Kurioser Kniefall

Frankreich Jacques Attali, einst Berater des sozialistischen Präsidenten Mitterrands, befremdet die Deutschland-Euphorie des Wahlkämpfers Sarkozy. Er setzt auf François Hollande

Sanduhren sind seine Leidenschaft. Im oberen Teil einer Sanduhr könnte man die vergangene, im unteren die verbleibende Zeit sehen, erklärt Jacques Attali. Und alles ließe sich per Hand stoppen oder umdrehen. In seinem Pariser Büro, Avenue de Messine, sind nur wenige der mehr als hundert Sammlerstücke ausgestellt. Zeit? Der ehemalige Berater des sozialistischen Präsidenten François Mitterrand scheint in diesen Wahlkampfzeiten nicht viel davon zu haben. „Nicht mehr als eine halbe Stunde“ hat seine Sekretärin nach mehreren Terminverschiebungen zugebilligt.

30 Minuten sind eine Ewigkeit für den gefragten Attali, der beim Reden auf seinem Blackberry tippt. Der Mann zählt zu den mächtigsten Männern Frankreichs und seinen brillantesten Köpfen. Ökonom, Schriftsteller, Professor, Bankier. Der Absolvent von gleich drei der renommiertesten Eliteschulen des Landes, 1943 im damals französischen Algerien geboren, ist alles gewesen: „Sherpa“ von Mitterrand, Direktor der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), Gründer der humanitären Organisation Action contre la Faim und Chef der auf Mikrokredite spezialisierten Firma PlanetFinance. 55 Bücher hat der hyperaktive Attali geschrieben, darunter eine Biographie von Blaise Pascal, einen Essay über die Liebe, ein Lexikon des Judentums, Kriminalromane, Theaterstücke und sogar ein Märchen für Kinder. 2010 erlebte man ihn als Orchesterdirigenten. Jede Woche kann man seine Leitartikel in L’Express lesen. Ein typischer Intellektueller, wie man ihn nur in Frankreich findet? „Das sollen die anderen beurteilen“, sagt er mit einem Hauch falscher Bescheidenheit. „Ich würde keine bessere Definition finden“, fügt er schließlich hinzu.

Spitzensteuersatz 75 Prozent

Ein paar Tage vor unserem Treffen hat Attali seine Unterstützung für François Hollande, den Kandidaten des Parti Socialiste (PS), öffentlich gemacht. Ein logischer Schritt für den Mann, dem Hollande viel zu verdanken hat: „Ich habe ihn ins öffentliche Leben eingeführt“, erzählt Attali. Im Wahlkampf von 1981 wurde der elf Jahre jüngere Hollande zum Assistenten Attalis. Aus dem großen Schatten Mitterrands freilich – Tonton genannt – mussten beide erst einmal heraustreten.

„Heute stehen die Linken vergleichsweise besser da“, so Attali, der die Sozialisten als Familie bezeichnet, aber kein Parteimitglied ist. Mitterrand habe 1981 die Präsidentenwahl überraschend gewonnen; heute führe das linke Lager viele Städte und Departements. Ist die lange Durststrecke nach dem Abgang des ehemaligen Premiers Lionel Jospin vorbei, der es 2002 beim Präsidentenvotum nicht ins Stechen mit Amtsinhaber Jacques Chirac schaffte? Haben die Querelen jener Jahre zwischen den „Elefanten“ und den Jüngeren keine Spuren hinterlassen? „Im Augenblick haben wir eine pragmatische, mit Hochkarätern besetzte Partei“, weist Attali jeden Zweifel über den Zustand des PS zurück.

Seine Parteinahme für den nicht sonderlich charismatisch auftretenden Hollande bezeugt auch das Scheitern von Sarkozys „Strategie der Öffnung“. 2007 hatte der Präsident eine „Kommission zur Förderung des Wachstums“ berufen und den einstigen Mitterrand-Getreuen mit der Leitung beauftragt. Für manchen Linken grenzte das an Verrat. Attali erinnert sich: „Die Kommission war gemischt, links und rechts, Franzosen und Ausländer“. Wie viele andere auch, die sich von der „Öffnung“ seinerzeit locken ließen, achtet Attali heute auf Abstand zu Sarkozy.

Die Bilanz des Präsidenten bleibt für ihn dürftig, es gebe zu wenig Haushaltsdisziplin: „Wir hatten vorgeschlagen, die Reduzierung der Staatsverschuldung zur Priorität zu erheben und 90 Milliarden Euro zwischen 2010 und 2012 einzusparen“. Die Regierung habe das Ziel nicht nur verfehlt, sondern auch eine ganze Reihe von Reformen nicht umgesetzt, die Attali als „dringend notwendig“ empfand. Sie sollten Arbeitsmarkt, Bildung, Industrie und Wohnungsbau gelten. Da der Elysée dies kaum ernst genommen habe, werde 2012 „tragisch“ verlaufen. Angesichts maroder Finanzen sollte man nach der Wahl auf das Schlimmste gefasst sein. Ob dies Grund genug sei, Millionäre mit einem Spitzensteuersatz von 75 Prozent zu besteuern, wie es Hollande vorschwebt, sieht Attali skeptisch. Dies sei nicht realisierbar, andererseits symbolisch wichtig, um die Botschaft zu verbreiten: Alle werden die Ärmel hochkrempeln müssen, um Frankreich aus der Wirtschaftskrise zu helfen.

Leicht theatralisch

Attali glaubt nicht an eine deutsche Hegemonie in Europa. Es gebe kein Modell Deutschland, wie es seit Monaten in den Pariser Salons bemüht werde. Damit ist Sarkozy gemeint: Der hatte Deutschland so überschwänglich gelobt, dass Angela Merkel als neue Strippenzieherin der französischen Politik erschien. Diese Euphorie missfiel den Franzosen, so dass Nicolas Sarkozy bei seiner Deutschland-Euphorie inzwischen dezenter intoniert. „Deutschland sollte sich nichts vormachen“, meint Attali und wird fast pathetisch: Es sei eine Frage von Leben und Tod, sich die eigenen Schwächen vor Augen zu führen. „Das deutsche Finanzsystem ist in einem sehr schlechten Zustand, die Demographie besorgniserregend“. Die Wettbewerbsfähigkeit des großen Nachbarn basiere auf einem Trick: Die Ausnutzung der EU-Dienstleistungsrichtlinie, die es erlaube, Polen wie andere Osteuropäer unter unwürdigen Bedingungen arbeiten zu lassen.

Und brauche man nicht eine neu justierte Europapolitik und die Erinnerung an Pro­tagonisten von einst? „Kohl und Mitterrand haben Vorschläge gemacht, die dem jeweils anderen zuerst absurd erschienen“. Er denke an Schengen: „Ich war im Büro von Mitterrand, als Kohl völlig überraschend seinen Wunsch anmeldete, die Grenzkontrollen abzuschaffen. Wir haben es getan!“ Ähnlich sei es mit der Währungsunion oder der deutsch-französischen Brigade gelaufen. „Seit 15 Jahren gibt es niemanden mehr, der Ideen hat“, klagt Attali. Ein europäischer Föderalismus bleibe dennoch sein Credo. Hollandes Vorschlag, Wachstum zur Priorität Europas zu machen, stimmt Attali zu. Doch die Perspektive sei wichtiger. Ohne föderale Struktur – mit dem nötigen Budget, Kredit- und Investitionsmöglichkeiten – sei der Euro zum Dahinsiechen verdammt. Attali wünscht sich entweder eine Finanztransaktions- oder eine CO2-Emissionssteuer, deren Erlöse „nicht dazu da wären, leichtsinnig Geld auszugeben, sondern Investitionen zu finanzieren“. Der Föderalismus biete dafür eine Garantie: „Die EU kann nicht am Scheideweg stehen bleiben. Wenn wir uns nicht einigen, werden wir uns trennen“, sagt er wieder etwas theatralisch. „Deutschland und Frankreich kann es nur gemeinsam gut gehen.“

Jacques Attali, den die Zeitschrift Foreign Policy zu den 100 wichtigsten „public intellectuals“ der Welt zählt, gehört zweifellos zur Spezies brillanter Allrounder, die sich zu fast allen Themen äußern dürfen – dem Spott der Universitätsprofessoren und dem Neid anderer Medienstars zum Trotz. „Es ist meine Mission in diesem Land die Wahrheit zu sagen – meine Wahrheit.“ Ein gutes Schlusswort. Attalis innere Sanduhr signalisiert wohl, es ist Zeit, sich zu verabschieden. Und die Sanduhr der französischen Politik? Man wird sie – so hofft er – am Abend des 6. Mai umdrehen können.

Claire-Lise Buis ist freie Autorin und pendelt zwischen Berlin und Paris

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11:00 15.04.2012

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