Kein einfacher Mensch

Jahrhundertzeuge Der Dichter Adalbert Spichtig muss dringend entdeckt werden. Ein Gespräch mit seinem Verleger Walter Helbrecht

Der Freitag: Der älteste deutschsprachige Dichter ist 101 Jahre, völlig unbekannt und lebt zurückgezogen in der Schweiz. Soeben ist der erste Band einer Werkausgabe erschienen, im Uerste Verlag. Da fragt man sich natürlich, Herr Helmbrecht, wie geht das zusammen? Der alte Dichter und der junge Verlag?

Walter Helbrecht: Sehr gut. Für Adalbert Spichtig ist es die erste Veröffentlichung überhaupt, für den Uerste Verlag ist es die erste Werkausgabe. Wir debütieren ­sozusagen gemeinsam.

Fürchten Sie nicht das finanzielle Risiko? Obwohl Adalbert Spichtig noch völlig unbekannt ist, haben Sie die Ausgabe seiner gesammelten Gedichte auf zehn Bände projektiert.

Wussten Sie, dass deutschsprachige Dichter unterm Strich nur viereinhalb Jahre tatsächlich produktiv sind? Adalbert Spichtig hat sein erstes Gedicht am 22. Juli 1918 in eine Eckbank geschnitzt, sein letztes Gedicht erreichte mich heute Nacht um 01:12 Uhr – per E-Mail. Was ich damit sagen will: Ich sehe den Uerste Verlag in der editorischen Verantwortung, das Werk von Adalbert Spichtig in vollem Umfang der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Zugegeben, als wir unseren Konferenzraum fast nicht mehr betreten konnten, weil sich die Spichtigmanuskripte im Flur stapelten, haben wir zwei Wochen lang darüber diskutiert, ob es wirklich der ganze Spichtig sein muss, ob es nicht besser wäre, erst einmal eine Auswahl zu veröffentlichen, ein ­schmales Büchlein, 80 Seiten, locker bedruckt. Aber dann sind wir wieder zur Raison gekommen.

Was genau zeichnet dieses Werk denn aus? Die Gedichte, die im ersten Band der Gesamtausgabe enthalten sind, machen einen sehr heterogenen Eindruck.

Das stimmt, ist aber auch nicht weiter verwunderlich: Aufgrund seines fortgeschrittenen Alters ist Adalbert Spichtig Entfremdungsprozessen in einem Maß aus­gesetzt, wie Sie und ich es wahrscheinlich nie erleben werden. Dazu kommt sein umtriebiges Wesen, seine geistige Sprunghaftigkeit. Trotzdem gibt es natürlich auch im Werk von Adalbert Spichtig Konstanten. Die Schweiz ist zum Beispiel so eine Konstante.

Demzufolge handelt es sich bei Adalbert Spichtig um einen ­Heimatdichter?

Das würde voraussetzen, dass Spichtigs Verhältnis zur Schweiz grundsätzlich affirmativ ist. Was nicht zutrifft. Freilich, dieses ganze, uns so urig erscheinende Alpenvokabular: Wildheuplanken, Splügenpass, die stiebende Reuss, Klepfenkuh, Stäfel und Nätsch, die Selbststilisierung zum patriarchalen Bergmystiker, die unermüd­liche Beschreibung der Alpenauffaltung – das sind Disziplinen, die Spichtig beherrscht und die er, wenn ich das mal so formulieren darf, jederzeit griffbereit auf seinem Nachttischli liegen hat.

Schaut man aber genauer hin, wird man sehen, dass Adalbert Spichtig auch seine Freude daran hat, den Mythos Schweiz als Kon­strukt eines Urner Käsechronisten zu entlarven. Haben Sie Die Wiese war nass gelesen, Spichtigs Anleitung zur Vertonung des Rütlischwurs? „Das Tamtam setzt einen unmittelbaren Impuls (als atacca subito gekennzeichnet)“ – So einen Satz findet man schwerlich im Notizbuch der Schwestern Spangen aus Tuggen.

Also doch eher Anti-Heimat­dichtung?

Die Bezeichnung wäre meiner Meinung nach nicht völlig verkehrt, aber auch nicht ganz treffend. Das Gedicht

Können Sie das noch ein wenig deutlicher machen?

In dem Gedicht

Der vormalige Affe, jetzige Mensch muss einsehen, dass er mit der Fähigkeit zur Selbsterkenntnis vollkommen alleingelassen wurde. Er ist der erste seiner Art und doch ist da „nichts, dass ihm begründete / ein anderer zu sein“.

Das Schluchzen ist der einzige Hinweis auf die erstmals in Gang gesetzten kognitiven Prozesse: „In den Bäumen hing / der erste Mensch“.

Kurz und gut, in meinen Augen ist das Werk von Adalbert Spichtig ein Jahrhundertwerk, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

Wie war es überhaupt möglich, dass die Spichtiggedichte so lange unentdeckt geblieben sind?

Man hört leider immer wieder, Adalbert Spichtig habe jahrzehntelang völlig isoliert in einer Hütte knapp unter der Baumgrenze gelebt, niemand sei je zu ihm aufgestiegen und jeder, der es versuchte, habe sein Leben in einer Felsspalte gelassen, zerfressen von Europas letztem Luchs. Das sind natürlich Legenden. Viele sind oben gewesen. Alle kamen wieder herunter, fluchend und schimpfend. Adalbert Spichtig ist – und das sage ich voller Respekt – kein einfacher Mensch.

Das klingt, als ob die Zusammenarbeit zwischen Autor und Verlag nicht ganz unproblematisch gewesen wäre.

Ein bisschen Idealismus war schon erforderlich. Wenn ich mir über­lege, was wir allein an räumlicher Distanz überwinden mussten, Berlin-Schweiz, Schweiz-Berlin. Wir vom Uerste Verlag wollten die Bücher aber unbedingt machen, und Adalbert Spichtig ist mittlerweile in ein Alter gekommen, wo man gerne das eine oder andere Gedicht von sich gedruckt sähe. Also haben wir uns zusammengerauft.

Darf ich fragen, welche Differenzen Sie konkret hatten?

Im Grunde ging es darum, dass Adalbert Spichtig von unserem Lektor erwartete, dass er sich an der Arbeit auf der Alm beteiligt, dass er Zäune flickt und Strümpfe stopft usw.

Der erste Band von „Alle Gedichte“ ist seit kurzem im Buchhandel erhältlich. Kann man schon absehen, welche Bedeutung diese Veröffentlichung für die Schweizer Literaturgeschichte haben wird?

Ich bin nun nicht der beste Kenner der Schweizer Literaturszene, mir ist aber aufgefallen, dass der Vorwurf, die Schweizer Literatur brächte keine großen Namen mehr hervor, zu einem Topos in den Feuilletons geworden ist. Ich finde das sehr traurig. Erst hat man die Autoren gefördert, später hat man sie gefragt: Wer von Euch ist jetzt Max Frisch? Wer von Euch Dürrenmatt? Vielleicht Sie, Lukas Bärfuß? – Können sie sich vorstellen, was für eine Erleichterung die Schweizer Schriftsteller verspüren werden, wenn sie mitbekommen, dass es all die Jahre hindurch einen Adalbert Spichtig gab? Ein Vorbild, dass ihnen nie vorgehalten wurde? Ich habe gehört, dass bereits jetzt in diesem Augenblick ein paar junge Autoren auf ihrem Weg zu Adalbert Spichtig sind, sie steigen durch Schnee und Eis, durch Regen, Wind und Finsternis, sie wollen wissen, wer ihr Öhi ist, und sich an seinem Feuer wärmen. Ja, das ist wirklich ein rührendes Bild.

Alle Gedichte. Band 1 Adalbert Spichtig Mit einem Vorwort von Sascha Macht. Uerste Verlag 2011, 945 S., 24,90 €


Adalbert Spichtig wurde am 14. Dezember 1908 als zwölftes Kind der Jägerin Hedwig Spichtig (geborene Kälin) und des singenden Fischers Bernhard Spichtig auf dem Chatzenstrick geboren. Adalbert Spichtig hat die Schweiz seit 70 Jahren nicht mehr verlassen Das Gespräch führte Katharina Stooß

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15:45 23.03.2011

Ausgabe 38/2020

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