Lost Generation

Irak Niedergang einer Kulturgesellschaft

Jeden Freitag, dem »muslimischen Sonntag«, bauen die Händler in der al-Mutanabi Straße ihre Buchstände auf. Dieser Markt ist in Bagdad gut besucht. Gelehrt aussehende Männer, Väter mit Kindern, vereinzelt auch Frauen, blättern in den angebotenen Büchern. Die eine oder andere schwarzgekleidete Frau mit einem Kind auf dem Arm bittet um etwas Geld. Vom Bilderbuch, das die Macht des jetzigen Staatschefs preist, über Lehrbücher bis hin zu Romanen in deutscher und englischer Sprache, kann man hier alles finden.

Gegenüber befindet sich das Café al-Mutanabi, vom Namen her bezieht es sich wie die erwähnte Straße auf einen bekannten arabischen Schriftsteller. Hier trifft sich freitags die Künstlerszene der Stadt. In einem blauen Salon mit Fotos aus dem alten Bagdad an den Wänden trinken Schriftsteller, Dichter und Filmregisseure schwarzen Tee mit Kardamom und viel Zucker, serviert in kleinen, schmalen, mit einem Goldrand verzierten Gläschen und unterhalten sich. Vereinzelt zieht jemand an einer Wasserpfeife. Frauen sind nicht vertreten, obwohl es laut Aussage des Filmregisseurs Talib Al-Said in Bagdad auch einige Schriftstellerinnen geben soll.

Al Said, ein junger, aufgeschlossener Iraker mit schmalem Gesicht, erweist sich als begeisterter Kenner von Bertolt Brecht, Hermann Hesse, Max Frisch und Thomas Mann. Neben ihm sitzt ein kleinerer, etwas älterer Herr mit rundlichem Gesicht und freundlichem Lächeln. Er stellt sich als Schriftsteller vor, der Romane und Kurzgeschichten verfasse, davon jedoch nicht leben könne. Sein Geld verdient er als Maschineningenieur.

Nicht nur im al-Mutanabi spürt man heute nur noch spärliche Erbe eines hohen Bildungsstandards im Irak. In der Baghdad School of Music and Ballet werden trotz Embargo und drohendem Krieg weiter Sechs- bis Achtzehnjährige zu Musikern und Tänzern ausgebildet. In einem schummerigen, verspiegelten Saal proben zehn Mädchen zwischen 10 und 13 mit viel Charme und Grazie zur Musik am Flügel eine Polonaise von Chopin. Schwarz gekleidet und die Haare zu einem Knoten gesteckt, tanzen alle bis auf ein Mädchen auf Socken. Für Ballettschuhe fehlt das Geld. Direktorin Najeha Naief Homadie erzählt, dass inzwischen viele aus ökonomischen Gründen die Schule verlassen müssten. Zwar sei Bildung im Irak kostenlos, aber sie müssten eben ihren Familien helfen, den Lebensunterhalt zu verdienen.

Der Lohn eines Lehrers liegt zur Zeit bei umgerechnet vier Dollar im Monat, so dass viele nebenher in anderen Berufen arbeiten. Ein normaler Schulbetrieb ist daher oft kaum mehr möglich. Ende der achtziger Jahre wurde der Irak für seine Alphabetisierungserfolge von der UNESCO ausgezeichnet. Damals konnten 80 Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben. 1995 war die Alphabetisierungsrate wieder auf 58 Prozent abgesunken.

»Es ist sehr schwierig mit dem Embargo, vor allem für die Kinder«, meint Al-Said, dessen Frau als Grundschullehrerin arbeitet. »Es gibt keine Lehrmittel, keine Computer, keine Bücher. Es ist verboten, Bleistifte einzuführen, da sie wegen ihres Graphitgehaltes unter die UN-Bestimmungen des ›dual use‹ fallen.«

Direktorin Homadie klagt über die Isolation des Irak, die sich besonders für die Kultur bemerkbar mache. »Es gibt auch eine Art kulturelles Embargo. Die UN lassen weder Bücher noch Instrumente in unser Land hinein.«

Auch für professionelle Musiker herrschen daher schwierige Zeiten. »Es gab im Irak ein sehr gutes Orchester«, weiß die Tübinger Archäologin Alice Bianchi, die Ende Januar mit einer Friedensdelegation in Bagdad ist. »Aber jetzt haben die Musiker zum Teil ihre Instrumente verkauft, um leben zu können.« Andere seien ins Ausland gegangen. Das Sinfonieorchester setzt seine Proben fort, doch der Altersdurchschnitt der Musiker ist sehr hoch.

Der Irak war ein reiches, hochentwickeltes Land, das bis 1990 eher zu den Ländern der Ersten Welt als zu denen der Dritten zählte. Doch infolge des Golfkriegs 1991, der Wirtschaftssanktionen und einer überbordenden Inflation ist die Mittelklasse zerstört. Die Straßen Bagdads sind immer noch voller Autos, aber die Menschen haben nach dem Eindruck von Margret Hassan, Direktorin der irakischen Sektion der Hilfsorganisation CARE, nach und nach ihr ganzes Hab und Gut verloren. »Zuerst verkauften die Frauen im Irak ihr Gold, das hier sogar die Armen hatten, danach die technischen Geräte, wie Kühlschränke, Klimaanlagen oder Fernsehgeräte. Schließlich kamen sie an einen Punkt, wo sie nichts mehr zum verkaufen hatten.« Laut CARE leben 40 Prozent der Bevölkerung im Irak ausschließlich von den Nahrungsmittelrationen des Oil-for-Food-Programms. »Wenn es Krieg gibt, dann trifft es zuerst diese Leute«, meint Hassan, »denn falls sie keine Rationen mehr bekommen, haben sie kein Geld, um diese zu ersetzen.«

Alice Bianchi erinnert sich noch daran, wie hoch der Lebens- und Bildungsstandard war, als sie 1990 erstmals in den Irak reiste. »Es gab sehr gute Universitäten, die auch von Studenten aus den Nachbarländern besucht wurden. Sehr oft wurde auf Englisch unterrichtet, anders als etwa in Syrien, wo das Arabische dominiert.« Sie sieht ein gravierendes Problem für die Zukunft des Landes: »Wir werden in der Bildung der nächsten Generationen im Irak eine Lücke haben.« Dies sei umso gravierender, wenn man bedenke, dass sich daraus notgedrungen die nächste Politikergeneration, unter welchen Umständen auch immer, rekrutieren werde.

Ingrid Wenzl ist Politikwissenschaftlerin und war kürzlich mit einer Friedensdelegation im Irak.

00:00 07.02.2003

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