Lauras Kekse, Teresas Sprüche

US-Wahlkampf Die Ehefrauen der Präsidentschaftskandidaten sind so verschieden, wie es Republikaner und Demokraten nie sein werden

Würzige Kürbiskekse oder Haferplätzchen mit Schokoladenstückchen? Alle vier Jahre werden die Ehefrauen der Präsidentschaftskanditaten von der Zeitschrift Family Circle aufgefordert, rechtzeitig zu den Wahlen und zur Holiday-Season ihre aktuellen Backrezepte für Kekse bekannt zu geben. Laura Bushs Oatmeal-Chocolate Chunk Cookies gegen Teresa Heinz Kerrys Pumpkin Spice Cookies - welche Kekse schmecken besser? Natürlich wird sofort über den Zusammenhang von Backrezept und dem Ausgang der Wahlen spekuliert. Klarer Fall: das Keksrezept verrät schon jetzt, wer ab November Präsident der Vereinigten Staaten sein wird. Nämlich der Mann, dessen Frau die besseren Cookies backen kann.

Der Unterschied zwischen Teresa Heinz Kerry und Laura Bush könnte nicht deutlicher sein, als beim Thema Plätzchenbacken. Laura Bush traut man am Backofen uneingeschränkte Autorität zu. Teresa Heinz Kerry schreibt zwar ihre Reden selbst, wie vor einem Monat auf dem Parteitag der Demokraten bewiesen, aber wahrscheinlich nicht ihre Backrezepte. Haben die Rezeptdeuter recht, sieht es im November für Kerry wohl düster aus.

Doch Amerika ist gespalten. Wenn das umstrittene Wahlergebnis vor vier Jahren überhaupt etwas aussagte, dann das. Worin diese Spaltung im Moment allerdings besteht, außer der Haltung gegenüber der Person des Präsidenten selbst, ist nicht immer leicht zu sagen. Sicher, es gibt die sozialen Themen, Abtreibung und Homo-Ehe, bei denen sich Republikaner und Demokraten traditionell voneinander unterscheiden. Doch gerade im Kampf um die Wählerstimmen der Mitte verschwindet in der Präsentation der großen Parteien fast jeder Unterschied. Während sich die Demokraten auf ihrem Parteitag republikanischer als die Republikaner zeigten, dominierten jetzt umgekehrt beim republikanischen Parteitag in New York die liberalen Stimmen der Konservativen, wie die von Giuliani, Bloomberg oder Schwarzenegger.

Deutlich unterscheiden sich Demokraten und Republikaner allerdings, wenn man einen Blick auf die beiden potenziellen First Ladies wirft. Nichts scheint gegensätzlicher als die Rolle von Frau Bush im Vergleich mit der von Frau Heinz Kerry. Ironischerweise gehörten beide jeweils einmal der gegenerischen Partei an - wie übrigens auch Hillary Rodham Clinton -, doch in diesem Jahr präsentierten sich die unterschiedlichen Gesichter von Demokraten und Republikanern nirgendwo deutlicher als in den Rollenbildern, die von den möglichen First Ladies verkörpert werden.

First Ladies in den USA haben zwar kein politisches Mandat, aber eine symbolische Bedeutung, erst recht seit der Amtszeit des ersten Präsidenten des Fernzehzeitalters und seiner Frau Jacqueline Bouvier Kennedy Onassis. Zwar können nicht alle so charismatisch und charmant sein wie Jackie oder so hochbegabt wie Hillary Rodham Clinton. Doch die unvermeidliche Intimität von Privatem und Politischem im Weißen Haus-Haushalt, verkörpert durch die Person der Präsidentenfrau, führt in Amerika immer wieder zur Paranoia. Immerhin, es geht um die Frage, wer das mächtigste Land der Erde regiert. Brauchen wir keine Präsidentin Rodham Clinton, weil wir sie in Wirklichkeit schon hatten? Und wann genau begann eigentlich Ronald Reagans Alzheimer, fragte sich eine amerikanische Öffentlichkeit, nachdem man die Krankheit nicht länger verschweigen konnte. Wurden amerikanische Regierungsgeschäfte schon seit Mitte der Achtziger von Nancys astrologischen Beratern geführt?

Wegen Laura Bush muss man sich in dieser Sache keine Sorgen machen. Laut forbes magazin ist sie nach Condoleeza Rice zwar die zweitmächtigste Frau der USA, wird sie aber nach ihrem Interesse für Politik gefragt, antwortet sie: "Ich bin gern mit Menschen zusammen. Ich reise gerne durch das Land." Zwar gibt George W. gönnerhaft zu, dass er, was Bildung betrifft, genauso wie Schwarzenegger, der mit einer Kennedy zusammen ist, "jenseits seiner Klasse" geheiratet habe, wie dieser Glücksfall einzuordnen ist, bleibt für ihn jedoch ohne Zweifel: "Ich denke, Laura sollte ein Thema sein. Denn es zeigt, was für ein gutes Urteil ich habe." Die Qualitäten der Frau als Spiegel des männlichen Narzissmus.

Lauras Qualitäten sollen vor allem praktischer Natur sein, damit sich darin wiederum das bodenständige Image ihres Ehemanns reflektieren kann. Das von ihrer Schwiegermutter Barbara Bush in aristokratischer Ambition angeschaffte und dann von Hillary Clinton weggeräumte wertvolle Porzellan im Weißen Haus wurde nicht wieder hervorgekramt. Denn es war ihr erklärtes Ziel, dass bis 2003 sämtliches Geschirr im Weißen Haus spülmaschienfest sein sollte. Ihre Kosmetik kauft sie im Drogeriemarkt. Den amerikanischen Medien bieten bloß die beiden Töchter Stoff für Klatsch.

Lauras eingefrorenes "Mona Lisa Smile" verwandelt sich nicht wie bei Julia Roberts im gleichnamigen Film vom mysteriösen Lächeln in die emanzipatorische Bekundung des eigenen Standpunkts, sondern bleibt vor allem eins: still. Lächeln heißt hier Mund halten. Und wie Frau Bush kürzlich im TV-Interview zusammen mit ihrem Mann bei Larry King wieder demonstrierte, spricht sie nur, wenn sie gefragt wird, zum Beispiel wie es den Kindern gehe. Konservative Kommentatoren werten das als Klasse.

Laura Bush ist nach Hillary Rodham Clinton die zweite Frau eines amerikanischen Präsidenten, die einen Abschluss jenseits des College-Degrees hat. Nachdem sie als Grundschullehrerein arbeitete, machte sie ihren Master´s Abschluss in Bibliothekswissenschaften. Bildung und vor allem die Bekämpfung von Analphabetismus sind ihre Themen, was wie Ironie anmutet, wenn man an all die Veröffentlichungen denkt, die das Sprachvermögen des amtierenden Präsidenten dokumentieren. Aber Frau Bush hat auch einen sehr eigenen Literaturbegriff. Wenn sie einlädt, um Emily Dickens, Langston Hughes und Walt Whitman zu diskutieren, lautet ihr Statement: "es gibt nichts Politisches an der amerikanischen Literatur". Keine Rede davon, zum Beispiel, dass alle der drei genannten Schriftsteller homosexuell waren.

Laura Bush hält sich mit ihrer Meinung zurück, nicht nur wenn es um Literatur geht. "Er ist derjenige, der im Oval Office sitzt, nicht ich." Worüber reden die beiden "Bushies", wie sie sich angeblich gegenseitig gern nennen, denn daheim? "Es gibt eigentlich kein besonderes Thema, mit dem wir viel Zeit verbringen, wahrscheinlich weil er den ganzen Tag lang die Gelegenheit hat, dies mit jemandem zu tun, der ein viel größerer Experte in der Sache ist als ich." Eine Ausnahme hinsichtlich ihrer Zurückhaltung macht die First Lady seit kurzem bei der Stammzellenforschung. Hier springt sie für ihren Mann in die Bresche, denn das Thema, bei dem sich medizinische und ökonomische Hoffnung auf der einen Seite und moralische und religiöse Bedenken auf der anderen gegenüber stehen, droht die Republikaner zu spalten.

Nicht nur im kommunikativen Verhalten ist für Frau Bush klar, wo ihr Platz ist. Die Sprache der Bilder, auf denen das Ehepaar zusammen gezeigt wird, ist genauso deutlich. Sie geht ein paar Schritte hinter ihm. Sie blickt ihn an, von unten nach oben, sein Blick richtet sich aus dem Bild heraus, eine Macht, die sie nicht hat. Der Mann an ihrer Seite sagt es so: "Sie versucht nicht, sich ins Rampenlicht zu drängen." Das fällt besonders auf, wenn auch das Titelbild ihrer Biografie nach diesem Muster arrangiert ist: The Perfect Wife, so der Titel des Werkes, gibt sich dann auch gar keine Mühe mehr, so zu tun, als ginge es in Wirklichkeit um etwas anderes als den Präsidenten.

Die Bush-Administration, so wurde ihr von The Nation bescheinigt, erscheint in ihrer Präsentation mehr noch als alle vorherigen Regierungen orchestriert. Laura Bushs Platz ist der einer perfekten Präsidentschaftsgattin. Perfekt im Sinne der Stepford-Wives, jener Vorstadt-Hausfrauen in der gleichnamigen Satire auf die Kastrationsängste, die die Frauenbewegung vor über 30 Jahren hervorrief. Für den vom Feminismus verunsicherten Mann ist die perfekte Ehefrau ein Roboter. In der Inszenierung politischer Macht der Republikaner scheint das der für Laura Bush vorgesehene Platz zu sein: ein Stepford-Wife.


"Shove it!" mit "Steck´s dir sonstwo hin" zu übersetzen, ist eigentlich ein Euphemismus, denn wo die Sache hingesteckt werden soll, ist klar. Seit dem demokratischen Parteitag vor einem Monat wird Teresa Heinz Kerry mit diesem Spruch charakterisiert, den sie gegenüber einem nervigen Reporter losließ. Sie kann, wenn sie will, sehr deutlich werden: "Wollen Sie noch vier weitere Jahre in der Hölle?", war ihre knappe Antwort, auf die Frage, warum man die Republikaner abwählen sollte.

Solche Sätze bringen der Witwe des Ketchup-Konzern-Bosses Heinz und Ehefrau von John Kerry in den USA Kommentare ein, die das Benehmen von Frau Bush als Benimm-Standard voraussetzen. Ein loses Mundwerk habe sie, eigensinnig sei sie. Selbst für die PR-Leute der Demokraten gilt sie als Image-Risiko. Ein Abgeordneter der eigenen Partei scherzte, ob wir nicht einen Präsidenten John Kerry haben könnten und eine First Lady Laura Bush? Kerrys Vize John Edwards bat sie immerhin, doch bitte nicht immer gleich alles zu sagen, was sie denkt. Man könnte ihre Direktheit, die Amerikaner hauptsächlich unhöflich finden, allerdings auch europäisch nennen.

"Vertritt ein Mann seine Meinung", konterte Heinz Kerry uneingeschüchtert, "gilt er als klug und informiert, eine Frau hingegen als vorlaut". Beifall bekommt sie von der früheren First Lady Rodham Clinton, die aus Erfahrung weiß, wie weibliche Selbstsicherheit in der amerikanischen Öffentlichkeit abgestraft wird: "You go girl!", rief sie Teresa Heinz Kerry ermutigend zu. Gegenüber dem sprachlosen Lächeln Laura Bushs, muss eigentlich alles, was aus ihrem Mund kommt, als Provokation erscheinen.

Und sie hat noch mehr zu bieten. Teresa Heinz Kerry spricht fünf Sprachen. Nicht nur ihr Auftreten, auch ihre Biografie ist der von Laura Bush entgegengesetzt. Während der Lebensweg der Frau des amtierenden Präsidenten kaum aus Texas herausführte, wuchs die Portugiesin Heinz Kerry in Mosambik auf, studierte in Südafrika und der Schweiz, und arbeitete dann als Dolmetscherin für die UNO in New York.

Teresa Heinz Kerry wäre die erste First Lady, deren Muttersprache nicht Englisch ist. Ein deutliches Zeichen in Zeiten, in denen Homeland Security die amerikanische Politik bestimmt, und die Bush-Administration außenpolitisch wenig diplomatisches Interesse zeigt. Heinz Kerry erinnert schon als Persönlichkeit daran, dass wirtschaftliche und kulturelle Erfolge der USA bis heute auf der Einwanderungspolitik beruhen. Die Stärke Amerikas liegt in seiner Multinationalität - ist Heinz Kerry Europäerin, Afrikanerin oder Amerikanerin? - und nicht in der ländlichen Idylle texanischer Farmen begründet. Was sich hier gegenüber steht, ist die Welt von Dallas und Denver-Clan auf der einen Seite und die Welthauptstadt New York auf der anderen. Bewunderer von Kerrys Frau sagen, sie hätte die Qualitäten einer Film-Diva, zu den Zeiten als Hollywood noch großes Kino machte. Ach ja, schön sei sie auch und sehr, sehr sexy.

Offen spricht Heinz Kerry über ihre Botox-Behandlungen, die mittlerweile wie der Friseurtermin für wohlhabende Amerikanerinnen jenseits der Wechseljahre zum Alltag gehören. Jenes Amerika, das immer noch von einer Präsidentin Rodham Clinton träumt, ist vom ungenierten Selbstvertrauen Teresa Heinz Kerrys begeistert. Unter den Stepford-Wives des Mittleren Westens hingegen gewinnt sie kaum Freundinnen. Bisher ist sie laut Umfragen bei den Amerikanerinnen insgesamt nur halb so populär wie Laura Bush.

Während Mrs. Bush lächelt und nickt, wenn der Präsident spricht, sieht Mrs. Heinz Kerry schon mal zerstreut aus, wenn ihr Mann am Mikrofon steht, rauft sich das ohnehin schon wilde Haar oder, noch schlimmer: sie langweilt sich. Solche Beobachtungen illustrieren für einen Teil der amerikanischen Öffentlichkeit eine noch schockierendere Tatsache. Heinz Kerry ist mit 65 nicht nur fünf Jahre älter als ihr zweiter Ehemann, sondern auch stinkreich. Als Erbin des Heinz-Imperiums zählt sie zu den wohlhabendsten Frauen Amerikas. Das verletzte Selbstwertgefühl amerikanischer Männer muss angesichts so viel weiblicher Unabhängigkeit und Macht sofort wieder mit einem frauenfeindlichen Witz beruhigt werden: jedesmal wenn Kerry mit seiner Ehefrau im Schlafzimmer verschwindet, betreibe er, so wird gelästert, Fundraising.

Die phallische Frau oder die Frau als bemitleidenswertes Geschöpf, das den jüngeren Mann aushält, wie nur alternde Männer es gegenüber jungen Frauen tun dürfen: Dies sind bisher die Abwertungs-Strategien, mit denen ein männliches, irritiertes Amerika auf Teresa Heinz Kerry reagiert und wie im Kino davon träumt, weiter Stepford-Wives zu produzieren.

Hat die gespaltene Gesellschaft der USA genug Power für diese Power-Frau? Oder wird sie lieber vier weitere Jahre lang still auf den Hafer-Plätzchen von Laura Bush kauen?


00:00 03.09.2004

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