Karpatische Knochen und Erdbeer-Po

Kriminalanthropologie Filip Florians "Kleine Finger" - ein erstaunlicher, polyglotter Roman aus der rumänischen Provinz

Die wahre Lügengeschichte des Massengrabs von Timisoara dürfte den rumänischen Autor Filip Florian zu seinem Roman Kleine Finger inspiriert haben. Im Dezember 1989, in den Tagen des Volksaufstands, hatte man die eilig angereisten internationalen Journalisten an eine Grube voller Leichen geführt. Die grausigen Bilder von den - angeblichen - Opfern des Ceausescu-Regimes gingen um die Welt und leiteten den Sturz des Diktators ein. In Wirklichkeit aber handelte sich bei den Kadavern um Tote aus dem Kühlhaus des örtlichen Spitals. Erst ein paar Wochen später stellte sich heraus, dass das Massengrab von der Securitate inszeniert worden war, um sich des Conducators zu entledigen - doch da interessierte die Wahrheit schon niemanden mehr. Und die Rechnung des Geheimdienstes ging auf: Die alten Machtstrukturen blieben weitgehend erhalten.

Filip Florian verlegt diese Geschichte in die Gegenwart eines Karpatenstädtchens, des Kurorts W., in der die Vergangenheit, wie überall in Rumänien, noch längst nicht vergangen ist. Die Ausgrabungsarbeiten an einer römischen Festung kommen zum Erliegen, als in der Nähe des Castrums ein Massengrab voller menschlicher Knochen entdeckt wird. Die Vermutung liegt nah, dass es die Gebeine kommunistischer Opfer sind, die man da aus dem Erdreich buddelt. So sieht es beispielsweise der örtliche Polizeichef, während die mit der Ermittlung vertrauten Behörden - allen voran Militärstaatsanwalt Spiru -, unterstützt von einer Gruppe Historiker, von viel älteren Knochenfunden ausgeht.

Doch die Erfahrung aus einer an Manipulationen reichen Geschichte lehrt, dass den Behörden nicht zu trauen ist, denn sie gelten als "Hofhündchen von Söhnen, Schwiegersöhnen, Enkeln und Ziehsöhnen von Kommunisten, die an die Macht gekommen waren, nachdem man die Väter, Schwiegerväter, Großväter und Förderer davongejagt hatte." Was macht es da schon, wenn der örtliche Polizeichef aus rein persönlichem Interesse an der Version des kommunistischen Massengrabes festhält und nur deshalb mit dem Vertreter der ehemaligen politischen Häftlinge an einem Strang zieht: Denn die sensationelle Geschichte bewahrt ihn vor der bereits zuvor beschlossenen Entlassung.

Dem 1968 in Bukarest geborenen Autor Filip Florian geht es aber weniger um kriminalistische Spannung. Auch sein Ich-Erzähler, der Archäologe Petrus, glaubt nicht an eine finstere Hinterlassenschaft der Diktatur. Doch die Umstände verbieten es ihm, mit der Ausgrabung der römischen Festung fortzufahren, und er wendet sich, gezwungenermaßen, den Schicksalen der Ortsbewohner zu. Da ist zunächst einmal Tante Paulina, die ihn mit ihren Träumen unterhält, im Kaffeesatz liest, schließlich Goldmünzen aus napoleonischer Zeit in der Küchenwand findet, plötzlich reich ist und auf Reisen geht. Bei ihrer Freundin Eugenia Embury lauscht Petrus der Geschichte des glücklichen, aber kurzen Ehe-Abenteuers mit einem englischen Lord und lernt die Enkelin Jojo kennen, deren Po, wie der Erzähler findet, einer Erdbeere gleicht. Die beiden verwandeln das von der Tante verlassene Haus in ein Liebesnest, in dem der Erzähler sein Magengeschwür vergessen kann.

Florians Roman erweist sich bald als lebendiger, äußerst kurzweiliger und raffiniert konstruierter Geschichtenreigen um die Schicksale des von den Kommunisten enteigneten Unternehmers Dumitru M., der inzwischen Tauben fängt und in Weißwein zubereitet. Es geht um ein Findlingskind, das zum Mönch wird, durch die Hölle der Arbeitslager geht, sich nach seiner Flucht in der Bergen versteckt hält und schließlich als Pater Onufrie in der Nähe des Castrums ein Kloster errichtet. Und es geht um ein kastriertes Dromedar mit Namen Aladin, das das dem örtlichen Touristenfotografen gehört und alles frisst, was ihm die Touristen ins Maul schieben, "manchmal sogar Zigaretten, und er kaute selbst diese mit Appetit, vor allem die mit Mentholgeschmack."

Bei aller vergnüglichen Bizarrerie und Fantastik der geschilderten Schicksale bleibt die jüngere historische Geschichte jedoch immer präsent. Sie zeigt sich in den inneren und äußeren Verletzungen des Personals, wie etwa in den 50 Kerben auf Onufries Finger, die er sich mit einem Messer selber beigebracht hat, als er sich in den Bergen versteckte und das Zeitgefühl nicht verlieren wollte. So münden alle erzählerischen Seitenpfade bei Florian wieder in den Hauptweg seines Plots, der Frage nach der Herkunft des Massengrabs. Aber sie tun das auf paradoxe Weise. Denn die Frage nach dem verbrecherischen Wesen der Diktatur entscheidet sich nicht an der Antwort nach den verscharrten Gebeinen.

Florian erschafft mit seinem Karpatenkurort einen Kosmos, der die rumänische Gesellschaft und ihre provinzielle Mentalität abbildet. Doch er bedient sich dabei eines wunderbaren Kunstgriffs, der den Roman davor bewahrt, selber provinziell zu werden. Weil sich die gegnerischen Parteien nicht darauf einigen können, wer denn nun die Toten im Massengrab sind, wird eine Gruppe argentinischer Experten eingeladen, die sich ausgiebig mit der Suche und Identifizierung der Juntaopfer befasst und sich auf eine "Art Kriminalanthropologie" spezialisiert hat.

Filip Florian gelingt es, die Verbrechensgeschichte des argentinischen Militärregimes zwanglos in die Verbrechensgeschichte der kommunistischen Diktatur zu integrieren. Damit weitet er nicht nur entschieden den Horizont des Romangeschehens in der rumänischen Provinz. Er stiftet auch Erkenntnisse über den Atlantik hinweg. "Die Gebeine, die die beiden Junten hinterlassen hatten, waren naturgemäß gleich, die Schuldigen fehlten in dem einen Fall wie in dem anderen, als hätten sie sich verflüchtigt oder nie existiert, die neuen Politiker ähnelten Dingos oder Füchsen, auf beiden Erdhalbkugeln vergaßen die Menschen gleich schnell, Mitleid und Wut ... verblassten, welkten und vertrockneten, unter der Last der Mieten, der Preise, der Inflation, der Telenovelas und Talkshows".

Die argentinischen Experten bestätigen zwar, dass die Toten im Massengrab Pesttoten gehören, die bereits vor zweihundert Jahren verstorben sind. Aber mit einer Pointe am Schluss seines Buches, die hier nicht verraten werden soll, zeigt der Autor auf listige Weise, dass Lüge und Fiktion gelegentlich wahrer sein können, als die - vermeintliche - Wahrheit. Mit diesem erstaunlichen, perspektiven- und ideenreichen, fabulierlustigen und humorvollen Roman, dessen flüssige, lebendige Sprache von Georg Aescht bewundernswert ins Deutsche gebracht worden ist, weitet Florian auch den Horizont der rumänischen Literatur.

Filip Florian Kleine Finger. Roman, Aus dem Rumänischen von Georg Aescht, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, 269 S., 22,80 EUR

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