Man muss sich nicht küssen

Israel Für Deutschland ist die Freundschaft mit dem jüdischen Staat ein moralischer Imperativ. Sie sollte aber kein Ersatz für eine kritische Partnerschaft sein

Ein deutscher Journalist fragte mich kürzlich, wie man in Israel auf den Besuch des neuen Außenministers Westerwelle reagiert habe. Ich musste ihn enttäuschen. Die meisten Israelis haben bisher gar nicht von ihm gehört. Noch ein deutscher Würdenträger hat Blumen in Yad Vashem hingelegt, noch ein Verkehrsstau in Jerusalem. Wie so oft, gibt es keine Gleichheit in der Liebe – auch in dieser nicht. Die deutsche Braut liebt den israelischen Bräutigam viel mehr als er sie.
Von Zeit zu Zeit sollte daher das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel neu überdacht werden. Die Deutschen vergessen den Holocaust nicht. Sie sind ständig mit diesem Thema beschäftigt, auf TV-Programmen und bei künstlerischen Veranstaltungen, in Gedenkreden, in Büchern und Publikationen. So sollte es auch sein. Dieses monströse Verbrechen darf nicht aus ihrem Gedächtnis weichen. Junge Deutsche müssen sich immer wieder fragen, wie es möglich war, dass ihre Großväter und Großmütter bei diesen unglaublichen Untaten Helfershelfer sein konnten – diejenigen, die direkt daran teilnahmen, und diejenigen, die still zustimmten oder aus Furcht wegsahen und schwiegen.

Ein Staat wie alle anderen

Die deutsche Regierung – die jetzige und alle ihre Vorgänger – zogen aus dem Holocaust eine eindeutige Schlussfolgerung: Israel, „der Staat der Opfer“, muss verwöhnt werden. Alle seine Taten sollten ohne Vorbehalte unterstützt werden. Kein einziges Wort der Kritik ist erlaubt. Als 1949 im Westen eine neue deutsche Republik gegründet wurde, galt das für diesen Staat als kalkulierte Politik. Der schreckliche Krieg, den Hitler über die Menschheit gebracht hatte, war gerade beendet und Deutschland ein Pariastaat. Konrad Adenauer entschied, dass allein massiver Beistand für Israel – zusätzlich zu den Wiedergutmachungsgeldern für die individuellen Opfer – die Tore der Welt öffnen könne.

Er fand im damaligen israelischen Premier einen loyalen Partner: David Ben Gurion, der davon überzeugt war, den Staat Israel zu konsolidieren, sei wichtiger als der Vergangenheit zu gedenken. Er stellte dem „anderen Deutschland“ eine Kosher-Bescheinigung aus, als Gegenleistung für massive Hilfen an Israel. Seitdem ist viel Wasser den Rhein und Jordan herunter geflossen. Nun sollten einige Fragen gestellt werden.
Frage eins: Während die deutsche Freundschaft mit Israel ein moralischer Imperativ ist, schließt das notwendigerweise unmoralische Aktionen ein? Mehr als einmal hörte ich den Satz: Nach den schrecklichen vom deutschen Volk gegenüber dem jüdischen Volk begangenen Verbrechen, haben wir Deutschen kein Recht, den jüdischen Staat zu kritisieren. Die Söhne der Täter können nicht die Söhne der Opfer kritisieren!

Ich habe es schon früher gesagt – in diesen Sätzen liegt etwas, das mich sehr stört. Daraus lässt sich schlussfolgern: Die Juden seien etwas Besonderes. Der jüdische Staat müsse anders behandelt werden als andere Staaten. Das heißt, Juden sind anders als andere Völker, ihre Moral ist anders als die der anderen.

Eine deutsche Zuhörerschaft amüsierte sich, als ich kürzlich über einen Marsch von Kommunisten durch New York erzählte. Die Polizei kam und begann, die Demonstranten zu verprügeln. Einer schrie: „Schlagt mich nicht1 Ich bin doch ein Anti-Kommunist!“ Ein Polizist antwortete ihm: „Es interessiert mich nicht, welche Art von Kommunist du bist.“ Extreme Philosemiten erinnern mich an extreme Antisemiten. Eine besondere Behandlung? Nein, danke! Die zu erhalten, das war nicht unsere Absicht, als wir diesen Staat gründeten. Wir wollten einen Staat wie alle anderen – und eine Nation wie alle anderen sein.

Frage zwei: Was bedeutet Freundschaft wirklich? Wenn dein Freund betrunken ist und darauf besteht, mit seinem Auto nach Hause zu fahren – sollte er dazu ermutigt werden? Ist das ein Zeichen von Freundschaft? Oder würde Freundschaft dazu verpflichten, ihm zu sagen: Hör zu, du bist jetzt nicht in der Lage. um zu fahren? Intelligente Deutsche wissen, dass unsere derzeitige Politik für die ganze Welt, aber auch für Israel eine Katastrophe ist. Sie stärkt die Macht eines fundamentalistischen Islam im Nahen Osten, sie isoliert uns und führt zu einem Besatzungsstaat, in dem Juden zur unterdrückerischen tyrannischen Minderheit werden. Wenn dein betrunkener Freund direkt in einen Abgrund fährt – was bist du dem Freund schuldig?

Frage drei: Freundschaft gegenüber Israel – aber gegenüber welchem? Israel ist weit davon entfernt, eine monolithische Gesellschaft zu sein. Es ist eine dynamische, brodelnde Gesellschaft mit vielen Ausschlägen: von der extremen Rechten bis zur extremen Linken. Im Moment haben wir eine Regierung der extremen Rechten, doch gibt es auch ein Friedenslager. Es gibt zwar Soldaten, die sich weigern, Siedlungen zu räumen, und Soldaten, die sich weigern, eine Siedlung zu bewachen. Nicht wenige Israelis widmen Zeit und Kraft dem Widerstand gegen die Besatzung zu kämpfen, manchmal begeben sie sich dabei sogar in Lebensgefahr.

Skuriller politischer Kitsch

Natürlich muss eine Regierung mit Regierungen verhandeln, auch das deutsche mit dem israelischen Kabinett. Aber von vernünftigen diplomatischen Umgangsformen bis zum skurrilen politischen Kitsch wie der jüngst geplanten gemeinsamen Kabinettssitzung, die Netanjahu dann absagte, ist es ein sehr großer Schritt. Unsere momentane Regierung hat für das Zwei-Staaten-Prinzip nur ein Lippenbekenntnis übrig und verletzt es täglich. Sie hat ein völliges Einfrieren des Siedlungsbaus in der Westbank zurückgewiesen, die von allen Regierungen – auch der in Berlin – als Territorium eines künftigen Staates Palästina angesehen werden. Sie baut wie wahnsinnig in Ost-Jerusalem, das nach Auffassung – auch der deutschen Regierung – Hauptstadt Palästinas werden soll. Die Regierung Netanjahu-Liebermann tut etwas in Jerusalem, das an eine ethnische Säuberung erinnert. Sollte Frau Merkel diese Leute umarmen und ihr Antlitz mit Küssen bedecken?

Es gibt viele Möglichkeiten für die deutsche Regierung, ihre Freundschaft dem „anderen Israel“ zu zeigen, dem Israel, das Frieden sucht und die Menschenrechte achtet. Schade, dass dies nicht geschieht. Dass es einen anderen deutschen Weg gibt, erlebte ich vor knapp zwei Monaten, als mir in Berlin der Blue Planet Award verliehen wurde. Die Auszeichnung bezieht ihren Namen aus dem Umstand, dass die Erde vom Weltenraum aus blau aussieht, und wird von der Ethecon Stiftung vergeben. Die Verleihung des Preises an einen israelischen Friedensaktivisten drückt – so glaube ich es wenigstens – wirkliche Freundschaft des anderen Deutschland für das andere Israel aus. Abscheu vor den Nazi-Verbrechen hat diese Deutschen dahin gebracht, sich für eine bessere Welt zu engagieren, in der es keinen Platz für einen Rassismus gibt, dessen Kopf an vielen Stellen Europas wieder zum Vorschein kommt.

Dieselbe Dame – in anderem Gewand

Das führt mich zu dem, was gerade im Lande Wilhelm Tells geschehen ist. Die Schweiz hat in einem Volksentscheid entschieden, dass keine Minarette gebaut werden dürfen. Das ist nicht gut, das ist nicht schlecht, sondern widerlich. Im Europa nach dem Holocaust ist es schwierig, antijüdisch zu sein, so wurden die Antisemiten zu Anti-Muslimen. Im Hebräischen sagen wir: die selbe Dame – nur in einem anderen Gewand.

Vom ästhetischen Standpunkt aus gesehen trafen die Schweizer eine dumme Entscheidung. In jeder Anthologie der schönsten Gebäude weltweit nimmt die islamische Architektur einen Ehrenplatz ein. Von der Alhambra in Granada bis zum Felsendom in Jerusalem erregen Hunderte von islamischen Bauten Bewunderung. Ein oder zwei Minarette würden in der städtischen Landschaft Berns Wunder tun. Aber es geht hier nicht um Architektur, eher um einen primitiven, brutalen Rassismus, dem die Deutschen gerade entkommen sind. Auch die Schweizer haben viel zu sühnen. Ihre Großväter und -mütter benahmen sich während des Holocausts äußerst schändlich, als sie erklärten – „Das Boot ist voll“ – und Juden, die an der Schweizer Grenze das rettende Asyl erbaten, zu den Nazihenkern zurückschickten.

Jean Paul Sartre meinte einmal, wir seien alle Rassisten. Es gäbe nur den Unterschied zwischen denen, die dies erkennen und gegen ihren Rassismus ankämpfen, und jenen, die ihm nachgeben. Eine Mehrheit der Schweizer hat diesen Test nicht bestanden. Und wie ist es mit uns?

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs
 

17:00 10.01.2010

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rahab | Community