Kultur kommt von Wollen

Trope Deutschland braucht den Super-Muslim. Was genau soll es denn überhaupt bedeuten, wenn man sagt, Deutschland habe jüdisch-christliche Wurzeln?

Vor kurzem hat Bertelsmann einen sorgfältig konzipierten, pädagogisch ausgebufften Kinder-Weltatlas veröffentlicht. Regionen und Länder werden jeweils durch ein Kind repräsentiert, das ausführlich über seinen Namen, die Lebensumstände seiner Familie, seine Vorlieben redet und darüber, welche Eigenarten seines Landes und seiner Gemeinschaft von Interesse sein könnten. Die Türkei, die Asien zugeschlagen wird, bildet die einzige Ausnahme. Denn der zwölfjährige Ahmet (man beachte: Ahmet, nicht Yildirim, Arif oder Gingiz), der in karikierender Weise mit einem Turban bedacht wurde, scheint weder eine Behausung noch eine natürliche oder soziale Umwelt zu haben, ganz zu schweigen von Augen und Ohren, denn Ahmet darf einzig über die rituellen Vorschriften des Islam Auskunft geben.

Dass Muslime sich in permanentem Gebetszustand befinden; dass sie losgelöst sind von ihrer Umwelt, von Wohnstätte, Kleidung, Beruf, individuellen Bestrebungen; dass sie beinahe ununterscheidbar sind; dass ein Bewohner Malaysias, Tunesiens, der Türkei, oder Malis, oder ein Ingenieur, ein Laizist, ein Sozialist, ein konservativer Liberaler, ein älterer oder jüngerer Beamter im Kern Klone eines menschlichen Typus sind, der permanent betet oder schwärmt; dass die muslimische Identität primär eine religiöse ist; und dass der 11. September nur ein etwas nachdrücklicherer Ausdruck dieser verworrenen Mentalität ist – all das sind weit verbreitete Annahmen, vor allem in Deutschland.

Es handelt sich hierbei um ein verzerrendes Wahrnehmungsraster, das eine Geschichte und eine gegenwärtige politische Bedeutung hat. Der deutsche Staat möchte – wenn auch ängstlich zögernd – eine muslimische Glaubensgemeinschaft schaffen, ohne die bestehenden juristischen und sozialen Strukturen anzutasten. Natürlich kollidiert diese Absicht mit den geschichtlichen Entwicklungslinien des Islam, dessen religiöse Institutionen im Allgemeinen autokephalisch, also selbstständig gewesen sind; durchaus vergleichbar der Organisation der orthodoxen Kirchen. Der deutschen Öffentlichkeit liegt viel an einer romantisch-nationalistischen, kulturalistischen, begrifflich eng gefassten Vorstellung von Identität. Die Rechte hat stets diese historistische Tradition bevorzugt, um den Begriff Klasse und andere Kategorien ­sozialer Unterscheidung auszuhebeln (die barbarischste Ausprägung dieses historistischen Einheitsmythos war der Nationalsozialismus, der Identität an „Rassen­zuge­hö­rigkeit“ knüpfte).


In der Bundesrepublik ist die Situation dadurch gekennzeichnet, dass alle – Xenophobe ebenso wie Xenophile, Nationalisten, Partikularisten, Anhänger eines Multikulturalismus – in der Kaminecke sitzen oder die Feuilletonseiten der Tageszeitungen füllen und darum wetteifern, die von ihnen hypostasierten kulturellen Unterschiede als angeboren, unüberbrückbar und nicht kommunizierbar zu betrachten.

Da der Begriff „Rasse“ nicht mehr verantwortet werden kann, wird die Kategorie „Kultur“ zum Instrument sozialer Unterscheidung. Beide Kategorien arbeiten mit demselben Vorrat impliziter Annahmen über die Gesellschaftsstruktur. Im Falle Deutschlands wird dieser Paradigmenwechsel durch eine gemeinsame, ererbte Vorstellung von Schuld befördert, an die das Bildungswesen und die Medien im Laufe der letzten 65 Jahre eine Generation nach der anderen gewöhnt haben.


Wer eine pietistische Haltung dem Alten Testament gegenüber hegt, wird diesen Schuldbegriff mühelos mit der Vorstellung eines Fluchs verknüpfen, der viele Generationen eines Geschlechts oder einer Sippe treffen kann. Eine nationale Gemeinschaft kann demnach um den Komplex einer untilgbaren Kollektivschuld herum errichtet werden. Nach dem gleichen Bauprinzip können andere imaginierte Gemeinschaften auf der Grundlage eines primitiven, ununterbrochen spaltenden Sozialdarwinismus konstruiert werden.

Demokratie in der Bibel

Man beachte, dass der jetzige deutsche Innenminister, der aus Deutschland stammende Papst, Anders Behring Breivik, Thilo Sarrazin und viele andere, darunter Teilnehmer der EU-Verfassungsdiskussion, in historistischen Begriffen von einer unterstellten jüdisch-christlichen Tradition sprechen, die den Islam ausschließt und zum unvergleichbaren Einzelphänomen macht. Dabei ist die gegenwärtig bemühte jüdisch-christliche Tradition ein Begriff jüngeren Datums: Geschichtlich betrachtet – die vielen Akademiker, die diesen Begriff unreflektiert verwenden, sollten es besser wissen – sind jüdisch-christliche Phänomene auf Sekten beschränkt, die in den ersten drei oder vier Jahrhunderten unserer Zeitrechnung existierten, oder es handelt sich um theologische Fragen des Verhältnisses von Altem und Neuem Testament.

Der wissenschaftlichen Rede von jüdisch-christlichen Phänomenen entspricht keine ethnologische Realität. Die neumodische Begriffsgarnitur ist eng verbunden mit dem politischen Philosemitismus und, besonders in Deutschland, mit einer dem Pietismus entsprungenen Buß-und-Bet-Mentalität. Gespeist von der Kraft dieses Philosemitismus verkörpert sich das Konzept einer jüdisch-christlichen Tradition in unterschiedlich dosierter Islamophobie. Würde man die historischen Traditionen korrekt benennen, erhielten sie die Bezeichnungen „jüdisch-muslimisch“ und „islamo-jüdisch“. Die jüdisch-christliche Tradition ist ein politischer Wunsch, eine ideologische Trope. Sie entspringt einem falschen Bewusstsein, der Verkennung des imaginierten kollektiven Selbst und dessen „Anderem“.

Von besonderem Interesse ist der Gebrauch dieser Trope und der komplementären Islamophobie. Was genau soll es bedeuten, wenn man behauptet, Deutschland habe jüdisch-christliche Wurzeln? Der Anachronismus ist atemberaubend, zumal sich niemand gefunden hat, der den verwirrten Beobachter freundlicherweise darüber informiert, welche biblischen Beweistexte die üblichen Schlagwörter wie Demokratie, individuelle und kollektive Freiheit, Vernunft und die Gleichberechtigung der Geschlechter enthalten.

Phantasmagorie „Islam“

Sicherlich ist dieser historistische Kurzschluss keine weiterführende Argumentationslinie. Es ist genauso leicht, exotische Bilder von Deutschen und anderen Nordeuropäern zu entwerfen, die den Urwald, den Männerbund, die Raubzüge der Wikinger, Metgelage und dergleichen mehr bemühen, wie von Arabern zu sprechen, indem man die Wüste heraufbeschwört, oder von Muslimen, indem man Bilder aus dem 7. Jahrhundert aufruft.

Aussagekräftiger sind folgende Fakten: Ägypten, Syrien und der Irak waren zu einer Zeit freiheitliche, demokratische Staaten, als Deutschland von den Nationalsozialisten beherrscht wurde; auch wenn die demokratischen Systeme dieser Länder instabil waren, wurden sie nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt, wie gefährdet auch immer. Die syrischen Frauen durften wählen, bevor den Französinnen dieses Recht 1944 zugestanden wurde, von der Schweiz ganz zu schweigen. Das späte Osmanische Reich (s. A-Z S.32) schuf konfessionsunabhängige Bildungseinrichtungen zu einer Zeit, als Katholiken und Juden in Oxford und Cambridge nicht zugelassen wurden. Auch haben muslimische Autoritäten – wie der Protestantismus, aber im Gegensatz zur orthodoxen und zur katholischen Kirche – eine moderne und liberale Strömung angeregt, die noch vor kurzem vorherrschend war und auch jetzt nicht versiegt ist.

Politische, soziale und kulturelle Verhältnisse sind Produkte von Geschichte, nicht eines unveränderlichen Nationalcharakters; dennoch wird der Islam – indirekt – als Nation behandelt, als Ethnie, als totale Gemeinschaft. Ihm werden in erstaunlichem Maße Konstanz, Kontinuität und Homogenität zugeschrieben. Diese Phantasmagorie „Islam“ ersetzt die wirklichen historischen Akteure, die Muslime, oder besser gesagt diejenigen, die in muslimische Familien hineingeboren werden. Verschleiernde Ignoranz bleibt übrig, wenn man hochkomplexe und veränderliche Gesellschaften auf „Kultur“ reduziert, Kultur auf Religion und Religion auf ein Buch.

Klasse, Beruf, schulischer Erfolg

In einem Akt beinahe absichtlicher Verkennung erzeugt man eine „Gemeinschaft“ – ein kurioser Begriff, der im deutschen Diskurs hohes Ansehen genießt. Dem Erkennen von sozialen und kulturellen Tatsachen scheint eine allzu menschliche Kirchspiel-Mentalität Widerstand zu leisten, die in unterschiedlichem Maße von überheblicher Xenophobie durchsetzt ist. Dabei sind die aus mehrheitlich muslimischen Ländern stammenden Personen als Bürger in Deutschland Teil des lokalen sozialen und ökonomischen Gewebes – und stärker unterschieden durch Klasse, Beruf, schulischen Erfolg, politische Orientierung, als dass sie ein, wie es in einer verzerrten Optik heißt, „Migrationshintergrund“ einte. Dass auch von diesen Menschen ein Teil zum Lumpenproletariat zählt, ist nichts, was sie von „reinblütigen“ Deutschen unterscheidet.

Der entscheidende Punkt ist, dass diese Subkulturen durch Religion zusammengehalten werden können, aber nicht müssen. Sie können sich hinreichend definieren über Regelverstöße, soziale und wirtschaftliche Ressentiments, sich beflügeln lassen von Rap, Drogen und illegalen Geschäften. Die Unruhen in den Pariser Banlieues haben das vor einigen Jahren deutlich gezeigt. Genauso kommen die „reinblütigen“ deutschen Unterschichten ohne Religion aus und werden durch Hardrock, Arbeitslosigkeit, Bildungsmisere und rechtsextreme Ideologien zu einer eingeschworenen Gemeinschaft. Zudem belegen Statistiken aus einer Vielzahl europäischer Länder, dass der Grad an religiöser Strenge unter Bürgern mit muslimischem Hintergrund mit dem nationalen Muster des jeweiligen Landes übereinstimmt. Die Annahme, Muslime seien in ihren Herkunftsländern von Geburt an in besonderem Maße der Frömmigkeit ergeben, hat keine empirische Grundlage.

Die Umwandlung der in vielschichtigen Wirklichkeiten handelnden Muslime in ausschließlich religiös definierte Personen und Gemeinschaften, in Super-Muslime, ist nicht allein den Bedingungen in Europa geschuldet, die Muslime, die keinerlei religiöse Ambitionen haben, dazu gebracht haben, sich selbst als Teil einer „islamischen Kultur“ zu sehen (ein unbrauchbarer Ausdruck, ist der Islam doch keine Kultur, sondern in vielen Kulturen zu Hause). Auch die Akzeptanz eines defensiven, apologetischen, die eigene Identität verbürgenden Begriffs vom Islam lässt sich dadurch erklären. Einige Muslime haben sich zweifellos zu Komplizen dieser Entwicklung gemacht. Dieser Vorwurf muss jenen Muslimen gemacht werden, die mit obskuren Argumenten die Befolgung des religiösen Rituals und nicht die Staatsbürgerschaft zur Identitätsfrage stilisiert haben. Somit entsteht ein identitätspolitisches Kampffeld im Zeichen der Partikularität.

Polemik in der Endlosschleife

Exhibitionistische religiöse Strenge, die Selbst-Stigmatisierung durch die Übernahme diskriminierender Embleme (wie eine bizarre Garderobe), Unterstützung für die Programme radikaler Islamisten, streitsüchtige Forderungen nach einer schulischen Ausnahmebehandlung für Mädchen, eine infantile Dünnhäutigkeit gegenüber – teilweise provozierten – Beleidigungen dienen der öffentlichen Inszenierung und garantieren Polemik und Debatten in der Endlosschleife.

Man sollte beachten, dass diese Manifestationen eines Unbehagens nicht auf Europa beschränkt sind, sondern eine Herausforderung auch für die arabischen Länder mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung darstellen. Es handelt sich um neuartige Erscheinungen, die in starkem Maß durch den bis vor kurzem weitgehend bedeutungslosen und nur regional verankerten Wahhabismus (s. A-Z S.32) beeinflusst werden. Sowohl die weltweiten identitätspolitischen Auseinandersetzungen als auch die Krisen, die diese erst hervorgerufen haben, befeuern diesen „islamischen“ Identitätspartikularismus. Im Übrigen trägt das weltweite Erstarken eines sozialen Konservatismus sein Scherflein dazu bei. Das Bizarre der Äußerungen liegt auf der Hand: Radikal identitäre Subkulturen haben sich immer schon Zeichensystemen der Differenz bedient – Hakenkreuze, Bärte, Reizwirkungen durch höchst primitive historische Symbole sind vom selben Kaliber.

Die Emblematik der Differenz wird historistisch sublimiert mittels der Begriffe eines jüdisch-christlichen Erbes und eines Clash of Civilisations. Diese Sublimation, die Ahmet aus Ankara ausschließt, ist aber nichts anderes als eine Luxusausgabe der subkulturellen Identitätspolitiken.


Aziz Al-Azmeh
, geboren 1947, ist Professor für Islamstudien und historische Anthropologie im Fachbereich Mediävistik an der Central European University in Budapest





Dieser Text ist Teil der Freitag-Sonderausgabe 9/11, die der Perspektive der arabisch-muslimischen Welt auf die Terroranschläge und ihre Folgen gewidmet ist. Durch einen Klick auf den Button gelangen Sie zum Editorial, das einen ausführlichen Einblick in das Projekt vermittelt. In den kommenden Tagen werden dort die weiteren Texte der Sonderausgabe verlinkt

Übersetzung: Sigrun Baumann, Erik Gutendorf

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14:00 09.09.2011

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