Kolonialgebiet

Sportplatz Kolumne

Man könnte mich für völlig normal halten. Keine besonderen Vorkommnisse: gesellschaftlich problemlos integriert, politisch korrekt und sozial verträglich. Doch etwas muss vielleicht noch erwähnt werden: Ich bin Fußballexperte. Niemals würde ich ein Spiel vergessen, niemals die Tabelle durcheinander bringen und niemals ein bedeutendes Fußballereignis verpassen. "Na und?", könnte man antworten. Doch schon Nietzsche wusste, wer zu viel Historie mit sich herumträgt, der ist für das Leben nicht mehr zu gebrauchen. Wofür bin ich noch zu gebrauchen, wenn ich ständig 30 Jahre Profi-Fußball mit mir herumschleppe?

Fußball vergesse ich nie, doch dafür alles andere: Den Namen der Freundin meines Bruders behielt ich nach drei Jahren, meine zahlreichen Cousins und Cousinen kann ich nur mit Mühe auseinanderhalten und Bekanntschaften an der Universität entfallen mir in der Regel sofort, es sei denn, das Datum der Bekanntschaft korreliert mit einem bedeutenden Fußballereignis: "Warst Du nicht die, mit der ich an dem Tag Referat hatte, als Bremen aus der Champions League flog?" Unverständnis ist dann häufig der Lohn unseres Fußballverständnisses und wer als Experte nicht aufpasst, endet schnell als unsoziales Wesen. Deshalb habe ich mein Expertenwissen gesellschaftskompatibel gemacht, das heißt: es also völlig unterdrückt. Nur in seltenen glücklichen Momenten, zum Beispiel nach Spielen meiner eigenen Mannschaft, kann ich noch ich selber, also ein Experte unter Experten, sein: "Dein Schuss erinnerte mich total an das Tor von Matthäus beim 4:2 von Bayern gegen Leverkusen aus der Saison 1992/93." "Ja, genau daran musste ich auch gleich denken!"

Doch solch glückliche Momente sind selten für wahre Fußballexperten, im restlichen Leben bleiben wir Fremde. Wie viel Speicherkapazität meines Gehirns ist wohl mit völlig unnützem Fußballwissen belegt? Was darin alles Platz hätte! Auch meine ganze Zukunftsplanung orientiert sich am Zyklus der Fußballwettbewerbe. Nichts kann ich dagegen tun: "In der Sommerpause erhol´ ich mich richtig!"; "Nächste Winterpause fahre ich mal nach Afrika."; "Mit dem Bafög reicht es noch bis zur WM, danach muss ein Neuanfang her." Wenn Diskurshoheit auch eine Machtfrage ist, dann ist mein Kopf das Kolonialgebiet von König Fußball.

Jede neue Lebenslage lässt sich mit einer Weisheit aus der Welt des Fußballs verbinden: "Wer seine Chancen nicht nutzt, der wird gnadenlos bestraft!"; "Was zählt ist das Ergebnis!"; "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel!" Wer den Ergebnismaximen des Fußballs folgt, ist für die neue Wettkampfgesellschaft bereits optimal vorbereitet. Schon Franz Beckenbauer wusste: "Es gibt nur eine Möglichkeit: Sieg, Niederlage oder Unentschieden." Wie einst Heraklit hat der Fußballexperte zudem die Neigung, komplexe Sachverhalte mittels Spruchweisheiten zu veranschaulichen. "Fußball ist Ding, Dang, Dong. Es gibt nicht nur Ding", meinte einst der berühmte Bayern-Trainer Giovanni Trappatoni und wurde so zum Vorbild für alle Fußballphilosophen.

Das Fernsehen versuchte bald diese philosophierenden Ergebnis-Experten für sich zu gewinnen. So gab es einmal den "Paulaner-Fußballquiz" im Deutschen Sportfernsehen. Doch für mich blieb dieser bierselige Expertenabklatsch immer eine Qual: Wie man das nicht wissen kann! Um überhaupt noch eine Herausforderung zu finden, gibt es zum Glück unzählige Fußballquiz im Internet. Bei www.sport-finden.de startet Schwierigkeitsgrad 1 mit Fragen wie: "Der Ball ist....a.) rund, b.) eckig, c.) oval oder d.) aus Eisen?" Nachdem diese Hürde genommen ist, wird nach dem Trainer von 1860 München aus der Saison 1964/65 gefragt (Max Merkel natürlich) oder nach der Anzahl der in den Bundesligaskandal von 1971 involvierten Mannschaften (Neun). Mühelos klicke ich mich weiter bis Niveau 4. Und dann das: "Wie endete das WM-Spiel UdSSR-Ungarn bei der WM 1986?". Einfach vergessen. "Game over!"


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00:00 29.07.2005

Ausgabe 38/2020

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