschnittsaufgabe" verständigt. Zu diesem Warnemünder Naturschutzrechtstag hatte die Rostocker Universität im Herbst 70 Juristen, Projektplaner, Naturschützer und Ethiker aus Deutschland eingeladen. Der Schwerpunkt soll auf der "Integration des Naturschutzrechtes in andere Politik- und Verwaltungsbereiche" liegen.

In der Rostocker Heide legt Christian Berg ein flottes Tempo vor. Berg ist promovierter Botaniker und leitet im Staatlichen Amt für Umwelt und Natur (Staun) Rostock die Abteilung Naturschutz. Der Begriff "Heide", sagt er, ist irreführend. Im Nordosten bezeichnet er Waldgebiete, stark mit Kiefern durchsetzt, "bodensaure Wälder des FFH-Typs 9110 zum Beispiel".

Das gesamte Areal, 2000 Hektar Wald, Moor, Wiese zwischen Rostock-Warnemünde und Markgrafenheide, ist Vorschlagsgebiet im Sinne der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH). Diese Areale sollen einmal das EU-Schutzgebiet Natura 2000 bilden. Die Hansestadt Rostock, seit dem Mittelalter die Besitzerin, meldete die Heide freiwillig für die unter Hoteliers und anderen Unternehmern im Nordosten der Republik umstrittene Liste. Sie sei ein "Hot spot" der Biodiversität in Mecklenburg-Vorpommern, sagt Berg.

Inzwischen hat er die Teilnehmer auf eine Schneise zwischen Salzwiese und Brackwasserröhricht geführt: das Naturschutzgebiet Radelsee, ein "Küstenüberflutungsmoor". Gesträuch lockert die Wiesen auf. Hinter dem Zaun weiden zwei Island-Ponys. Wald umsäumt das Areal. Eine hübsche Kulisse, einsam, naturnah, geradezu idyllisch.

"Wir befinden uns an der Grenze zwischen Meer und Festland", sagt Berg. "Besser gesagt: in ihrer Kampfzone." Bei Sturm und Hochwasser drückt die See auf die Flächen. In ruhigeren Jahren rückt der Wald ein Stückchen vor. Beim nächsten großen Salzwassereinbruch sterben wieder ein paar Bäume ab. "Natürliche, salzbedingte Waldgrenze", nennt Berg das, eine Rarität in Deutschland, wo Waldsäume ausnahmslos durch Rodung entstehen.

Gefragt ist Interdisziplinität

Erstaunlicherweise gedeihen unter den widrigen Bedingungen die vielfältigsten Seltenheiten. Die Niedrige Schwarzwurzel etwa, der Kammwachtel-Weizen, die Sumpf-Wolfsmilch. Die Teilnehmer blicken ins feuchte Gras zu ihren Füßen, viel ist jetzt im Herbst nicht mehr zu erkennen. Es fallen auf: feine fast silbernfarbene vertrocknete Blüten an kahlen, kniehohen Stauden. Salz-Astern. Berg wendet sich lächelnd an Anke Schumacher, Botanikerin aus Tübingen. "In Schwaben gibt´s die nicht - oder?" Die junge Frau lacht zurück: "Nein." An der Uni Tübingen schreibt Anke Schumann an einer Dissertation über die Vegetationsentwicklung auf einem Bergrutsch in der schwäbischen Alb.

Ursprünglich hatten sich 15 Teilnehmer für die Exkursion gemeldet, auch Jäger, Landwirte, Rechtsanwälte. Am Ende geizen dann doch viele mit ihrer Zeit, weiß Christian Berg aus Erfahrung. Dennoch: die Exkursion ist ein Muss jeder Tagung. Geht es im Rechtsstreit um die Natur, kennen Anwälte den verhandelten Gegenstand meist nur aus Paragrafen. Berg will das ändern. "Ich hatte schon Volljuristen, die waren so stolz, dass sie die Exkursion überlebten, als wären sie mit einem Einbaum den Amazonas runter."

Die Interdisziplinarität macht tatsächlich den Reiz der Veranstaltung aus, und sie bleibt nicht ohne Effekt. Der Paragraf 38 des novellierten Bundesnaturschutzgesetzes zu den marinen Schutzgebieten geht nach eigener Lesart auf den Naturschutzrechtstag im November 1995 zurück. Dort hatten die Experten befunden, dass Naturschutz im Unterschied zur Praxis auch für den Offshore-Bereich als sogenannter "ausschließlicher Wirtschaftszone" gelte. Der entsprechende Paragraf hilft, Offshore-Windpark-Projekte genauestens auf ihre Natur-Verträglichkeit zu untersuchen.

Vertragsnaturschutz im Trend

Eckhard Bock, Planungsreferent beim Umweltdezernenten eines Berliner Stadtteils, hat auf der Salzwiese einen Vogel entdeckt und bittet um ein Fernglas. Bock kehrt als einziger der Gruppe freimütig den Städter hervor: heller Trenchcoat, einen Schal aus blauem Tuch um den Hals gewunden. Eben noch fachsimpelte er mit Raymond Scherer, einem Juristen aus München. Scherer befasst sich in seiner Dissertation mit der Frage, inwieweit Flugrouten von Anliegern angefochten werden können. Das interessiert Bock brennend; er sitzt im Vorstand der Bundesvereinigung gegen Fluglärm e.V.

Die Salzwiesen bringen als "Halbkultur-Formation" gutes Futter mit hohem Mineralstoffgehalt hervor, sagt Berg. Ein Landwirt nutzt sie auf Vertragsbasis, wenngleich nur mit Mühe, denn es ist bei den regelmäßigen Überflutungen laut Berg zuweilen ein "Katastrophenstandort". Da komme man auch mit den EU-Fördergeldern von 200 Euro pro Hektar und Jahr schwer hin. Anfangs habe der Pächter noch Mutterkuhhaltung betrieben, jetzt weiden auf dem Gelände nur seine Pferde, die er für Kremserfahrten braucht. Im Nebenerwerb.

Vertrags-Naturschutz liegt offenkundig voll im Trend. Holger Rößling, Geograf an der Universität Potsdam, weiß das aus eigner Arbeit: Er begleitet das "Kulturlandschaft-Entwicklungsprojekt Mittlere Havel". Es handelt sich um Ausgleichsmaßnahmen für den Havelausbau im Rahmen des Verkehrswegeplans Deutsche Einheit. Da sich keine Flächen neu zaubern ließen, müsse man bestehende nutzen, sich also mit den Landwirten ins Benehmen setzen. Sein Institut hat dafür eine neue "Organisationsform" entwickelt, wie Rößling sagt, eine so genannte Flächenagentur. Sie soll gemeinsam mit den Bauern Nutzungsverträge erarbeiten.

Die Exkursion ist am Hütelmoor angelangt. Zu DDR-Zeiten wich es einer brutalen Melioration, nun wird es renaturiert. Nach Norden hin versperren Deich und Düne den Blick auf die See. Wie fragil dieser Hochwasserschutz ist, zeigte sich am 4. November 1995 bei einer heftigen Sturmflut. Markgrafendamm meldete Land unter. In diesem Bereich, Christian Berg weist auf den Küstenstreifen, brach das Wasser auf eine Länge von etwa 300 Metern durch.

Heillose Diskussionen seien gefolgt, einige Küstenschützer hätten am liebsten den Radelsee abgesperrt und die Schutzanlagen an der Küste "richtig schön hoch" gebaut. Der Staun Rostock favorisierte "nach eingehender Prüfung", wie Berg betont, eine andere Variante: einen Ringdeich um die geschlossene Ortschaft Markgrafenheide. Und an jener Stelle, an der die Exkursion jetzt angelangt ist, will man den Küstenschutz ganz aufgeben. Das ist in Mecklenburg-Vorpommern ein heißes Eisen.

Diese Variante, sagt Berg, hat den schönen Vorteil, dass man die übrigen Flächen der freien Küstendynamik überlassen kann. Der Forstverwaltung war das nicht einfach zu vermitteln. Wie kann man ein Landstück freiwillig einer so unberechenbaren Gewalt wie Meer und Sturm aussetzen? Mit der neuen Variante, argumentiert Berg vor den Exkursionsteilnehmern, gewinnt man wertvolle "wechselhaline Biotope" auf einer Fläche, so groß wie sonst nirgendwo. Er gerät in Fahrt. 1990 noch überwog hier Queckengrasland. Inzwischen stehen wieder Kleinröhrichte mit Sumpfbinsen darauf, wo eine Vielzahl von Insekten Lebensraum finden. Es gibt wieder Lungenenzian in den Kiefernwäldern. Und Läusekraut, das 20 Jahre lang verschollen war. Anke Schumacher nickt anerkennend.

Offenbar muss der Naturschutz seine Ziele nur hartnäckig genug verfolgen. Hartnäckig? Vielleicht. Aber nicht mit dem Holzhammer, sagt Christian Berg. "Naturschutz funktioniert im Konsens, nicht durch Konfrontation." Das bedeute, zurückstecken zu können. Wie im Falle jenes Fahrgastschiffers, der eine Linie zwischen Warnmünde und Markgrafenheide einrichten wollte: Quer über den naturgeschützten Radelsee. Natürlich wollte der Staun das unterbinden. Jahrelang wurde verhandelt und vor Ort analysiert. Seit diesem Jahr fährt das Schiff, mit eingeschränkter Fahrzeit und einem umweltfreundlichen Motor.

Am Ende klettert die Gruppe über die Dünen und läuft am Strand Richtung Westen. Am Horizont ragt die Mole von Warnemünde weit in die See hinein. Dahinter spült das Meer den wohl breitesten Sandstrand an der gesamten Ostseeküste an, jedes Jahr ein paar Zentimeter mehr. Östlich von Warnowmündung und Mole plant Rostock im Rahmen der Bewerbung um die Olympischen Segelwettbewerbe 2012 einen Yachthafen, ein gigantisches Projekt. Der Konfliktstoff geht nicht aus.

00:00 12.12.2003

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