Lucie bei Ikea

Journal Alle rennen hin und her, zweitausend Ossis auf der Jagd nach Lifestyle: Heute ist IKEA-Tag
Maria Voigt | Ausgabe 45/2015
Lucie bei Ikea

Bild: Archiv/der Freitag

Lucie steht am Sonnabend zeitig auf, macht Frühstück für alle, denn heute ist IKEA-Tag. Ein Traum wird wahr, der Traum vom modernen Leben zur preiswerten Selbstmontage. Die Mutter, Trüffel Lucies Schwester und Lucie, wollen ohne Stress pünktlich aufbrechen, weil es bei IKEA alles geben soll, billig und bildschön. Lucie hat nämlich eine Wohnung bekommen. Da braucht sie einen roten Mülleimer, einen roten Küchentisch, rote Rollos, Eisenwinkel, Dübel und Gardinenstangen. Vor allem aber will Lucie einen Schreibtisch. Der Vater schlurft den Flur lang, Lucie hört ihn gähnen, der will ins Bad! Sie rennt los, überholt ihn. Was will der jetzt im Bad, kommt sowieso nicht mit zu IKEA. Ja, wenn IKEA eine versunkene Stadt wäre oder eine spanische Freiheitskämpferin, würde er einen Film darüber machen.

U-Bahn bis Kottbusser Tor, umsteigen, bis Ruhleben, dann vier Stationen mit dem Bus. Der Bus ist voll, alle halten eine Ost-Umweltkarte hoch. Als erstes setzen wir uns in aller Ruhe mit dem neuen Katalog ins Restaurant, schlägt die Mutter romantisch vor, schön Kaffee trinken, dabei gründlich aussuchen, was wir kaufen wollen. Haltestelle „IKEA“. Alle steigen aus. Ein Demonstrationszug ins IKEA-Land. Sind ja nur zwei Stockwerke. Ost-Lucie hat sich IKEA großartiger vorgestellt. Zuerst müssen sie zum Restaurant, sie sind da mit Westfreunden verabredet, die ein Auto haben, das ist wichtig für den Transport. Trüffel, Du wartest hier, Lucie und ich gucken, wo das Restaurant ist, sagt die Mutter. Trüffel will aber nicht warten, sie hat Angst vor Sexualverbrechern. Die Mutter zieht ihre Jacke aus, es ist heiß bei IKEA. Trüffel ist verschwunden. Nein, da ist sie, hat sich an einem Stand erkundigt, wie teuer ein Raider ist. Wo ist das Restaurant? Da, da ist es doch. Nein, der Pfeil geht nach links.

Lucie angelt sich ein Bandmaß und zwei winzige Bleistifte, die gelben IKEA-Taschen sind alle. Sie sieht ihre Mutter nicht mehr, Maaaamiiii, Hiiihiieer. Lucie bedeutet ihr über die Köpfe hunderter schwitzender verwirrter Ossis hinweg, sie würde jetzt mit der Rolltreppe in die zweite Etage fahren. Oben sitzt Trüffel in einem grünen IKEA-Ledersessel und heult. Raider ist auch alle. Sie fragt die Mutter, ob sie 'ne Macke hätte, einfach abzuhauen und sie allein zu lassen. Lucie sagt, mit zwölf redet man netter mit seiner Mutter. Die Mutter entschuldigt sich bei Trüffel und verspricht ihr ein Nogger-Eis. Wo ist das Restaurant? Wir müssen Renate treffen, ohne Auto sind wir erledigt. Lucie zuckt hysterisch die Schultern hoch und runter. Sie könnte schreien, sie will hier raus, IKEA ist die Hölle. Aber der Schreibtisch! Den kriegt sie sonst nie! Der kostet woanders dreimal so viel.

Sie entdecken Renate, die mit dem Auto. Da, da stehen die Schreibtische. Der sieht gut aus, wie teuer? Hundertdreißig. Trüffel, schreib die Nummer auf! Gigg 23. Wie? Gigg 23, Mann! Renate meint, das Material gefiele ihr nicht, Berti 34 für sechshundertneunzig passe besser zu einem jungen Mädchen. Wir müssen uns an irgendeine Schlange anstellen. An welche? Das richtet sich nach den Nummern. Trüffel, wir bitten dich noch dieses eine Mal, bleib du hier stehen, dann geht es schneller. Noch eine halbe Stunde, IKEA macht gleich zu. Der Schreibtisch ist nicht mehr da, ausverkauft. Lucie sagt, sie hatte gleich gesagt, man müsse runter in die erste Etage, da kriegt man Holzplatten und Beine extra. Renate widerspricht, das stimme gar nicht, hier oben sei ganz richtig, und einen wirklich guten Schreibtisch bekomme man erst ab tausendzweihundert. Alle rennen hin und her, zweitausend Ossis auf der Jagd nach lifestyle. Da ist ja die Familie Zallmann.

Frau Zallmann erzählt, dass die Schröters auch da sind, bei den Betten. Die Tour geht weiter, durch Küchen und Schlafzimmer, über Teppiche, vorbei an Teewagen, kleinen bunten Tischen, Übertöpfen, Leichtmetalljalousien, Frotteehandtüchern und Wandschirmen, runter ins Lager mit den verpackten Tischplatten.

Lucie trifft Simone aus ihrer ehemaligen Klasse, ewig nicht gesehen, was macht denn Mücke? Simone will sich nicht unterhalten. Frau Klammert, eine Arbeitskollegin von Lucies Mutter, schleicht sich heimlich vorbei, hofft, nicht entdeckt zu werden. Auf der Rolltreppe steigt der Kopf von Lucies einstigem und Trüffels jetzigem Mathematiknachhilfelehrer hoch. Lucie grinst, Trüffel fühlt sich ungeborgen.

Irgendwie gelangen sie nach unten. Natürlich, hier gibt's alles, wie Lucie gleich gesagt hat, aber ihr wollte ja keiner glauben, sinnlose Zeit oben verplempert - bei den Einbauküchen, Lucie will keine Scheißeinbauküche, sondern einen Schreibtisch, ob die Mutter nicht eine Scheißeinbauküche von einem Schreibtisch unterscheiden könne. Die Mutter wirft Lucie einen endlos erschöpften Blick zu. Wo sind denn hier die Einkaufswagen, ich kann den Schreibtisch nicht unterm Arm tragen. Die Mutter rennt vorneweg, durch Ossis und Regale, Lucie ihr nach. In einer Viertelstunde schließt IKEA. Im Sprint zum Selbstbedienungslager. Nein, es ist kein Traum. Onkel Horst aus Magdeburg steht vor Lucie. Sie versucht, ihn zu übersehen, da strahlt er sie schon an. Ja, das kann doch nicht wahr sein, Luciechen, du bist in eine richtige junge Dame geworden, wundert sich Tante Sigrun, die Lucie jetzt erst erkennt, weil die Tante rothaarig geworden ist. Wir sehen uns an einem besseren Ort, tröstet Lucie. Die Jennifer ist auch hier, ruft Tante Sigrun noch, aber Lucie ist schon weg. Je näher die Schließung der lKEA-Pforten rückt, desto rücksichtsloser Steuern die Ossis ihre vollgepackten Wagen mit den Regalen, Sofas und Ölradiatoren durch die in Torschlusspanik geratenen Massen. Lucie steuert ihren Wagen aus Versehen, aber mit Power einem dünnen Mann in die Hacken. Der dünne Mann dreht sich traurig um und sagt leise Aua. Die Ossis haben jeder gleich zwei gelbe IKEA-Taschen umgehängt, da kommen Lampen, Kochtöpfe und zusammengelegte stumme Diener rein. Renate hat für Lucie eine hochgewachsene Benjamina gekauft, als Einweihungsgeschenk für die neue Wohnung. Die Pflanze überragt alles. Wie findest du die Lampe? Pack ein! Und die? Guck, ob auf dem Karton Tizian 47 steht, die kostet nur siebzehnneunzig, wenn ja, pack ein! Dann steht Lucie mit dem monströsen Wagen in der langen Schlange, die an der Kasse vorbei aus IKEA raus ins Freie führt. Alberto, Renates Mann, der Autofahrer, hat sich eingefunden. Würde es IKEA nicht geben, wäre längst Revolution gewesen, sagt er melancholisch und klaut eine gelbe IKEA-Tasche.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 09.11.1990

Ausgabe 31/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare