Kieselstein im Mund

Dazwischenreden Nur zu den Jubiläumsfeiern dürfen die DDR-Schriftsteller aus ihren bunten Kisten. Hier ist einer, der nicht dazu gehören will

Geht der Sommer zu Ende und der Herbst kommt, werde ich immer traurig, ein wenig oder ein wenig mehr. Das geht so seit meiner Schulzeit.

Im Sommer wartete ich immer an irgendeinem Strand, bis ich endlich wieder so warm war, dass meine Mutter mich ins Wasser ließ. Dort blieb ich dann so lange, bis meine Mutter mich mit meinen blauen Lippen wieder herausholte, ich mir die trockene Badehose überzog und mich auf die Decke zum Aufwärmen legte. Am Abend grillten wir immer draußen – und es war egal wo draußen, es konnte der Balkon sein, noch besser war eine Wiese – bis zum späten Abend. Danach schauten wir Fernsehen auf dem Schwarz-Weiß-Fernseher, dessen Bildschirm nicht viel größer war, als man es heute von einem Handy erwarten würde. Viel zu lange schauten wir Fernsehen, meine Mutter sagte immer, so lange dürfe man als Kind eigentlich überhaupt nicht aufbleiben. Und jetzt ab ins Bett, sagte mein Vater, wenn die Sendung zu Ende war. Wenn meine Eltern arbeiten mussten, legten mein Bruder und ich Plastikflaschen voll Sirup ins Eisfach, die wir am nächsten Tag als hart gefrorene Eisbrocken mit zum Freibad schleppten. Wir tranken das Schmelzwasser aus dem kleinen Innenverschluss der Flaschen, weil es immer so wenig war. Paschatrunk, sagte mein Bruder dazu.

Im Sommer ging es immer darum, unendlich viel schöne Zeit zu verwalten, Süßigkeiten zu essen und Bücher zu lesen. Waren die Eltern mal tagsüber weg, konnte ich sogar das Ferienprogramm im ZDF sehen, stundenlanges Kinderfernsehen kannte man ja sonst nicht.

Ohne Standby-Modus

Dann kam der Herbst und mit ihm das Grauen, das Schule hieß. Sinnlose Übungen in Unterricht und Disziplin harrten meiner. Erwartet wurde, dass man sein Gehirn so lange eingeschaltet hatte, bis der Unterrichtsstoff bewältigt war, und dass man danach sofort auf eine Art Standby-Modus gehen würde, in dem man glücklich, gedankenlos, aber kerzengerade in seiner Bank saß, nach vorne blickte und die anderen Schüler nicht beim Lernen, vor allem aber die Lehrer nicht beim Unterrichten störte.

Ich hatte keinen Standby-Modus, mein Gehirn war auch nach dem Unterrichtsstoff angeschaltet, und daher befand ich mich in einem ständigen aussichtslosen Kampf: Der dauergelangweilte Schüler gegen die genervten Lehrer. Aber im Gegensatz zu denen war ich vollkommen unbewaffnet: Die hatten Fünfen, Tadel, Einträge und blaue Briefe, ich hatte nur meine Langeweile und einen nicht funktionierenden Standby-Modus. Ich kann nicht einmal genau sagen, ob ich überfordert oder unterfordert gewesen sein mag. Es gab im Laufe der Jahre natürlich auch zunehmend Informationen, die es nicht durch die dicke Wolke meiner Langeweile schafften, so dass meine Unterrichtsleistungen häufig nicht einmal sehr gut waren. Ich weiß nur, dass ich in der Schule störte und nicht gewollt war.

Vor dem Ende jeden Sommers nahm ich mir vor, das zu ändern. Ich wollte nicht mehr bei den Lehrern verhasst sein, ich wollte ihnen zeigen, dass ich anders sein konnte, und überlegte krampfhaft, wie ich das bewerkstelligen könnte. In den ersten Wochen war es ja noch leicht. Da las ich im Unterricht die offiziellen Lehrbücher, das war keine verbotene Lektüre, die ich unter der Bank hätte verstecken müssen. Andere Bücher durften wir aber im Unterricht nicht lesen, da konnte es passieren, dass mir das Buch gerade an der spannendsten Stelle weggenommen wurde und ich es erst nach der nächsten Elternversammlung auslesen konnte, wenn es meinen Eltern zusammen mit einer strengen Ermahnung wieder ausgehändigt worden war. Weil die Fächer unter den Bänken leider auch in beide Richtungen offen waren, konnte die Lehrerin selbst von vorn noch sehen, wenn ein Schüler ein Buch auf dem Schoß hatte.

Heute ist Westen

In einem Jahr nahm ich die ersten Wochen des Herbstes jeden Morgen einen walnussgroßen Kieselstein in den Mund, den ich an der Ostsee gefunden hatte. Der Stein erschwerte mir das Sprechen sehr, es war schon schwer, ihn die ganze Zeit über im Mund zu halten, ohne dass er an meine Zähne schlug. Dadurch war ich ständig daran erinnert, nicht dazwischen zu reden, was als mein Hauptverbrechen in den vergangenen Schuljahren gegolten hatte. In den Pausen ließ ich den Stein möglichst unauffällig in meiner Tasche verschwinden. Doch leider funktionierte auch diese Maßnahme nicht sehr lange. Plötzlich schienen die Lehrer ständig interessiert an meiner mündlichen Mitarbeit, waren vielleicht wachgerüttelt durch mein Schweigen. Es war schwer, den Stein unauffällig verschwinden zu lassen, die geforderte mündliche Leistung zu erbringen und das Gerät dann wieder in die Mundhöhle zu stopfen.

Eines Tages erwischte mich der fiese Herr Söllner dann schließlich. Er dachte, ich hätte einen Kaugummi im Mund, und forderte mich auf, ihn auszuspucken. Der Stein knallte laut beim Fall in den Mülleimer, die Klasse lachte, und Söllner dachte, ich hätte mir einen besonders gemeinen Spaß ausgedacht. Doch ich nahm die Betragens-Fünf gern in Kauf, weil ich niemals gewusst hätte, wie ich meinen Mitschülern den Kieselstein sonst hätte erklären wollen.

Ich weiß nicht, was es heißt, ein Schriftsteller zu sein. Ich kenne viele Schriftsteller und ich kenne ebenso viele, die der Meinung sind, Schriftsteller zu sein, es aber nicht sind. Einige denken, ich wäre ein Schriftsteller, doch ich und ein paar andere habe immer das Gefühl, diese Leute täuschen sich. Meiner Meinung nach erkennt man einen Schriftsteller daran, dass er gern ein Schriftsteller wäre und sich lebenslänglich darum bemüht.

Aber auch wenn ich nicht weiß, ob ich Schriftsteller bin, so weiß ich doch, dass ich in jedem Herbst für einen Schriftsteller gehalten werde, und zwar für einen DDR-Schriftsteller. Und wenn ich weiß, was ich nicht bin, sein will oder auch nur sein könnte, wenn ich es wollte (aber es ist ja, wie gesagt, nicht so), dann ist das ein DDR-Schriftsteller. Wer weiß, wenn es die DDR noch gäbe, dann wäre ich dort vielleicht gern ein Schriftsteller. Aber wenn es die DDR noch gäbe, dann könnte es auch sein, dass alle Hunde Kiemen bekommen hätten und heute auf dem Meeresgrund lebten. Die DDR gibt es nicht mehr.

Beifälliges Nicken

Aber immer im Herbst, wenn die Jubiläumsfeiern fällig werden, dann werden die DDR-Schriftsteller gebeten, doch mal wieder was zum Zustand der heutigen DDR zu sagen. Dann sagen sie beziehungsweise wir das Eine oder das Andere, werden dafür beifällig benickt und dürfen dann wieder in unserer Kiste verschwinden, denn der Rest des Jahres ist für die richtigen Schriftsteller reserviert.

Denn das vollkommen Verrückte an diesen Überlegungen und Erwägungen ist doch, dass die Wiedervereinigung, die Wende und all das nach offiziellem Konsens nur die Menschen betrifft, deren Geburtsort auf dem Staatsgebiet der ehemaligen DDR liegt. Das allein ist ein Beweis für die schlechte Lage des Landes. Denn wenn nicht diskutiert wird, was das Ende der realsozialistischen Staaten mit unserer Realität heute und morgen zu tun hat, dann nehmen wir uns die Möglichkeit, über die Richtung der Gesellschaft zu reden, in der wir morgen leben werden.

Aber diese Äußerungen, für die den DDR-Schriftstellern ihre komisch bunten Kisten geöffnet werden, aus denen sie im Herbst ihre kecken Köpfchen recken können, die sollen damit nichts zu tun haben. Die sollen sagen, wo sie am dritten Oktober 1990 waren oder was für sie die Einheit Deutschlands in Freiheit bedeutet. Das darf ruhig keck und nostalgisch sein, Hauptsache, es hat nichts mit heute zu tun. Denn heute ist ja Westen und damit kennen sich DDR-Schriftsteller nicht besonders gut aus. Und deswegen will ich nichts mehr dazu sagen, will mir einen großen Kieselstein in den Mund stecken, wenn das Thema drankommt. Doch auch wenn eine politische Meinung, die sich explizit auf die Bedeutung der ost-west-deutschen Vergangenheit für uns bezieht, nicht besonders gefragt ist, wird das Schweigen des Ostens im Herbst nicht mehr gut ertragen.

Wenn der Herbst kommt, werde ich traurig, ein wenig oder ein wenig mehr.

Jakob Hein (38) ist Schriftsteller (Reformbühne Heim & Welt) und Psychiater (Charité) in Berlin. Sein jüngstes Buch heißt Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand

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17:00 05.10.2010

Ausgabe 39/2020

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