Liebe, Hass, Eifersucht

Skandalgeschichten Zwei unbefriedigende Bücher über die persönlichen Netzwerke des Stalinismus

Würden Sie eine Zigarettenmarke mit dem Namen "Auschwitz" rauchen? Unvorstellbar. In Russland jedoch ist alles anders. Dort werden die Zigaretten "Belomorkanal" immer noch verkauft. Die Packung zeigt in kitschig rosa-blauer Sowjet-Ikonographie die Arbeit an einem der Großbauprojekte des Stalinismus - dem Weißmeer-Ostsee-Kanal. Von Hunderttausenden von Arbeitssklaven wurde dieser Kanal unter mörderischen Bedingungen zwischen November 1931 und Juni 1933 nur 200 Kilometer vom nördlichen Polarkreis entfernt in den Boden gehauen. Die Großbaustelle des Belomorkanals war der erste Gulag der Sowjetunion, in dem Zwangsarbeit systematisch eingesetzt wurde. Tausende verloren dort ihr Leben.

Dass in Russland bis heute eine Zigarettenmarke produziert werden kann, die den Namen eines fast unbeschreiblichen Menschheitsverbrechens trägt, ist Symbol dafür, dass in Russland das, was man hierzulande Vergangenheitsbewältigung nennt, bisher nicht ausreichend stattgefunden hat. Die Millionen Opfer der sowjetischen GULags sind im kollektiven Gedächtnis Russlands und Europas kaum präsent, und so ist jede Publikation, die sich mit dem Terror in der Sowjetunion beschäftigt, ein kleiner Schritt auf dem Weg, diese furchtbare Vergangenheit aufzuarbeiten.

Zwei Veröffentlichungen der letzten Zeit lenkten das Augenmerk weg vom Diktator Stalin, der durch seine totale Macht alles kontrolliert, hin zu Stalins willigen Vollstreckern. Ein löblicher Ansatz. Doch tragen beide Publikationen leider nur wenig zur Klärung der Frage bei, wie es möglich war, dass ein Staat sich durch unvorstellbaren Massenterror an den Rand der Selbstvernichtung brachte.

Donald Rayfield, Professor für russische und georgische Geschichte an der Universität London, beschreibt in seinem Buch Stalin und seine Henker die Geschichte der Sowjetunion als Geschichte des sowjetischen Unterdrückungsapparats und seiner Führer. Bereits im Dezember 1917, also nur Wochen nach der gewaltsamen Machtergreifung durch die Bolschewiki, wurde von Lenin die so genannte "Allrussische Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution und Spionage" ins Leben gerufen, die unter der Abkürzung Tscheka furchtbare Berühmtheit erlangte. Felix Dzerzinskij war ihr erster Leiter. Er organisierte die Terrormaschinerie der Tscheka während Lenins Politik des Roten Terrors, mit dem die Bolschewiki das Land überzogen. Der "Eiserne Felix" begründete so den Ruf der Tscheka, der in der Bevölkerung Angst und Schrecken auslöste.

Dzerzinskijs Nachfolger als Leiter des bolschewistischen Terrorapparats wurde 1926 der schöngeistig veranlagte Wjatscheslaw Menshinski. In seine Amtszeit fiel der Auftakt der stalinistischen Gewaltorgie, die mit der Zwangskollektivierung und der so genannten "Entkulakisierung", faktisch der Vernichtung des russischen Bauernstandes, begann. Nach Menshinskis Tod im Jahr 1934 übernahm sein Stellvertreter Genrich Jagoda die Leitung des nunmehr NKWD (Volkskommissariat für Inneres) genannten Apparates. Jagoda, dessen Karriere als Tschekist bereits 1919 begonnen hatte, war Stalins "erster Wachhund" und einer der Organisatoren des stalinistischen Massenterrors. Die Ermordung des Leningrader Parteiführers Sergej Kirow im Dezember 1934 war Auftakt zu Stalins Säuberungswelle in Partei, Sicherheitsorganen und Gesellschaft. Wie Millionen Sowjetbürger, deren Leben durch den von ihm verantworteten Massenmord ausgelöscht wurde, geriet auch Jagoda schon zwei Jahre nach seiner Amtsübernahme in die Mühlen der Vernichtungsmaschinerie. Im dritten der berüchtigten Moskauer Schauprozesse saß er 1938 auf der Anklagebank und wurde unmittelbar nach der Urteilsverkündung erschossen.

In der Ära des Nachfolgers Jagodas, Nikolaj Jeshow, fanden die Gewaltexzesse der stalinistischen Säuberungswelle ihren Höhepunkt. Die Amtszeit des "blutrünstigen Zwerges" ging als "Jeshowschtschina" in die Geschichte ein. Nachdem Stalin 1937 Quoten für Verhaftungen vorgegeben hatte (die von den regionalen NKWD-Chefs oftmals noch freiwillig übertroffen wurden), setzte eine unvorstellbare Welle von Massenverhaftungen und Hinrichtungen ein. Die im Sommer 1937 ins Leben gerufenen "Troikas" konnten Häftlinge ohne Gerichtsverfahren exekutieren. Fast eine Million vermeintlicher Volksfeinde fanden in diesen Jahren den Tod.

Mit der Ablösung Jeshows durch Lawrenti Berija im November 1938 (Jeshow wurde im April 1939 verhaftet und im Februar des folgenden Jahres zum Tode verurteilt) war der Große Terror der Stalinzeit zu Ende. Der georgische Landsmann Stalins machte aus dem Lagersystem des GULag ein effizientes Wirtschaftssystem. In den Kriegsjahren wurden die Lager so zu einem wichtigen Faktor der Rüstungsindustrie. Und es setzten neue Phasen der Unterdrückung ein, erst gegen "feindliche Völker" und "Nationalisten", dann gegen "Kosmopoliten" - gemeint waren damit Juden. Nach Stalins Tod am 5. März 1953 machte Berija zahlreiche Vorschläge, die das Macht erhaltende System zu zerbrechen drohten. Und so wurde auch er aus dem Weg geräumt. In einem Staatsstreich drei Monate nach Stalins Tod wurde Berija verhaftet und erschossen.

Rayfields biographische Porträts und seine Analyse beschränken sich allzu oft auf Pauschalaussagen wie, Stalin sei ein "einsamer Sadist" gewesen, der seine Satrapen durch "Unterwerfung wie unter einem Bann" gefügig gemacht habe. Angereichert werden derart vulgärpsychologische Feststellungen mit Einzelheiten aus dem Sexualleben der Tschekisten. So soll Jeshow bisexuell gewesen sein. Aber was folgt daraus für die historische Analyse? Die Frage, woher die Bereitschaft zur uneingeschränkten Gewalt im sowjetischen System kam, ist damit nicht beantwortet.

Weitaus unerfreulicher ist Rayfields ständiges unterschwelliges Bemühen, "Stalins Holocaust" mit dem von den Nationalsozialisten begangenen industrialisierten Völkermord gleich zu setzen. Keineswegs kann die gleiche geistige und historische Tradition, in der der sowjetische GULag und Auschwitz stehen, geleugnet werden. Die Aufgabe der Historiker aber ist es, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Diktaturen im Europa des 20. Jahrhunderts herauszuarbeiten und nicht, durch pauschalierende Feststellungen das eine Menschheitsverbrechen gegenüber dem anderen zu relativieren.

Besonders ärgerlich ist, dass Rayfield an vielen Stellen Belege vermissen lässt. So etwa, wenn er behauptet, Stalins NKWD habe schon "im Jahr 1937, etliche Jahre vor Hitler, ... Vergasung als Mittel der Hinrichtung" eingesetzt, indem Auspuffgase von Lastwagen in die Laderäume gepumpt wurden, "wo nackte Häftlinge bündelweise zusammengebunden lagen, bis die Ladung bereit für die Sarggrube war." Zwar existieren derartige Berichte, bisher konnte dies aber nicht dokumentarisch belegt werden. Dies ist also keinesfalls eine gesicherte historische Tatsache, wie Rayfield vorgibt. Solch pseudohistorische "Quellenarbeit", die Berichte und Gerüchte als Tatsachen ausgibt, lässt an der Seriosität der Publikation Rayfields zweifeln.

Einen ähnlichen Umgang mit historischen Quellen zeigt Simon Sebag Montefiore in seinem Bestseller Stalin. Am Hof des roten Zaren. Ausführlich und teils genüsslich zitiert er aus Archivmaterial, Memoiren, Interviews, ohne deren Bedeutung oder Glaubwürdigkeit zu hinterfragen. Gerüchte und Mutmaßungen werden zu Tatsachen. Montefiore, britischer Journalist und Historiker, hat mit flotter Feder eine Art Enthüllungsroman geschrieben, der den Leser schauern macht. Der Autor geizt nicht mit intimen Details und geht ausführlich auf Sexuelles ein. Der Hof des roten Zaren stellt sich als Versammlung von Sex-Maniacs dar: Jagoda soll fetischistisch veranlagt gewesen sein, Jeshow, wie gesagt, bisexuell und Berija vergewaltigte junge Mädchen, die dann mit einem Blumenbouquet nach Hause entlassen wurden. Zeitgeschichte als Skandalgeschichte. Stalin privat. Liebe. Hass. Eifersucht. Geburtstagsfeiern, Trinkgelage. Sex and Crime: Dies sind die Themen dieses ungemein wichtigen Beitrags zur Stalinismusforschung. Der historisch interessierte Leser erfährt wenig Neues, dafür aber umso mehr, was er möglicherweise gar nicht wissen will.

Auch Montefiore versucht sich an einer psychologischen Deutung der Biografie Stalins. Im Prolog seines fast tausend Seiten schweren Wälzers legt er nahe, dass die Geschichte der Sowjetunion möglicherweise anders verlaufen wäre, hätte Stalins Ehefrau Nadeshda Allilujewa sich nicht nach der Feier anlässlich des 25. Jahrestags der Revolution im November 1932 erschossen: "Bis an sein Lebensende grübelte Stalin über ihren Tod. Nadjas Abtrünnigkeit verletzte und demütigte ihn, zerstörte eine weitere seiner schwachen Quellen von Mitgefühl, verstärkte jedoch seine Brutalität, Eifersucht, Kälte und Neigung zum Selbstmitleid." Dass diese These als Begründung für den bald darauf einsetzenden Massenterror ausreicht, darf allerdings bezweifelt werden.

Insgesamt ist die Lektüre der beiden Bücher zu diesem ohnehin wenig erbaulichen Thema mithin eher unbefriedigend. Die biographische Analyse der Täter der stalinistischen Verbrechen bleibt also weiterhin ein Desiderat. Dass die gesellschaftliche Aufarbeitung des stalinistischen Terrors in Russland heute nötiger ist denn je zuvor, wurde zuletzt bei den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Kriegsendes im Jahr 2005 offensichtlich. Mit falsch verstandenem Patriotismus verweigerte der russische Präsident Wladimir Putin ein weiteres Mal jegliche Anerkennung der historischen Schuld an den Verbrechen der Sowjetunion unter Stalin. In einem Russland, in dem in vielen Städten erneut Stalin-Statuen errichtet werden sollen, und in dem Stalin wieder als "Genie" gepriesen wird, kann die Zigarettenmarke "Belomorkanal" wohl noch lange Zeit verkauft werden.

Donald Rayfield: Stalin und seine Henker. Aus dem Englischen von Hans Freundl und Norbert Juraschitz. Karl Blessing, München 2004, 618 S., 25 EUR

Simon Sebag Montefiore: Stalin. Am Hof des roten Zaren. Aus dem Englischen von Hans G. Holl. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005, 874 S., 24,90 EUR


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00:00 07.07.2006

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