Marion von Zieglauer
14.12.2011 | 13:14

Lyrik, Litanei, Literaturbetrieb

Gedichtband Neues von der Berliner Anti-Latte-Front: Ein Band von Kai Pohl und Clemens Schittko mit Gedichten voller Wut und Selbstironie

Der Titel des Bandes löst etwas beklemmende Gefühle aus, man assoziiert KZ und Funktionshäftling, doch bei da kapo mit CS-Gas sind die Initialen der Autoren Kai Pohl und Clemens Schittko am Werk. Und das da capo, das „von vorn“, nimmt die Geschwindigkeit und Angriffslust der Texte vorweg.

An jedem Seitenrand sind die Anfangsbuchstaben beider Autoren vermerkt, damit sich der Leser besser orientieren kann, doch nach einigen Gedichten ist die Federführung der beiden Autoren leicht differenzierbar. Die Lyrik ist gesellschaftskritisch und politisch, wobei sich Clemens Schittko mehr der Gesellschaftskritik und Kai Pohl mehr der Politik widmet.

Schittkos Biografie ist gleichzeitig sein erstes Gedicht: geboren 1978 in Berlin /DDR, / ausgebildeter Gebäudereiniger / und Verlagskaufmann, abgebrochenes Studium / der Literatur-, Musikwissenschaft / und Philosophie, / arbeitete u. a. / als Fensterputzer und Lektor, / keine nennenswerten Veröffentlichungen / im Zeitschriften-Over- und Underground / und die ihm nicht verliehenen / Preise und Stipendien / häufen sich beträchtlich, / lebt in Berlin (Friedrichshain).

Zu schreiben begann Schittko mit 15, doch erst zu Beginn des neuen Jahrtausends veröffentlichte er seine Texte, die sprachexperimentell und von der Prenzlauer-Berg-Lyrik der damaligen Zeit und ihren Koryphäen Stefan Döring, Eberhard Häfner und Johannes Jansen beeinflusst waren. Bereits mehrere Gedichtbände sind von ihm in undogmatischen Verlagen erschienen, 2010 gewann er den lauter-niemand-Preis für politische Lyrik.

Schittkos Texte sind inhaltlich ausgerichtet und zielen vor allem darauf, verstanden zu werden. Dabei fragt sich der Autor beim Verfassen seiner Zeilen in der mitternächtlichen Ruhestörung durch die Nachbarn: Wird dort noch eigenständig / miteinander geschlafen / oder (auch) schon / ein Pornofilm geschaut? Er vergleicht den Durchschnittssex des Deutschen mit der Länge einer Single-Auskopplung, die es in die Musikcharts geschafft hat, und zieht den Schluss, dass sich deshalb der Begriff Popsong entwickelt haben muss. Neben diesen humoristischen Episoden befasst sich das Gros seiner Gedichte mit dem Literaturbetrieb. Dabei stellt er immer wieder das System, die Schreibbedingungen und sich selbst infrage und beantwortet den Zweifel, Warum sich dieses Gedicht nicht durchsetzen wird (zumindest nicht zu Lebzeiten seines Autors), Weil es zu schlecht ist / Weil es weder Liebes- / noch Naturlyrik ist. / Weil es zu politisch, / zu links, / zu anarchistisch, / zu subversiv ist.

Schittkos Kritik hebt darauf ab, dass sich in der übersättigten, schnelllebigen Gesellschaft nur das Neue und Junge durchsetzt – Autoren werden nur dann erfolgreich, wenn sie über die richtigen Kontakte verfügen.

Kai Pohl wiederum siedelt sich stark in der marxistischen Tradition an. Der Autor, Künstler und Grafikdesigner wurde 1964 in Wittenburg geboren und lebt heute in Berlin-Prenzlauer Berg. Seit 2006 ist er Herausgeber der Zeitschrift floppy myriapoda – Subkommando für die freie Assoziation. In diesem Jahr erschienen insgesamt vier kleine Gedichtbände beim Distillery Verlag, bei Sukultur und Fixpoetry.

Seine Gedichte drehen sich vorwiegend um Arbeit, Kapital und Vermögenswerte. das unvermögen der armen / ist das vermögen der reichen / das vermögen der armen / ergo ihr reichtum / begründet das ende der armut. Pohl wirft aber auch einen Blick auf die Berliner Architektur, insbesondere das Schmerzzentrum in der Schönhauser Allee und das Gesundbrunnencenter. Wieder einmal kriegen die Milchkaffeetrinker ihr Fett weg, er drückt seine Abneigung gegen die Tatenlosigkeit aus, „eher gibt es (schon wieder) krieg, / als daß hier jemand den arsch hochkriegt“

Vordergründig plakativ

Zwischendurch warten beide Autoren mit regelrechten Litaneien auf. Johannes Jansen beschreibt diese Litanei im Vorwort als Mutter des Wutanfalls und wünscht den Gedichten Pohls und Schittkos insofern auch Gehör, als sie laut gelesen werden müssen. Er erinnert dabei an Brechts Hauspostille, die parodistisch auf eine Predigtensammlung anspielt, mit dem gutgemeinten Vorwort, nicht zu viele davon auf einmal zu lesen. In Fuck the german way schickt Pohl ohne Erklärung von der deutschen Geschichte über die deutschen Schweine bis hin zum deutschen Traum alles zum Teufel. Der Nulpen Tango ist voll von Besudelungen und Beleidigungen ganz im Stile von Peter Handkes Publikumsbeschimpfungen und Der nullte Kaddish weckt ein katholisches Schuldbewusstsein im einzelnen Schäfchen, ist aber dann doch glücklicherweise wieder auf den Literaturbetrieb gerichtet. Beim Lesen fragt man sich allerdings kurz, wo die Erkenntnis bleibt, die über sozialrevolutionäre Klischees hinausgeht. Es drängt sich der Gedanke auf, zu vieles schon gehört zu haben. Vordergründig plakativ werden dann aber doch in der Verarbeitung soziale Missstände und Zwänge neu aufgegriffen. Die Autoren montieren und aktualisieren die vorgeformten Einzelteile und verarbeiten sie ideenreich. Es erweist sich, dass beide Berliner Lyriker kämpferisch, selbstironisch und gedanklich ausgefeilt sind.

Auch wenn die Gedichte der beiden dezidiert gesellschaftsbezogen sind, werden die privaten Seiten nicht ausgelassen. In den Momenten der leisen Töne, in denen nicht in der großen allgemeinen Soße gerührt wird, hinterlassen die Gedichte die größte Resonanz. Ich habe nichts gegen Leute, die meine / Gedichte nicht mögen, aber daß ich diese Frau / umwerfend fand, müßt ihr mir schon glauben. / Jetzt bin ich müde und esse Rhabarberkompott. / Ja, wenn meine Gedichte Scheiße sind, / finden sich auch Fliegen, die sich daran mästen.

da kapo mit CS-Gas Kai Pohl/Clemens Schittko, Fixpoetry 2011, 62 S., 10

Marion von Zieglauer schrieb im Freitag zuletzt über die Provinzlesung in der Rhön