Leben ohne Anschluss

Gestrandet Die Verwundbarkeit sozialer Lebensläufe reicht bis weit in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft hinein. Von einer Unterschicht zu sprechen, greift zu kurz

Unterschicht - führt der Begriff ins Zentrum der sozialen Problematik in unserem Land sowie in solchen, die ihm ähneln? Ich denke, nein, und finde, dass die Metapher der Analyse zumeist die falschen Wege weist.

Wo es ein Unten gibt, da gibt es auch ein Oben und zwischen beiden eine Mitte, die die Extreme aneinander bindet und den gesellschaftlichen Zusammenhalt verbürgt - in guten Zeiten. "Nur auf die Mitte erstreckt sich die ganze Macht der Gesetze; sie sind gleich ohnmächtig gegenüber den Schätzen des Reichen und dem Elend des Armen; ersterer vereitelt sie, letzterer entzieht sich ihnen; der eine zerreißt den Vorhang, der andere geht mitten durch." So sah es Rousseau in seinem Artikel Economie ou Oeconomie, den er für Diderots Enzyklopädie schrieb, und so in etwa verstand sich auch die alte Bundesrepublik: als "nivellierte Mittelstandsgesellschaft", als ein Gemeinwesen, das sich um eine robuste, gut situierte Mitte scharte, zu der der Facharbeiter ebenso gehörte wie der Rechtsanwalt - hier konnte der "Verfassungspatriotismus" sozial vor Anker gehen.

Und heute?

Nehmen wir den Fall der Akademikerin mit bildungsbürgerlichem Familienhintergrund, die alle Forderungen erfüllte, die eine hochmobil gewordene Gesellschaft an sie gerichtet hatte: breit gefächertes Studium in den Geisteswissenschaften, langjähriger Auslandsaufenthalt, erst in Frankreich, dann in Israel, Abschluss mit gleich zwei Diplomen, einem französischen und einem deutschen; dann promovierte sie. Ihre Hoffnungen auf eine erfolgreiche Hochschullaufbahn erfüllten sich trotzdem nicht, und so beginnt sie, inzwischen Ende Dreißig, wie viele ihresgleichen, zu fragen, was sie hätte anders machen können, machen müssen, um ihrem Leben die gewünschte Richtung zu vermitteln.

War es klug, so viele Jahre im Ausland zu verbringen, von den persönlichen Kontakten in Deutschland abgeschnitten? Hätte sie diese Beziehungen, ohne die kaum eine akademische Karriere gerät, früher und intensiver pflegen müssen? Aber hieß es nicht immer: tummelt euch zeitig in der Welt, lernt Sprachen und sammelt Erfahrungen in anderen Kulturen, das kann nur euer Vorteil sein? Gerade diese Klugheitsregel hatte sie befolgt, allzu penibel, möglicherweise. War sie vielleicht ein Jahr zu lang unterwegs? Oder gar zwei? Sie findet darauf keine Antwort, so wenig wie auf die zweite Frage: War es ein jetzt kaum wiedergutzumachender Fehler, ihren Kinderwunsch Mal um Mal auf später zu vertagen? Dabei verhielt sie sich auch hier der Norm gemäß, dem Durchschnitt ganz entsprechend, wie die meisten ihrer Mitbewerberinnen um feste Stellen im universitären Feld. Ein Kind bekommen mitten in der Anlaufphase, das klang nach sicherem Chancentod. Nun wird auch dieser Wunsch begraben. Bleibt eine letzte Frage: Soll sie im Rennen bleiben, das Glück zu zwingen suchen, und wenn ja, wie lange noch? Oder wäre jetzt nicht der Augenblick, schonungslos Bilanz zu ziehen und andere Wege einzuschlagen? Schwer zu sagen.

Die Frau, und das ist das Beklemmende, scheitert nicht nur mit ihren beruflichen Erwartungen; sie scheitert auch bei dem Versuch, darüber Klarheit zu gewinnen, in Form einer Erzählung, die ihr rückblickend Gewissheit über etwaige Versäumnisse und Fehlgriffe gäbe und sie in den Stand setzte, Schlussfolgerungen für ihr weiteres Leben abzuleiten, darunter solche, von der Frauen in derselben Lage profitieren könnten.

Ihr Bericht, den ich dem Band Gesellschaft mit begrenzter Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag (herausgegeben von Franz Schultheis und Kristian Schulz) entnehme, ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich.

Zunächst ist er ein Beleg dafür, dass die Verunsicherung, die Verwundbarkeit sozialer Lebensläufe unterdessen bis weit in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft reicht und dort ganz analoge Gefühle auslöst wie weiter unten: Ich mag mich noch so eifrig mühen, dem Idealbild des "flexiblen Menschen" zu entsprechen, zuletzt muss ich mir eingestehen - es war vergeblich, für alle reicht es nicht, zumindest nicht für mich. Warum die Dinge diese Wendung nahmen, ich weiß es nicht. Es gibt, so will es scheinen, Auserwählte und Verstoßene des beruflichen Gelingens; wer zu jenen zählt und wer zu diesen, folgt aus dem blinden Ratschluss einer unbarmherzigen sozialen Gnadenwahl; wir alle, die Glücklichen wie die Gestrandeten, sind Calvins jüngste Kinder.

Das Elend dieser tiefgreifenden Desorientierung samt der damit einhergehenden biographischen Drift einer präzise eingrenzbaren sozialen Unterschicht zuzuschreiben, und nur ihr allein, greift viel zu kurz, das ist der zweite Punkt. Was sich hinter unserem Rücken auflöst, und zwar quer durch die Gesamtgesellschaft, ist der überprüfbare Zusammenhang zwischen Mühe und Lohn, zwischen dem, was wir zugunsten unserer Pläne unternehmen, und dem, was wirklich daraus folgt. Unser soziales "Heil" ist nur mehr negativ bestimmt. Was wir vermeiden müssen, um nicht zu scheitern, davon besitzen wir eine ungefähre Vorstellung; was unsere Wünsche effektiv befördert und verwirklicht, liegt zunehmend im Dunkeln. "Knapp 74 Prozent der Befragten aus unterer Soziallage und 62 Prozent der Befragten aus mittlerer Soziallage finden ›alles so in Unordnung geraten, dass man nicht mehr weiß, wo man eigentlich steht‹ ... Viele Menschen wissen nicht mehr, nach welchen Regeln in dieser Gesellschaft gespielt wird." (Siehe den Bericht Auf dem Weg in eine inhumane Gesellschaft von Wilhelm Heitmeyer und Sandra Hüpping in der Südddeutschen Zeitung von 21./22. Oktober 2006)

Drittens: Die gescheiterte Akademikerin befindet sich nicht exakt in derselben Situation wie der ungelernte Arbeitslose, dennoch teilen beide, bezogen auf je ihren Aktions- und Wahrnehmungsraum, dieselbe deprimierende Erfahrung: Sie finden keinen gesellschaftlichen Anschluss, keine Stelle und daher auch keinen geachteten Platz in der Gesellschaft. Sie begegnen sich, um eine treffende Formulierung Robert Castels aufzugreifen, gleichermaßen "sozial Entkoppelte", als Menschen ohne besondere Verwendung, sozial "kw"-gestellt (="kann wegfallen"). Ob aus dieser objektiven Gemeinsamkeit mehr folgen kann als nur geteilter Kummer, stille Wut, in die sich, den "Herren der Arbeit" zum Vergnügen, wechselseitige Vorbehalte mischen ("arbeitsunwillige Faulpelze", "arrogante Bürger"), wer wollte, die bezwingende Logik der politischen Spaltung des Gemeinsinns tagtäglich vor Augen, darauf ernstlich hoffen?

Alles Unglück, das die uns vertraute soziale Welt für Menschen bereithält, versammelt sich bei denen mit der geringsten Mitgift: bescheidene, oftmals ärmliche Lebensumstände, familiäre Bildungsdefizite, die sich in der Schule fortpflanzen und potenzieren, soziale Enttäuschungen, die von einer Generation zur nächsten übergehen und schließlich in eine tiefsitzende Müdigkeit münden, bei der das Selbst vorauseilend vor den Herausforderungen der Welt kapituliert: Ich werde, was ich bin, ein hoffnungsloser Verlierer, nichts und niemand wird daran etwas ändern, und daher trage ich auch keine Scheu, die mir zugedachte Rolle eines Taugenichts und Tagediebs zu spielen.

In einem Gemeinwesen, in dem die soziale Vererbung dermaßen grassiert wie in dem unseren, in dem das Mittelalter stündlich neue Triumphe über die Moderne feiert, ist das eine durchaus plausible Haltung. Keinen Platz in der Gesellschaft zu finden, ist das eine, ihn gar nicht erst anzustreben, das andere; dort, wo beides zusammenkommt, konzentriert sich die neue Unterschicht, hier decken sich Begriff und Wirklichkeit. Die alte Unterschicht rekrutierte sich vorwiegend aus den Reihen derer, die die am schlechtesten bezahlten und am wenigsten anerkannten Positionen im Erwerbssystem innehatten, aus demselben Grund aber noch einen Teil des großen Ganzen bildeten, obschon einen in jeder Hinsicht untergeordneten. Die gibt es, unterdessen mit dem Namen Working Poor versehen, immer noch, und ihre Zahl ist angeschwollen. Der neue soziale "Bodensatz" speist sich dagegen hauptsächlich aus Menschen, die noch jenseits dieser Grenze residieren, weil sie selbst für unwürdige Formen der Lohnarbeit nicht länger in Betracht kommen.

Statt diese unendliche Resignation von innen aufzubrechen, durch Offerten materieller wie kultureller Art, die einen Wiedereintritt in die Mehrheitsgesellschaft erstrebenswert und realistisch erscheinen lassen, arbeitet das politische System mit Eifer daran, die neue Unterschicht in ihrer Perspektivlosigkeit zu bestätigen. Mehr als das. Ökonomisch und sozial bereits weitgehend abgehängte Menschen unter Umstände zu versetzen und öffentlich vorzuführen, mit denen wir Glücklicheren um keinen Preis tauschen wollen, ist das erklärte Ziel, ist allgegenwärtige Praxis der staatstragenden Politik in diesem Land. Ihr durch und durch schäbiges Leitbild ist der Pauper des frühen Industriezeitalters - willkommene Projektionsfläche der heimlichen Ängste sowie der offenen Verachtung des kleinen und des großen Bürgertums. Wer sich noch halbwegs auf der anderen Seite wähnt, wird, angesichts der bürokratisch zelebrierten Lebensverlegenheit der "Verlierer" (Stichwort: Hartz-Gesetze), seine eigenen Anstrengungen, "dazuzugehören", verdoppeln und verdreifachen.

Bis in die achtziger Jahre hinein vollzog sich die soziale Integration der Menschen weitgehend im Schlepptau ihrer Einbeziehung ins Erwerbssystem. Soziale Integration war ökonomische Integration, in den arbeiterlichen Gesellschaften des Ostens durchgängig, in den Arbeitnehmergesellschaften des Westens in hohem Grade. Dieses Junktim ist nun aufgespalten, aufgelöst - mit schon jetzt zum Teil verheerenden Konsequenzen in postsozialistischen Gefilden. Und die Gewitter ziehen schnell gen Westen. Auf der Tagesordnung, und zwar der ganz persönlichen, von vielen Millionen von Menschen ganz oben steht die Wiederaneignung des eigenen, ökonomisch gesehen "überflüssigen" Lebens. Einigen wird das gelingen und gelingt es heute schon, und blickt man auf ihre bewunderungswürdigen, hier und da auch dokumentierten Versuche, sich an den eigenen Haaren aus dem wirtschaftlichen Sumpf zu ziehen, bekommt man Zweifel an der Treffgenauigkeit des Wortes "Unterschicht". Nur dürfen geglückte individuelle Rettungsunternehmen nicht als Alibi für eine pflichtvergessene Sozial- und Bildungspolitik herhalten - das hieße, den Mut und die Erfindungsgabe dieser "Selbsthelfer" gezielt zu missbrauchen.

Was Not tut, ist eine frühzeitige und systematische Befähigung heranwachsender Menschen zur Gestaltung ihres Lebens, zur Selbstregierung, mit und ohne Arbeit, dazu, sich zu motivieren, mit sich und anderen etwas "anfangen" zu können, und sei es in der Leere der Lohnarbeitsgesellschaft. Wenn Stelle und Funktion in weite Ferne rücken, hängt alles davon ab, in sich selbst den archimedischen Punkt aufzufinden, der das Dasein in eigener Regie neu ordnet. Aller Anfang ist schwer, je stärker und ausschließlicher der Lebensentwurf auf den Beruf fixiert ist, desto schmerzlicher gestaltet sich der Abschied von der vermeintlichen Normalität. Aber irgendwann heißt es für jeden und jede "hic Rhodos, hic Salta", verschlissene Träume stets aufs neue ausstaffieren oder springen.

Vor einer derart grundsätzlichen Entscheidung steht die promovierte Akademikerin. Am Ende ihres Berichts freundet sie sich versuchsweise mit dem für sie radikalen Gedanken an, ihre Interessen, ihre intellektuellen Leidenschaften auch ohne den Ruf einer Universität weiterzuverfolgen, mit wenig Geld und unter Verzicht auf offizielle Anerkennung:

"Ich dachte früher, das geht so auch durch meine bürgerliche Erziehung, da geht so eine Linie durch mein Leben, du machst eine gute Ausbildung und machst dann vielleicht noch die Promotion, und dann geht es, mündet es in einen ›guten Beruf‹ ein. Inzwischen sehe ich aber, dass diese Bewegung gar nicht mehr von so vielen Menschen realisiert werden kann und dass es ganz andere Formen gibt, zu leben, und, ja, also ganz andere Dinge sich entwickeln können."

Erst wenn alle oder doch fast alle eine solche Entscheidung geistig gut gerüstet und ökonomisch angstfrei treffen können, verdient unsere Gesellschaft das Attribut "human".

Wolfgang Engler, geboren 1952 in Dresden, Soziologe, ist Rektor an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin. Zuletzt erschien von ihm Bürger ohne Arbeit im Aufbau Verlag, Berlin 2005.


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00:00 27.10.2006

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