Krieg mit dem Präsidenten

Im Gespräch Der Schriftsteller Jonathan Franzen über seine Wahlkampfunterstützung für John Kerry

Elf der berühmtesten Schriftsteller der USA, unter ihnen Joyce Carol Oats, Paul Auster, Jonathan Franzen, Susan Sontag, Jennifer Eganund, Michael Cunningham und der Sänger Lou Reed lasen Ende März in den historischen Räumlichkeiten der Cooper Union Kurzgeschichten, um sich für einen Regimewechsel in den Vereinigten Staaten stark zu machen.

Unter dem Motto: "Manchmal machen kleine Stellungnahmen einen großen Unterschied" lasen die Künstler, zu denen sich als Überraschungsgast Salman Rushdie gesellte, vom selben Podium, von dem sich Abraham Lincoln für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt hatte.

Downtown for Democracy, "D4D", ist ein neu gegründetes Organisationskomitee in Downtown Manhattan. Dabei sei "Downtown" weniger als geographische Zuordnung denn als Geisteszustand zu begreifen, in dem sich die "Kreative Klasse" artikulieren und für den Politikwechsel in den USA arbeiten kann. Im Rahmen der Veranstaltung entstand das folgende Gespräch mit Jonathan Franzen.

FREITAG: Mr. Franzen, beeinflusst der "War on Terror" ihr Schreiben?
JONATHAN FRANZEN: Nein. Ich unterscheide eindeutig zwischen dem, was ich als Schriftsteller, und dem, was ich als Staatsbürger mache. Wenn ich versuchen würde, über etwas zu schreiben, was jetzt passiert, stünden die Dinge in fünf Jahren, wenn ich das Buch fertig habe, vollkommen anders. Daher denke ich, ist es besser, mich auf den politischen Staatsbürger am Tag und den Romanschriftsteller bei Nacht zu konzentrieren.

Bush hat sich kürzlich selbst als "Präsident in Kriegszeiten" bezeichnet. Betrachten Sie sich als Bürger einer Nation im Krieg?
Nein. Nicht im entferntesten. Ich bin im Krieg mit meinem Präsidenten.

Sie bezeichnen die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen als "Wahlen ihres Lebens" und fordern ihre Mitbürger zu politischer Aktivität auf. Woher kommt dieses Engagement?
Es ist mir aufgefallen, dass ich neuerdings die Artikel in der New York Times studiere, was ich die meiste Zeit meines Lebens nicht getan habe. Ich surfe plötzlich durch Webseiten der Kandidaten des Senats und des Kongresses, was noch vor vier Jahren ein äußerst bizarres Verhalten für mich gewesen wäre, und ich hoffe, dass das, was da mit mir passiert, vielen anderen Leuten auch so geht. Wir sehen uns einer Gruppe von Leuten gegenüber, die glauben, gewinnen zu können, indem sie das System mit Lügen überfluten. Die schiere Anzahl dieser Lügen überfordert die Kapazität der Medien, sie dafür zur Rede zu stellen. Dies - in Verbindung mit einer vollkommen unverantwortlichen Finanzpolitik - macht diese Bush-Administration so extrem gefährlich und kann diesem Land in den nächsten vier Jahren irreparablen Schaden zufügen.

Was sind denn die wichtigsten Gründe, Kerry zu wählen?
Seltsamerweise sind heutzutage die Demokraten, die lange Zeit die "Tax", die finanzpolitisch Unverantwortlichen waren, heute die Partei finanzpolitischer Verantwortung. Die Bush-Leute versuchen, die föderale Regierung zu Grunde zu richten, um dem Land bestimmte sozial regressive Maßnahmen aufzuzwingen und progressive Programme zu eliminieren. Arme und Reiche sind gleichermaßen bedroht von dem, was die Bush-Leute tun. Sie erschaffen eine potenzielle wirtschaftlich Katastrophe mit der zielstrebigen Unterstützung einiger weniger, die sich im Dunstkreis der Bush-Familie befinden. Zweitens: Sollte Bush eine weitere Amtszeit erhalten, wird er viel aggressiver daran arbeiten, radikale Rechtsausleger-Juristen in die Bundesjustiz zu nominieren. Das wäre eine Katastrophe und es könnte eine Generation brauchen, um den dadurch angerichteten Schaden wieder zu beheben.
Und schließlich haben wir uns seit dem 12. September 2001, dem Tag, als Amerika alle Sympathien der Welt hatte, innerhalb kürzester Zeit zum meistgehassten Imperium einer Generation oder mehr entwickelt. Das ist ein Desaster. John Kerry hat einen unideologischen Ansatz, durch vernünftige diplomatische Anstrengungen mit dem Rest der Welt auszukommen.

Würden Sie Hillary Clinton gerne als Vizepräsidentin sehen?
Nein.

Warum nicht?
Sie spaltet das Land zu sehr.

Aber wäre die Zeit nicht reif für einen Kandidaten mit einer sich fundamental unterscheidenden Position, wie Howard Dean oder Ralph Nader?
Ein unabhängiger Kandidat wie Nader hat schlichtweg keine Chance. Das System ist nicht dafür eingerichtet, das zu erlauben. Es gibt keine Möglichkeit, dieses System ohne die Zustimmung beider Parteien zu verändern - und das wird niemals geschehen.
Nader und Howard Dean wären sicherlich viel besser als Bush, aber mir persönlich ist es angenehm, jemanden zu haben, der grundsätzlich sagt: "Lasst uns die Dinge nicht zu sehr verändern. Lasst uns einfach nicht so dumm sein, lasst uns nicht bösartig sein, lasst uns nicht nur für die Interessen der eigenen Familie und niemand anderen sonst kämpfen ..." - denn das ist genau, was der Bush-Klan tut.
Ich bin ja kein Kommunist, nicht einmal Sozialist. Ich bin auch kein Anhänger von Chomsky und nicht einmal von Michael Moore und glaube nicht, dass alles, was die USA tun, eo ipso unter Verdacht steht. Ich bin ein gemäßigter Demokrat. Das bedeutet, dass ich die freie Marktwirtschaft nicht für ganz schlecht halte, aber schon glaube, dass wir den Staat brauchen.

Nennen Sie eine positive Errungenschaft der Amtszeit G.W. Bush´s?
(lange Pause)
... Ich denke nach ...
(nochmals sehr lange Pause)

Planen Sie weitere Aktionen in diesem Wahlkampf?
Ich gebe Geld und versuche, andere Leute dazu zu bringen, Geld zu geben ... Und im Herbst werde ich als Freiwilliger in Pennsylvania, einem der "Swing-States", (der wahlentscheidenden Staaten ohne klare demokratische oder republikanische Mehrheit) Wahlkampf machen. Dass ich überhaupt darüber nachdenke, das zu tun, ist ein weiteres Zeichen dafür, wie wichtig mir diese Wahlen erscheinen. Das wäre mir früher niemals in den Sinn gekommen.

Hier im Publikum sieht man sehr viele ganz junge Leute, dann gibt es den Finanzmagnaten George Soros, der sich sehr stark für die Abwahl George W. Bushs einsetzt. Die Organisatoren von Downtown for Democracy sprechen von der "Kreativen Klasse" als "meist unterschätztem politischen Bestandteil der amerikanischen Gesellschaft". Welche Wählerschichten werden ihrer Meinung nach die Wahl entscheiden?
Ich sehe diese Wahlen wie eine Erzählung von C.S. Lewis, "Prinz Kaspian", ein Kinderbuch, in dem sich eine Schar schräger Vögel, Zwerge, sprechende Tiere, ein kleiner Riese, ein paar englische Kinder, die sich plötzlich in einer verkehrten Welt vorfinden, zusammenschließen, um diese monomanische, uninformierte, höchst geordnete Militärmacht zu bekämpfen und irgendwie gelingt es diesem zusammengewürfelten Haufen zu obsiegen.
Ich fühle mich dabei so wie das Eichhörnchen, oder der Waschbär, der an der Seite des Riesen George Soros arbeitet. Ich meine, wer schert sich schon um so ein paar Romanschriftsteller, wir buddeln da so an der Seite, aber jedes kleine bisschen hilft, denke ich.

00:00 09.04.2004

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