Mähne, Mähne, Theke

Acid Düsseldorf war das ästhetische Kraftzentrum der 68er-Bewegung, das Künstlerlokal Creamcheese ein Vorläufer der Technokultur

Ein absolut beglückender Umstand, das Jahr 1968 in Düsseldorf erlebt zu haben – während anderswo die Studentenschaft revoltierte, ballten sich hier am Rhein viele der kreativen Kräfte dieser Zeit. Zwischen Akademie und Altstadt war gefühlt mehr Kunst als Politik vor Ort. Begünstigt vom Genius Loci entstand eine Kunst, die die ganze 68er-Bewegung mit antrieb. Warum ausgerechnet Düsseldorf? Auf Befehl höherer Wesen, würde Sigmar Polke sagen. Die rheinische Liberalität, das Laisser-faire in „Klein-Paris“ ließen ein Kraftzentrum der durch Krieg und Nachkriegszeit unterbrochenen deutschen Gegenwartskunst entstehen, deren Bedeutung erst nach und nach klar wurde.

Von staatlicher Gängelung wie von überkommenen Traditionen der Malerei befreit, hatte sich der Kunstbegriff seit den späten 1950ern und frühen 1960ern erweitert. Und während die antiautoritäre Studentenrebellion es überall knallen ließ, sprengte die Kunst ihren Rahmen und entwickelte weitere, (noch) nicht museumsreife Ausdrucksformen: Performance, Fluxus, Installation. Dafür brauchte es Räume. Die junge Düsseldorfer Künstlerschaft ermunterte 1967 den Kodak-Vertreter Hans-Joachim Reinert, das Creamcheese zu eröffnen, eine Lokalität, die als Bar, Galerie und vor allem experimenteller Konzert- und Aktionsort diente. Die Gestaltung übernahmen einige Künstler selbst: An der Hausfassade wehten überdimensionierte Namensfahnen von Ferdinand Kriwet, die zwanzig Meter lange, metallverspiegelte Bar baute der Zero-Künstler Heinz Mack, und Günther Uecker nagelte die Bildschirme einer Wand aus 24 Fernsehern weitsichtig zu – die Ausstrahlung des Hauses lockte Gäste von überall her. Zumal abendliche Aktionen zusätzlich kulturelle Highlights setzten, die das Publikum direkt ansprachen. Hier gab es keine Gemälde zu betrachten, sondern theatralisch bewegte Sinn- und Denkbilder zu lösen, wenn Daniel Spoerri mit Essen beladene Teller falsch herum oben an die Decke klebte oder Charlotte Moorman sich nackt unter Plastikhüllen Cello spielend von Nam June Paik auf Video verewigen ließ. Immer heller begann zu dieser Zeit das Düsseldorfer Dreigestirn zu leuchten: Polke-Richter-Beuys, auch im Creamcheese. Sigmar Polke durch Präsenz, Gerhard Richter live mit Bild-Projektionen und Joseph Beuys mit seiner berühmten „Hand-Aktion“ und der weniger bekannten „Hand-Schellen-Aktion“, als er sich einen Abend lang mit dem Bildhauer-Riesen Anatol an einen der (Stamm-)Tische ankettete.

Als Nachbau in Kassel

So wie die Zeit-Chiffre „68“ hatte auch der Ort paradoxe Züge – das Creamcheese, ein für kurze Zeit schwebender und zugleich bodenständiger Zustand. So gesehen war’s logisch, das Künstlerlokal selbst zum Kunstobjekt zu erklären. Als originalgetreuer Nachbau wurde es zur Documenta 4 nach Kassel eingeladen und vor dem Fridericianum ausgestellt. Dennoch bleibt erstaunlich, dass der Beitrag der Kunst zur damaligen Emanzipationsbewegung später recht selten thematisiert wurde. Erst zum jetzigen 50. Jahrestag geschieht das in Form der großen Ausstellung, 1968 und die Kunst: Flashes of the Future, die 68er oder die Macht der Ohnmächtigen, ab Ende April im Aachener Forum Ludwig.

Mochte unter allen Aktivitäten das Politische auch das höhere Gut gewesen sein, der Charme der 68er lag in der bunten Vielfalt der Gesamtbewegung – sie bewirkte den Kulturbruch und den sozialen Wandel. Wie bei jeder Massenbewegung entwickelten sich bald divergierende Flügel: revolutionäre Genossen und esoterische Träumer, Rebellen und linke Hedonisten, oder kurz, SDS und LSD. Sie alle, Mobilisierer und Mobilisierte, stürzten sich mit Hingabe in das Abenteuer dieser Zeit.

Jede Menge Initiativen entstanden, der Underground, die semipolitische Subkultur, war angesagt, erste Stadt- und Landkommunen, erste Kollektive, die Musik, Bücher, Mode und frohen Sinn produzierten. Von der Düsseldorfer Kunstszene zur Selbstbestimmung ermutigt, fiel es mir und ein paar Freunden leicht, eine experimentelle Gruppe zu gründen. In einer Gartenlaube entwickelten wir elektronische Lichteffekte, ohne die fortan keine Disco, kein Club, kein Konzert mehr auskam, namentlich das Stroboskop – der Blitz wurde zu einem Symbol der 68er Bewegung. Wir testeten die Wirkung im Creamcheese. Im Herbst dann auch in der Essener Grugahalle beim ersten von Frank Zappa befeuerten Rocknacht-Spektakel vor zehntausend Jungmenschen, Studenten und Hippies: „Brothers and sisters“, rief Zappa in die Menge, „... freak out ...“ Das war am 28. September, a day I will always remember.

Trotz aller Kritik an Amerika wurden von dort nicht nur studentische Protestformen wie Sit-in, Go-in, Smoke-in importiert. Unzufrieden mit der historisch belasteten, eigenen Nachkriegskultur, begeisterten sich die jungen Deutschen für amerikanische Kunstformen – für die Rockmusik, für Filme, Comics, auch für den damit transportierten Protest.

Das Outfit änderte sich, die Röcke kurz, die Männermähnen lang, die Stimmung super. Allabendlich wurde diese Lichtblase namens Creamcheese überrannt, deren Name sich vom Zappa-Song und dem amerikanischen Spruch für „Bitte lächeln“ beim Fotografieren herleitete. Wen es hierher zog, verließ den Alltag, war, pathetisch gesagt, auferstanden aus grauer Städte Mauern und frei von erzwungener Bescheidenheit – beim Betreten: Gänsehautfeeling. Hier hingen keine Pferdehalfter an der Wand, lockten keine Südseepappkulissen wie in gewöhnlichen Tanzlokalen, hier flirrte die Luft multimedial, eine Blaupause selbst für die heutigen Technoclubs. Nach einem langen Schlauch öffnete sich der Aktionsraum, wo von einem Hochsitz gesteuert Musik und Licht, Dias und Filme die Sinne reizten. Auch der Narzissmus bekam seine Chance – getanzt wurde auf erhöhten Podesten, wobei vor allem die langen Haare schön sichtbar im Blitzlicht rotierten. War’n damals ’ne Menge Hippies dabei, eine Mode der Stunde – niemand musste mehr nach Amsterdam fahren, um Blumenkinder zu sehen. Stattdessen pilgerten Leute aus der gesamten Republik nach Düsseldorf, die so etwas wie das Creamcheese auch in ihrer Stadt haben wollten.

Die frühen Hippies trugen Blumen im Haar – und bald auch auf den Hintern ihrer Jeans, aufgestickt von der Firma Levi’s. Zunächst in den USA, später hierzulande, war es zu einer Kernfusion von Gegenkultur und Industrie gekommen: So entstand die Kulturindustrie, wie wir sie heute kennen. Die Bedürfnisse der rebellischen Jugend wurden dem Markt und seiner Logik unterworfen. Ende der 60er Jahre begann die Kommerzialisierung von Jugendkultur, Mode und Musik, der einträgliche Fluss des Pop nahm sie auf. Ein irrer Boom brachte auch unserer Stroboskop-Gruppe viel Geld ins neue Haus. Das antikapitalistisch gedachte Gründungskonzept geriet ins Wanken. Ein Flügel wollte in der gegenkulturellen 68er-Ethik weitermachen, ohne Ausbeutung, gleicher Lohn für alle – ein anderer wollte eine normale Firma. Im Streit brach das Kollektiv auseinander, gescheitert an den Widersprüchen des eigenen Erfolgs. Der Blitz hat alles überdauert.

Doch die Ironie dieser Geschichte ist noch zu toppen. Jüngsten Erzählungen zufolge geht die Entstehung des Silicon Valley auf eine Handvoll Schlaumeier aus der Hippiebewegung zurück. Sie fanden sich in den Uni-Computer-Clubs der Bay Area und gründeten Anfang der 70er erste Firmen. Während bei uns noch die Parole „Brecht die Macht der Monopole“ nachhallte, bastelten die Silicon-Jungs bereits an ihren Monster-Konzernen. Dabei gelang dem Apple-Mann Steve Jobs der größte Wandel.

Mit raffinierter Camouflage übertrug der bekennende LSD-Schlucker das altruistische Hippie-Ethos auf ihre Firmen – sie gaben sich gegenkulturell, doch aus Selbstbestimmung wurde Selbstoptimierung, aus Meditationslehren das Fitnessprogramm für die Mitarbeiter. Ungeachtet der von ihnen eingesackten Milliarden und der ungerechten Steuervermeidung behaupteten diese neuen Industriellen weiterhin, dem rebellischen Traum von der Verbesserung der Welt zu dienen.

Das Creamcheese landete nach der Schließung 1976 im Museum, so wie Gerhard Richters graue Schlierenbilder, Sigmar Polkes Ironieserie Modern Art und das mit hundert Nelken geschmückte Revolutionsklavier von Joseph Beuys – allesamt Werke der Saison 68/69. Die Künstler, Aktivisten und Politkader, die Acid-Köppe und Stadtindianer konfrontierten vor fünfzig Jahren die Gesellschaft mit einer Kernfrage, die auch heute gestellt werden kann: Ist unsere Lebensform eigentlich die richtige? Also dann, schönen Tag noch zusamm’.

Bernd Cailloux ist Autor des hochgelobten Romans Das Geschäftsjahr 1968/69

06:00 02.06.2018

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