Knöpfe, Knöpfungen

Der Mann ist Rechtshänder Über den verborgenen Sinn geschlechtsspezifischer Verschlussweisen von Kleidungsstücken

Seit dem Spätmittelalter, als Männer begannen, ihren Rock und das Obergewand nicht mehr über-, sondern anzuziehen, spätestens allerdings seit dem 16. Jahrhundert, wurden Knöpfe zum wichtigsten Mittel des Verschließens von Kleidung. Der Schlitz, die Voraussetzung des Zuknöpfens, hat Ränder, die Schlitzränder, auf denen sich Knöpfe bzw. Knopflöcher befinden. Sie werden als Knöpfungen bezeichnet.

Die abgebildeten »Knopfbäume« beruhen auf zwei verschiedenen Arten von Knöpfungen. In dem einen Fall befinden sich die Knöpfe auf der rechten Seite des Kleidungsschlitzes und werden durch die Knopflöcher auf der linken Seite hindurchgezogen. Die Knöpfung verläuft von links nach rechts. Die zweite verläuft umgekehrt von rechts nach links. Die links-rechts Knöpfung wird für die Kleidungen der Männer verwendet, die rechts-links für jene der Frauen. Gegenwärtig und nach Wellen des Uni Sex ist diese Ordnung ins Wanken gebracht. Der Reißverschluss hat sie untergraben und schlitzlose Kleidungsstücke ebenfalls. Auch beachtet niemand, so scheint es, diese Knöpfungsordnung. Sie tut niemandem weh, sie marginalisiert und diskriminiert nicht, sie macht einen kleinen Unterschied ohne große Folgen. Warum ihn beachten und kommentieren?

Beachtet und kommentiert haben ihn die Mode- und Knopfforscher/innen, was nahe liegend ist. Sie schreiben diese geschlechtsspezifische Regelung dem 19. Jahrhundert zu, damals habe sie sich »als feste Gewohnheit eingebürgert«. Warum sich die Mode auf just diesen Unterschied festgelegt hat, ist umstritten. Jüngst wurde er damit erklärt, dass modebewusste bürgerliche Frauen von Zofen angezogen wurden und es die Rechts-links-Knöpfung war, die es diesen ermöglichte, mit ihrer rechten Hand die Kleidung der Modebewussten zuzuknöpfen.

Ist anzunehmen, dass Schneiderinnen und Kleidermacher an Zofen gedacht haben, als sie Schnitte für Männer- und Frauenkleidung entwarfen? Kann diese sozialgeschichtliche Erklärung, die ausschließlich die Beziehung von Frauen und Zofen berücksichtigt, ein System erklären, das die europäische Kleidung des 19. und 20. Jahrhunderts charakterisiert? Kann diese Beziehung so marktmächtig gewesen sein? Kann es sein, dass die Kleidermacher Europas nur sie im Kopf hatten und nicht Frauen und Männer, die eigenhändig ihre Mäntel und Jacken schließen wollen und können? Es ist übrigens müßig darauf zu verweisen, dass es nur eine kleine Schicht adeliger und großbürgerlicher Frauen gewesen ist, die sich von Zofen ankleiden ließen. Quantitative Überlegungen sind kein ausreichendes Argument gegen Einflussnahmen. Vielmehr stimmt skeptisch an dieser Erklärung, dass sie ein anthropologisch und kulturgeschichtlich bedeutsames Ordnungssystem außer Acht lässt, das rechts und links geschlechtsspezifisch konnotiert und mit unterschiedlichen Bewertungen ausstattet.

Zunächst ist festzuhalten, dass beim Schließen der Knöpfe Frauen die linke Hand verwenden, Männer die rechte; zumindest von der Anlage der Knöpfung her. Gewiss, in der Praxis sind beide Hände einsetzbar, sie sind auch austauschbar, dennoch ist vom grundsätzlichen Konzept auszugehen. Die Norm enthält eine Aussage, die die Praxis nicht enthalten kann. Die Norm weist Verhalten, Aufgaben, Rechte zu, und diese Zuweisung gilt es herauszuschälen.

Der Anthropologe Robert Hertz hat in seinem Aufsatz über den Vorrang der rechten Hand, einer »Studie über den religiösen Gegensatz«, auf die unterschiedliche kulturelle und soziale Bedeutung der rechten und linken Hand verwiesen. Die rechte Hand »handelt, befiehlt, nimmt.« Die linke Hand ist verachtet, auf Hilfstätigkeit reduziert. Diese soziale Konstruktion fand er bei den Maori - von rechts kommen die günstigen, belebenden Einflüsse, von links die todbringenden - und im Christentum: Bei den Darstellungen des Jüngsten Gerichtes hält der göttliche Richter seine rechte Hand nach oben, um den Auserwählten ihre zukünftige himmlische Wohnung zu zeigen. Die linke Hand verweist die Sünder in das Inferno. Konsequenterweise werde der Linkshänder, so Hertz, zu einem potentiellen Zauberer und verdiene Misstrauen. Dieser Vorrang, den die rechte Hand genießt, ist folgenreich:

»Fast alle Apparate, Maschinen und Geräte, von der Lokomotive bis hin zum Kartoffelschäler, sind für Rechtshänder entworfen. Es gibt sogar Gegenstände, die für Linkshänder absolut unbrauchbar sind. [...] Aber auch beim Hantieren mit Büchsenöffnern, Linealen, Nähmaschinen, Handkreissägen und anderen Geräten stehen die Linkshänder auf der ganzen Welt [...] im wahrsten Sinne des Wortes mit zwei linken Händen da.«

Die technische Entwicklung orientiert sich am Rechtshänder. Dieser dominiert in der Folge implizit die Wirtschaft - auch wenn es linkshändige Wirtschaftskapitäne gibt -, und er ist erst recht mit dem symbolischen Kapital der normgerechten Verwendung seiner Hände ausgestattet. An der Herstellung dieser Norm haben Religion und Kultur ihren Anteil.

Kehren wir zu der Knöpfung zurück. Frauen knöpfen mit der linken Hand, sie werden demnach zu zumindest temporärer Linkshändigkeit gezwungen. Und insofern sie nicht generell Linkshänderinnen waren, mussten sie dies erst erlernen. Sie hatten dann den Vorteil der Zweihändigkeit, aber den kulturell definierten Nachteil, mit der linken Hand in der Öffentlichkeit an den Knöpfen zu hantieren, demnach die falsche Hand zu benutzen. Sie sind demnach kulturell benachteiligt, ob sie es wissen oder nicht.

Das bringt uns zur Frage, ob Kleidermacher sowie Kleidung zuknöpfende Männer und Frauen von diesem Zusammenhang Kenntnis hatten. Erinnerung konstituiert sich im sozialen Rahmen, in Akten der Wiederholung, der Riten, durch die Materialität und durch Repräsentationen. Männer saßen im christlichen Kirchenraum auf der rechten Seite, Frauen auf der linken. Die Männer im Süden, Sinnbild des Lichts und des Lebens, die Frauen im Norden, Sinnträger von Finsternis und Tod. Das Wissen um diese Zuordnungen mag in der jahrhundertelangen Praxis versickert sein, was nicht Vergessen bedeutet. Der Vorrang der Rechtshändigkeit war hingegen durch den nachdrücklich geforderten Nachrang der Linkshändigkeit bekannt. Die unterschiedliche Positionierung von Knöpfen auf Frauen- und Männerbekleidung war ein Akt der Wiederholung, des Einschreibens in eine Materialität. Insofern hat sie die Kerben im Gedächtnis verstärkt, die den Vorrang der rechten Hand eingetragen hatten.

Geschah die Festlegung der in Europa dominanten Knöpfung nun tatsächlich im 19. oder im Verlauf des 20. Jahrhunderts, dann wäre das ein weiterer Hinweis auf die »Polarisierung der ›Geschlechtscharaktere‹«. Diese artikulierte sich ideologisch, ergriff jedoch auch, so scheint es, die Schlitzränder. Eine geschlechterpolarisierende Gestaltung von Knöpfungen enthält Elemente der Karikatur oder der Farce. Die rechte Hand Christi auf den Darstellungen des Jüngsten Gerichtes, die rechte Hand des Schwörenden, werden ihrem religiösen und rechtlichen Zusammenhang entzogen und in der Alltagshandlung des Zuknöpfens als männliches Vorrecht produziert.

Der kleine Unterschied, von dem ich anfangs sprach, mag zwar gegenwärtig nicht folgenreich sein. Er hat eine historische Tiefendimension, und er ist ein Zitat. Ich habe versucht, die bibliographische Angabe hinzuzufügen.

Der Knopf und die Knöpfung werden von der Handbuch-Geschichtswissenschaft als »Randthemen« oder »Unthemen« gesehen. Karin Hausen hat diese Relationen und Relevanzen in Frage gestellt und aufgezeigt, wie Alltagshandlungen voll der Verweise auf große und kleine Felder der Geschichte sind und wie es dem genauen Blick gelingt, die Fallstricke aufzufinden, die in ihnen angelegt sind.

Edith Saurer ist Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Wien. Den Text entnehmen wir dem Band Geschichte in Geschichten. Ein historisches Lesebuch, der anlässlich der Emeritierung von Karin Hausen im Campus Verlag erschienen ist (herausgegeben von Barbara Duden, Karen Hagemann, Regina Schulte, Ulrike Weckel, Frankfurt a.M. 2003); wir danken dem Verlag für die Genehmigung des Abdrucks.

00:00 04.04.2003

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