Machen Sie Urlaub in Polen, Ihr Auto ist schon da!

Vorurteile Impressionen einer Reise in den Osten

Angefangen hatte es damit, dass mein Auto abhanden gekommen ist. Es war im Sommer letzten Jahres. Und es war in Polen. Das perfekte Klischee: die Geschichte eines Autodiebstahls im tiefen Osten, vor dem die Freunde in München stets so eindringlich warnten. Für sie, die Berlin das erste und letzte Mal auf Klassenfahrt und vor der Wende besuchten und lieber in die ach so heimatliche Toskana fahren, kommt jeder Schritt in irgendwie slawisch klingende Regionen einem unmöglich einzugehenden Abenteuer gleich. Den dreiwöchigen Selbsterfahrungstrip durch Südvietnam, den ein Bekannter gleichzeitig unternommen hatte, konnten alle nachvollziehen. Aber das Baltikum, das Ziel meiner Reise war? Gott bewahre! Ist da nicht noch Krieg? Steht da nicht schon wieder der Russe vor der Tür? So passte ein gestohlenes Auto wunderbar in ihr schönes einfaches Weltbild. Oder wie einer der Freunde so prägnant formulierte: Er wäre überrascht gewesen, wenn es anders gekommen wäre. Nun, ein wenig anders ist es doch gekommen, denn es war kein organisierter Autoschieberring, sondern Grenzpolizei, die mir das Auto abnahm, und die Freunde wurden nur durch die Tatsache, dass ausgerechnet ich unter dem Verdacht des Autoschmuggels verhaftet worden war, mit ihren Vorurteilen versöhnt. Das Auto konnte ich einige Wochen später wieder abholen und die Geschichte auf diversen Partys zur allgemeinen Begeisterung zum Besten geben.

Und doch ärgerte mich diese Ignoranz, die "den Osten" zur Chiffre der Rückständigkeit und Korruption, des Unzivilisierten und Unzivilisierbaren degradierte, ohne auch nur einige Fakten zu kennen, geschweige denn einmal "dort" gewesen zu sein. Natürlich tat ich den Freunden Unrecht an, denn sie zogen ja nicht über den Osten her, um sich selbst aufzuwerten. Er interessierte sie einfach nicht. Sie bedienten sich einer Mental Map, einer mentalen Landkarte, die weit älter als der Kalte Krieg ist und den Osten als Projektionsfläche negativer Zuschreibungen bestimmt. So wird verständlich, weshalb sich Polen um eine Definition als Mitteleuropa bemüht: Die negative Wertungen von Osteuropa soll durch einen neutralen oder positiv besetzten Begriff wie "Mitte" ersetzt und kulturell verankert werden. Mentalitätsgeschichtlich ist das erklärbar und wurde eingehend beschrieben. Und doch scheint das Wissen darum nichts an der Beständigkeit dieser Mental Maps und den damit verbundenen Stereotypen zu ändern. Das Baltikum nach wie vor eine mediale Blackbox kultureller Vorurteile. Wer Veränderung, Innovation und Möglichkeitsräume sucht, tut indes gut daran, sich an Tallinn, Riga oder Vilnius zu orientieren. Denn hier wird das neue Europa gemacht. Die Zukunft beginnt kurz hinter Berlin.

So war der Entschluss, es dieses Jahr noch einmal zu versuchen, mehr als nur eine Trotzreaktion auf die Arroganz der Freunde, und die hämische Verabschiedung, ich möge diesmal mit Auto zurückkehren, überhörte ich wohlwollend. Nichtsdestotrotz wollte ich etwaige Probleme bei der Einreise vermeiden und fuhr mit der Fähre direkt nach Tallinn, um von dort den Weg zurück nach Berlin zu erkunden. Doch bereits bei der Ankunft war die Enttäuschung groß. Auch ich habe ja meine Vorstellungen von Fremdheit im Kopf und etwas spezifisch Baltisches hatte ich schon erwartet. Statt dessen: Adidasshops, Heineckenbierkneipen, Internetcafés. Auch die aus Sowjetzeiten stammenden Gebäude außerhalb der Altstadt waren mir aus Ostberlin allzu gut bekannt. Was hätte ich da für eine kleine Bestätigung der Klischees gegeben! Eine schlaglöchrige Straße oder heruntergekommene Fassaden - in Athen hatte ich das kurz davor eher gefunden. So jedenfalls hatte ich mir das neue Europa nicht vorgestellt, globalisiert und kapitalisiert, die mittelalterliche Hansestadt als folkloristische Touristenattraktion und den Euro als allgegenwärtiges Zahlungsmittel. Meine Reise hatte ich ursprünglich als Rückkehr nach Europa bezeichnen wollen, doch offenbarte sich nun die Naivität solcher Phrasen. Sie waren nichts anderes als die andere Seite der ideologischen Mental Map, die im Kalten Krieg Europa mit der EG gleichsetzte und bis heute im Kopf festgeschrieben ist. Nicht die Baltischen Staaten kehren nach Europa zurück, es ist die EU, die endlich nach Europa findet. Zeit, die Mental Map dieser Realität anzupassen, sie neu zu schreiben.

Wie dieses Umschreiben aussehen kann, habe ich kurz darauf in Riga gesehen. Zufällig kam ich am "Europatag" in der Stadt an, einer Art staatlichen Werbeveranstaltung für den EU-Beitritt, über den die Letten einige Wochen später abzustimmen hatten. Infostände wurden errichtet, Europafläggchen verteilt und nette Poster unters Volk gebracht. Und dann gab es da dieses Puzzle, drei mal drei Meter, eine Landkarte Europas, schön bunt und in Quadrate zerlegt. Zufälligerweise hatte ich ein ähnliches Puzzle ein paar Wochen davor an einer Augsburger Berufsschule im Rahmen eines Planspiels zur EU-Osterweiterung zusammensetzen lassen. Wie nicht anders zu erwarten war, fingen die 16-Jährigen mit den optisch leicht erkennbaren Teilen an: Italien zuerst, die Spanische Halbinsel, England, dann wurde Europa langsam ausgefüllt, und was im Osten lag nur mit Mühe und mehrmaligem Probieren an die richtige Stelle gesetzt - das Bekannte und Nahe zuerst, die Terra Incognita des Ostens zum Schluss. Hier in Riga nun versuchten sich drei Jugendliche im gleichen Alter an dem Puzzle und es war anzunehmen, dass sie ebenfalls nach diesem Prinzip vorgehen würden. Tatsächlich begannen sie mit den baltischen Staaten und Skandinavien und arbeiten sich nach Westen und Süden vor. Interessant war dabei das letzte Teil. Es stellte den italienischen Stiefel dar, der doch in meinen Augen eine absolut unverwechselbare Form besaß. Die Kids jedoch schienen nicht die geringste Ahnung zu haben, wie er nun einzupassen sei. Immer wieder drehten sie ihn im und gegen den Uhrzeigersinn und erst als sie eine Landverbindung im Norden erkannten, war Italien für sie verortet. Pisa auch hier oder vielmehr - trotz aller Unkenntnis - ein Hoffnungsschimmer? Ist es vielleicht dieser Clash of Mental Maps, der Zusammenstoß so unterschiedlicher Ansichten des Kontinents, aus dem sich eine neue Vorstellung von Europa entwickeln könnte? Das aber setzt Interesse voraus, Austausch und Begegnung, was gerade von westdeutscher Seite her zu fehlen oder im Nostalgiediskurs aufzugehen scheint. Verständlich ist, dass Heimat und Vertreibung zentrale Begriffe der älteren Generation sind, unter denen das Baltikum gesehen wird. Für die junge Generation der puzzelnden Kids beider Seiten besteht indes die große Chance, jenseits des historischen Ballasts von deutscher Okkupation und russischer Vertreibung das neue Europa kennen zu lernen. Und da ist es doch etwas verwunderlich, weshalb sich deutsche Schulklassen immer noch nach Rom und Athen auf die Spuren des längst Untergegangenen oder nach Paris und London als austauschbare Metropolen der Gegenwart begeben statt das Europa der Zukunft zu erforschen: in Krakau und Warschau, Tallinn und Riga.

Oder eben in Kaunas, der heimlichen Hauptstadt Litauens. Es sollte eigentlich nur ein kurzer Sightseeingstopp auf dem Weg nach Vilnius sein, wo ich bereits letztes Jahr vergeblich anzukommen versuchte. Als ich dann, kaum zwei Stunden später, weiterfahren wollte, war - wie sollte es anders sein - das Auto gestohlen. Mitten in der Stadt. Am helllichten Tag. Auf einem öffentlichen Parkplatz. Ich wollte es nicht glauben, hielt es für einen schlechten Scherz, war fassungslos. Was mir in diesem Moment durch den Kopf ging: Das darf ich zuhause nicht erzählen. Das Auto selbst war in diesem Augenblick nicht wichtig, auch die Kleidung zu ersetzen und um die Bücher, Grass und Walser, eh nicht schade. Doch den unvermeidlichen Spott wollte ich den Freunden nicht gönnen. Indes: Das Auto war und blieb weg, zerlegt wahrscheinlich oder in Weißrussland, als die Polizei eintraf.

Acht Autos würden täglich in Kaunas gestohlen, kaum eins tauche mehr auf. Dabei hatte mich noch ein älterer Zahnloser in schlabbrigem Jogginganzug angesprochen und angeboten, das Auto für zwei Euro zu bewachen. Ich hatte abgelehnt. Den Alten traf ich später noch einmal, auf der Straße, als ich sehnsuchtsvoll nach Zeichen des Autos Ausschau hielt. Ob er was gesehen hätte, fragte ich ihn und er erklärte, lang und breit, dass er mir ja angeboten habe und so weiter und zeigte mir einen Innenhof, wo es sicher gewesen wäre, und hatte auch gleich eine Privatpension für die Übernachtung parat, aber gesehen habe er nichts.

Es bleibt immer ein komisches Gefühl, wenn sich Klischees, gegen die man so vehement anschreibt, dann doch erfüllen. Hilflosigkeit, da gegenüber dem Faktum alle Versicherung, es sei ja gar nicht so, lächerlich erscheint. So nahm ich, leicht deprimiert ob des abrupten Endes der Reise, den 17-stündigen Bus nach Berlin, für 60 Euro ein guter Schnitt, sah Videos während der Fahrt, in Deutsch und Englisch und Russisch, es gab gute Gespräche in einem seltsamen Sprachenwirrwarr und keine Grenzprobleme, und da wurde mir klar, dass das vielleicht die größte Errungenschaft der EU ist: die grenzenlose Mobilität und freie Wahl des Ortes, die Begegnung erst ermöglicht. Denn das Auto kann schließlich auch woanders gestohlen werden. In Berlin, zum Beispiel, soll es derzeit sehr gefährlich sein. Als Argument den Freunden gegenüber taugt das natürlich nicht: Bekanntlich liegt ja auch Berlin ganz, ganz weit im Osten.


00:00 12.12.2003

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