Kleine Siege

Im Kino "Historias Minimas" aus Argentinien

Früher hatten wir große Geschichten, so groß, dass wir darin aufgehoben waren", sagt Robbie in dem Theaterrenner Shoppen Ficken, der Regisseur Thomas Ostermeier 1998 von der Baracke des Deutschen Theaters direkt in die Leitung der Schaubühne hinein katapultierte. Doch da die "allmächtigen Götter, das Schicksal, der unaufhaltsame Marsch des Sozialismus" abgedankt hätten, seien wir einsam geworden - und "jetzt erzählen wir unsere eigenen kleinen Geschichten". Momentan sind im Kino die Historias Minimas von Carlos Sorin zu sehen, der sich den Ausspruch der zerrütteten Baracken-Dramenfigur zum Motto gemacht zu haben scheint.

Der argentinische Filmemacher kommt eigentlich aus der Welt der Werbung, die mit ihren Spots Leute wie Robbie zum Kaufen animieren will. Doch hat er sich mit seinen mittlerweile drei Spielfilmen ein zweites Standbein abseits des fröhlichen Glitzeruniversums geschaffen, in dem Nirgendwo-und-Überall-Menschen mit ihrem Schicksal hadern. Schauplatz seiner letzten Arbeit fürs Kino ist Patagonien, das wüstenartige Land der endlosen Hügel, das weit unterhalb von Buenos Aires liegt und fast bis zum Ende des Kontinents reicht. "Es ist unheimlich schwierig, in Patagonien einen Film zu machen, ohne dass ein Roadmovie daraus wird", sagt Sorin beinahe entschuldigend. "Die Entfernungen und das Reisen bestimmen einen großen Teil der Realität und Träume der Einwohner. Deshalb ist Historias Minimas ein Roadmovie."

Weil es in Wirklichkeit so ist, muss es auch im Film so sein: Der Regisseur neigt in seinem Erzählen stark dem Dokumentarischen zu - einem Genre, in dem er sich 1987 auch schon einmal ohne fiktionale Beigaben versucht hat. Aus diesem Grund stehen in den drei Straßen-Geschichten, die einander stellenweise berühren, nur zwei professionelle Schauspieler knapp 20 Laiendarstellern gegenüber. Die Menschen aus den verstreuten Dörfern bleiben also fast unter sich und spielen sich selber. Das verleiht Historias Minimas feste lokale Wurzeln, deren fremdartiger Charme sich von Filmbeginn an auf den Zuschauer überträgt. Die Gesichter sehen fast alle so leer und winddurchfegt aus wie die gigantische Landschaft, und wenn ein alter Mann plötzlich nagelneue Kletterschuhe aus Europa an seinen Füßen trägt, so fällt das auch im Kinosaal sofort auf. Doch was die einfachen Leute dazu treibt, sich auf den weiten Weg zu machen, hat nichts typisch Patagonisches mehr.

Es ist ein kluger wie einfacher Schachzug von Sorin, dem Universellen nur den sorgfältig ausgeführten Anstrich des Lokalen und Kleinen zu geben. Denn dasjenige, dem die Dörfler hinterher jagen, wird auf der ganzen Welt seit jeher fieberhaft gesucht: der Weg zur großen Liebe, zur Vergebung schwerer Schuld und zum alles verheißenden Glück. Große Geschichten, die das alte Griechenland genauso wie die Bibel und manch spätere utopische Schrift ausfüllten, werden hier nur geschickt unter den Bescheidenheitsschleier gesteckt.

Warum ein Greis, der trotz seiner holländischen Wunderschuhe nicht einmal mehr selber aufs Klo gehen kann, mit einem Schlag zum Tramper wird, um einen davon gelaufenen Hund zu suchen, der in einer hunderte Kilometer entfernten Stadt angeblich gesehen wurde - das wird erst zum Ende der Episode bedeutungsvoll und anrührend aufgedeckt. Auch die Geschichte von dem Handlungsreisenden, dem sein Leben während der zahllosen zurückgelegten Kilometer irgendwann abhanden gekommen ist, gewinnt erst langsam ihre märchenhaften Konturen. Nur die dritte Erzählung spielt von Anfang an mit offenen Karten. Eine junge Mutter hat das große Los gezogen und darf an einer Gewinnshow von Kanal 12 teilnehmen, der in dem fernen Provinznest kaum empfangen werden kann. Dort nach langer Reise angekommen, entpuppt sich die Fernsehaufzeichnung als üble Abzocke, bei der nur Trostpreise zu vergeben sind. Doch die Protagonistin verfällt weder in Wut noch in Trauer - weil sie wie Hans im Glück auf Neid erregende Weise nur zu einem fähig ist: dem ewig positiven, stets zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Für jemanden, der aus der Werbewirtschaft kommt, tragen die alten Mythen von der unverbrüchlichen Treue, der aufopferungsvollen Freundschaft, der alle Hindernisse überspringenden Liebe und der glücklichen Bescheidenheit im Verzicht einen sehr entschiedenen Sieg über das Materielle davon. Dies zeigt Sorin nur dann nicht von seiner hässlichsten, verlogensten Scheins-Seite, wenn es einem Menschen hilft, sich für einen anderen einzusetzen. Eine gelungene Mischung aus Melancholie und Witz hilft dabei, ein vollkommen unwirkliches Abgleiten in den Gute-Menschen-Kitsch zu verhindern.

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00:00 05.09.2003

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