Lacharbeit, organisierte

BERLINER ABENDE Dass nun endlich zur Trauerarbeit die Lacharbeit sich gesellt! Wer wäre berufener als die vielfach geprüfte, verehrungswürdige große Bachblüte der ...

Dass nun endlich zur Trauerarbeit die Lacharbeit sich gesellt! Wer wäre berufener als die vielfach geprüfte, verehrungswürdige große Bachblüte der Tierbefreiung und Vollwertkost, insbesondere Wiederaufköchin der altrömischen Dinkelsuppe, Barbara Rütting, Schauspielerin mit den schwarz umrandeten Augen, die uns Buben dereinst durchaus die Säfte natürlich ausquellen ließ, an Amerika scheiternd mit aufgepulsten Schnittadern, später beinahe zerbrechend an österreichischer Nockerldumpfheit, mit dem großartigen Projekt eines Ökodorfes auf der Grundlage von wie gesagt Dinkelsuppe (altrömisch), verraten von den Menschen, gerettet von ihren treuen Wuscheln, hochgerappelt zur Bestsellerin, Gesundheitsberaterin, immer noch träumend vom Dorf friedlicher Körndlfresser, wer also wäre berufener als sie, die schon vor Jahren beim Osho Bawanerl in Poona das sinnlose Lachen lernte, aber auch das selbstlose Weinen und das menschenfreundliche Schweigen, ohne Rücksicht auf Falten, Säcke und Gesichtslähmung -, wer also wäre berufener als sie, die wegweisenden, ja endlösenden Worte an die Versammlung auf dem Alexanderplatz zu richten: "Habt Ihr schon einmal zwei lachende Menschen gesehen, die aufeinander schießen?" Und wirklich, niemand hatte dergleichen je gesehen. Und sogleich scholl der immer noch ungewöhnlich fesch daherkommenden Hochbetagten ein HO-HO ... nein, nicht HO-TSCHI-MINH, ach wo ach wo, sondern friedenskonsequent HA-HA-HA entgegen. HO-HO-HA-HA-HA, im berüchtigten Takt. Denn es ist der 6. Mai, der Welt-Lachtag. Der fünfte. Aber erstmals in Berlin. Im Freien. Und das Wetter ist beschissen. Doch Bolle ist Bolle.

Rund um die Welt lachen an diesem Tag Tausende, wenn nicht Millionen. In Indien und Australien, in Schweden und Amerika ... Jetzt auch hier, mit den Lachtrainerinnen Silvia und Josefine, mit der therapeutischen Freifrau Mia, dem Obertonlacher Mirco und dem einzigartigen Lachchor krumm schief unter der Leitung von Thomas. Endlich gibt es wieder was zu verdienen (Lachchor-CD, DM 39,00), pardon, was zu lachen. Und es sei ein altes Motto der verehrten großen Bachblüte, entnommen den Weisheiten des Bischofs Camara, wie Träume zur Wirklichkeit werden, leicht variiert: "Wenn einer lacht, bleibt es ein Lachen -, wenn viele lachen, beginnt das Lachen Hysterie zu werden." Ach, wenn die vornehmlich reifen Damen vom HO-HO-HA-HA-HA zum Gackern der Hühner voranlachen, die angewinkelten Ärmchen artig zu flatternden Flügelchen geknickt, wenn die Schminke reißt und das Puder stiebt, die Gackertränen aus den Augenwinkeln spritzen, dann fällt der Betrachter schier in die Abgründe, die sich hinter solcher Notdurft verbergen.

Dem indischen Arzt Madan Kataria haben wir diese Arbeit des grundlosen Lachens zu verdanken. Tausende organisiert er, so steht es geschrieben, seit sechs Jahren in Bombay zur gemeinsamen Massage der Innereien. Und nun schießen die Lachklubs aus der globalen Trübsal.

Sofort rumort Irritation. Leben wir nicht in der Spaßgesellschaft? Grinst uns nicht jeder Arsch aus Politik Pop unverhohlen an. Herrscht nicht längst ein Grimassieren jenseits aller Schmerz- und Schamgrenzen, so wie es jetzt, von den Ärobictalenten auf der Bühne abgefordert und davor bereitwillig vollzogen wird, das Löwenlachen, wo wir die Sau rauslassen, die Mäuler aufreißen, die Zähne zeigen, brüllen, was die Haushaltsstimmbändchen hergeben, die belegten Stresszungen raushängen lassen, als wäre Nina Hagen nie geboren?

Ganz falsche Fragestellung. Hier geht´s ja gerade nicht um ein situatives, witzgesteuertes Lachen. Auch keine Lachensvortäuschung. Hier wird ein aus diversen Therapien hinlänglich bekannter Weg gegangen: Etwas, das wir verloren haben, wird aus seinem Zubehör evoziert. Hier aus den Muskelkontraktionen. Wir hauen uns nicht auf die Schenkel, weil wir lustig sind, sondern wir hauen uns solange auf die Schenkel, bis uns komisch wird oder der Notarzt kommt.

Aber ist das nicht längst das verabscheuungswürdige Handwerk von Raab Konsorten?

Vierhundert Mal lacht ein dummes Kind am Tag - wann heult es bloß? Der Erwachsene noch fünfzehn Mal. Alarmistische Zusammenbruchsmeldung. Aber ist das nicht mehr als genug?

Wenn sie morgens ganz schlecht drauf ist, sagt die wunderbare große Bachblüte, dann holt sie den Lachhammer raus. Dann fliegt ihr die Zunge aus dem Mund, sie schüttelt den Kopf hin und her und stößt spitze Schreie aus. Es klingt wie Indianer, die besoffen unter die dampfenden Eisenelche gefallen sind.

Da wenden sich die letzten Kids mit Grauen.

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00:00 11.05.2001

Ausgabe 42/2021

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