Kompetent in zwei Systemen

Die Quereinsteiger Merkel, Tiefensee und Platzeck repräsentieren die "integrierte Generation" der DDR. Sie haben ähnliche Wege in politische Spitzenämter zurückgelegt

Im Bundestagswahlkampf 2005 ist die Spannung zwischen West- und Ostdeutschland wieder deutlich geworden, und auch in ihrem Wahlverhalten zeigten sich die Ostdeutschen noch immer als eine relativ klar profilierte Minderheit in Deutschland. Die Designierung des Leipzigers Wolfgang Tiefensee für das neue Bundeskabinett wird also vor allem auch in Zusammenhang mit dem "Problem Ostdeutschland" gesehen. Allenthalben fragt man sich nun, wie der ehemalige Oberbürgermeister von Leipzig als Bundesminister für Verkehr, Bau und Wohnungswesen - und qua Amt auch Beauftragter der Bundesregierung für Ostdeutschland - agieren wird und ob er Deutschland von der Misere des Ostens, die genauer gesagt die Misere der Ostdeutschen ist, befreien wird. In Zusammenhang mit der Situation der Ostdeutschen wird auch immer wieder auf ein "Repräsentations-Defizit" verwiesen, auf die Tatsache also, dass in den Etagen des Einflusses und der Entscheidungen die Angehörigen der ostdeutschen Minderheit unterrepräsentiert sind. Rein rechnerisch bildet das neue Bundeskabinett hierzu eine Ausnahme, denn mit einer Kanzlerin und einem Minister ist das ostdeutsche Fünftel hier gut repräsentiert. Ob diese Konstellation im Kabinett die Situation im Osten merklich verändern wird, ob und wie lange das Kabinett Merkel überhaupt regieren wird, soll an dieser Stelle nicht geweissagt werden.

Interessant ist die Konstellation Merkel-Tiefensee aus einer anderen Perspektive. Vergleicht man ihre Lebenswege in der DDR, die Art des Einstiegs in die Politik und ihren Politikstil nach 1990, so wird bei Merkel (geb. 1954) und Tiefensee (geb. 1955) oder auch bei dem Brandenburger Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (geb. 1953), um nur drei besonders prominente Funktionsträger mit DDR-Hintergrund zu nennen, ein sich ähnelndes Muster erkennbar. Die Kulturgeschichtsschreibung zur DDR fasst die in den fünfziger Jahren Geborenen als die "integrierte Generation" zusammen. Mit dem Terminus werden zwei Dimensionen abgebildet: Die des Integriert-Werdens in etwas mit Macht Konsolidiertes und auch die der aktiven Integration in das Gegebene. - "Hineingeboren" nennt der 1957 geborene Lyriker Uwe Kolbe die Situierung seiner Generation im Gang der Dinge. Als die "Integrierten" zur Schule kamen, waren die Würfel in der DDR gefallen: Die Mauer zum Westen stand und an den Schulen und vor allem später an den Hochschulen trafen die Angehörigen der "integrierten Generation" auf Lehrerinnen und Lehrer aus der "Aufbau-Generation", die als erste Generation einer sozialistischen Intelligenz den bildungsbürgerlichen Einfluss bereits marginalisiert hatte. Die politischen Umbrüche der fünfziger Jahre und die Machtkrise der SED gehörten nicht mehr zum Erfahrungsschatz der integrierten Generation; ebenso wenig wie die "Erstürmung der Kommandopositionen der Gesellschaft und der Wissenschaft" in deren Folge es zu steilen Karrieren in der Generation ihrer Eltern gekommen war. Statt dessen erfuhr die integrierte Generation soziale Stabilität, wachsenden Wohlstand und Phasen von kultureller Liberalisierung. Gut zwei Drittel der Schüler und Lehrlinge dieser Generation waren 1969 "stolz" darauf "ein junger Bürger unseres sozialistischen Staates zu sein", weitere 20 Prozent meinten, "etwas stolz" seien sie schon.

Merkel, Tiefensee und Platzeck gehörten sicherlich nicht dazu, dennoch bestimmte der genannte Konsens in der DDR-Diktatur die Bedingungen ihrer Sozialisation. Sie erfuhren, dass schnelle Änderungen nicht zu erwarten, und sachbezogene Arbeit wichtiger als Heldentum war, - so konnten sie dann auch ohne traumatisierende Repressionserfahrungen in die Umgestaltung des Landes während und nach der Herbstrevolution eingreifen.

Alle drei haben bürgerlich-humanistische Familientraditionen. Platzecks Urgroßvater war Mitbegründer der SPD in Nordhausen, seine Großeltern Pastoren, der Vater Arzt, die Mutter medizinische Assistentin. Tiefensees Vater wirkte als Kapellmeister an den städtischen Bühnen Leipzig, Merkel ist Tochter einer Lehrerin und eines mit dem Sozialismus sympathisierenden Pastors, der 1957 von Hamburg kommend eine Pfarrstelle in Mecklenburg übernahm. Merkel war FDJ-Sekretärin ihrer Klasse und begann nach dem Studium eine Tätigkeit am Physikalischen Institut der Akademie der Wissenschaften in Berlin, 1986 promovierte sie. Platzeck machte sein Abitur an der Erweiterten Spezialoberschule im prominenten Kleinmachnow, nach dem Wehrdienst studierte er biomedizinische Kybernetik an der TH Ilmenau und arbeitete dann am Institut für Lufthygiene in Karl-Marx-Stadt und seit 1982 als Direktor für Ökonomie und Technik an einem Kreiskrankenhaus. Tiefensee verweigerte den Wehrdienst und wurde Bausoldat, danach studierte er Elektronik und kam über berufsbegleitende Fortbildungen als Diplom-Ingenieur zunächst in die Forschungsabteilung des Fernmeldewerks Leipzig und 1986 an die TH Leipzig.

Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie natur- und technikwissenschaftliche Fachleute sind - und dass sie 1988/89 politische Ambitionen entwickelten: Tiefensee stieg 1988 in die Arbeit in einer kirchlichen Friedensgruppe ein und saß ein Jahr später für "Demokratie Jetzt" am Leipziger Runden Tisch, Platzeck gründete 1988 die Potsdamer Bürgerinitiative ARGUS und saß für die Grüne Liga am Zentralen Runden Tisch, und Merkel kam 1989 zum "Demokratischen Aufbruch", übernahm 1990 Öffentlichkeitsarbeit für den DA und wurde dann stellvertretende Sprecherin der Regierung de Maizière. Merkel wechselte 1990 in die CDU, Tiefensee und Platzeck 1995 in die SPD. Bei allen politischen Unterschieden vermag man im Politikstil der drei Genannten Ähnlichkeiten entdecken: Sie waren keine Eiferer der Aufarbeitung und widmeten sich der Sacharbeit. Mit der nüchternen Analysefähigkeit des Natur- und Technikwissenschaftlers beobachteten sie das Treiben, stellten sich wohlkalkuliert neuen Herausforderungen und empfahlen sich dort durch erfolgreiche Politik im Bezugsrahmen ihrer Parteien. Von Tiefensee ist, als er vor kurzem die Spitzenkandidatur für die Sachsen-SPD ausschlug, die Bemerkung überliefert, der Mensch sei nicht, "was er ist, sondern was er werden will".

Die Wege der drei Genannten widerspiegeln gewissermaßen auch die typische mentale Ausrichtung der integrierten Generation der DDR. Sowohl in der Stabilitäts- wie auch in der Niedergangsphase der DDR sahen sich die Angehörigen dieser Generation darin bestätigt, dass man nur mit langem Atem, mit langfristig und strategisch ausgerichtetem Handeln das Spektrum der Möglichkeiten - auch der persönlichen - ändern wird. In der integrierten Generation war - neben der Generation ihrer Eltern, also der Aufbau-Generation - der Anteil jener, die sich mit dem Projekt eines modernisierten und liberalisierten Sozialismus identifizierten, noch am größten. Die Integrierten sahen sich dann vor allem in den achtziger Jahren als die kommende Generation, die den Macht- und Kulturwechsel in der DDR bewältigen würde. Sie hatte erfahren, dass von der Aufbau-Generation, die den vergreisten Patriarchen letztlich nie die Gestaltungsmacht entwunden hatte, das nicht mehr zu erwarten war. Obwohl nach 1990 die Schaltstellen beim Umbau Ost von Westdeutschen besetzt wurden, war es die integrierte Generation der ehemaligen DDR, die die Umstellung von Wirtschaft und Gesellschaft im Osten geschultert hat. Viele aus dieser Generation wurden zu Trägern einer ostdeutschen Gründerwelle: Der entlassene NVA-Offizier und Parteifunktionär, der in der Finanzbranche aufstieg, der Historiker, der sich als Verlagsleiter profilierte, der ehemalige VEB-Ingenieur, der Unternehmer wurde, oder die ehemalige Ärztin aus der Poliklinik, die sich mit knapp 40 hochverschuldet niederlassen musste, gehören zu typischen Figuren der Transformation. Die integrierte Generation aus der DDR ist die einzige Generation Deutschlands, die in zwei Systemen, sowohl in der DDR wie in der Bundesrepublik, für längere Zeit im Erwerbsleben stand und als Quereinsteiger in die Marktwirtschaft einen doppelten Erfahrungshintergrund hat.

Merkel, Tiefensee und Platzeck sind Quereinsteiger in CDU und SPD. Merkel allerdings hat sich die längste Strecke des Weges aus eigener Kraft nach oben gearbeitet. Platzeck wurde vom Landesvater Stolpe den Grünen abgeworben und der Weg ins Amt geebnet - Tiefensee vom damals in Leipzig unangefochtenen Lehmann-Grube, der als ehemaliger OB von Hannover bis 1998 Leipziger OB war. Nun agieren beide in Koalitionen mit der CDU. Ob Merkel, Platzeck, Tiefensee und andere aus dem Osten jetzt schon das sind, was sie werden wollen - um Tiefensees Aperçu aufzunehmen - bleibt abzuwarten.

Thomas Ahbe ist Mitherausgeber des in diesem Jahr erscheinenden Bandes: Die DDR aus generationengeschichtlicher Perspektive.


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00:00 21.10.2005

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