Los, geh auf die Knie!

Entschuldigung Ein Jahr nach seiner Zimmermädchen-Affäre hat der ehemalige IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn sich noch immer nicht entschuldigt. Eine Polemik

Seinen Lebensabend könnte Dominique Strauss-Kahn, der ehemalige Chef des IWF, eigentlich damit verbringen, sich für sein respektloses Verhalten gegenüber Frauen zu entschuldigen. Er könnte dafür bei jenen anfangen, die er als „Material“ bezeichnet hat. Oder bei seiner Frau. Bei seinen vier Kindern. Bei den Französinnen und all jenen Frauen, denen durch das Verhalten von Menschen wie ihm ihre Würde genommen wurde. Frauen, die in einer Welt der Dekadenz, in der Prostitution dazugehört wie edler Champagner, nicht mehr als eigenständige Personen auftauchen, sondern nur noch als gekauftes Fleisch zwischen Männern jongliert werden.

In dieser Erzählung haben Frauen kein Gesicht mehr, ihre Persönlichkeit weicht ihrem Körper, und Sexualität besteht nur noch aus Verfügbarkeit. Strauss-Kahn und seine Geschäftsfreunde, die einander Escortgirls zu Terminen mitbringen wie Weinflaschen, könnten sich auch bei den Männern entschuldigen, denen sie anzeigen, dass sie ihren Umgang mit Frauen für die Norm halten.

Der Mann, der im vergangenen Jahr noch als Präsidentschaftsanwärter der französischen Sozialisten galt und im Mai 2011 über die sogenannte Zimmermädchen-Affaire gestolpert ist, könnte hier übernehmen. Er müsste nachdenklich zurückblicken oder kritisch nach vorn. Aber stattdessen gibt er „charmant, selbstbewusst, lebenslustig“ Interviews, wie Michel Taubman schreibt. Der Journalist hat bereits eine Biografie Strauss-Kahns verfasst und rekonstruiert in seinem in Frankreich erschienenen Buch Affaires DSK, la contre-enquete den Tathergang zwischen Strauss-Kahn und Nafissatou Diallo so: „Sie sieht ihm in die Augen. Dann betrachtet sie ostentativ sein Geschlechtsteil. Das Fleisch ist schwach. Dominique Strauss-Kahn versteht dies als Angebot. Die Situation amüsiert ihn. Selten in seinem Leben hat er die Möglichkeit eines Vergnügens ausgeschlagen. Er widersteht der Versuchung einer Fellatio nicht. Der Akt ist sehr schnell.“ Kann man sich eine bessere Verteidigung wünschen?

„Frauenversteher“

Nach einem Jahr sieht es so aus, als habe man dem „Frauenversteher“ bislang nur die falschen Fragen gestellt. Ich würde von ihm wissen wollen: „Glauben Sie wirklich, durch einen lüsternen Blick und die schiere Präsenz ihres Penis in einem hastigen oralen Akt eine Frau beglückt zu haben?“

Die Mitarbeiterin des Sofitel New York jedenfalls zeigte Strauss-Kahn am 14. Mai 2011 an. Sie beschuldigte ihn, zum Oralverkehr gezwungen worden zu sein. Und auch der Journalist Edward Jay Epstein zeichnet einen möglichen Ablauf in seinem Buch Three Days in May nach. Er kommt zu dem Ergebnis, dass der Zeitraum, in dem aus Sicht von Nafissatou Diallo eine Vergewaltigung geschah und es laut DSK zu einer einvernehmlichen sexuellen Handlung kam, nicht länger als sieben Minuten umfasste.

Und die forensischen Ermittlungen haben Spermaspuren von DSK und Speichelflüssigkeit von Diallo in der Suite nachweisen können. Wenn also das, was im Hotel geschah, einer sexuellen Handlung zuzurechnen ist, ist klar, welcher der Beteiligten daraus Befriedigung zog und wer nicht. Ein „homme à femmes“, wie Strauss-Kahn es sein will, aber ist einer, der die Frauen liebt und daher Verführung nicht mit Verfügbarkeit verwechseln darf.

Freiheit und Gleichheit

Kann man von einem Mann, der Präsident einer Nation werden wollte, nicht vor allem eine Art von politischer Reue verlangen? Anstatt schwülstiger Selbstverteidigung. Sollte er nicht argumentieren, dass, wer eine ausschweifende sexuelle Freiheit für sich in Anspruch nimmt, die käuflichen Sex einschließt, auch seinen Partnerinnen und allen Frauen dieselbe Freiheit und Gleichheit bieten wollen muss?

Um aber dieses Ziel zu erreichen, müsste Prostitution entkriminalisiert werden, damit die Frauen und Männer, die so ihren Lebensunterhalt verdienen, volle Arbeitnehmerrechte erhalten. Prostitution dürfte nicht mehr gleichbedeutend mit Gefahr für und Gewalt gegen Menschen sein.

Im März 2012 begannen auch die französischen Behörden gegen DSK zu ermitteln. Er soll an „organisierter Zuhälterei in Bandenform“ beteiligt gewesen sein, in deren Rahmen Sexarbeiterinnen für Partys in Frankreich und den USA vermittelt wurden. Im Zuge dieser Ermittlungen hat eine junge Belgierin ausgesagt, von ihm und einem anderen Partyteilnehmer vergewaltigt worden zu sein.

„Material“

Strauss-Kahn dagegen gibt an, nicht gewusst zu haben, dass die an den Zusammenkünften teilnehmenden Frauen für den Sex bezahlt wurden. Sein Anwalt fügte hinzu: „Das ist eine Herausforderung – wie wollen sie eine nackte Prostituierte von einer nackten Dame unterscheiden?“ Aus diesem Satz lässt sich ein krudes Verständnis der Geschlechterverhältnisse entnehmen: Egal ob nackt, leicht bekleidet, bezahlt oder freiwillig – jede Frau muss auf Partys zu Sex bereit sein.

Für sich betrachtet, klingen diese Szenarien mit all den schönen Nackten freizügig und wie aus dem Leben der Boheme. In Anbetracht der mehrfachen Vergewaltigungsvorwürfe gegenüber Strauss-Kahn und einem realistischen Blick auf die Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen tun sie das weniger. Studien zufolge wurden zwei Drittel der Prostituierten schon einmal von ihren Freiern tätlich angegriffen, bei der überwiegenden Mehrheit der Frauen liegt Alkohol- und Drogenmissbrauch vor. Gegenüber der Presse gab DSK an, Prostitution „schrecklich“ zu finden. In SMS an Geschäftspartner bat er, ihm „Material“ mitzubringen.

Ist ein „hommes à femmes“ so? Die Legitimation dieser schmeichelhaften Umschreibung scheint für ihn darin zu bestehen, über möglichst viel „Material“ zu verfügen. Als bedeutet Macht dort, wo heterosexuelle Männer unter sich bleiben, sich Männlichkeit durch den Besitz von Frauen zu bestätigen. Man betört sich mit der Illusion von Macht, um nicht zuzulassen, was augenscheinlich ist: der Verlust von Kontrolle im Angesicht einer Gleichen. Dass ausgerechnet käuflicher Sex mit Schwächeren einem Status dienen soll, überrascht dabei am meisten.

Dunkelziffer

Wenn ein „homme à femmes“ ein Verehrer der Frauen wäre, dann wäre er ein Feminist. Wer Frauen liebt, will ihre Freiheit, will Gerechtigkeit für sie und Glück. Demnach ist DSK kein „hommes à femmes“.

Bislang ist er nicht verurteilt worden. Doch egal, was tatsächlich zwischen den Frauen und ihm passiert ist, es wäre für Personen mit Einfluss, Ansehen und Liebe zum weiblichen Geschlecht nur angemessen, über Gewalt gegen Frauen zu sprechen.

Vergewaltigung ist eines der Verbrechen mit der höchsten Dunkelziffer. In der aktuellen Untersuchung des Familienministeriums „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“ beispielsweise gaben 40 Prozent der befragten Frauen an, körperliche oder sexuelle Gewalt oder beides seit dem 16. Lebensjahr erlebt zu haben. 8.000 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung erwachsener Personen wurden laut Bundeskriminalamt im vergangenen Jahr angezeigt.

Verhaltensänderung

Noch ernüchternder als diese hohe Zahl an Gewalttaten kann nur der Fakt sein, dass sie selten öffentlich verurteilt werden ­– insbesondere von prominenter männlicher Seite. Aber eine Entschuldigung im Namen anderer muss kein Eingeständnis von Schuld bedeuten. Sie könnte der Anfang einer Verhaltensänderung sein und den Blick auf die Realität schärfen.

Sex ist wunderschön und menschlich. Gewalt ist es nicht. Menschen, die Mann genug und Frau genug sind, um Präsident werden zu wollen, brechen die Norm und sprechen darüber. Sie engagieren sich für Gleichberechtigung, kulturellen Wandel und gegen Gewalt. Und sie ändern eine Gesetzgebung, die Sexarbeiterinnen kriminalisiert, ausgrenzt, verurteilt und ausbeutet. So lange Gewalt gegen Frauen minütlich verübt wird, lautet die schmerzhafte Aufgabe, genau das zu benennen und dagegen zu kämpfen.

Wie wäre das? Eine Frau und ein Mann sehen sich in die Augen und betrachten einander. Sie verstehen diesen Blick als ein Angebot. Die Situation ist entspannt. Sie vertrauen einander und widerstehen der gegenseitigen Versuchung nicht. Sie berühren einander, sie genießen es. Der Akt dauert an.

Teresa Bücker schreibt im Freitag über feministische Themen

14:00 17.05.2012

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