Kosmetik an der Truppe

Erinnerungskultur Bei der Bundeswehr sollen alle Nazi-Artefakte verschwinden. Doch dieses Reinmachen ist falsch
Kosmetik an der Truppe
Neues von der Kalauerfront: „Aaachtung, alle Mann: kehrt!“
Foto: Jens Koehler/Imago

In der Affäre um rechtsextremistische Netzwerke innerhalb der Bundeswehr hat Ursula von der Leyen den Streitkräften jetzt also einen „Säuberungs- und Reinigungsprozess“ verordnet, der sämtliche Bezüge zur historischen deutschen Wehrmacht tilgen soll. Es ist nicht die erste Säuberung mit dieser Zielrichtung, die die Bundeswehr erlebt – doch könnte es, gemessen an der Vorgabe von der Leyens sowie dem Eifer und der augenscheinlichen Willfährigkeit beim Vorgehen, die letzte werden.

Befördert durch die von der Ministerin selbst geweckten Erwartungen („Es wird noch viel hochkommen“), bezeugten erste Pressereaktionen im Tonfall der Anklage den Fund von „Nazi-Devotionalien“ (in Wahrheit waren es Stahlhelme). Seither hat sich die mediale Aufmerksamkeit, bei abflachender Spannungskurve, auf die eher kuriosen Auswüchse des großen Auskehrens verlagert. So wurde ein Foto in der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität entfernt, das den Namensgeber in Wehrmachtsuniform zeigte. Und aus dem Liederbuch der Bundeswehr tilgte man Schwarzbraun ist die Haselnuss.

Rotkreuzflagge verschwunden

Der eigentliche Skandal besteht jedoch, bislang kaum beachtet, in der ikonoklastischen Dimension der von der Ministerin eingeforderten „Nulllinie“. Was von der Leyen nämlich unter dem Deckmantel der Modernisierung ins Werk gesetzt hat, ist nichts weniger als ein Großangriff auf die materielle Substanz einer politisch unerwünschten Erinnerungskultur. Erklärtes Ziel ist es, Objekte unliebsamer Zeugenschaft verschwinden zu lassen: historische Artefakte wie Uniformen und Abzeichen, Waffen und Ausrüstungsgegenstände, Raumschmuck und Gemälde, die auf die Zeit vor 1945 verweisen. So gebietet die Anordnung des Generalinspekteurs der Bundeswehr, Volker Wieker, vom 5. Mai die Entfernung „sämtlicher Gegenstände (jeder Art von Darstellung), welche mit einer Sympathie/Verehrung der Wehrmacht in Verbindung gebracht werden könnten“.

Welche Folgen diese Anordnung in der Praxis hat, zeigt das Exempel einer historischen Rotkreuzfahne, die bis vor kurzem als Ausstellungsstück im Bundeswehrkrankenhaus im niedersächsischen Westerstede zu sehen war und nun entfernt wurde. In den letzten Apriltagen 1945 hatte diese Fahne den Truppenverbandsplatz und die Kommandostelle der Sanitätsabteilung Groß-Berlin gekennzeichnet und galt daher, wie es auf der Erläuterungstafel des Bundeswehrkrankenhauses hieß, als „letzte Rotkreuzflagge über Berlin“. Auf Anfrage teilte das Presse- und Informationszentrum des Sanitätsdienstes mit, dass sich die Chefärztin des Krankenhauses nun bemühe, die Rotkreuzfahne einer wehrhistorischen Sammlung zuzuführen. Insofern steht zu hoffen, dass der Fahne das Schicksal anderer historischer Objekte erspart bleibt, denen ebenso die Vernichtung droht – darunter inkriminierten Beständen der Dienstbibliotheken oder Wandgemälden, die kurzerhand übermalt werden, was offiziell nur „Umgestaltung“ genannt wird.

Da sich diese Vorgänge in den Kasernen und Liegenschaften der Bundeswehr und unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit vollziehen, ist umso schwerer zu beurteilen, inwieweit sie die Folge eines planvollen Handels sind oder vielmehr als Aktionismus im Sinne vorauseilenden Gehorsams betrachtet werden müssen. Aufgrund der spärlichen Informationspolitik ist man auf informelle Quellen angewiesen, die das Letztere nahelegen. Richtlinien, wie dem Verlust historischer Objekte vorzubeugen wäre, sind bislang keine ausgegeben worden.

Nun könnte man einwenden, dass Kasernen keine Museen sind und folglich auch nicht einzusehen sei, weshalb sie in ihren Mauern museale Objekte beherbergen sollten. Dies ist zwar richtig, ignoriert aber die Tatsache, dass die Kasernen selbst eine Geschichte haben, die in nicht wenigen Fällen in die NS-Diktatur zurückreicht; diese Bauten gehören in den gleichen Kontext wie die angeblichen Devotionalien. Hier zeigt sich bereits, dass die Behauptung der Verteidigungsministerin, die Bundeswehr stehe nicht in der Tradition der Wehrmacht, an der Realität vorbeigeht. Ohne das Offizierskorps der NS-Zeit wäre der Aufbau der bundesrepublikanischen Streitkräfte ab 1955 kaum möglich gewesen – dies beweist wohl die Tatsache, dass sich auch die Nationale Volksarmee der DDR zu ihren Anfängen des Wehrmachtspersonals bediente.

Das restaurative Klima im Westen der 1950er Jahre, aber auch der gesellschaftlich konsensfähige, an Feindbilder vor 1945 anknüpfende Antikommunismus gaben der frühen Bundeswehr ihr Gepräge. 1959 entstammten von knapp 15.000 Berufsoffizieren 82 Prozent der Wehrmacht – sowie zwei Prozent der Waffen-SS. Es ist daher nicht nur sachlich falsch, diese personelle und, im soldatischen Ethos und Selbstverständnis, teilweise auch ideelle Kontinuität zu leugnen – es ist, wenn man den Beitrag der Bundeswehr zur äußeren Sicherheit der jungen BRD ernst nimmt, auch ungerecht gegenüber denjenigen, die diese Institution erst mit Leben füllten. Bei der darauffolgenden Generation der Berufsoffiziere – und nicht nur bei ihnen – stößt die aktuelle Säuberung daher in nicht unerheblichem Maße auf Ablehnung und Unverständnis: Sie wird als Angriff auch auf die eigene Identität wahrgenommen.

Identität ist etwas, das zwar auch selbst gestaltet, aber nicht beliebig gewählt werden kann. Die eigene Vergangenheit kann man deuten, verändern kann man sie nicht. Scheut man die Auseinandersetzung mit ihr, bleibt einem nur, ihre sichtbaren Spuren zu beseitigen. Dieser Strategie folgend, trägt von der Leyen jene „technokratische Geringschätzung von Geschichte“ zur Schau, die vor 30 Jahren der außenpolitische Berater Helmut Kohls, Michael Stürmer, gegeißelt hatte. „In einem Land ohne Erinnerung ist alles möglich“, warnte Stürmer 1986 in der FAZ.. Das gilt umso mehr, wenn man den grassierenden Vertrauensschwund in die politische Kultur und den westlichen Wertekanon berücksichtigt. Ein stärkeres Bewusstsein um die geschichtlichen Wurzeln könnte Halt bieten und helfen, unerwünschte politische Dynamiken zu bremsen.

Doch der Vorstoß der Verteidigungsministerin verfolgt das entgegengesetzte Ziel: die parteiische Verkürzung von Geschichte. Die Säuberung hat rein kosmetischen Charakter. Auch scheint sie dem weit verbreiteten Bedürfnis zu entspringen, von der eigenen Geschichte und deren Widersprüchen erlöst zu werden, indem man diese unkenntlich macht. Ein weiteres Beispiel aus dem öffentlichen Raum ist der Streit um das 700 Jahre alte Relief der „Judensau“ an der Wittenberger Stadtkirche. Bestrebungen, solcherlei abzubauen, unsichtbar zu machen, begünstigen und befördern die Verengung und Verarmung unseres geschichtlichen Bewusstseins. Wenn man im individuellen Geschichtsbewusstsein eine Voraussetzung für staatsbürgerliche Mitverantwortung sieht, ist dies ein betrüblicher Befund.

Die Risiken des Bilderverbots

Das Ziel, eine verklärende Traditionspflege zur Wehrmacht zu unterbinden, muss mit anderen Mitteln erreichbar sein als mit einem Bilderverbot. Mit dem derzeitigen Vorgehen werden innerhalb der Truppe ein Duckmäusertum und ein Konformismus gefördert, die man, als Kadavergehorsam, der Wehrmacht stets zum Vorwurf gemacht hat. Wenn man jedoch von den Soldatinnen und Soldaten erwartet, nötigenfalls die freiheitlich-demokratische Grundordnung mit Waffengewalt zu verteidigen, dann sollten sie auch in der Lage sein, historische Artefakte als solche einzuordnen und verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen. Wenn sie dies nicht können, müssen sie durch Ausweitung der historisch-politischen Bildung innerhalb der Bundeswehr hierzu in die Lage versetzt werden.

Die derzeit inkriminierten Objekte gehören nicht auf den Müllhaufen der Geschichte, sondern im Gegenteil durchaus in den alltäglichen Wahrnehmungsbereich der Bundeswehrangehörigen, die sich auch dadurch aufgefordert fühlen sollten, sich mit einer Vergangenheit auseinanderzusetzen, der sie doch nicht entkommen können. Auch heute noch kann man Entscheidendes von der Wehrmacht lernen, oder besser: an ihr. Das Schicksal einer Armee zwischen preußischer Tradition und totalitärer Durchdringung dürfte auch für heutige Soldatinnen und Soldaten weit erkenntnisreicher sein als die Bundeswehr-eigene Erfahrung, die auf sogenannte Friedensmissionen beschränkt bleibt.

Dirk Alt ist Historiker und Dokumentarfilmer. Er referiert regelmäßig vor Reservisten und Bundeswehrangehörigen zur Zeitgeschichte

06:00 28.06.2017

Kommentare 1