Keine finstere Schurkenmachtwird uns helfen

Dokument der Woche Aus der Rede beim Neujahrsempfang des DGB

Sie haben mich als Psychoanalytiker eingeladen, für den die Realität nicht erst beim Machen, sondern bereits beim Fühlen und Denken anfängt. Heute herrscht die Neigung vor, das Geschehen in der Innenwelt als bloße Privatsache einzustufen und nur ernst zu nehmen, was draußen passiert. Dann redet man immer nur über die Regelung der äußeren Umstände, ohne zunächst zu fragen, was wir damit zu tun haben, dass die Umstände so sind, wie sie sind und welchen Anteil wir an ihrem Zustandekommen haben.

Eine berechtigte Angst kam man nicht wegreden. Man kann nur aufrütteln, aber wie?

Seit Jahrzehnten haben wir unsere Aufmerksamkeit vornehmlich auf äußere Bedrohungen verwandt, die uns halfen, über die selbst gemachten Probleme hinweg zu sehen. Das waren die Russen im Kalten Krieg, dann der Terror in den Balkankriegen, die Attentäter vom 11. September, Irak und al-Qaida und inzwischen die Taliban. Aber nun stehen wir vor Bedrohungen, die wir erkennbar verschuldet beziehungsweise maßgeblich mitverschuldet haben: Das sind der voraussehbare Klimaschock mit seinen schon spürbaren Vorboten sowie die Weltfinanz- und Wirtschaftskrise.

Im Falle der Ökologie werden wir zu der Einsicht gezwungen, dass die Natur nicht uns gehört, sondern dass wir zu ihr gehören. Dass ihre Vergewaltigung nun die Lebensgrundlagen unseres Geschlechtes und die Vielfalt der Arten bedroht, haben wir selbst zu verantworten. Ich erinnere mich noch genau daran, wie mich der vormalige Kanzler Helmut Schmidt einmal 1981 wütend anfuhr, als ich ihm die damals gerade erwachte grüne Bewegung als eine sinnvolle spontane Reaktion auf ein von der Politik bisher verdrängtes wichtiges Problem erklärte. "Da ist nichts spontan!", rief er und schlug mit beiden Handflächen auf die Armlehnen seines Stuhls im Kanzlerbungalow. Das sei nur künstlich hochgespielt von einigen Leuten, von Erhard Eppler und einigen linken Lehrern in seiner eigenen Partei. Das war vor 28 Jahren. Wie viel besser ständen wir heute da, hätten wir schon seinerzeit mit einer energischen Klima-Vorsorge begonnen.

Damals lag bereits Global 2000 vor, der 1.400 Seiten starke alarmierende Bericht über Umwelt und Klima an den Präsidenten der USA. Darin war schon alles aufgezeichnet, was ohne schleunige Vorbeugungsmaßnahmen mit dem Klima demnächst passieren würde: Gefährlicher Kohlendioxid-Anstieg in der Atmosphäre, Abschmelzen der grönländischen und der antarktischen Eiskappen, Anstieg des Meeresspiegels, Überschwemmung vieler Küstenregionen und der dortigen Städte und so weiter.

Das Jahr 2009 wird nun eine Vorentscheidung bringen. Denn im November wird in Kopenhagen die globale Kyoto-Nachfolgekonferenz tagen, auf der alle Klima-Experten der Welt vereint sein werden. Wird dort kein unmittelbares praktisches Handeln vereinbart, dürfte der Kampf um die Zukunft des Lebens auf der Erde schon so gut wie verloren sein, warnen Experten.

Das ist eine dramatische Situation, die uns alle herausfordert. 30 Jahre wurden verschlafen, in denen die Energiewende auf breiter Front längst fällig gewesen wäre. Warum die Verzögerung? Einen entscheidenden Grund nennt uns der Zukunftsforscher Paul Kennedy in seinem erhellenden Werk Preparing for the Twenty First Century. Auf 500 Seiten hat er alle notwendigen Reformen zum Bestehen der Aufgaben des 21. Jahrhunderts vorgezeichnet. Aber auf zwei Seiten hat er seine fundamentale Skepsis begründet. Nämlich mit dem Unwillen der Völker, zumal der Regierungen, Vorteile zugunsten langfristiger Notwendigkeiten zurückzustellen. Ungeduldiger egoistischer Opportunismus betäubt die Vernunft. Die Ökonomie schlägt die Ökologie.

Seit langem müsste den Leuten klar sein: Es ist fünf Minuten vor zwölf. Machen wir so weiter, werden wir unsere Kinder und Enkel zugleich mit den noch existierenden Arten einer lebensfeindlichen Umwelt aussetzen. Weil diese Erwartung erschreckt, wird sie verdrängt. Es entsteht ein heimliches Leiden mit Schuldgefühlen. Wir Ärzte und Psychotherapeuten erfahren von diesem Leiden, weil es sich oft in psychosomatischen Beschwerden bemerkbar macht. Aus der Tiefe schimmert Resignation durch hinter den Sorgen um Geld, Arbeitsplatz und Altersversorgung. Können wir die Dinge überhaupt noch zum Guten wenden? Haben wir nicht schon zu viel kaputt gemacht? Bleibt nicht nur noch übrig, sich abzulenken? Besser nicht mehr hinhören und hinschauen, was neue Angst weckt und den Schlaf raubt?

Solche Betrachtungen gehören, so scheint es, nicht in eine Neujahrsrede, die doch ermutigen und aufbauen sollte. Aber eine berechtigte Angst kam man nicht wegreden. Man kann nur aufrütteln, aber wie?

Zum Beispiel, indem man die Menschen über die heimliche Untergangsbereitschaft erschrecken lässt, die den Mangel an Gegenwehr erklärt. 1981, auf dem Höhepunkt der Atomkriegsangst, erfand ich die folgende Geschichte: Eine Gesellschaft begeht Selbstmord, weil sie sich außerstande sieht, eine fortschreitende Umweltzerstörung noch zu stoppen. Ich packte in die Geschichte alle wissenschaftlich begründeten Unheilserwartungen hinein. Eine internationale Verschwörergruppe aus Geheimdienstkreisen folgerte: Ein Ende mit Schrecken ist weniger grausam als ein noch über viele Generationen andauerndes schleichendes Siechtum - das heißt, als ein Schrecken ohne Ende. Also inszenierte die Gruppe ein finales atomares Inferno. Allerdings lieferte ich noch ein Nachwort, in dem ich leidenschaftlich zum Engagement in der Friedensbewegung aufrief.

Wider Erwarten wurde die finstere Geschichte zum größten internationalen Erfolg unter allen meinen Büchern. Der Spiegel druckte sie in drei Folgen ab und erreichte damit, zur Freude des Chefredakteurs, wieder eine Millionenauflage. Viel wichtiger aber war mir der Bescheid, dass der erhoffte Auftrieb für die Friedensbewegung tatsächlich eingetreten sei. Entsprechend meine ich, dass es auch im Falle der Kli-mabedrohung sinnvoll ist, der verbreiteten Angst mehr Sprache und Anschaulichkeit zu geben, um Widerstandskraft zu mobilisieren. Widerstand nicht gegen einen äußeren Feind, sondern gegen Passivität, stille Resignation und Verzagtheit.

Ein Sittenverfall, der trotz laufender Beteuerung unseres Wertebewusstseins längst grassiert

Die Klimakatastrophe steht erst noch bevor, aber das Finanzdesaster ist schon da - die Wirtschaft wird bereits bis in die Grundfesten erschüttert. Allen ist klar, ähnlich wie bei der Klimabedrohung können wir uns nicht an einem Außenfeind abreagieren. Keine finstere Schurkenmacht hilft uns, die Aufarbeitung in einen Triumph gegen das Böse zu verwandeln, es sei denn, wir fänden es bei uns selbst.

Ins Blickfeld sind bekanntlich schnell die waghalsigen Akteure auf den mangelhaft geregelten Finanzmärkten getreten. Deren Wettbewerb ist zu Risikospielen ausgeartet, zu deren Kennzeichnung man das Wort "Casino-Mentalität" als passend erfunden hat. Nur wurde diese dadurch begünstigt, dass es keine verbindlichen Regelungen gab. Warum gab es die nicht? Eine Panne? Oder war es nicht eher das Prinzip, die Freiheit gegen staatliche Interventionen schützen zu wollen? Trotz der Erfahrung, dass dieser Liberalismus längst einer Korruption den Weg gebahnt hat, deren Ausbreitung inzwischen unübersehbar geworden ist?

Jedenfalls könnte man sagen, dass die vollständige Entzügelung der Finanzmärkte an sich schon ein peinliches Hasardspiel war, das sich dann im Netzwerk der Risikospekulationen konsequent fortsetzte. Die eine Verantwortungslosigkeit bedingt die nächste. Es ist nun aber bezeichnend, dass man die Schuldigen nicht belangen kann. Sie haben nur gemacht, was sie durften, was indirekt das Eingeständnis bedeutet, dass die Taten oder Versäumnisse nur einen Sittenverfall zurückspiegeln, der in der Gesellschaft trotz laufender Beteuerung unseres Wertebewusstseins längst grassiert.

Als gesellschaftskritischer Psychoanalytiker hatte ich mir vor genau 20 Jahren erlaubt, die ansteigende Korruptionsseuche satirisch unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht erinnern sich die Älteren noch an diese Geschichte, die damals einiges Aufsehen erregte und zum Bestseller wurde. Ich nannte das Buch Die hohe Kunst der Korruption und gab mich als Berater von politischen und wirtschaftlichen Führungskräften aus, denen ich beibrächte, Lug und Trug mit professioneller Umsicht zu tarnen. Scheinheilig schimpfte ich über die Schlampigkeit in Chefetagen, die zu unnötigen Skandalen und Medienspektakeln führten. Professionelles Tricksen, Vertuschen und Lügen seien zwar zu einer erfolgreichen Herrschaftspraxis heutzutage absolut unentbehrlich, doch müsse den Massen der einfachen Leute unentwegt der Glaube an Pflicht und Moral eingehämmert werden, denn sonst erschwere man ihre Regierbarkeit. An damaligen Beispielen von Parteispendenskandalen lobte ich manche ertappte Politiker dennoch dafür, dass sie rasch wieder nach oben schwammen, ohne sich von Reue und Bußfertigkeit ankränkeln zu lassen. Daraus sollten die einfachen Leute wenigstens merken, dass dort oben nicht so kleinlich geahndet wird, wie es unten der Fall ist.

Aber der Weckeffekt, den ich mir von der Satire erhoffte und kurzzeitig auch aus der Resonanz entnahm, verschwand abrupt, als die gleichzeitige deutsche Wiedervereinigung dazu einlud, nunmehr allen Ärger von der heimischen Korruption auf die DDR-Pleite umzulenken - ein Entlastungsmechanismus, der bis heute funktioniert und den die Linke ungemindert zu spüren bekommt.

Zurück zur aktuellen Krise und zu ihren Wurzeln und Folgen. In den aktuellen Talkshows sind sich Minister, Bankpräsidenten und Wirtschaftler darin einig, dass zwei Untugenden eine entscheidende Bedeutung zukomme: Gier und Egoismus. Aber sind dies nicht zwar unsympathische, dennoch längst stillschweigend akzeptierte psychische Triebkräfte in der kapitalistischen Praxis? Zufällig bin ich dieser Tage auf eine psychologische Skizze von John Steinbeck aus den siebziger Jahren gestoßen, in der er kurz und bündig erklärte: "Menschliche Eigenschaften wie Güte, Großzügigkeit, Offenheit, Ehrlichkeit, Verständnis und Gefühl sind in unserer Gesellschaft Symptome des Versagens. Dagegen sind Gerissenheit, Habgier, Gewinnsucht, Gemeinheit und Egoismus Merkmale des Erfolges."

Das können wir heute nicht mehr als Ironie lesen, sondern nur noch im Zorn über den präzise diagnostizierten Ungeist, an dem wir ansetzen müssen, wenn wir noch einmal heil davonkommen wollen. Die Freiheit, hinter der sich Gier und Egoismus im Neoliberalismus verstecken, ist nicht die von der Französischen Revolution gemeinte Freiheit, die von Gleichheit und Brüderlichkeit (besser Geschwisterlichkeit) aufgefangen wird.

Zwischentitel von der Redaktion

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00:00 23.01.2009

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