Leuchttürme in der Wüste

Wettbewerb um Millionen Mit der Exzellenzinitiative wird die Hochschullandschaft umgekrempelt. Die meisten Studierenden werden nichts davon haben

Wir bauen uns eine neue Hochschullandschaft. Die Wissenschaftspolitiker brauchen bei dieser Operation nicht selbst Hand anzulegen, sondern sie können zufrieden auf der Zuschauerbank sitzen, wie die Minister Jürgen Zöllner, SPD, und Peter Frankenberg, CDU, bei der Präsentation der ersten Auswahlrunde des "Exzellenzwettbewerbs" im Bonner Wissenschaftszentrum. Sie halten den Hochschulrektoren ein paar Millionen vor die Nase, und die beteiligen sich begeistert an dem Wurstschnappen, sie merken nicht, wie sie dabei vorgeführt werden.

Am Wettbewerb um die 1,9 Milliarden Euro - für fünf Jahre, also 400 Millionen im Jahr, auch das ist viel Geld - dürfen sich ohnehin nur Universitäten beteiligen, also keine Fachhochschulen. Und nun stellt sich heraus: unter den Universitäten auch nur die, die schon das meiste Geld haben, entweder, weil sie in einem reichen Bundesland stehen oder weil ihre Professoren praktische Dinge zu verkaufen haben und keinen schöngeistigen Schnickschnack. Vier der zehn Universitäten, die beim Run auf die Prämie für Spitzenuniversitäten mit Zukunftskonzept mitmachen dürfen, kommen aus Baden-Württemberg, drei aus Bayern. Bleiben noch drei Plätze für den ärmeren Rest der Republik. Der Osten geht ganz leer aus, und auch für Nordrhein-Westfalen, das Land mit den meisten Universitäten und den meisten Studierenden, sieht die Bilanz mager aus: NRW ist das einzige Land, aus dem gleich vier Unis durchgefallen sind - Bochum, Bonn, Köln und Münster. Nur die RWTH Aachen hat es geschafft. Drei der potenziellen Spitzenuniversitäten sind technische Hochschulen. Spitzenwissenschaft ist eben vor allem das, was man in neue Technologien verwandeln kann. Nur zehn Prozent der 41 Forschungsverbünde "Exzellenzcluster" haben ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Thema.

Dass die Traditionsuniversitäten Heidelberg, München, Freiburg und Tübingen zu der förderungswürdigen Spitzengruppe zählen, war vorauszusehen. Dass aber aus Berlin die Freie Universität und nicht die favorisierte kleinere und feinere Humboldt-Universität das Rennen macht, ist eine Überraschung. Die Kürzungen durch den Senat setzten der Freien Universität in den letzten Jahren besonders zu, mit der Mauer schien auch ihre Legitimation gefallen zu sein - nämlich als Gegenstück zur Ostberliner Humboldt-Universität zu fungieren. Sie seien eben gut in internationale Netzwerke eingebunden, meint FU-Präsident Dieter Lenzen etwas zweideutig. Vielleicht wollten die Gutachter ein politisches Zeichen zugunsten der bedrohten Kollegen setzen. Die zweite Überraschung ist die Platzierung der Bremer Universität - im Kreis der auserwählten zehn die einzige Neugründung aus den siebziger Jahren, ein Kind sozialdemokratischer Bildungsexpansions-Euphorie. Ihre Bemühungen, das rufschädigende Image einer roten Kaderschmiede abzustreifen, werden nun belohnt.

An den Hochschulen herrscht Aufregung über den einmaligen Wettbewerb mit einer Prämie von insgesamt 1,9 Milliarden Euro. Neben der nach oben offenen Prämie für Leuchtturmuniversitäten gibt es Fördergelder für ambitionierte Forschungsverbünde - "Exzellenzcluster" - je 6,5 Millionen jährlich, und eine Million für Graduiertenschulen. Doch die nun auserwählten 80 Projekte aus 36 Universitäten haben ihr Stück von der Torte noch längst nicht auf dem Teller. Sie haben lediglich das Recht, sich nun ordentlich zu bewerben, rund die Hälfte von ihnen wird leer ausgehen. Und noch etwas wird bei dem Wettbewerbs-Hype vergessen: Der Exzellenzwettbewerb soll die Forschung an den Universitäten stärken, nicht die Lehre. Exzellent ist, wer viele Drittmittel einwirbt und Patente produziert, aber nicht, wer sich besonders um den Erfolg seiner Studenten kümmert. Universitäten wie Bochum oder Köln werden den schlechten Ruf einer Massenuniversität nicht los, sie können die Exzellenzen auch mit tollen Forschungsprogrammen nicht in ihre Betonsilos und die überfüllten Seminare locken. Der Rektor der Renommier-Universität Heidelberg dagegen, Peter Hommelhoff, spekuliert schon heute darauf, künftig mit 3.000 Euro Studiengebühren ein studentenmäßig ausgedünntes Umfeld für seine Spitzenforscher zu schaffen. Die als Vorbild immer wieder herangezogenen US-Spitzenuniversitäten machen es ja vor.

Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Max Einhäupl, hat es bei der Präsentation der Ergebnisse der ersten Auswahlrunde deutlich gesagt: Es ist Schluss mit der Illusion der Gleichheit. Der Exzellenzwettbewerb leitet einen Paradigmenwechsel ein. Das Geld wird ganz gezielt eingesetzt, um die Ungleichheit deutlicher werden zu lassen und zu vergrößern. Die besten bekommen noch mehr, und bei der gegenwärtigen öffentlichen Haushaltslage heißt das ganz klar: Die weniger Guten werden weniger bekommen. Die 1,9 Milliarden werden nicht dazu genutzt, allen zwei Millionen Studierenden in Deutschland ein einigermaßen vertretbares Studienangebot zu machen, sondern um die vermeintlichen Leuchttürme der Wissenschaft heller erstrahlen zu lassen, denn die Untiefen des Hochschulmeeres müssen umschifft werden. Und die Leuchttürme werden noch besser sichtbar, wenn die Masse der Universitäten um sie herum weniger Wellen machen. Das ist das politische Signal, das von diesem Wettbewerb ausgeht: Die Ausbildung von zwei Millionen jungen Leuten ist eine Aufgabe, die weder Spaß macht noch Ruhm und Ehre einbringt, die kann man nur durch Spitzenleistung in der Forschung einfahren. Am Ende der Entwicklung wird eine Hochschullandschaft stehen wie in den USA - mit Hunderten von mediokren Ausbildungsanstalten, an denen sowohl das Geld wie die öffentliche Aufmerksamkeit vorbei geht, und ein paar von der Politik ordentlich befeuerten Leuchttürmen.


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00:00 27.01.2006

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