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Erziehung Viele Frauen sind nicht in der Lage, zwischen sich und ihren Töchtern zu unterscheiden. Die Auswirkungen sind sehr oft dramatisch und halten ein Leben lang vor

Ich wurde von meiner Mutter täglich harsch kritisiert“. „Ich wurde nicht wahrgenommen.“ Trauer, Wut und Scham sind es, die Töchter von Müttern mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung empfinden. Die Verletzungen sind bereits in der Kindheit immens, die Schäden oft irreparabel. Emotionale und physische Gewalt bestimmen ihren Alltag.

„Töchter narzisstischer Mütter sind in der Regel permanenter Kritik seitens der Mutter ausgesetzt. Das beeinträchtigt deren Selbstbewusstsein und Selbstentwicklung erheblich“, erklärt Gerti Schön, deutsch-amerikanische Psychologin und Autorin des Buches The Gentle Self („Das behutsame Ich“). „Diese Mütter können ihre Töchter lediglich als Teil ihres Selbst verstehen, sie sind nicht in der Lage, ihr Kind als eine unabhängige Person wahrzunehmen.“ Als Kind versuche die Tochter, sich den Bedürfnissen der Mutter unterzuordnen. In der Pubertät gebe es dann Machtkämpfe, denen oft ein Kommunikationsstillstand folgt. Passt sich die Tochter auch als Erwachsene weiterhin an, bleibt sie im Wirkungsbereich der Mutter und verliert häufig ihre Eigenständigkeit als Frau. Solche Töchter haben in der Regel keine Kinder und oft nicht einmal einen Partner, weil die Mutter das schwer dulden kann. Die Töchter leiden häufig unter „Depressionen, Suchtverhalten, Angstzuständen, Zwangsstörungen. Sie sind mitunter suizidgefährdet“, erklärt Schön. Es brauche Zeit, bis die Frauen sich eingestehen können, dass sie es mit einer Mutter zu tun haben, die sie nicht lieben kann. Manche beginnen dann eine Therapie.

Geprügelte Prinzessin

Alex Hernandez*, 33,
Key-Account-Managerin, Deutschland

„Das Verhältnis zu meiner leiblichen Mutter war von extremen Stimmungsschwankungen geprägt. Ich konnte mich unter keinen Umständen auf sie verlassen. Das habe ich früh verinnerlicht. Sie war willkürlich, die Beziehung war schmerzhaft und von Liebesentzug bestimmt. Meine Mutter hat mich und meine Brüder geschlagen. Sie hat uns immer das „Hernandez-Pack“ genannt – nach dem Nachnamen meines Vaters. Einmal war Karneval, aber ich hatte kein Kostüm. Ich kam unter Tränen in den Kindergarten und wurde gehänselt. Ich kam nach Hause und habe noch mehr geweint. Meine Mutter ging also los und kaufte ein Prinzessinnenkleid. Am nächsten Tag zwang sie mich unter Schlägen, dieses Kleid anzuziehen. Natürlich wurde ich im Kindergarten wieder gehänselt, denn ich war das einzige Kind mit Kostüm an diesem Tag. Bis heute empfinde ich Hass – aber natürlich hat auch sie ihre eigene Geschichte. Ich mache seit zehn Jahren Therapie.“

Völlige Überforderung

Gabi Wagner*, 45,
Stimmpädagogin, Deutschland

„Die Mutter-Kind-Rolle war seit meiner Kindheit vertauscht. Ich musste mich immer so verhalten, dass sie bei Laune gehalten wurde. Das war stressig als Kind. Ich wurde in meinen grundlegenden emotionalen Bedürfnissen nicht wahrgenommen. Ich war sehr früh für vieles selbst verantwortlich. Gesehen hat sie meist nur, wenn ich sehr laut wurde, wenn ich krank war oder ins Krankenhaus musste. Oder wenn ich etwas tat, was in ihre Lebens- und Interessenwelt passte. In all meinen anderen Begabungen wurde ich wahrgenommen wie ein bunter Fisch, den man kurz bestaunt und sich dann schnell Wichtigerem zuwendet. Mittlerweile habe ich die „Mutterrolle“ abgegeben, weil ich mich innerlich stark von ihr gelöst habe. Heute sehe ich ihr Verhalten als völlige Überforderung ihrerseits. Wahrscheinlich hat sie selbst narzisstische Kränkungen erlebt.“

Die Geschichten dieser Töchter werden in Deutschland meist verharmlost oder gar nicht erst gehört. Das „Opfer sein“ wird ihnen abgesprochen. Der Mythos der „liebenden Mutter“ ist im westlichen Kulturkreis stark verwurzelt. Mütter haben ihre Kinder zu lieben. Die französische Philosophin Elisabeth Badinter decodierte in L’ amour en plus von 1980 (deutsch: Die Mutterliebe, 1981) die Mutterliebe als eine von der Aufklärung seit Rousseau „erfundene und propagierte“ Empfindung. Im Wesentlichen sei sie ein Konstrukt, um „emanzipatorische Impulse von Frauen zu unterdrücken“. Eine gute Mutter sei eine, die die richtige Distanz zu ihrem Kind halten könne.

Die Psychologin Susan Forward schreibt in Büchern wie Wenn Mütter nicht lieben von einer „klaffenden Mutterwunde“und fordert noch mehr Offenheit für ein Phänomen, das in den USA schon länger debattiert wird.

Die Fachzeitschrift Psychology Today widmete sich jüngst den Geschichten der Töchter, erklärt Krankheitsbilder, Symptome und Behandlungsmethoden. Wissenschaftliche und populäre Ansätze werden dabei verknüpft. Die Zeitschrift geht auch darauf ein, warum Söhne weniger betroffen sind: Töchter identifizieren sich mehr mit der Mutter, sehen sie stärker als Vorbild. Psychology Today hat in den USA eine bemerkenswerte Reichweite: 3,8 Millionen Leser (davon knapp 63 Prozent Frauen), rund sechs Millionen „Likes“ auf Facebook und 387.000 Twitter-Follower.

Heiliges Schweigen

Elizabeth Davis*, 52,
Kunstlehrerin, USA

„Als ich Teenager war, war es furchtbar. Meine Mutter war entweder neugierig-penetrant – sie fragte mich beispielsweise permanent, ob ich schon masturbiere – oder ignorierte mich völlig. Sie hat mir lange keinen BH gekauft. Als ich zum ersten Mal meine Periode bekam, weinte sie hysterisch. Sie hat ständig mit ihren Partnern vor meinen Augen rumgemacht. Die Rolle der Mutter ist immer noch sakrosankt. Es ist tabuisiert, Mütter zu kritisieren. Die amerikanische Gesellschaft versucht uns, die Töchter, mit Scham zum Schweigen zu bringen. Die meisten Menschen können es nicht nachvollziehen, dass eine Mutter ihre Kinder verletzt. Mir wurde unzählige Male gesagt, ich würde übertreiben, ich sei „zu sensibel“, ich benähme mich „wie ein Opfer“ oder ich sei „unfair zu meiner Mutter“. Das waren natürlich die gleichen Dinge, die meine Mutter mir immer wieder erzählte, um mich ruhigzustellen. Frauen können wütend sein und gewalttätig – auch Mütter.“

Manipulationsmeisterin

Kristin Martinez*, 31,
Psychotherapeutin, USA

„Ich wurde von meiner Mutter als Kind täglich harsch kritisiert. Es war immer schlimmer, wenn mein Vater nicht zu Hause war. Wenn ich ihr Widerworte gab, wurde sie wütend. Verteidigte ich mich, erzählte sie, ich schlüge sie, auch meinem Vater. Sie war eine Meisterin der Manipulation. Einmal lernte ich multiplizieren, da war ich ungefähr acht Jahre alt. Es fiel mir nicht leicht. Sie geriet in Rage. Wie ich das nicht verstehen könne? Sie riss an meinem Haar und schlug meinen Kopf auf den Tisch. Ich hasse Mathe. Ich bin jetzt Psychotherapeutin, weil ich Betroffenen helfen will, sich selbst zu verstehen. Ich arbeite mit Menschen, die an einer Persönlichkeitsstörung leiden, und mit deren Angehörigen. Ich reise durch die USA und halte Vorträge über die Warnsignale, die misshandelte Kinder aufzeigen. Ich habe wunderbare Kinder, die ich stark mache und denen ich sage, dass sie mich korrigieren sollen, wenn ich komisch werde. Ich lobe sie, wenn sie es tun.“

Selbsthilfegruppen finden in den USA mittlerweile Zulauf. Laut der Webseite meetup.com, einem digitalen Treffpunkt für Menschen, die sich zu den verschiedensten Anlässen verabreden wollen, tauschen sich allein in einer Stadt wie San Diego mittlerweile 1.071 Betroffene über ihre Erfahrungen mit narzisstischen Eltern aus. Weltweit gibt es momentan 121 Gruppen in 92 Städten mit rund 17.450 Betroffenen.

Die Wissenschaft unterscheidet zwischen narzisstischen Persönlichkeiten und der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Es handle sich beim Narzissmus um eine „Grundeigenschaft des Menschen“, so Professor Hans-Jürgen Wirth, Psychotherapeut aus Gießen. „Man hat Distanz zu sich selbst und auch einen Bezug zu sich selbst, weil der Mensch über sich nachdenkt.“ Dabei komme es auch schon mal zu Selbstüberschätzung oder Minderwertigkeitsgefühlen, damit müsse sich jeder Mensch auseinandersetzen, nur so entstehe ein Selbstbild. „Narzissmus ist also nicht per se pathologisch“, so Wirth. „Problematisch wird es, wenn ein zu starkes oder zu geringes Selbstwertgefühl besteht.“ Der Betreffende könne dann nur schwer Abstand von der eigenen Person gewinnen, in diesem Fall könne man von einer „narzisstischen Störung“ sprechen.

Info

* Alle Namen wurden geändert

06:00 13.03.2019

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