Keine Angst vor dem E

E-Buch Die Musikbranche hat vorexerziert, was auf das Buch noch zukommt: Eine Vision für die Zukunft mit dem eBook

Tagtäglich leben wir in den parallelen Welten - zwischen der Tradition und den Neuerungen. Insofern war es unvermeidlich, dass auch die eBooks kommen mussten. Die neue eTechnik trifft tief ins Herz des traditionellen Verlagswesens. Aber sie bietet auch Chancen. Sein Herz muss nur zu einem Teil des neuen eHerzens werden.

Millionen Menschen fixieren täglich die Schrift auf dem Bildschirm, aber sie nehmen immer noch das gebundene Buch in die Hand. So mit der Tradition verbunden fühlen sich meistens die romantischen Europäer. Sie spielen mit dem Buch zwischen den Fingern wie mit einem kostbaren Schmuck aus alten Zeiten. Sie genießen das Andersartige. Dieses schwere Bündel Papier schmiegt sich in die Handfläche und wird so ehrfurchtsvoll gelesen wie die Tontafel der alten Sumerer oder die Bibel.

Das Buch soll weiterhin in der realen Bibliothek einen ehrenvollen Platz einnehmen. Das wahre, klassische Buch wird als Kunstwerk empfunden! Ähnlich empfindet ein geborener Dorfmensch, der zum Stadtmensch wird: Er vermisst die grüne Ruhe der Natur, die er in der Stadt allmählich zu vergessen droht.

Die anderen Millionen Menschen, die schon seit langem nur auf Bildschirme starren, können sich das Starren nicht mehr abgewöhnen. Sie begrüßen das eBuch. Das Buchlesen ist für sie eine entspannende Freizeitbeschäftigung: Ob im Handy oder im Laptop - diese Menschen können weiter lesen.

Klassisch oder elektronisch

Doch das gebundene Buch wird so überleben, wie das klassische Instrument überlebt hat. Der heutige Zuhörer genießt die Wahl zwischen klassischer oder elektronischer Musik. Nur für das Klavier gibt es so viele elektronische Computerfakes. Der unterschiedliche Genuss stört nicht.

Die Musikbranche hat vorexerziert, was auf das Buch noch zukommt: Sie musste große Verwandlungen durchmachen. In den Sechziger Jahren gab es die legendäre Radiosendung mit aktueller Popmusik nonstop „for free“ bei „Radio Luxemburg“. Später kassierten die Schallplattenfirmen Gebühren für Musik im Radio.

Die Piraterie begann als die Kassetten, später die CDs kamen. Das gleiche passiert nun mit der Buchbranche. Tapfer hält die Tradition den Neuerungen noch stand. Doch da sich die Bücher (durch ihren Inhalt) elektrisieren, muss es nun auch die Branche tun – die Bibliothek wird nolens volens elektrisch werden.

Für den neuen Autor wie den neuen eMenschen hat ein eBook einen Nutzwert. Um die Vorteile eines eBuches zu verstehen, muss man zuerst den zeitgenössischen Autor auf dem Weg zu seinem Buch begleiten. Der Weg führt fast ausschließlich über Agenturen. Der Autor soll nicht handeln, er soll schreiben und die Agenten wissen genau, wie der Markt tickt und wie alle mit ihm ticken müssen. Doch da beginnt für den pilgernden Autor mit seinem Manuskript schon der Kreuzweg.

Wege aus dem Dilemma

Interessiert die Agenten „ihr“ Autor, wie er arbeitet, was er für seine freie Kreativität braucht oder wollen/müssen sie ihn nur dem Markt anpassen? Der eBuchmarkt könnte dem Autor ganz neue Möglichkeiten eröffnen, diesem Dilemma zu entkommen.

Ein Autor steht mit seinem ersten Manuskript in der imaginären Schlange vor dem Buchmarkt. Er trifft dort auf einen Ort, an dem Autoren und Bücher getauscht und gehandelt werden. Das Zusammenspiel zwischen Angebot und Nachfrage von Waren, Dienstleistungen und Rechten, das sich dort vollzieht, betrifft ihn erheblich.

Eine wichtige Rolle dort spielen die Verlagsvertreter. Entspricht ein Autor (oder ein Debütant) mit dem Manuskript nicht diesem System, hat nicht einmal der Lektor mit seiner Vorliebe für den Text eine Chance bei ihnen. Noch schlimmer ist die Situation in kleinen Verlagen. Die Vertreter entscheiden, welche Bücher sie vom Verlag an den Markt bringen. Sie bestimmen den Kanon der Bücher, die der Verlag herausgeben wird. Die Verlagsvertreter und Buchhändler sind graue Eminenzen. Ihrer Macht wird jetzt ein Ende gesetzt: durch das eBuch.

Phönix aus der Asche

Es werden im eBuchmarkt mit der Zeit viele schlechte Bücher von Halb- oder Nichtbegabten angeboten oder auch nicht. Der eAutor wird zum eigenen Verleger. Er kann sein eigenes Buch haben, verwalten oder auch herstellen lassen. Jeder kann ein eBuch besitzen, das im Äther schwebt. Im eVerlag soll der Leser ein eBuch problemlos kaufen, dann ein gekauftes eBuch in der eBibliothek seines Handys oder Laptops speichern.

Ein eBuch kann man billiger verkaufen als ein normales Buch, so dass dieses Buch bessere Chancen auf eine schnelle und weitreichende Verbreitung hat. Dabei werden die Bäume geschont: Es braucht kein Papier, keine Tinte mehr. Und schafft der neue eBuchmarkt ein geregeltes eSystem, dann können auch die Fidji-Bewohner oder die Eskimos während der Polarnacht ein eBuch kaufen und lesen. Man braucht nur ein wenig eErfahrungen!

Natürlich haben wir alle große Angst vor den eDieben! So wie man auch in der realen Welt Angst vor Geistern hat. Doch hoffentlich erscheint wie ein Phönix aus der Asche ein neuer eBuch Hersteller – der Johannes Gutenberg des 21. Jahrhunderts, der die eBücher vor der schutzlosen Verbreitung und Vermehrung schützen wird – dann werden die neuen eSchriftsteller auch in neuem Glanz erscheinen. Welches eAbenteuer mit allen eVorteilen und eNachteilen in der virtuellen Welt auf uns wartet! Keine Angst vor dem E?! Es lebe der eSchriftsteller in der eWelt!


Milena Oda, geboren 1975 in Stara Paka. lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie schreibt Prosa, Theaterstücke und Lyrik. Zuletzt erschien ihr bibliophiles Kunstbuch Piquadrat im Dresdner Verlag Buchenpresse.

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15:40 14.10.2009

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