Madame Le Pen hat die Reichen im Gepäck

Frankreich In den Wohlfühl-Milieus an der Côte d’Azur hat der Front National bei der Parlamentswahl so viele Stimmen geholt wie noch nie
Madame Le Pen hat die Reichen im Gepäck
Madame Le Pen findet auch in den arrivierten Kreisen Anklang
Foto: Boris Harvat / AFP

Das südfranzösische Dorf SaintBlaise sieht so idyllisch aus wie jede Postkarte aus der Provence. Die alte Olivenöl-Mühle bestimmt den Hauptplatz des Ortes, es gibt noch eine Post, einen winzigen Tante-Emma-Laden und eine Brasserie mit roten Sonnenschirmen. Die wohlhabende Mittelschicht aus dem 20 Kilometer entfernten Nizza hat sich hier ein Zuhause im Grünen gekauft. Politisch liegt das Dorf freilich weit von der Mitte entfernt. In Saint-Blaise hat sich bei der Parlamentswahl am Wochenende ein Drittel der etwa 1.000 Wahlberechtigten für die Vorsitzende des Front National (FN), Marine Le Pen, entschieden – doppelt so viele wie noch 2007.

Bis zu 40 Prozent

Verständlich findet Bürgermeister Jean-Paul Fabre das Votum. „Die Wähler haben ja nicht ganz Unrecht.“ Fabre fährt wie viele Lokalpolitiker in Südfrankreich auf dem parteilosen Ticket der divers droite (vielfältige Rechte), aber fühlt sich dem Front National durchaus nahe. „Marine Le Pen sagt viel Wahres, wenn Sie allein an all die Raubüberfälle und Einbrüche denken, die uns beunruhigen.“ Was die Ultrarechten dagegen tun können? „Nun ja, viele Verbrecher sind ja Migranten“, sagt der Mann mit dem grauen Scheitel und dem Polohemd. Außerdem plädiere er für „mehr Respekt“, besonders für mehr Achtung vor dem „Wert der Arbeit“.

Monsieur Fabre erhält mit seinen Parolen bei Lokalwahlen seit Jahren eine satte Mehrheit. Die nach der Abstimmung über die Nationalversammlung nun rosa-rote Landkarte Frankreichs hat in seiner Region ihren dunkelsten Fleck. Im reichen Südosten, an den Palmenpromenaden und Stränden der Côte d’Azur und in den idyllischen Bergdörfern im Hinterland wählten die Bürger vorzugsweise rechtsextrem. Hier hatte Marine Le Pen beim ersten Wahlgang zur Präsidentschaft am 22. April schon bis zu 40 Prozent verbucht und den bisherigen Lokalmatador Nicolas Sarkozy überholt. Es ist auch kein Zufall, dass in dieser Region Marion Maréchal-Le Pen, die weitgehend unbekannte und blutjunge Nichte von FN-Chefin Le Pen, einen Sitz in der Nationalversammlung errang. Auch das zweite FN-Mandat ging mit Gilbert Gollard an einen Anwalt aus dem südfranzösischen Departement Gard.

Heute sind es nicht mehr allein verbitterte Arbeitslose, Veteranen des Algerienkrieges oder Feinde jedweder Einwanderung, die mit dem FN sympathisieren. An der Côte d’Azur wohnen fast 80 Prozent der Menschen in ihrem Eigenheim und verdienen im Schnitt monatlich deutlich mehr als Bürger im restlichen Frankreich – mit Ausnahme des Großraumes Paris. Häuser in diesem Teil des Südens sind meist von mannshohen Buchsbaumhecken umgeben. Jeden Nachmittag gegen 16.30 Uhr stehen Eltern in ihren Landrovern vor den Lyzeen, um ihren Nachwuchs abzuholen.

Angeheizt wird die Fremdenfeindlichkeit dieses Milieus durch die Zeitung Nice Matin. Für sechs Millionen Euro schaltet das Rathaus von Nizza jährlich Anzeigen in diesem Lokalblatt. Im Gegenzug gibt es fast jeden Tag Jubelmeldungen über den konservativen UMP-Bürgermeister Christian Estrosi, der Ende der neunziger Jahre zu den ersten Kommunalpolitikern gehörte, die für Wahlabsprachen mit dem FN plädierten. Estrosis letzte Amtshandlung vor der Parlamentswahl: Er widmete einen „nicht angemeldeten“ muslimischen Gebetsraum in eine Polizeistation um.

Mit einer Angstdebatte über nächtliche Einbrüche, Handtaschenräuber, die Gefahren für gebrechliche Damen und „gewaltbereite marokkanische Jugendliche“ füllt der Lokalmatador die Spalten von Nice Matin. Seitenlang darf er dort sein Sicherheitsprogramm und die berittenen Polizeipatrouillen loben.

Schwarze Augenklappe

Dabei lebt der Front National im Raum Nizza vorzugsweise von einem Stimmenpotenzial, das früher den Sozialisten zugutekam. Die vorgelagerte Industriezone der Stadt wurde einst als „rotes Tal“ bezeichnet. Inzwischen sind die Industrieanlagen still gelegt und die in dieser Brache Zurückgebliebenen wählen Front National – zum Bedauern von Xavier Garcia. Der Sozialist ist in dieser braun-schwarzen Welt am Mittelmeer eine seltene Spezies: Schon als Jugendlicher engagierte er sich beim Parti Socialiste, zwischenzeitlich ist er der lokale Sprecher. „Ich bin kein Masochist“, sagt der hochgewachsene Mann. „Aber manchmal hat auch ein verlorener Posten seinen Reiz.“ Als Politikwissenschaftler analysiert er die FN-Klientel wie unter einem Mikroskop und prophezeit, rechtsnationale Gruppierungen würden in ganz Europa vom Schrumpfen der Arbeiterklasse profitieren. „Heute verdienen die Menschen in Frankreich oft so wenig wie früher ein Arbeiter, doch haben sie nicht dessen Bewusstsein.“ Viele sind an der Côte d’Azur bestenfalls als Saisonkräfte in Hotels, Pensionen und Restaurants beschäftigt. Wer seinen Job verliert, versucht es mit einer Pizzeria oder einem Reparaturbetrieb. Sobald die Belegschaft – wie in der Betonfabrik im Nizza-Vorort Carros – größer wird, ist der Front National bei den Angestellten abgemeldet. Das soziale Gruppengefühl scheint eine Barriere für die Rechtsextremen zu sein.

Um so schwerer wiegt der Terraingewinn in der Mittelschicht. Der FN hat es längst geschafft, seine Nische zu verlassen. Jean-Marie Le Pen, der Vater von Marine und langjährige Vorsitzende, hatte die Partei 1972 gegründet und trat anfangs stets mit schwarzer Augenklappe auf, um sich als Veteran und Überlebender des Algerienkrieges (1955–1962) auszuweisen. Ein mutmaßlicher Grund für den Einfluss des Front am Mittelmeer: Etwa 60.000 Algerienfranzosen, Pied Noir genannt, hatten ab Mitte der sechziger Jahre versucht, in Nizza Fuß zu fassen und eine neue Heimat zu finden. Sie waren enttäuscht, verbittert, fühlten sich allein gelassen und bestenfalls geduldet. Ihre vaterländischen Gefühle hatten viel mit der Erinnerung an den verlorenen sozialen Status in einer sicher geglaubten Kolonie zu tun. Bei ihnen fand Le Pen Gehör und verlässliche Wähler.

Doch das ist Vergangenheit – Marine Le Pen hat eine andere, wie sie glaubt, bessere Strategie gefunden. Die 43-Jährige profitiert von suggestiven Auftritten und der europäischen Krise. Hatte der FN noch vor Jahren ein neoliberales Wirtschaftsprogramm, wird nun gefordert, Schlüsselindustrien zu verstaatlichen und die französische Agrarwirtschaft zu subventionieren. Hetzte Marine Le Pen noch vor kurzem offen gegen den Islam, redet sie heute viel vom laizistischen Staat, der vor religiösem Eifer bewahrt werden müsse. Dies findet in der Mittelschicht mehr Gefallen als die grobschlächtigen Anti-Islam-Phrasen des Vaters. Dennoch umgibt sich auch Marine Le Pen mit Straßenkämpfern von neonazistischer Gesinnung und Männern wie dem FN-Schatzmeister Wallerand de Saint-Just. Der hängt einem erzkonservativen Katholizismus an und verklagt regelmäßig Zeitungen wegen angeblicher Gotteslästerung.

Doch ist es heute nicht mehr der Glaube, der Wähler ins ultranationalistische Lager treibt. Zwar hat auch der Ort Saint-Blaise seine Kirche und widmet sich hingebungsvoll der jährlichen Prozession für seinen Schutzheiligen, aber das ist Folklore mit anschließendem Weinfest. „Madame Le Pen kann uns über die Zeit retten“, sagt Jean-Claude Péry, ein Immobilienmakler aus eben dieser Gemeinde. Der 43-Jährige hat vor zwei Jahren für seine Familie ein Anwesen mit großem Garten, Olivenbäumen und einer Doppelgarage gekauft. Von einer Ecke seines Grundstück kann er sogar das Meer sehen. Inzwischen deutet Monsieur Péry seine Investition längst nicht mehr als sagenhaften Glücksfall, sondern ist besorgt. „Frankreich hat sich verkauft – und jetzt müssen wir bangen, ob das Eurosystem nicht jäh zusammenbricht“, befürchtet er. Früher habe er auch schon mal Sozialisten gewählt, um etwas für eine bessere Schulbildung seiner Kinder zu tun. „Aber diesmal war ich für Marine Le Pen, weil sie die Krise für die Franzosen meistert“, sagt er mit einem etwas hilflosen Blick. Ihren zuweilen rassistischen Furor findet Péry weniger wichtig. „Es gibt doch in unserer Gegend so gut wie keine Ausländer“, stellt er fest. Und wendet sich seinen Tomatenstauden zu.

Annika Joeres ist Journalistin in Südfrankreich

 

Besser als François Mitterrand

Nie konnte der erste sozialistische Präsident der V. Republik, François Mitterrand, mit einer derart komfortablen Machtbasis regieren wie jetzt François Hollande. Während seiner ersten Amtszeit koalierte Mitterrands Parti Socialiste ab 1981 (bei knapper absoluter Mehrheit) mit den Kommunisten. Ab 1986 gab es eine Cohabitation: Der sozialistische Präsident musste sich mit dem gaullistischen Premier Jacques Chirac arangieren. Hollande und sein Premier Ayrault haben dagegen eine absolute Mehrheit in der Nationalversammlung und können allein regieren, auch ohne Mithilfe der Grünen, denen die Sozialisten – zur Absicherung der Mehrheit – durch ein Stichwahlabkommen den Einzug ins Parlament mit rund 20 Abgeordneten geebnet haben. Les Verts bleiben in Frankreich Dekoration. Für die Mehrheitsbildung werden sie so wenig gebraucht wie der Front de Gauche, der zehn Sitze errang und unter seinen Möglichkeiten blieb.

10:00 23.06.2012

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