Lasst viele Quellen sprudeln

Atompläne am Bosporus Die Türkei will der nuklearen Gemeinschaft beitreten

Der äußerst lange und harte Winter, argumentiert der türkische Energieminister Hilmi Güler, zeige: Die Stromversorgung des Landes müsse auf mehrere Quellen verteilt werden. Derzeit deckt die Türkei 41 Prozent ihres Energiebedarfes über Erdgas (in Deutschland sind es knapp 30 Prozent) - eine Achillesferse, so der Minister; denn nur durch den Schiffsimport algerischen Erdgases hätten seit Januar Stromausfälle vermieden werden können.

Nun sollen zehn Prozent der wachsenden Energienachfrage durch die Atomkraft gesichert werden. Dazu plant die Regierung, bis zum Jahr 2012 drei Atomkraftwerke mit einer Gesamtkapazität von rund 5.000 Megawatt zu errichten. Als mögliche Standorte gelten Akkuyu an der Mittelmeerküste, Konya und Beypazari in Zentralanatolien sowie Sinop an der Schwarzmeerküste. Minister Hilmi Güler vermied es bisher tunlichst, sich auf einen Standort festzulegen, denn auch in der Türkei rufen diese Absichten Gegner auf den Plan.

Schon im November 2005 opponierten die Anti-Nukleer Cephe (ANC / Anti-Nuklear-Plattform) und die Grünen auf einem energiepolitischen Kongress gegen den Eintritt des Landes in die Nukleargemeinde. Am 17. Februar 2006 ging die ANC in Istanbul an die Öffentlichkeit, die Aktivisten verteilten Flugblätter, entrollten Transparente und zogen in Schutzanzügen und mit Gasmasken zum Taksimplatz. Eine Woche später trafen sich alte und neue Atomkraftgegner, um eine Aufklärungskampagne über die Gefahren der Atomkraft zu initiieren. Getragen wurde der Kongress von der Türkischen Umweltplattform, dem Berufsverband der Umweltingenieure und Greenpeace. Mit Unterstützung durch die Heinrich-Böll-Stiftung wird am 1. April ein Folgekongress in Ankara stattfinden.

Stromaufwärts von Euphrat und Tigris

Die Pläne, in der Türkei ein Atomkraftwerk zu bauen, gehen zurück auf die sechziger und siebziger Jahre. Mehrfach schrieben Regierungen Projekte aus, zuletzt machten sich die gemeinsame Tochter von Siemens und Framatome, die Nuclear Power International (NPI), der amerikanische Konzern Westinghouse sowie die kanadische AECL Hoffnung auf den Zuschlag. Einen einstweiligen Dämpfer erfuhren diese Ambitionen, als am 25. Juli 2000 der damalige Regierungschef Bülent Ecevit nach einer Ministerratssitzung erklärte, die geschätzten Kosten von 4,5 Milliarden Dollar gefährdeten den Staatshaushalt. Seinerzeit erwies sich der Plan, in Akkuyu ein AKW zu errichten, als am weitesten fortgeschritten - trotz der erhöhten Erdbebengefahr in der Region Mersin (diese Bedrohung liefert traditionell ein starkes Argument gegen den Bau von Atomkraftwerken in der Türkei). Der Protest blieb nicht aus: Alle Bürgermeister der Region wehrten sich gegen den Standort Akkuyu, die Landbevölkerung ging auf die Straße.

Energiepolitisch und -strategisch stützt sich das Land bisher auf Wasser und Gas. Durch seine Lage am Oberlauf der Flüsse Euphrat und Tigris gibt es enorme Wasserreserven: Die Türkei betreibt 135 Wasserkraftwerke mit einer Produktionskapazität von 12.600 Megawatt, weitere 41 befinden sich im Bau. Langfristig will man zusätzliche 500 Wasserkraftwerke errichten und damit die Stromproduktion auf rund 20.000 Megawatt erhöhen. Das zeitigt geopolitische Folgen; denn der stromabwärts gelegene Anrainer-Staat Syrien hängt zu 93 Prozent vom Euphratwasser ab (der Irak entgegen anderslautenden Erklärungen nur zu 30 Prozent vom Tigriszufluss).

Negativ zu Buche schlägt bei solchen Großprojekten die nötige Umsiedelung ganzer Dörfer. Zudem kommt es zu Verkarstung, einbetonierte Landschaften entstehen, und Kulturdenkmälern droht die Flutung. Von Vorzeigemodellen wie dem viel gerühmten "GAP-Projekt" in Südostanatolien darf man sich nicht blenden lassen; dort wird das zur Zeit weltgrößte Bewässerungs- und Energievorhaben betrieben.

Ganz oben auf der Liste der umstrittenen Wasserprojekte rangiert derzeit wegen der erwartbaren Sedimentierung der Ilisu-Staudamm an der syrischen Grenze. Doch dürfte der Schlamm immer wieder zum Turbinenausfall führen.

Gas bezieht das Land hauptsächlich aus Russland, das über die 2003 fertiggestellte Schwarzmeerpipeline "Blue Stream" 65 Prozent des türkischen Verbrauchs deckt. Um Abhängigkeiten zu vermeiden, schloss Ankara Lieferabkommen unter anderem mit Algerien, Iran und Nigeria, weitere sollen folgen. Denn das innertürkische Gasnetz wird stetig ausgebaut, ein wachsender Bedarf ist die Folge. Zudem versteht sich die Türkei auch als Transitland: Durch den Bau einer Pipeline nach Griechenland und Italien wird der Anschluss an den südeuropäischen Gasring realisiert. Eine zusätzliche Verbindung über Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich ("Nabucco-Projekt") soll die weitere Anbindung an das europäische Netz gewährleisten.

Regenerative Energieträger kommen kaum zum Einsatz. Nennenswert sind bisher allein die geothermischen Kraftwerke - Solarenergie wird in erster Linie in der Mittelmeerregion und in den touristischen Zentren für die Warmwasserbereitung genutzt. Doch sollen Wind und Sonne gefördert werden, wie es ein Gesetz zur Nutzung der Erneuerbaren Energie vom 10. Mai 2005 vorsieht.

Alte Leitungen und offene Fenster

Der Pro-Kopf-Verbrauch an Energie in der Türkei entspricht zur Zeit nur 25 Prozent des vergleichbaren Wertes in Deutschland. Doch bei einem projizierten durchschnittlichen Wachstum des türkischen Bruttosozialprodukts von fünf bis sechs Prozent erwartet man einen Anstieg des Energieverbrauchs von sieben bis acht Prozent jährlich - das könnte ab 2012 ein Energiedefizit nach sich ziehen. Diese Prognose führt Energieminister Güler denn auch als Hauptargument für den Bau der Atomkraftwerke ins Feld.

Wer auf den Wachstumsmarkt Energie in der Türkei blickt, sieht auch: Vordringlich gilt es, die Energieeffizienz zu steigern. Hier gibt es ein bisher vernachlässigtes, aber umfassendes Marktsegment, das Chancen für eine deutsch-türkische Zusammenarbeit eröffnet. Welche Möglichkeiten bestehen, wirtschaftliches Wachstum und steigenden Energiebedarf zu entkoppeln, zeigt sich schon im Alltag: Heizungen lassen sich oft nicht regulieren, die Zimmertemperaturen regelt man, indem man die Fenster öffnet. Die veralteten Leitungsnetze sorgen für enorme Übertragungsverluste.

Zudem pflegt die Türkei einen Mythos, der auch in Entwicklungsländern gängig ist. Demnach verweise ein steigender Energiebedarf auf wirtschaftliches Wachstum.

Warum also setzt die türkische Regierung auf die Atom-Karte? Sollen Anreize für Investoren geschaffen werden, pokert die Regierung um Zuschläge wie Hermesbürgschaften? Oder will Ankara die Eintrittskarte in die nukleare Gemeinschaft lösen - mit all ihren Grauzonen, in denen ziviles und militärisches Know-how verschwimmen, wie man es dem Nachbarn Iran gerade vorhält? Die Türkei bliebe allerdings weit entfernt von einer militärischen Nutzung, ihr fehlen die Urananreicherung und Wiederaufarbeitungstechnologien. Es mangelt zudem an einer geeigneten Infrastruktur, um nukleare Abfälle angemessen behandeln zu können.


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00:00 07.04.2006

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