Kein Kino

Chef des Stimmenkartells Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden

Der Bund der Kriegsblinden Deutschlands feierte die fünfzigste Verleihung seines Hörspielpreises mit einem Preisredner, der aufbegehrte. Natürlich griff Walter Filz nicht den Preis an, den er gerade gewonnen hat. Der zählt zu den wichtigsten seiner Art in Europa, bringt Autor und auftraggebendem Sender Ruhm und Ehre und dem prämierten Hörspiel landesweite Ausstrahlung. Walter Filz begehrte dagegen auf, dass das Hörspiel als aussterbende Gattung dargestellt wird, die sich gegen den Konkurrenzdruck von Film und Fernsehen behaupten muss.

Diese pessimistischen Orakelsprüche machen das Hörspiel kleiner als nötig - und werden oft von Hörspielmachern selbst verbreitet. Als das Fernsehen erfunden wurde, fürchteten sie um ihre Existenz. Fünfzig Jahre später ist die Gattung immer noch nicht tot, aber in manchem Programmheft wird das Hörspiel bis heute als "Kino im Kopf" beschrieben. Für Filz zeugt diese Formulierung von mangelndem Selbstbewusstsein. Dabei haben für das Hörspiel schon immer große Autoren geschrieben. Der Preis der Kriegsblinden ging u.a. an Günther Eich, Ingeborg Bachmann, Ernst Jandl und Friedericke Mayröcker, Helmut Heißenbüttel, Urs Widmer, Mauricio Kagel und Heiner Müller - bei vielen, bevor sie vom Literaturbetrieb gefeiert wurden. Für manche Autoren hat das Nischendasein sogar Vorteile: "Das Hörspiel genießt Narrenfreiheit. Es ist also mehr denn je geeignet zu ernsthafter Arbeit, zur Entwicklung neuer Formen, zur Mitteilung von Wahrheiten", formulierte schon 1965 Richard Hey, ein anderer Gewinner des Hörspielpreises der Kriegsblinden.

Der diesjährige Gewinner Walter Filz bastelt seit 10 Jahren Hörcollagen, und das mit Erfolg. Zur Ästhetisierung des Katzenfutters im ausgehenden 20. Jahrhundert gewann 1991 den Prix Futura, und acht Jahre später bekam Resonanz Rosa. Eine Frau hört mehr bei der Woche des Hörspiels den Publikumspreis. Dass Filz neben den Kritikern auch die Hörer zwischen und 18 und 29 Jahren begeistert, an die sich sein Auftraggeber Eins live vom WDR wendet, liegt an seinem unverwechselbaren Sound. Er macht das hörbar, was Regisseure normalerweise versuchen, die Hörer vergessen zu lassen. Schnitte, Nebengeräusche, verzerrte Sprachaufnahmen und abrupte Rhythmuswechsel in der Musik werden bei Filz Teil der akustischen Szenen.

Auch im prämierten Stück Pitcher kaschiert Filz nicht, wie unterschiedlich die O-Töne und ihre Geräuschkulissen klingen. Die Hauptperson, einen alternden Sprecher ohne Aufträge, hat er erfunden. Den Chef des Stimmenkartells und die Bewohner des Erzgebirges aber hat er aus Reportagen und Interviews herausgeschnitten und in den neuen Hörspielzusammenhang gestellt. Das ist nicht zu überhören: Antworten aus den O-Tönen passen oft nicht ganz zu den Fragen des Sprechers, Lieder in der Dorfdisko klingen deutlich nach Archiv, bei den Szenen im Freien tschilpen die Vögel penetrant.

Besonders beeindruckt, dass dieses angewandte Klangdesign nicht nur stilistisch spannend ist, sondern die Geschichte ausmacht. Weil die Stimme des Sprechers nicht mehr "frisch" ist, schickt ihn sein Chef ins Erzgebirge zum Pitcher, einem Klangdesigner. Der Sprecher glaubt, dass er diese Konkurrenz seines Chefs beseitigen soll - und wird am Ende selbst zum Opfer.

Die Jury hat die Geschichte als mehrbödig gelobt, und ihr Vorsitzender Uwe Kammann freute sich darüber, wie undogmatisch Filz die aktuelle Entwicklung der Medien "markiert, reflektiert und kritisiert". Unbestritten ist dieser gleichzeitig inhaltlich und methodisch durchgehaltene Bezug auf das akustische Medium eine Qualität von Pitcher. Und die überzogene Darstellungsform bereitet Vergnügen, wie jede gute Satire.

Aber auch andere eingereichte Hörspiele setzen die Mittel des akustischen Genres überzeugend ein und erzählen gleichzeitig gehaltvollere Geschichten als Pitcher. Nach welchen Kriterien die 9 Fachkritiker und 9 Kriegsblinden ihre Wahl treffen, lässt sich im Detail sicher nie nachvollziehen. Bekannt ist, dass die Jury Originalhörspiele bevorzugt. Damit legt sie implizit fest, dass die Aufgabe des Autors entscheidend ist bei der Hörspielproduktion. Walter Filz gehört zu den glücklichen Radiomachern, die Stücke schreiben und selbst Regie führen - und allein damit bessere Chancen auf Prämierung haben als Regisseure, die "nur" Bearbeitungen schreiben. Und damit, dass sie einen besonders aufmüpfigen Autor auszeichnet, beweist die Jury ein Gefühl für das richtige Timing. Die kritische Filz-Rede zum Jubiläum lässt sich leicht verkraften, wenn der Radiocomic-Macher doch unwiderlegbar zeigt: Der Kriegsblindenpreis ist auch nach 50 Jahren alles andere als verstaubt.n

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00:00 29.06.2001

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