Lediglich heilige Scheiße, salopp gesprochen

Ein dreifaltiges who is who Gott gibt es nicht. Aber wer sind Weihnachtsmann und Christkind?

I. Ich bin der Weihnachtsmann. Natürlich nicht. Da sowieso niemand mehr an den Weihnachtsmann glaubt, kann ich es gar nicht sein. Zugegeben, ich werde oft mit ihm verwechselt, dabei bin ich in Wirklichkeit bloß der liebe Gott. Und - um endlich einmal die Wahrheit zu sagen - ich habe das alles nicht gewollt. Die Erde war ein Missgeschick von mir. Habe bloß das Licht angeknipst, Darm und Blase entleert, und weil mir langweilig und sonst nichts da war - auch ein Gott will schließlich nicht ständig die eigenen Extremitäten beanspruchen, das ist auf die Dauer ziemlich monotheistisch - hab ich ein bisschen mit meinen Exkrementen gespielt. Ist doch nichts Anrüchiges, lediglich Heilige Scheiße, salopp gesprochen. Nur dann musste ich ziemlich niesen, und - Hatschi - waren sie da, diese kleinen Rotzbengel. Hat mich selbst erstaunt, dass so was überhaupt möglich ist. Man lernt eben nie aus als Gott.

Anfangs fand ich es ganz witzig, wie diese Menschlein so nackt durch den Garten gehüpft sind, auf die Dauer war´s jedoch langweilig. Kein Anflug von rebellischer Kreativität funkelte in ihnen, nichts, was sie als selbständig ausgewiesen hätte. Vielleicht, dachte ich, fehlt ihnen bloß ein Verbot, gegen das sie verstoßen können. Also habe ich zu ihnen gesagt: "Seht den Baum dort", den ich übrigens ›Baum der Erkenntnis‹ genannt habe, dabei war´s bloß ein verkrüppeltes Bäumchen, dessen Früchte nicht sonderlich schmackhaft waren, "von dem sollt ihr nicht essen". Haben sie dann auch nicht. Wie langweilig muss man eigentlich noch sein, dass man nicht das Verlangen hat, von verbotenen Früchten zu naschen? Musste ich mich also als Schlange verkleiden und ihnen einzischen, dass sie - verteufelt nochmal! - etwas verpassen würden, wenn sie sich nicht ´ne ordentliche Portion Erkenntnis abpflücken würden. Und als sie dann endlich zu dieser ungeheuren Straftat bereit waren, haben sich die Menschlein doch tatsächlich nackt gefühlt. Welch Erkenntnis!

Langweilig fand ich sie trotzdem weiterhin.

Da hilft es auch nicht, wenn sie mich lobpreisen, huldigen oder gar anbeten. Und dann - das ist eigentlich das Schlimmste - die ganze Zeit dieses Geseiere anzuhören, das ist wirklich kaum auszuhalten. Und dann sind sie wahrlich zu weit gegangen. Mir ein Kind unterzuschieben, war schon sehr dreist! Ich konnte es auch kaum glauben, schier unvorstellbar schien mir das. Ich bin der liebe Gott, der liebe Gott, wie soll ich denn - bitteschön - Kinder kriegen? Kann mir das mal jemand erklären?! Mit dem Heiligen Geist oder was? Das ist ein Geist, den kann man sowieso nie erkennen.

Außerdem ist es extrem impertinent, mich ausgerechnet für diesen mittelmäßigen, zugefuselten Handwerker mit fortgeschrittener Todessehnsucht verantwortlich zu machen! Also da hatte ich dann wirklich die Schnauze voll. Ich hoffe, sie haben bemerkt, dass ich seit zweitausend Jahren nicht mehr heruntergefunkt habe. Und wenn mal jemand von ihnen bei mir angeklingelt hat, bin ich einfach nicht rangegangen.

Nur neulich hat mich die Sehnsucht gepackt. Da wollte ich nachschauen, wie´s denn zugeht auf der guten alten Erde. Und was musste ich sehen?! Die Menschlein haben gelernt! Sie brauchen mich gar nicht mehr, um sich das Leben schwer zu machen. Nur eine Sache, die nehme ich ihnen ebenfalls übel: Dass sie mich mit dem Weihnachtsmann verwechselt! Dabei gibt´s den doch gar nicht. Die Menschen sind einfach zu töricht.


II. Gestatten, Gott. Klingt doch gut. Irgendwie ehrfurchtheischend. Gestatten, Gott, der liebe Gott, ein Opfer bitte, gegrillt, nicht verbrannt. So könnte ich mich den ganzen Tag lang vorstellen, wahr ist es trotzdem nicht. Um ehrlich zu bleiben: Ich bin der Weihnachtsmann. Aber mit der Wahrheit ist das so ´ne Sache: Mir will keiner glauben. Da muss ich mir schon einen roten Mantel überziehen und ein Pfund Engelshaar unters Kinn pappen, damit mich die Leute wenigstens für einen falschen Weihnachtsmann halten. Dabei ist es schrecklich erniedrigend, rumlaufen zu müssen wie der liebe Gott, bloß weil Anfang der dreißiger Jahre einer bei Coca-Cola mich so gezeichnet hat. Und das, ohne mich zu kennen.

Komisch, dass sich die Menschen immer ein Bild von mir machen müssen. Mal hieß es, ich hätte einen tiefen Hut mit breiter Krempe, eine Kniehose und paffte Pfeife. Ein anderes Mal galt ich plötzlich als pausbäckiger, pummeliger Kobold. Auch nicht gerade charmant. Aber wie eine Werbeträger für Pubertätspickelwasser rumzurennen, ist furchtbar, weil ich so ständig mit dem lieben Gott verwechselt werde.

Und dann schaffe ich es nicht mehr, alle Kinder mit Nüssen und Äpfeln zu beglücken. Meine Besuche verlaufen eher stichprobenartig. Doch sie laufen, wenn auch manchmal etwas schief, wie letztes Jahr bei den Mitzkes. Konnte ja nicht ahnen, dass ich bei einem katholischen Priester vorbeischaue. Meine Intuition hatte mir lediglich eingegeben, dass ich dort ein bedürftiges Kind vorfinden würde.

Ich klopfe also spät abends bei Pastor Mitzke an, es dauert recht lange, bis er mir öffnet und mich reichlich skeptisch mustert. "Ja? Kann ich helfen?"

Darauf ich: "HohoHOO!"

Darauf er: "Oh, sie müssen sich irren. Wir ... äh, ich habe keinen Weihnachtsmann bestellt."

Darauf ich: "Niemand bestellt mich! Ich komme stets in der Weihnachtsnacht, um die Kinder zu bescheren."

Darauf er: "Hier gibt es keine Kinder."

Darauf ich: "Das können sie dem Papst erzählen!"

Darauf sagt er gar nichts, nur "Autsch!", denn ich stoße ihn zur Seite und dränge mich an ihm vorbei in die gute Stube. Eine jüngere Frau steht mitten im Zimmer und wirkt reichlich deplaziert. Pastor Mitzke beeilt sich, mir zu folgen. "Heidrun, äh, Fräulein Hötzl, dieser Mann sagt, er sei der Weihnachtsmann. Und er sucht Kinder."

Fräulein Hötzl zuckt zusammen. " Und ihr Name war ...?"

"Ich bin der Weihnachtsmann! Ich besuche ihr Kind!"

"Hiob ist ...", fängt Fräulein Hötzl an, doch Pastor Mitzke unterbricht sie: "Wir haben kein Kind, äh, wie kommen sie eigentlich darauf, dass ..."

"Ich kann Kinder riechen! Und ihr Kind befindet sich in diesem Schrank dort."

Ertappt wie sie sind, ist mit den beiden gar nichts mehr anzufangen, sie reden reichlich wirr. Dabei war das mit dem Kinderriechenkönnen lediglich ein Witz und das mit dem Schrank bloß eine Vermutung. Eine Vermutung jedoch, die total zutraf.

Wenig später steht ein im Gegensatz zu Fräulein Hötzl und Pastor Mitzke ziemlich gefaßtes Bürschlein im Raum und mustert mich ziemlich abfällig. "Du bist also der Weihnachtmann! Haben dich meine Eltern gemietet?!"

"HohoHOO! Ich bin der Weihnachtsmann! Und zwar der echte! Mich mietet niemand, ich komme, wenn es mir passt und zu wem ich will."

"Du willst der echte Weihnachtsmann sein?"

"Du glaubst wohl nicht an mich?!"

"Ich glaube an nichts und niemanden, den ich nicht gesehen habe!"

"Jetzt siehst du mich aber!"

"Ja, und ich sehe einen Weihnachtsmann, der aussieht, wie der Weihnachtsmann, den Haddon Sundblom 1931 für den Coca-Cola-Konzern entworfen hat!"

"Moment mal, kleiner Mann, wie alt bist du eigentlich?"

"Zwölf! Meinst du, bloß weil ich noch ein Kind bin, kann ich nicht das perfide Netz der Bewusstseinsindustrie durchschauen?!"

"Na ja."

"Ich kenne mich aus mit alten Männern, die es nicht gibt. Der eine sind Sie, und für den anderen - dem sie übrigens verteufelt ähnlich sehen - arbeitet mein Vater ..."

"Hiob!" Fräulein Hötzl und Pastor Mitzke, die unserem Dialog eher starr beigewohnt haben, stürzen sich nun auf ihren Sohn.

"Keine Sorge", versuche ich die Lage zu entspannen, "mir sind ihre Familienverhältnisse wirklich egal!"

"Sollte es dir aber nicht. Du solltest lieber mal dem lieben Gott ..."

"Den gibt´s doch gar nicht. Hast du das nicht eben selber ...?"

Hiob Hötzl sieht mich entsetzt an. Tränen schießen in sein Gesicht: "Aber ich hab doch nu ... ich meine, mein Vater ... warum müssen wir uns dann hier so verstecken ... wenn er für einen arbeitet, den es gar nicht gibt?" Jetzt fängt er an, richtig loszuflennen. Seine Mutter nimmt sich seiner an, während mich Pastor Mitzke böse anschaut: "Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben! Machen Sie, dass Sie fortkommen."

Das mache ich dann auch. Später und draußen treffe ich auf zwei verkleidete Weihnachtsmänner, die mich zusammenschlagen. Dabei sind sie wohl nur auf meinen Sack aus. Doch als sie feststellen, dass dieser lediglich mit Äpfeln und Nüssen gefüllt ist, prügeln sie nur noch stärker auf mich ein: "Du bist ja wohl der mieseste Weihnachtsmann, der uns je untergekommen ist!"

"Ich bin gar kein Weihnachtmann, ich bin der liebe Gott", stammle ich.

Da hören sie tatsächlich auf, auf mich einzutreten. Aber bloß, weil sie mich vor Lachen nicht weiter schlagen können. Gott hat anscheinend eine noch schlechtere Lobby als ich.


III. Ich bin das Christkind. Ich habe keine Geschenke dabei. Hat sich nämlich ausgeschenkt. Vielleicht hat der Weihnachtsmann noch etwas übrig. Ich habe gehört, er arbeitet inzwischen für Coca-Cola. Dabei waren wir mal so ein prima Team. Er hat die Säcke mit den Äpfeln und Nüssen geschleppt, und ich habe immer süß ausgeschaut. Wobei, so richtig glücklich war ich damit nie, weil ich es schon fies fand und immer noch finde: seit über vierhundert Jahren werde ich einfach nicht erwachsen! Wer macht denn so was? Seit jeher sehe ich aus wie ein elfjähriger Backfisch. Ach, was habe ich nicht für wundervolles Haar. Wie ein Engelchen! Auf der Straße rufen sie mir stets hinterher: "Mädchen! Mädchen!" Wie soll ich so jemals eine Frau abbekommen?

Vor allem müsste eigentlich dieser Jesus meinen Job machen, den haben sie schließlich das Christuskind genannt. Ich dagegen bin das Christkind. Na ja, der Kerl hat´s auch nicht leicht gehabt. Die Leute behaupten, er sei der uneheliche Sohn vom lieben Gott, und ich fürchte, inzwischen glaubt er sogar selbst daran. Dabei gibt´s den lieben Gott überhaupt nicht! In Wahrheit ist Jesus nämlich das Kind vom Weihnachtsmann. Das hat der mir nämlich mal erzählt bei ein paar Tassen Glühwein.

Claus - so heißt er privat - war auch mal ein junger Hüpfer, damals trug er auch noch nicht seine Schrankenwärterklamotten. Das war zu einer Zeit, als es Weihnachten noch gar nicht gab. Früher war Claus römischer Legionär und in Palästina stationiert. In seiner Freizeit hat er sich durch die Dörfer gepimpert. Hatte die todsichere Nummer drauf, mit dem Spruch hat er jede rumgekriegt - eben auch diese Maria: "HohoHOO! Ich bin der liebe Gott und will dir ein Kind schenken, auf dass die Menschheit erlöst werde."

Was eigentlich erlöst werden sollte, ist klar. Und Maria pliert ihn mit weitaufgerissenen Augen an, ihren Unschuldsblick kennt man ja von den Bildern, und säuselt: "Echt? Der liebe Gott? Ich dachte, der schickt mir seinen Heiligen Geist."

"HohoHOO!", hat Claus darauf gelacht, "das wäre ja noch schöner. Den Braten muss ich dir schon selber in den Ofen schieben!"

Hat er ja dann auch gemacht. Und anschließend mit ansehen müssen, was sein Sohn für ´ne steile Karriere hinlegt. Vor allem, als er schon tot war. Das muss man ihm erst mal nachmachen. Den Claus hat´s trotzdem gewurmt. Irgendwann verlor er auch noch seinen Job bei der Legion, weil sein Arbeitgeber Insolvenz anmelden musste. Mit so ´ner fadenscheinigen Begründung: Geschäftsaufgabe wegen Untergangs. Und da hat sich Claus eben gedacht: "HohoHOO! Profitier ich doch mal von meinem Sohn, mit Merchandising und einer ordentlichen Party, immer zu Jesus´ Geburtstag, aber so, dass die Leute nicht ihn feiern, sondern vor allem mich, den Claus." Aber nicht als seinen Vater, das muss man ja nicht an die große Glocke hängen, schon wegen etwaiger Alimenteforderungen. Deswegen hat er sich dann auch Weinachtsmann genannt, die Idee ist ihm bei der achten Flasche Glühwein gekommen.

Doch weil er ein oller Zausel war, wusste er nicht, wie er das alles aufziehen sollte. An dieser Stelle bin dann ich ins Spiel eingewechselt worden. Quasi für Jesus. Keine Ahnung, woher ich plötzlich kam, ich war einfach da. Ich, das Christkind, ohne Vergangenheit und irgendwie auch ohne Zukunft. Ich sehe noch so aus, wie vor Jahr und Weihnachtstag, während Claus immer mehr einem ollen Apfelmännchen gleicht. Prompt kam er dann auch vor ein paar Jahrzehnten an und meinte, er sei inzwischen viel zu alt, um all die Geschenke zu schleppen, während ich nach wie vor in der Blüte meiner Jugend stünde. Seitdem kann er seine Äpfelchen allein unter die Gören bringen. Ich werde mich bei den nächsten Passionsfestspielen bewerben, und lasse mich kreuzigen. In Zukunft müssen Weihnachten und Osten eben zusammengefeiert werden. Mir doch egal.


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00:00 26.12.2003

Ausgabe 37/2021

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