Kleine Seele, billige Ware

Geschäft mit Kindern Das Risiko für kriminelle Banden und Sextouristen ist immer noch verschwindend gering

"Wer schert sich schon um Frauen und Kinder", fragt Pierre Legros provokativ. Seit sieben Jahren kämpft der gebürtige Franzose in seiner Wahlheimat Kambodscha gegen Kinderprostitution und Sextourismus. Mit seiner Frau, einer Kambodschanerin, gründete er die Menschrechtsorganisation AFESIP, die Opfer von Kinderprostitution betreut und die Strafverfolgung der Täter vorantreibt. "Ein gefährlicher Job", meint Legros. "Jeden Monat bekomme ich zwei oder drei Morddrohungen."

Eine Erfahrung, die er mit vielen teilt, die sich gegen den Sextourismus engagieren. Auch mit Pater Shay Cullen. Der Ire, der seit 30 Jahren ein Kinderschutzprojekt auf den Philippinen leitet und Mitbegründer der UN-Kinderrechtskonvention ist, hat dafür gesorgt, dass ein deutscher Sextourist bis in die Bundesrepublik verfolgt und durch die Zeugenaussagen seiner Opfer verurteilt wurde. Ein bislang einzigartiger Fall. Die Sexmafia revanchierte sich mit Hunderten von Gegenanzeigen, mit denen sie den Pater zu diskreditieren versuchte. Doch der ließ sich nicht abschrecken, auch durch Morddrohungen nicht.

Im vergangenen Jahr half er mit, dass neun Bordelle in Angeles City geschlossen wurden. Die Stadt, eine Autostunde von Manila entfernt, gilt als Mekka der Pauschal-Sextouristen. Die Besitzer der Clubs, ein Amerikaner und ein Australier, wurden verhaftet. "Dafür hatten wir richtig Druck auf die Bundespolizei machen müssen", erzählt Pater Cullen. "Normalerweise hätten die Bars Bestechungsgelder an die örtliche Polizei bezahlt - und nichts wäre passiert."

Nach Schätzungen von UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, machen sich allein von Europa aus jährlich eine halbe Million Männer als Freier auf den Weg nach Südostasien. Zahllose andere kommen aus Nordamerika, Australien und Japan. Viele von ihnen suchen Sex mit Kindern. Die kommen meist vom Land - vertrieben von Armut, Lieblosigkeit, Gewalt und Alkoholsucht in den Familien. Ihre Eltern schicken die Kinder als Dienstboten in die Stadt, dort gehen sie Zuhältern ins Netz.

Abhilfe schaffen gegen dieses schmutzige Geschäft kann nur eine verstärkte internationale Zusammenarbeit bei der Strafverfolgung der Täter. Über die Möglichkeiten und Hindernisse, dieses Ziel zu erreichen, berieten jüngst auf einer Fachtagung des katholischen Hilfswerks missio in Berlin Polizeiexperten und Menschenrechtler aus Südostasien sowie auf deutscher Seite Vertreter des Außen-, Innen- und Justizministeriums und des Bundeskriminalamtes.

Pierre Legros hatte aus Kambodscha zwei Umschläge mit vertraulichen Papieren über einen deutschen Mann mitgebracht, der dort ein zwölfjähriges Mädchen missbraucht hatte. Obwohl der Täter auf frischer Tat ertappt worden war, kam er nach Zahlung einer Kaution frei und konnte außer Landes fliehen. Ein Fall von vielen. Die Lücken bei der Zusammenarbeit zwischen den Strafverfolgungsbehörden im In- und Ausland führen dazu, dass die meisten Täter entweder gar nicht angeklagt werden oder das Verfahren auf Grund mangelnder Beweise und Zeugenaussagen eingestellt wird. Nicht zuletzt korrupte Polizeibeamte vor Ort sorgen dafür, dass ihre Länder ein attraktives Ziel für Touristen mit eindeutigen Absichten bleiben.

Eine Studie der "Ökumenischen Koalition Dritte-Welt-Tourismus" belegte Ende der achtziger Jahre erstmals den Zusammenhang zwischen Tourismus und sexueller Ausbeutung von Kindern. Erst 15 Jahre später haben die Reiseunternehmen in Europa damit begonnen, sich ihrer Verantwortung auf diesem Gebiet zu stellen. Die Unternehmen des Deutschen Reisebüro-Verbands haben - in Zusammenarbeit mit der Kinderrechtsorganisation ECPAT - einen Verhaltenskodex erarbeitet. Darin verpflichten sie sich, ihre Mitarbeiter im In- und Ausland für das Tabu-Thema zu sensibilisieren. Es soll bald Schluss sein damit, dass Reiseleiter interessierten Männern womöglich noch einen "heißen Tipp" geben. Auch sollen Touristen durch Merkblätter informiert werden, was sie im Verdachtsfall tun und an wen sie sich wenden können.

Ähnliche Initiativen gibt es auch in Schweden, Österreich, Italien und den Niederlanden. Die Welt-Tourismusorganisation hat sogar eine "World Task Force for the Protection of Children" eingerichtet. Diese Konferenz zum Schutz der Kinder, an der Fachleute aus der Reisebranche, von Ministerien und Nichtregierungsorganisationen teilnehmen, tagt zweimal pro Jahr anlässlich der großen Reisemessen in London und Berlin. Bei der Internationalen Tourismus-Börse vor einem Jahr in Berlin legten die Unternehmen des Deutschen Reisebüro-Verbands erstmalig einen Jahresbericht ihrer Maßnahmen und gewonnenen Erfahrungen vor.

Viele Verantwortliche in der Reisebranche scheuen sich jedoch davor, das "Paradies-Erlebnis" Urlaub mit einem so heiklen Thema wie Kinderprostitution in Verbindung zu bringen. Es störe das Image und wirke geschäftsschädigend, heißt es. Ein Beispiel ist der Informations-Flyer Kleine Seelen - große Gefahr, dessen Druck die Bundesregierung finanziell unterstützte und den die Reiseveranstalter an ihre Kunden verteilen sollten. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Renate Gradistanac, Berichterstatterin im Tourismusausschuss, ging der Sache auf den Grund: "Sie sagten, es sei doch unangenehm, Männer darauf anzusprechen, die könnten annehmen, man betrachte sie als Täter. Deshalb sind sie jetzt dazu übergegangen, den Ehefrauen den Flyer zu geben, dass die daheim mit ihren Männern sprechen." Die Sextouristen können derweil weiter ungestört ihr Unwesen treiben.

Der Kriminalexperte Manfred Paulus aus Ulm beschreibt den normalen Dienstweg: Hinweise auf eine Straftat im Ausland werden an das Bundeskriminalamt in Wiesbaden weitergegeben, das den zuständigen Verbindungsbeamten informiert. Der leitet dann die Ermittlungen vor Ort ein. Da es nur rund 61 solcher Beamte in 40 Ländern gibt, sind deren Dienstwege oft lang und bis zur nächsten Dienstreise können mitunter Wochen vergehen - was den Tätern einen wertvollen Zeitvorsprung verschafft. Die Zuständigkeit der Verbindungsbeamten erschöpft sich zudem in einer bloßen Beobachterrolle. Statt selbst zu ermitteln, sind sie auf die Zusammenarbeit der - teils korrupten - örtlichen Behörden angewiesen.

Die Verbindungsbeamten sind überdies Angehörige der Botschaft im jeweiligen Land. Und deren oberste Aufgabe besteht darin, deutsche Staatsangehörige zu schützen. "Dies darf aber nicht dazu führen, dass die Botschaften den Tätern noch helfen, indem wie mir gesagt worden ist, am Alter der Kinder manipuliert wird", betont Renate Gradistanac. "Sie vermitteln den Tätern einschlägig ausgewiesene Anwälte und stellen ihnen neue Reisepässe aus, mit denen sie dann das Land verlassen können", kritisiert Pierre Legros die Praxis auch anderer diplomatischer Vertretungen. "Es ist die Verantwortung der Regierungen, etwas dagegen zu tun."

Bereits 1996, auf dem Ersten Weltkongress gegen die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern in Stockholm, hatten die Regierungsvertreter beschlossen, nationale Aktionspläne gegen Kinderprostitution aufzustellen. Doch nur ein Drittel der 122 Teilnehmerstaaten hat dies bislang auch getan. Dazu gehört die Bundesrepublik. Hier gilt bei Kinderprostitution, Kinderhandel und Kinderpornographie das "Extra-Territorialitätsprinzip": Danach dürfen Deutsche von der deutschen Justiz auch für Straftaten belangt werden, die sie im Ausland begangen haben - sogar wenn der Tatbestand dort nicht strafbar ist. Die Erfolgsquote ist trotzdem enttäuschend gering.

Sextourismus gehört inzwischen neben Drogen- und Waffenhandel zu den lukrativsten Einkommensquellen im Bereich der organisierten Kriminalität. Offiziell wird der Menschenhandel jedoch nicht dem organisierten Verbrechen zugerechnet. Die Politikerin Renate Gradistanac hält aber gerade dies für unabdingbar.

Die sporadischen Ermittlungserfolge der nationalen Polizeibehörden zeigen dennoch Wirkung: In Thailand und auf den Philippinen, den klassischen Zielen der Sextouristen, ist der Boden für die Kinderhändler mancherorts schon zu heiß geworden. Die Sex-Mafia reagierte prompt und fand Ausweichziele: Kambodscha, Vietnam, Burma. Sogar in China gibt es heute Hinweise auf Kinderprostitution.

Inzwischen ist das Geschäft mit Kinder-Sex aber auch in Europa angekommen und nimmt vor allem im deutsch-tschechischen Grenzgebiet seit Jahren zu. Dies bestätigt ein aktueller UNICEF-Bericht, der bei der tschechischen Regierung große Empörung auslöste. Bei den Erweiterungsverhandlungen hat die EU die Beitrittsländer daher verpflichtet, nationale Aktionsprogramme gegen Kinderprostitution aufzulegen.

Kriminalisten und Kinderrechtler fordern vor allem entsprechende Rechtshilfeabkommen sowie eine Harmonisierung der Gesetze innerhalb der Europäischen Union, etwa eine Angleichung des Schutzalters von Kindern. Der Aktionsplan der Bundesregierung sieht auch eine intensivere Zusammenarbeit mit Internet-Providern vor, um Kinderpornografie im Netz zu bekämpfen.

"Die Täter geben ihr Verlangen nach Kindern bei ihrer Rückkehr nicht am Flughafen auf, sie suchen sich auch in ihren Heimatländern Opfer", warnt Pater Shay Cullen. Kriminalist Manfred Paulus, Autor des Buchs Grünkram. Kindersexmafia in Deutschland, gibt ihm Recht: "Wir haben in Deutschland 900 dauervermisste Kinder. Da stellt sich schon die Frage: wo sind sie geblieben?" Er meint, so manche angebliche Selbsthilfegruppe Pädophiler sei in Wirklichkeit eine Kontaktbörse. Jeder Schachclub könne es sein. "Aber weil diese Kriminalität uns Erwachsene unangenehm berührt, herrscht eine Kultur des Wegschauens, des Schweigens. Die Polizei allein kann das Problem nicht lösen. Jeder einzelne muss Zivilcourage beweisen."


00:00 06.02.2004

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