Luzifer im Hinterhof

Blackmetal und Rechtsrock Aus der Hexenküche des neonazistischen Betriebs - Beobachtungen zu den Szenetreffen in Bitterfeld und Leipzig

Viel muß bestehn und viel muß untergehn.
Viel muß geschehn und viel
darf nicht geschehn.
Bert Brecht

Habt ihr ihn gesehen? Wie bös´ er über die gesellschaftliche Bühne stolziert und eine gottergebene Gegenwart in Beschlag nimmt? Es ist Luzifer. Seine höllischsten Adepten und Jünger treiben Leute zu Verzweiflungstaten, schänden Friedhöfe, zünden Kirchen an, vergewaltigen, töten. Und wenn ihnen gerade nichts einfällt, dann rappen und rocken sie in Teufels Namen. FaschoRock, wie ihn etwa die Gruppe Landser, wenn sie nicht in Haft ist, im Untergrund spielt, tötet nicht. Aber ihre Musik bildet ein Sammelsurium von Aufrufen, Leute zu vernichten, Leute totzuschlagen, Leute auszumerzen. Auch in diesem Sprachgebrauch.

Die rechte, rechtsextreme Szenerie ist höchst mobil und von Pop und Kommerz zerfressen. Neonazistische Tendenzen spielen immer mit. Am Rand wie in der Mitte. Zum guten Ton bestimmter Richtungen gehören Satansspiele, Schwarze Messen, der Rückgriff auf dumpfe nordisch-germanische Helden-und Opferrituale. Derlei Motivik lädt geradezu ein, faschistisches Material zu integrieren. Die NS-Blackmetal-Music feuert so kriegerisch aus ihren Rohren, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der tote Futurist Marinetti seinem Grabe entsteigt, um diese höllische Welt zu feiern und weihen.

2005 zelebrierten rechte Bands der Szenen "White Noise", "Hatcore", "Gothic" und "Grufti" 255 Konzerte, zumeist in entlegenen, abgeschotteten Räumen, sozusagen im Hinterhof, und produzierten 124 CD´s, Rekord in Deutschland. Christian Dornbusch, Arbeitsstelle Neonazismus Düsseldorf, mit Hans-Peter Killguss Verfasser des Buches Unheilige Allianzen. Black Metal zwischen Satanismus, Heidentum und Neonazismus (Hamburg/Münster 2005) meint dazu: "Zu beobachten ist vor allen Dingen das Phänomen der Veralltäglichung. Früher waren die Konzerte des rechtsextremen Spektrums die Events, die alle paar Wochen mal irgendwo stattgefunden haben. Seit gut vier, fünf Jahren haben wir die Tendenz, dass diese Konzerte zunehmen und mittlerweile auch in abgelegensten Regionen stattfinden. Dass es Leute gibt, die sagen, oh, wir haben Interesse, wir haben mal Lust, die und die Band auf die Bühne zu bringen, und das machen wir jetzt auch. Die Konzerte werden mehr, aber die durchschnittliche Besucherzahl sinkt."


Rechtsextreme Musik in Hinterhöfen. Was sind das für Hinterhöfe? Wo findet jetzt derlei statt? Die Blackmetal-Szene ist extraordinär strukturiert. Hans-Peter Killguss erklärt, dass für Blackmetal allgemein gilt: "Es gibt die Blackmetalszene, und es gibt den ›rechten Rand‹ derselben. Der stellt eher eine Minderheit dar. Neonazistische Blackmetalkonzerte rekrutieren in der Regel einige Hundert Fans. Bis zu tausend Fans und mehr besuchen die einschlägigen Festivals, ganz normale. Doch auch dort ist rechte, neonazistische Blackmetal-Music zu hören. Ähnlich der rechten Skinheadszene gibt es diese Hinterhofmentalität. Konzertveranstaltungen etwa in angemieteten Schützenhäusern oder ähnlichen Orten; Interessenten werden nur eingelassen, wenn sie in gewissen Verteilerstrukturen drin sind."

Klaus Farin vom Berliner Archiv für Jugendkulturen bezeichnet Rechtsrock-Konzerte heute als "kleine Events". Wo heute 100 bis 150 Menschen kommen, waren es Mitte der neunziger Jahre mehrere Hundert und zu einigen Konzerten auch bis zu 2.000. In Berlin finden allein an einem Wochenende etwa 30 Technopartys, 5 Punkkonzerte und fast ein Dutzend Reggaepartys statt. "Demgegenüber gibt es bundesweit das Jahr über 250 Rechtsrock-Events. So gesehen ist das minimal."


Fragt sich, ob der ganze Popsektor überhaupt fortschrittlich ist, wie dort geredet wird, wieweit auch dort Gedankengut der neuen Rechten und der Nazis eingedrungen sind. Rassismus jedenfalls kann täglich erlebt werden, auf der Straße, zu Hause. Jede deutsche Volksmusikschnulze, die das Fernsehen liefert, ist potentiell rassistisch. "Nationale Liedermacher" oder die "Zillertaler Türkenjäger" kupfern dort ab, auch Rechtsrock-Bands. Michael Weiss vom antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin hat Texte analysiert: "Mehrheitlich bewegen sich die inhaltlichen Aussagen auf einem absoluten Stammtischniveau. Das geht einher auch mit dem Musikalischen. Sehr häufig ist eine Standarddynamik in der Musik und Strophen, die weinerlich und schnulzig sind, und wo das typische Gejammer kommt: ach je, die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg und Berlin ist so dreckig. Beliebt ist auch, die Problematik der Drogendealer und Kinderschänder aufzugreifen. Also das, was man an jeder Straßenecke und am Stammtisch vor allem hört. Dieses Weinerliche, dieses Schnulzige wird mit einem brachialen Refrain häufig aufgebrochen. Es findet dann musikalisch wie inhaltlich-politisch eine Überspitzung statt, eben die Radikalisierung dieser Stammtischparolen. Beschreiben die Strophen einen Zustand, wird im Refrain eine Lösung angeboten. Und diese Lösung ist per se faschistisch."

Aufhorchen lässt, dass immer mehr Jugendliche ihr Leben nach satanischen Regeln ausrichten. Satana-, Gothic oder Gruftie-Szene gelten als eine der Hauptandockstellen für den Rechtsextremismus. In der Dark-Wave-Subkultur, so der Politologe Rainer Fromm, "braut sich seit Jahren ein explosives Gemisch aus okkult-esoterischen, neosatanischen, neuheidnischen Ideologien, versetzt mit allerlei NS-Mythen, zusammen."


Bitterfeld. Nahe Industriegebiet. Bitter ist das Feld und kühl der Himmel. Über Pfingsten sind hier die Metaller die Platzhirsche. Jedermann, der nur mal gucken will, kann näher kommen und die Bühne sehen. Durch einen Spalt hindurch. Das Terrain der Bands ist umzäunt. Zeltplatz, Buden, Bänke, Autos, schwarze Ledermasse, Feuerstühle, Liebespaare. Scherben im Müll der Flyer, der Silberfolien, der leeren Bierbüchsen und Bananenschalen.

Die Metal-Music dröhnt wie die Akustik der Lufthochdruckhämmer. Nichts für die Trommelfelle der Feldmäuse und Esel. Hinten im Grünen scheißt vor lauter Angst das Kalb von Meiers.

Wer das Gehege betreten will, muss durch ein streng bewachtes Tor hindurch aus Draht und Eisenstangen. "Festung Bitterfeld", lautet das Metaltreff-Motto. Die den Tag über einander abwechseln, sind Ram aus Schweden oder die US-Gruppe Sathanas. Auch Toxic Holocaust aus den USA und Desaster aus Deutschland sind dabei. Jede Band belfert den gleichen fürchterlichen Katarakt. Primitivakustik. Abgefeuert von frierenden, hasserfüllten, verstoßenen Erdenkindern in der Ödnis bei Bitterfeld.

Für Hans-Peter Killguss leitet sich die Faszination am Blackmetal aus seiner Radikalität ab: "Blackmetal verkörpert eine radikale Absage an christlich normierte gesellschaftliche Werte. Es ist ein ganz starker Distinktionsmechanismus, der hier seinen Ort findet. Blackmetal ist grundsätzlich rebellisch. Es ist eine Unzufriedenheit da, die sich radikal Bahn bricht. Gesellschaft, wie sie ist, finden Blackmetaller dekadent, verweichlicht. Maßgebend ist für sie das Recht des Stärkeren. Dazu kommt, sie fühlen sich in dieser Gesellschaft nicht aufgehoben, nicht zu Hause."

Sie knurren wie hungrige Wölfe in der Kälte. Metaller treten hart auf, sind aber schwach, so scheint es. Wer sind sie wirklich? Harter Kern einer bekifften, verzweifelt opponierenden, alleingelassenen Jugend? Abgerissene Prolls mit ausgebranntem Hirn?

Das Bild trügt. Die meisten von ihnen haben einen "ganz normalen" Werdegang. Nicht wenige haben studiert, haben einen zivilisierten Beruf erlernt und üben den auch aus. Sie sind nicht schwach, es sind Menschen durchaus mit einem Selbstbewusstsein. Jedoch einem, das sich gegen den Schwachen richtet. Es sind Menschen, denen man etwas weggenommen hat, die zu kurz gekommen sind, die sich beschränkt fühlen, unfrei, sich nicht ausleben dürfen. Von dort leitet sich ihr Selbstverständnis, auch ihr Lebensstil her. Das andere ist: Auch der Blackmetal-Komplex unterliegt der Kommerzialisierung, es ist eine große Show, die Faszination des Gruseligen. Es soll die Leute schockieren und provozieren.


Für manche ist Blackmetal Spaß. Für manche eine Epoche in ihrem Leben. Für manche aber auch nur Zeitvertreib! Für mich ist es Haß, ist es Kraft! Für mich ist Blackmetal Blut! Black Metal ist Krieg!" - Nachricht aus einem Internetforum, die es auf den Punkt bringt. Rechtsrocker, hier die Blackmetallurgen, sind so kriegerisch wie der Turbokapitalismus kriegerisch ist. Das ergänzt sich. Neuen Schwung erhält die Kriegermentalität eines Marinetti, Ernst Jünger oder Carl Schmitt - intellektuelle Leitfiguren der Neuen Rechten mit ihrem Frontblatt Junge Freiheit. Rechtsextreme Bands, voran Blackmetalbands, verherrlichen den Krieg schlechthin. Krieg ist für sie Kraftstoff ihrer Ästhetik, Symbol des Untergangs und Spitze des Menschenhasses. Ihr eigener Krieg gilt den Christen, den Islamisten, den Juden.

Ein Motiv, das man in der Szene immer wiederfindet ist das Motiv der schwarzen Sonne. Christian Dornbusch erklärt: "Damit wird rekurriert auf ein Symbol, dass es auf der Wevelsburg bei Paderborn gibt. Die Wevelsburg ist von Heinrich Himmler 1934 auserkoren worden als ein zukünftig geistig-politisches Zentrum für die SS. Im damaligen Gruppenführersaal ist im Boden eingelassen das Motiv, das heute als schwarze Sonne gilt. Es ist ein Kreis, der aus zwölf Siegrunen besteht. Was damit verbunden sein sollte, ist unbekannt." Über die Beschäftigung mit den okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus wird dieses Symbol plötzlich aufgeladen, werden plötzlich Motive hineininterpretiert.

Rechtsextreme Musik verbreitet sich wie alle andere Musik leicht über die neuen Kanäle, besonders übers Internet. Klaus Farin dazu: "Man muss sich das nicht mühselig beschaffen, man kann es anonym überall bekommen. In jeder Schulklasse gibt es Schüler, die rechtsextreme Bands, Songs kennen. Dass die Musik dennoch nicht so populär ist, dass sie keine Massenmusik ist, dass HipHop, Punk, Techno, Gothic-Music viel populärer sind, liegt einmal daran, dass die Musik häufig grottenschlecht ist. Die Musiker wissen nicht, wie sie ihre Gitarre stimmen sollen. Es ist meistens gleichzeitig so etwas wie Agitprop: Ausländer raus! Deutschland den Deutschen! Heldenlieder, ohne Humor häufig. Und das kommt bei den meisten Jugendlichen nicht gut an."

Laut Farin gibt es wenige Bands, die als besser gelten. "Das sind interessanterweise Bands, die ein bisschen ausgeschert sind aus dem üblichen Duktus dieser Szene, die versuchen, Witz zu bringen, bösartigen, zynischen Humor natürlich, Projekte wie die von "Zillertaler Türkenjäger" und auch "Landser" zum Teil, die durchaus Kultbands sind." Aber für die meisten Jugendlichen sei diese Musik einfach schlecht, intolerant und nicht genießbar.


Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig. Krypta. Wie das Denkmal, so seine Krypta. Ein Rundbau, so dunkel und klotzig, dass jede Kunst, die sich hierher verirrt, so ähnliche Züge annimmt. Ein Vorhof der Hölle und Vorzugsort für Edelgruftis mit lackigen Hosen und barocken Hüten. Alles feiner Zwirn. Gotik-Feste sind zum Wirtschaftsfaktor geworden.

Zu Pfingsten spielte in der Krypta die Gruppe Orplid. Ihre Inszenierungstechnik geht etwa so: Zuerst salbt pseudomittelalterliche Softelektronik die Sinne, Musik, haarklein auf mediokre Wünsche hin zurechtgedrechselt. Dann füttern Stimmen und Instrumente die Ohren mit Totengesängen aus der Mottenkiste. Dumpfer Männergesang, Mollakkorde in tiefer Lage (mehr als drei Akkorde sind nicht), vorsintflutlicher Trommelschlag. In der Mitte die Predigt eines ultrarechten Schreiberlings. Gespannter Auftritt des Herrn Rolf Schilling, angekündigt als Jahrhundert-Dichter. So faschistisch die Kontur eines zukünftig edlen, reinen Deutschland, die Herr Schilling malte, so schlimm die Tatsache, dass die anwesenden jungen Leute es mit sich geschehen ließen und nicht etwa maulend die Halle vorzeitig verließen.

Dark Wave ist für Zehntausende hierzulande eine schillernde Szene. Die Spielarten ihrer Musik seien nicht zu verwechseln mit Neonazimusik, so der allgemeine Glaube. Martin Büsser in seinem Buch Wie klingt die neue Mitte? Rechte und reaktionäre Tendenzen in der Popmusik (Ventil Verlag, Mainz 2001) aber meint: "In dem Maße, in dem Pop zur alles bestimmenden Leitkultur geworden ist und sich vom neoliberalen Popanz des Jeder-gegen-jeden und Wer-sich-durchsetzt-überlebt nicht mehr unterscheidet, ist Anpassung ans Prinzip der Überlegenheit zum bestimmenden Paradigma des Pop geworden. Das Faschistische an einer Band wie Rammstein ist nicht so sehr ihr Spiel mit Feuer und das rollende ›Rrr‹, sondern die Tatsache, dass sämtliche Gesten der Männlichkeit und Härte hier für Sieg und Überlegenheit stehen."


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00:00 16.06.2006

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