Keiner vice mehr

Medientagebuch Krieg als Lifestyle: Ein Magazin, das längst Marke ist, sorgt für die schlechte Reputation, die es sich wünscht

Manche Leute hielten ihn für fuckin´ stupid, dass er das hier mache, ruft Filmemacher Suroosh Alvi, das Geräusch von Schüssen übertönend, ins Mikrofon. Das ist die Anfangsszene des Dokumentarfilms Heavy Metal in Baghdad. Der Film erzählt mit Beginn des Irakkrieges 2003 die Geschichte einer vierköpfigen irakischen Metal-Band, handelt von der Schwierigkeit, Musik zu machen in einem umkämpften Land. Heavy Metal in Baghdad feierte auf dem Filmfestival in Toronto 2007 Premiere, lief auf der Berlinale und kürzlich auch in deutschen Kinos. Trotz des nervigen MTV-Sprechs der vier Protagonisten - die Häufigkeit des Ausspruchs "Fuck, Man" lässt den Wunsch reifen, der Film wäre in der Muttersprache der Musiker gedreht worden - bewegt die Tournee durchs Ungewisse. Die Filmemacher verdienen Anerkennung dafür, dass sie Gegenbilder zu denen der Nachrichtenagenturen liefern. Und dass sie den vier Musikern dort eine Stimme geben, wo sich kaum ein Journalist mehr auf die Straße traut.

Produziert hat Heavy Metal in Baghdad eine Firma, vielmehr eine Marke, namens Vice (das Laster). Gegründet wurde Vice als Zeitschrift 1994 in Montreal. Kurz darauf zog die Firma nach New York, einige Jahre später wurden internationale Vice-Filialen eröffnet - 2005 auch in Deutschland. Die weltweite Auflage des Vice-Magazins liegt bei 900.000 Stück, davon erscheinen beachtliche 100.000 in Deutschland. Inzwischen ist Vice auch Filmproduktion, Plattenlabel, Internet-Fernsehen, Event-Veranstalter. Die über Anzeigen finanzierte Zeitschrift liegt weiterhin gratis in ausgesuchten Plattengeschäften, Modeboutiquen und Skaterläden aus. Mit diesem Mini-Imperium ist Vice ein Vorreiter für das, was in der Zeitungsbranche heute zur Überlebensstrategie auserkoren ist: Mit eigens vertriebenen DVD-Reihen oder Bücherneuauflagen wird die Marke selbst zum Verkaufsträger und nicht mehr das Print-Produkt.

Bei Vice scheint die Unterscheidung zwischen Verlag und Redaktion darüber obsolet geworden zu sein. Über Musikvideos im Vice Online-TV oder Blogeinträge auf der Vice-Webseite werden die auf dem eigenen Label unter Vertrag stehenden Bands angepriesen. Zu denen gehören bekannte Namen wie Charlotte Gainsbourg. Für das Magazin hat Star-Fotograf Terry Richardson gearbeitet, für die Filmabteilung wurde der Regisseur Spike Jonze (Being John Malkovich) als Produzent gewonnen.

Heavy Metal in Baghdad enthält alle Zutaten, die das Erfolgsrezept von Vice ausmachen: einen Mix aus lustiger Punk-Attitüde und Coolness; garniert mit einer aus selbstironischer Scheißdrauf-Haltung geborenen Waghalsigkeit, die niemals destruktiv erscheint, und einem affirmativ und satirischen Verhältnis zur Konsumkultur, angerichtet schließlich mit ausgeprägten Hang zum Tabubruch. Bei Vice geht es also um Drogen, Porno, Rock´n´Roll, Mode und Krieg, wenn etwa Fashion-Shootings mit behinderten Menschen neben Berichten über Selbstversuche in Bulimie oder Analmasturbation stehen. Damit hat Vice es geschafft, im von Lifestylemagazinen übersättigten Markt einen Nerv der Unter-30-Jährigen zu treffen.

Das Geschäft von Vice hat Andy Capper, Redakteur der britischen Ausgabe des Magazins, einmal als Satire beschrieben, die jeden irgendwann treffen könne. Die vermeintliche Satire erweist sich zumeist nur als Provokation um der Provokation willen. Mit Heavy Metal in Baghdad ist den Vice-Machern ausnahmsweise die Gratwanderung zwischen Coolness und respektvollem Umgang mit ihrem Gegenstand gelungen. Denn geht es um "harte" politische Themen, besteht die "Satire" nicht selten in hohlem Trash-Journalismus: Die Maske des Coolen, die jedem Sujet aufgesetzt wird, verbirgt kaum die beunruhigende Naivität gegenüber dem Thema. Im Artikel Go Tigers! aus einem Vice-Heft diesen Jahres wird über weibliche Mitglieder der paramilitärischen Organisation und politischen Partei "Liberation Tigers of Tamil Eelam" berichtet, die mit Selbstmordattentaten auf Sri Lanka für die Unabhängigkeit des von Tamilen dominierten Nordostens Sri Lankas kämpfen. Über die politischen Hintergründe werden wenige Worte verloren, eine Verurteilung des Selbstmordattentates sucht man vergeblich. Es geht allein darum, die Kämpferinnen cool zu finden, wobei der Reiz dieser Inszenierung sich nicht in geringem Maß aus deren existentieller Gefährlichkeit speist.

So wandelt Vice auf einem schmalen Grat. Heavy Metal in Baghdad zeigt, wie die Betrachtung des Krieges durch die Designer-Brille des Lifestyles zu einem sehenswerten Dokument wird. Geht es vordergründig um den Tabubruch in einer Zeit, in der es keine Tabus mehr zu geben scheint, eröffnet Vice aber nicht den Zugang zu einer neuen Welt, sondern erkennt lediglich seinen abgeklärten Selbstentwurf im jeweiligen Gegenstand wieder. Solange Provokation mit schlichter Beleidigung oder selbstgefälliger Unreflektiertheit verwechselt wird, verdient sich Vice die schlechte Reputation, die es sich wünscht.

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00:00 13.11.2008

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