Teresa Bücker
Ausgabe 4215 | 28.10.2015 | 06:00 1

Kaputte Mutter

Nervtötend Charlotte Roches neue Romanheldin Chrissi hält ihr Geplapper mühelos durch

Ich presse die Augen zu und halte mein Gesicht in den harten Strahl. Das piekst richtig, wie Nadelstiche, aber ich ziehe nicht weg, ich will keine Pussy sein. Vielleicht ist das ja auch gut für meine Haut“, hofft Chrissi, die Protagonistin in Charlotte Roches drittem Roman Mädchen für alles, während sie nach dem Sport unter der Dusche steht und einen ihrer banalen Gedanken denkt, die sich in 19 Episoden aneinanderreihen. Das nervt, aber wahr ist auch, dass jeder von uns, ob Bestsellerautorin, Teenager, Manager oder gelangweilte Hausfrau, wie Chrissi eine ist, banales Zeug von der linken zur rechten Gehirnhälte schiebt, während er den Schweiß vom Körper wäscht, die Zähne putzt oder in einem Meeting Kästchen auf den Notizblock malt. Die meiste Zeit unseres Lebens sind wir doch recht einfach gestrickt und haben diese schrägen Ideen und Beobachtungen, von denen wir glauben, die seien nun wirklich vor uns noch keinem eingefallen, und wir schämen uns ein wenig, vor dem Badezimmerspiegel zu stehen, die Falten zu zählen und uns daran zu erinnern, welchen Supertrick gegen die Alterung wir noch diesen Morgen im Internet gelesen haben.

Die Proll-Version

Charlotte Roche ist keine Sprachgewalt, aber was ihr in Mädchen für alles wirklich gelingt, ist: eine Figur zu kreieren, deren Geplapper das nervtötende Niveau durchgehend hält. Chrissi ist unsympathisch, egoistisch und denkfaul, ja – aber sie erwischt uns beim Gedanken, dass auch wir oft nicht über diese naiven Ideen hinauskommen, während wir uns vielleicht wie Chrissi mal wieder eine Nacht lang mit heißem Kakao gerüstet eine US-Serie reinziehen.

Chrissi liegt selbstverständlich nicht mit Heißgetränk vor dem Fernseher, sondern ist dieses Mal die prollige Version von Charlotte Roches Frauenfiguren. Chrissi trinkt am liebsten Bier, bevor sie betrunken auf dem Sofa einschläft und es nicht mehr die Treppen hinaufschafft zu ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter. Auf den wenigsten Seiten des Buchs ist Chrissi nüchtern, sie nimmt auch ordentliche Mengen Kokain – Alkohol allein verhilft ihr nicht zu dem Selbstbewusstsein, das sie braucht, um ihren „Plan“ zu verfolgen, der auf dem Buchrücken des Werks angekündigt wird. Dieser Plan ist eher eine fixe Idee, und er lässt sich erstaunlich leicht in die Tat umsetzen, sodass die junge Mutter auch niemals zur Heldin mutieren kann, die etwas Unerwartetes schafft.

Vorschnell wäre es, Charlotte Roche vorzuwerfen, dass sie ihre Trilogie halt beenden musste – egal ob sie nun nach Feuchtgebiete und Schoßgebete noch ein Buch in sich trägt oder nicht. Verlag und Leser wollten sicherlich diesen Trash, denn dafür steht sie, und so hat Roche die Seiten damit vollgestopft, ohne zu fragen, ob die Geschichte von Chrissi ein ganzes Buch trägt. Denn die Geschichte ist ja wirklich schnell erzählt: Eine Frau, die sich in ihrem Job unter Druck gesetzt und abgehängt fühlt, kommt auf die Idee, dass ihr Leben besser wird, wenn sie ein Kind bekommt. Sie bekommt das Kind, doch es ist nicht die Antwort auf ihre Suche; mit dem Nachwuchs entfremdet sie sich außerdem weiter von ihrem Mann. Um die triste Elternzeit etwas aufregender zu machen, plant sie, die schöne junge Babysitterin zu verführen.

Das Ganze endet jedoch nicht mit Liebe oder Drama zwischen den beiden Frauen, vielmehr werden schnell noch Probleme mit den Eltern eingeführt, um zu zeigen, dass auch wirklich jede von Chrissis Beziehungen kaputt ist. Roche-typisch ist der Kuchen überbacken mit expliziten Sexszenen und anderen Körperlichkeiten, Drogen, Gefluche und zahllosen popkulturellen Referenzen. Bis zum Ende kapiert man allerdings nicht so recht, warum die Hauptfigur so kaputt ist. Von außen betrachtet ist ihr Leben in groben Zügen in Ordnung: ein Eigenheim, wenn auch nicht abbezahlt, ein Mann, der gut verdient und mindestens 95 Prozent der Sorge für das Kind übernimmt, ebendiese niedliche Tochter und dann auch noch ein rührendes „Mädchen für alles“, dem Chrissi eine ihrer teuren Handtaschen schenkt.

Musste Charlotte Roche für ihr drittes Buch tatsächlich auf den Zug der Mütterdebatte aufspringen? Und liefert sie mit Mädchen für alles einen substanziellen Beitrag? „Als junge Mutter fühlte ich mich von allen betrogen, die mir gesagt hatten, wie toll es ist, schwanger zu sein und Mutter zu werden“, hat sie in einem Interview erzählt. Doch ihr Roman ist keine Auseinandersetzung mit dem eigenen und fremden Erwartungsdruck, unter dem Mütter stehen.

Ein Tabubruch?

Wenn man sieht, wie die Protagonistin das Interesse an Mann und Kind verliert, in Fernsehserien versinkt, ihr Feierabendbier braucht und eine Affäre mit der Babysitterin beginnt, kommt man rasch auf die Idee eines Rollentauschs: Es hätte auch Jörg sein können, der Hausarbeit und Erziehung seiner Frau überlässt und fremdgeht. Aber ist die Umkehrung der Rolle schon Emanzipation? Ein Tabubruch? Wenn Mädchen für alles eine Gesellschaftskritik sein soll, dann wirft Roche jedenfalls nicht die Frage nach akzeptablen Mütterbildern auf. Sie setzt schon einen Schritt vorher an, denn dass Chrissi aus dem Frust mit ihrem Job heraus einzig auf die Idee einer Schwangerschaft kommt, zeigt, wie begrenzt die Optionen sind, die wir wahrnehmen, wenn wir nach Veränderung streben. Roches Beispiele sind real: Den Satz „Dann bekomme ich halt ein Baby“ hört man immer wieder von Frauen, die unzufrieden in ihrem Beruf sind. Auch Affären oder wechselnde Partnerschaften entstehen oft aus der Langeweile heraus, nicht weil Menschen untreu oder böse sind.

Charlotte Roches Buch ist daher – geschlechterunabhängig – eine Aufforderung, sorgfältig zu prüfen, was man vom Leben will, sich von den Erwartungen der anderen frei zu machen und den vielleicht unbequemen Weg zu gehen – auch wenn das heißen könnte, aus dem Eigenheim auszuziehen und keine Kinder zu bekommen. Wer einen klugen Roman zu den Folgen des Müttermythos lesen will, dem sei Verena Hasels Debüt Lasse empfohlen, das schon im Frühjahr erschienen ist.

Teresa Bücker leitet die Redaktion des Onlinemagazins Edition F

Mädchen für alles Charlotte Roche Piper 2015, 240 S., 14,99 € 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 42/15.

Kommentare (1)

Heinz Lambarth 01.11.2015 | 11:29

So, so "Vorschnell wäre es, Charlotte Roche vorzuwerfen, dass sie ihre Trilogie halt beenden musste..." - wahrscheinlich ist es mit dieser rezension dasselbe, das buch wurde halt besprochen, weil die beiden vorgänger auch besprochen wurden.

Angesichts der bücherflut, die tagtäglich über uns herein bricht, gibt es eigentlich nur zwei gründe ein buch zu besprechen; entweder ist es herausragend gut oder abgründig schlecht - hier scheint weder das eine noch das andere zuzutreffen...