Letzte Ausfahrt Europa

IGNORANZ Weil es seiner selbst nicht sicher ist, kann Westeuropa mit Russland nichts anfangen

Eine "Russophobie", von der die rot-grüne Regierung sich nur langsam erhole, diagnostizierte der ehemalige Sowjet-Diplomat und Deutschlandexperte, Igor Maximytschew, bei seiner Analyse der deutsch-russischen Beziehungen seit dem Regierungswechsel 1998 (im Freitag der vergangenen Woche). Peter Linke nimmt den Faden auf und behauptet: Das Problem liegt tiefer und betrifft nicht nur Deutschland, sondern ganz Westeuropa. Dessen arrogantes Verhältnis zu Russland drückt die Unfähigkeit aus, Russland als Teil der eigenen Geschichte an und ernst zu nehmen.

Das Jahr 1999 war schlecht für die Beziehungen zwischen der EU und Russland. Die Hauptverantwortung dafür trägt die Europäische Union. Das letzte Jahr hat auf dramatische Art und Weise deutlich gemacht, wie visionslos die Russland-Politik der EU ist. 1999 wirft damit zugleich ein bezeichnendes Licht auf das zivilisatorische Selbstverständnis Westeuropas an der Schwelle zum 21. Jahrhundert.

Bonn, Köln, Istanbul und Helsinki werden als Tiefpunkte in die Geschichte der russisch-europäischen Beziehungen eingehen: Ende März klopfte Russlands Premier Jewgeni Primakow an die Tür des Bonner Kanzleramtes, um mit Gerhard Schröder nach einer europäischen Lösung für den Kosovo-Konflikt zu suchen. Nach einer viertel Stunde war das Gespräch beendet - und wenige Wochen später Primakow nicht mehr im Amt.

Anfang Juni beschloss der Kölner EU-Gipfel eine sogenannte "Gemeinsame Strategie gegenüber Russland". Dieses mit glühender Nadel gestrickte Dokument war weniger eine Strategie als vielmehr ein arroganter Forderungskatalog frei nach dem Motto: Wenn die Russen genau das tun, was wir für richtig erachten, werden wir ihnen eventuell erlauben, mit uns über das eine oder andere zu reden.

Dann - vor dem Hintergrund der Ereignisse im Nordkaukasus - drängte die russische Delegation auf dem Istanbuler OSZE-Gipfel im November den Westen zu gemeinsamen Aktionen gegen den internationalen Terrorismus. Obwohl der Westen durchaus ein Terrorismusproblem hat und die OSZE nicht der schlechteste Rahmen wäre, um dieses Problem zu erörtern, zeigten die führenden westlichen Staaten keinerlei Interesse an diesen Vorschlägen: Nicht zuletzt aus Rücksicht auf den Gastgeber Türkei wurde das Thema Terrorismusbekämpfung in Istanbul peinlichst umgangen, dafür Moskau jedoch wegen seines Vorgehens in Tschetschenien um so gnadenloser an den Pranger gestellt.

Ähnliches wiederholte sich im Dezember auf dem Helsinkier EU-Gipfel: Während der "Superdemokratie" Türkei der rote Teppich in Richtung EU ausgerollt wurde, sah sich Russland einmal mehr in die Ecke des internationalen Buhmanns gestellt. So bedauerlich diese Entwicklung ist, so wenig kann sie überraschen. Die Unfähigkeit der EU, auf politische Signale aus Russland adäquat zu reagieren, zeigte sich erstmals in voller Schärfe Mitte der neunziger Jahre. Damals begann sich das russisch-amerikanische Verhältnis dramatisch zu verschlechtern. Allerdings provozierte dies keineswegs eine schroffe Abkehr Russlands von der "westlichen Welt": In dem Maße, wie sich Russland von den USA löste, wandte es sich ohne Zögern Europa in all seiner Komplexität und Widersprüchlichkeit zu.

Dafür gab es triftige historische Gründe: Seit der Kiewer Rus verstand sich Russland als Teil der christlichen Welt; Peter I. und Katharina II. waren von Europa geradezu besessen; selbst Russlands Slawophile hatten alles andere als ein negatives Verhältnis zu Europa: ihrer Vision von Moskau als dem "Dritten Rom" lag die Überzeugung zugrunde, Westeuropa in all seiner Dekadenz habe sich zu weit von den europäischen Grundwerten entfernt, Russland müsse hier korrigierend eingreifen. Dass Kritik an den aktuellen westeuropäischen Verhältnissen keineswegs antieuropäisch motiviert sein muss, bewiesen nicht zuletzt die Bolschewiki: Lenin, Trotzki, Lunatscharski waren allesamt überzeugte Europäer. Mit anderen Worten: Die Zugehörigkeit zu Europa war über Jahrhunderte Dreh- und Angelpunkt russischen Selbstverständnisses.

Erst der kometenhaften Aufstieg der USA zur westlichen Führungsmacht in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts veranlasste (Sowjet-)Russland, das russisch-europäische Verhältnis neu zu durchdenken. An der Grundüberzeugung, die russische Kultur sei stets integraler Bestandteil der europäischen gewesen und werde es auch immer bleiben, sollte dies jedoch nichts ändern. Als die "Vorbildfunktion" der USA Mitte der neunziger Jahre durch Russlands neue Machthaber ernsthaft in Frage gestellt wurde, rückte die europäische Problematik erneut mit Macht ins Zentrum russischen strategischen Denkens.

Moskaus damaliges Bekenntnis zu Europa war deshalb alles andere als plumpe Taktik. Westeuropa wollte es jedoch nur als solche begreifen: Zu sehr wähnte man sich als Gewinner des Kalten Krieges, zu heftig hing man an den Lippen der Amerikaner, wollte diese auf keinen Fall verprellen.

Westeuropa braucht Russland! Vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen kann dies gar nicht nachdrücklich genug betont werden. Westeuropa braucht Russland nicht nur aus den bekannten geopolitischen und wirtschaftlich-technologischen Gründen, sondern auch und zunehmend aus einem tieferen kulturell-weltanschaulichem Grund:

Das gegenwärtig dominierende Europa-Modell ist einseitig polit- und wirtschaftstechnokratisch determiniert. Als solches ist es sozial zum Scheitern verurteilt: Die EU wurde als Wirtschaftsgemeinschaft gegründet und ist bis heute - siehe Agenda 2000 - eine solche geblieben. Jüngster Beleg dafür, dass sich die Union in erster Linie von wirtschaflichen und geostrategischen Überlegungen leiten lässt, ist die Entscheidung des Helsinki-Gipfels, zukünftig mit allen zwölf mittel- beziehungsweise südosteuropäischen EU-Aspiranten in konkrete Beitrittsverhandlungen zu treten. Durch diese Entscheidung führt Brüssel endgültig seine eigenen Kopenhagener Beitrittskriterien, (sprich: Beitrittsvoraussetzungen) ad absurdum, die zumindest den Hauch einer Chance enthielten, der Osterweiterung eine ernsthafte soziale Dimension zu verleihen. So erfüllt zum gegenwärtigen Zeitpunkt faktisch keines der zur Debatte stehenden Länder die zweite Beitrittsvoraussetzung: die Fähigkeit, dem Konkurrenzdruck innerhalb der Union standzuhalten.

Um zu verhindern, dass die europäische Integration an der sozialen Frage scheitert, müsste sich Westeuropa endlich aufraffen, eine Europa-Vision jenseits aller gängigen Brüsseler Integrationsrhetorik zu entwickeln.

Voraussetzung dafür wäre ein entspanntes, aufrichtiges Verhältnis zur eigenen Vergangenheit in all ihren Facetten, Mutationen und extremen Ausformungen. Genau damit jedoch hat Westeuropa erhebliche Probleme. Und dies wiederum dürfte einer der wesentlichen Gründe für das nachhaltige Unverhältnis Westeuropas gegenüber Russland sein:

Natürlich hat Westeuropa in Form der EU das Recht, seine Vision von Europa zu entwickeln. Allerdings kann diese immer nur eine von vielen möglichen sein. Westeuropa ist ein wichtiger Teil Europas, aber eben nur ein Teil. Ein Alleinvertretungsanspruch für das Schicksal des Kontinents kann sich daraus nicht ableiten. Genau dies aber geschieht. Dies manifestiert sich nicht nur in der Frage der EU-Osterweiterung, sondern auch und vor allem im westeuropäischen Verständnis Russlands als "äußerer Faktor", der je nach politischer Grundüberzeugung entweder "integriert" oder "eingedämmt" werden muss.

Westeuropa und Russland sind zwei Seiten einer europäischen Medaille! Kein Jahrhundert hat dies der Welt drastischer vor Augen geführt als das 20.: Während Westeuropa auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges einen erheblichen Teil seiner kulturellen Substanz auslöschte, legte Russland mit der Oktoberrevolution ein beeindruckendes Bekenntnis zu Europa, seinen Werten und seiner mehr als zweitausend-jährigen Geschichte ab. Dabei verband sich radikaler Messianismus mit der Vision, dass der Mensch durch sein geistiges und materielles Tun die Welt erlöst.

Ganz in europäisch-christlicher Denktradition beschrieb Aleksej Gastjew als einer der ersten die neue Dreifaltigkeit: "Drei Sonnen, drei Naturgesetze: die alten Naturkräfte, eigenwillige Menschenarbeit und glühende Vernunft, leuchtende Vernunft der Gottheit. Triumphiere, erschalle siegreich, oh wieder-geborene Natur. Lobe den Messias aus Eisen, den Helden des neuen Tages. In seinen braunen Händen ist unbeschränkte Freiheit, in seinen Muskeln aus Eisen ist der Menschheit Morgenrot..." Mehr als ein Jahrzehnt hielt die junge Sowjetrepublik russische und westeuropäische Avantgardisten in Atem: Während Wassilij Kandinskij am Bauhaus und Kasimir Malewitsch in Berlin ihre ästhetischen Ansichten entwickelten und propagandierten, beteiligten sich Walter Gropius und Erich Mendelsohn an diversen Projekten der Umgestaltung Moskaus zur Hauptstadt des Weltkommunismus.

Ohne die Sowjetarmee hätte Hitler nicht nur die kläglichen Reste der westeuropäischen Kultur, sondern die kulturelle Substanz ganz Europas durch die Schornsteine von Auschwitz geschickt. Schliesslich und endlich bewirkte die "Sowjetisierung" weiter Teile Ost-, Mittel- und Südeuropas sowie eines nicht unbedeutenden Teils Deutschlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Umstrukturierung des kulturellen europäischen Raums, dessen ganze Tragweite wahrscheinlich erst kommende Generationen adäquat einschätzen können.

Natürlich zeitigte das sowjetische Projekt äusserst widersprüchliche Resultate. Jenseits von GULAG und Zerstörung der russischen Bauernschaft aber war dieses Projekt vor allem eines: der bewusste Versuch eines rationalen und ganzheitlichen Gegenentwurfs zum sozial polarisierten und politisch-ideologisch zunehmend irrational agierenden kapitalistischen System Westeuropas. Die weltanschauliche Grundlage dieses Gegenentwurfs war allerdings ebenso europäisch wie traditionell: der englische und französische Rationalismus des 17. bis 19. Jahrhunderts. Die Wucht des sowjetischen Experiments revitalisierte - bewusst und unbewusst - dieses bereits damals schon als problematische Weltverständnis und trug erheblich dazu bei, es erstmals bis in die entlegensten Winkel des Planeten zu schleudern. Nicht nur die "nuklearen Supermächte" Sowjetunion und USA, sondern auch der "Ostblock", die "Europäischen Gemeinschaften" sowie die nationalen Befreiungsbewegungen in der "Dritten Welt" waren konkrete Entäußerungen dieses Vorgangs.

Die so erfolgte massive Globalisierung der europäisch-rationalistischen Weltanschaung im auslaufenden 20. Jahrhundert erweist sich immer deutlicher als eines der Haupthindernisse auf dem Weg hin zu einer tragfähigen Überlebensstrategie für die Menschheit im 21. Jahrhundert.

Aus eben diesem Grunde jedoch kann eine Europa-Vision, in der Russland lediglich als "äusserer Faktor" vorkommt, prinzipiell nicht funktionieren: Was in Russland passiert, was dort diskutiert wird, ist a priori integraler Bestandteil des europäischen Prozesses. Gleichzeitig ist es eine Art permanenter Geschichtsstunde, eine eindringliche Mahnung daran, wie zwiespältig, ja apokalyptisch Europas Vergangenheit ist und welchen Anteil Westeuropa daran hat.

Wann immer Westeuropa nach Russland blickt, wird es genau daran erinnert. Aus eben diesem Grunde kommt es mit Russland nicht zurecht, ja will mit ihm nicht zurechtkommen und sägt damit langfristig am eigenen Ast: Auf dem Glitzerhighway in eine mehr als unbestimmte Zukunft ist Russland Westeuropas letzte Ausfahrt in die europäische Geschichte. Diese Geschichte umfasst bei weitem mehr als die Geschichte Westeuropas à la Ranke oder die Geschichte der "Europäischen Gemeinschaften", wie sie dem arglosen "Unionsbürger" aus diversen Hochglanzbroschüren der EU-Kommission entgegenlächelt. Und eben deshalb ist ihre Kenntnis und Verinnerlichung so bedeutsam für die Formulierung einer wirklich gesamteuropäischen Zukunftsvision als einzig möglicher Vision eines "sozialverträglichen" Europas.

Allerdings: Die Gefahr ist groß, dass 1999 die Denker und Lenker in Berlin, Paris und London hochmütig an der letzten Ausfahrt Europa vorbei gerast sind.

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00:00 04.02.2000

Ausgabe 43/2021

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