Klingeltöne

Berliner Abende Kolumne

Freitag abend, ich schließe die Fenster, dämpfe das Licht, lege mich aufs Bett. Rückenlage. Schließe die Augen. Atme tief ein und aus. Ich bin ganz ruhig. Alles ist mir gleichgültig. Das sind die beiden Leitsätze für mein autogenes Training, das ich seit kurzem mache. Dreimal fünf Minuten täglich, und ich bin total entspannt. Das verspricht zumindest das Vorwort des Ratgebers auf dem Nachttisch. Geklappt hat es noch kein einziges Mal. Dabei strenge ich mich wirklich verzweifelt an, mich zu entspannen. In fünf Minuten wird der Wecker klingeln und meine Entspannungsphase beenden.

Tief einatmen. Meine Gedanken poltern wild durcheinander. Versagensangst wegen des neuen Buchauftrags. Deadline: Freitag in zwei Wochen, das ist viel zu kurz. Ich werde nie wieder einen Auftrag bekommen. Muss mein Geld zusammenhalten, falls ich nächstes Jahr nichts mehr verdiene. Keine Rentenversicherung. Vielleicht kann ich Mutti anpumpen, wenn´s gar nicht mehr geht. Ich muss Mutti mal wieder besuchen.

Und ausatmen. Das Telefon klingelt im Wohnzimmer, der Anrufbeantworter schaltet sich erst nach dem fünften Mal ein. Ella hat Probleme. Sie ist mit einem erfolglosen Schauspieler zusammen und gerade Mutter geworden, Ella verdient das Geld, kümmert sich um Kind und Haushalt, ihr Mann spielt in irgendeinem gottverlassenen Kaff für einen Hungerlohn, ein anderer Job kommt für ihn aber nicht in Frage, weil er ja Künstler ist. Beide sind hoffnungslos überschuldet, und Ella schluckt neuerdings Antidepressiva wie Vitaminpillen. Sie möchte sich Geld von mir leihen. Pieps. Und weg.

Von draußen dringt trotz der geschlossenen Fenster Lärm aus dem Friedrichshain herüber. Die letzten Sommertage, die letzten Grillpartys. Gelächter, Gekreische, Blitzlichter von Foto-Handys. Ich muss meinen Sperrmüll entsorgen, solange die großen Papierkörbe noch im Park stehen. Warum gibt es keine regelmäßige Sperrmüll-Abholung wie früher? Da hat sich in der Nacht davor noch jeder Bedürftige bedient, und die BSR hatte weniger Arbeit. Jetzt muss der illegal abgeladene Müll beseitigt werden, von dem dann niemand mehr was hat. Bescheuert.

Einatmen. Alles ist gleichgültig. Ich formuliere die Worte im Kopf, monoton, wie vorgeschrieben. Eine Flasche zerschellt auf der Straße, zwei Leute streiten sich unter meinem Fenster über Rassismus im Fußball. Die Straßenbahn fährt vorbei. Mein rechter Arm soll schwer werden, wird er aber nicht. Mein Kopf tut weh. Über mir trampelt das dämliche Kind in der Wohnung herum. Wird die blöde Göre nicht mal älter? Seit acht Jahren wohne ich hier in dieser Altbauwohnung mit den knarrenden Dielen, den kaputten Fenstern und einer Türklingel, die nur zweimal pro Woche funktioniert. Und seit acht Jahren über mir Getrampel. Ich muss umziehen.

Ruhe visualisieren. Wieder das Telefon. Jutta spricht aufs Band. Jutta ist mal wieder abserviert worden, diesmal von einem Kerl, dem man schon auf den ersten Blick angesehen hat, dass er ein Psychopath ist. Sein bester Freund hat ihr das Ende der Beziehung per Telefon übermittelt und sie im Anschluss gefragt, ob sie nicht Lust auf Telefonsex hätte. Jutta fragt den Anrufbeantworter, ob sie jemals einen Mann kriegt, und ob alleinstehende Frauen um die 40 Freiwild sind. Ja, sind sie, aber sie bekommt von der digitalen Maschine keine Antwort, sondern nur einen Pieps, der sie nach einer Minute Plappern aus der Leitung schmeißt.

Es riecht nach Rauch. Brennt das Haus? Soll ich nachsehen? Wenn es brennt, was nehme ich dann aus der Wohnung mit nach draußen? Meinen PC oder doch die Fotoalben? Ich kann mich nicht entscheiden. Im Treppenhaus wird gepoltert, Timo aus dem Vierten kommt nach Hause und stößt mit seinem Fahrrad an jede Wohnungstür. Ein Krankenwagen rast mit Blaulicht und Sirene vorbei.

Ich muss mich entspannen, verdammt! Ich hab´ nur die zwei Minuten, danach muss ich noch arbeiten, die Küche putzen, das Geschirr wegräumen. Wieso gibt es im Fußball überhaupt Rassismus, wenn doch sowieso kaum noch ein deutscher Spieler auf dem Rasen steht? Das ist so was von bescheuert. Ich will Ruhe, Sperrmüll und eine Rentenversicherung. Ich will nicht zu Mutti. Ich will Ella kein Geld leihen, solange der faule Sack von Mann sich zu fein ist, Obstkisten zu stapeln und damit der Frau den Psychiater zu ersparen. Freiwild? Natürlich findet man mit 40 keinen Mann mehr, der noch alle am Sender hat, die sind alle längst vom Markt. Mir ist nichts gleichgültig, was soll das überhaupt?

Atmen. Das Telefon. Mein One-Night-Stand von vor fünf Jahren, der noch immer zweimal die Woche anruft und gleich wieder auflegt. Sirenen. Rauch. Getrampel. Freiwild.

Der Wecker klingelt, die Ruhephase ist offiziell beendet. Ich bin so verdammt ruhig, dass ich schreien könnte.


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