Man steckt nicht drin

Fremde Freunde Das Verhältnis zwischen dem Menschen und seinen Tieren kann als eine Geschichte der Ignoranz gedeutet werden

Obwohl seit Monaten angekündigt, trifft die Vogelgrippe die Verantwortlichen offenbar unvorbereitet. So scheint aus Unwissenheit zu resultieren, dass die Ultima Ratio, das tausendfache Töten auch gesunder Tiere, als "Mittel der Wahl" bezeichnet wird. Alternativen wie etwa die von Zoos favorisieren Impfungen, scheitern aus Ignoranz und Profitstreben: Um Wettbewerber vom Markt fernzuhalten, ist das Impfen von Wirtschaftsgeflügel mit Handelsbeschränkungen verbunden.

So bleibt der vorschnelle und häufig aktionistisch motivierte Ruf nach Massenkeulungen, der allerdings grundsätzliche Fragen nach dem Verhältnis der Menschen zu ihren Tieren aufwirft. Die üblich gewordene Haltung Tausender Tiere in einem Stall und die Konzentration solcher Betriebe in tierischen Ballungszentren erhöhen das Risiko des Befalls und der Verbreitung von Seuchen. So steigt der Druck der Industrie zur Erzwingung drastischer Maßnahmen. In früheren Zeiten, in denen kein Wissen über die Übertragungswege von Seuchen bestand, war Totschlagen nur in Einzelfällen wie bei der Tollwut das "Mittel der Wahl".

Wie präsent Tiere im Alltag unserer Vorfahren waren, schlägt sich in der Sprache nieder. Noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden schnelle Autos nach der Anzahl ihrer "Pferdestärken" charakterisiert. Ebenso selbstverständlich ist uns, dass, wer sich "heftig ins Zeug legt", anschließend auch mal "ausspannen muss". Auch über die Arbeitsmetaphern hinaus sind Tiere heute selbstverständlicher Bestandteil unseres Sprachschatzes: Wir behaupten, dass "Geld nicht stinkt", glauben, dass "Kleinvieh auch Mist macht" und "fackeln nicht lange", ehe wir anderen "Feuer unterm Hintern machen".

Die Redewendungen und Sprichwörter geben Hinweise darauf, wie - ambivalent - Tiere wahrgenommen wurden. So spielt das Schwein einerseits in Schimpfwörtern eine große Rolle, wo etwa "Ferkel" und "Drecksau" als Synonyme für Menschen und ihre als kritikwürdig erachteten Handlungen dienen. Andererseits haben wir "Schwein gehabt", wenn wir uns "sauwohl fühlen" können.

Die Tierhaltung vergangener Jahrhunderte war wenig technisiert und bestand somit hauptsächlich aus Handarbeit. Der heutige Stand der Automatisierung des Tränkens, der Fütterung, der Mist- beziehungsweise Güllebeseitigung und des Melkens schafft räumliche Distanz zwischen Mensch und Tier und ermöglicht, dass immer weniger Zeit mit dem Tier verbracht wird. So lässt sich aber nur scheinbar Zeit sparen, da die Zeit vor dem Computer (Futtermittel-Bestellung/-berechnung, Milchdaten-Analyse etc.) mitberechnet werden muss, die zwar nicht mit, aber doch für das Tier aufgebracht wird. Diese zunehmend technisierte und industrialisierte Form der Ausnutzung tierischer Leistungen verstellt den Blick auf die Bedürfnisse des einzelnen Tieres und gibt ihn bestenfalls dann frei, wenn das Tier nicht "funktioniert".

Die Auseinandersetzung um das Mensch-Tier-Verhältnis erfasst auch den Fortschrittsbegriff: In wachsendem Maße werden allein technische Entwicklungen der Tiernutzung als Fortschritt wahrgenommen. Erkenntnisse - zum Beispiel über biologische Zusammenhänge - haben keinen Wert mehr an sich. Die durch die Motorisierung der Landwirtschaft bewirkte kulturgeschichtliche Zäsur findet in der Fachliteratur fast nur in Form der enormen Leistungssteigerung Erwähnung: Der Ersatz lebendiger Pferdestärken durch automatische PS, der die Bearbeitung einer um ein Vielfaches größeren Ackerfläche möglich machte. Diese nur dem Fortschrittsgedanken geschuldete Beschreibung ignoriert den tief greifenden Wandel für die Bauern, die über Jahrhunderte einen Großteil ihres Alltages mit Lebewesen verbracht hatten und mit ihnen zusammen den Naturgewalten ausgesetzt waren. Nun trat von heute auf morgen ein Gaspedal an die Stelle der Tiere.

Dass früher mitnichten alles besser war, zeigt ein Blick in die Literatur. Über die Haltung von Schweinen im 18. und 19. Jahrhundert ist ein erhebliches Unwissen auf Seiten der agrarwissenschaftlichen und veterinärmedizinischen Autoren sowie der Bauern dokumentiert. Die Schweine werden überwiegend als "aggressiv" und "unruhig" sowie als "immer hungrig" beschrieben. Nach den Ursachen dieses Verhaltens wird jedoch nicht gefragt. Insbesondere das Fressen von "jeglichem Unrat", von "Leichen" und "lebenden Kindern" dürfte gravierendem Hunger geschuldet gewesen sein. Die häufig falsche Interpretation des Schweins und seines Verhaltens ignorierte die Ursachen für Aggression und Unruhe ebenso wie die Notwendigkeit, Hunger und problematische Haltungsbedingungen zu vermeiden.

Schweine hatten ein schlechteres Image als Arbeitstiere. Zudem könnte vermutet werden, dass auf Arbeitstiere besser geachtet wurde, weil sich ihre Besitzer der Abhängigkeit von deren "Funktionstüchtigkeit" etwa während der Ernte bewusst waren. Tatsächlich ist aber häufig von der Überlastung der Tiere die Rede. Die Ursachen für Überlastungen und potenzielle Methoden zu ihrer Vermeidung waren hingegen kaum ein Thema.

Gehungert haben nicht nur Schweine, sondern auch Wiederkäuer. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts nahm der Brotbedarf im deutschsprachigen Raum durch steigendes Bevölkerungswachstum dramatisch zu, so dass Mensch und Vieh um die Bodennutzung konkurrierten. Da bereits alle Flächen in Nutzung waren, wurden fortan Weideflächen zu Getreidefeldern. Aber die Viehbestände, denen nun ein Teil der Futtergrundlage entzogen wurde, wurden nicht entsprechend reduziert. Der Grund: Ihr Mist wurde als Dünger für den Getreideanbau benötigt. In der Folge darbte das Mistvieh; die Tiere, die den Winter überlebten, waren im Frühjahr oft so entkräftet, dass sie am Schwanz aus dem Stall gezogen werden mussten (Schwanzvieh), um auf die Weide zu gelangen. Milch- und Fleischrassen entwickelten sich in Deutschland deshalb nur an den Küsten und im Gebirgsraum, wo kein Getreideanbau möglich war und dieser somit nicht in Konkurrenz zu Weideflächen stand. Dass dem hungernden Mistvieh nicht gedankt wurde, dass es das Getreide düngte, hat sich im Schimpfwort bis heute erhalten.

Davon, dass Arbeitstiere häufig an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit getrieben wurden, zeugen die häufigen Warnungen, wonach Pferde "nicht bis zur Erschöpfung" arbeiten sollen. Dennoch erfolgte in der Regel keine Präzisierung durch Zahlenangaben über sinnvolle Arbeits- und Ruhezeiten. Nicht am Elend der Arbeitstiere in der Landwirtschaft, sondern erst an dem ihrer städtischen Arbeitskollegen entzündete sich letztlich der Zorn der Öffentlichkeit, wobei lange das öffentliche Ärgernis und nicht der Tierschutz als Selbstzweck die Diskussion dominierte. So betonte Kant in seiner Kritik an tierquälerischen Methoden die schlechte Vorbildfunktion für das menschliche Miteinander. Dass Hunde zahlreich als Transporttiere verwendet wurden, ist heute nur noch wenig bekannt. Sie waren die ersten Profiteure einer öffentlichen Diskussion; fortan bedurfte ihre Verwendung zur Arbeit einer Lizenz, wodurch die zulässige Arbeit ihren individuellen Kräften durch ein zulässiges Gesamtzuggewicht angepasst wurde. Während sich die Diskussion um die städtischen Zugtiere weiterentwickelte, bestand für die landwirtschaftlichen Arbeitstiere bis ins 20. Jahrhundert kein vergleichbarer Rechtsschutz.

Dass ein Zusammenhang zwischen Misshandlungen von Tieren und ihrem Verhalten bestehen kann, scheint häufig unbemerkt oder zumindest unbeachtet geblieben zu sein. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erscheinen erklärtermaßen auf den Tierschutz orientierte Veröffentlichungen, die ein Licht auf die gängige Wahrnehmung des Verhaltens von Arbeitstieren werfen. Kritisiert werden die Bauern, die den Grund für Arbeitsverweigerung von Tieren "nie in Überlastung, sondern immer in Faulheit sähen". Die verbreiteten Misshandlungen resultierten also aus Unwissenheit und Missverständnissen.

Viele Bauern waren sich weder der Problematik ihrer Schweinehaltung noch der Be- und Überlastung ihrer Arbeitstiere und der daraus resultierenden ökonomischen Folgen bewusst: "Haustiere werden viel häufiger unbeabsichtigt gequält als mit Absicht. Dahinter stehen Stumpfsinn und Jahrhunderte alte Vorurtheile", erkannte ein Fachmann 1885.

Wesentlich für ein Verständnis ist vor allem die teilweise dramatische Ernährungs- und Arbeitssituation der Bauern. Sie waren gezwungen, ihre eigenen Bedürfnisse zu ignorieren. Gearbeitet wurde bis zum Umfallen, bis zur Geburt oder Fehlgeburt, Kinderarbeit war in der Landwirtschaft am wenigsten geregelt. Dass das bäuerliche Verhalten weniger eigenen Wahrnehmungen und Beobachtungen als der Übernahme traditioneller Anschauungen und Verhaltensweisen geschuldet war, könnte somit auch als Ausdruck eines Nicht-Wahrnehmen-Wollens interpretiert werden.

Das heute naheliegende Vorurteil, wonach diejenigen, die auf den landwirtschaftlichen Betrieben mit den Tieren umgehen, am besten um deren Bedürfnisse wüssten, bedarf folglich einer Überprüfung. Tatsächlich steht der heutige Umgang mit landwirtschaftlich genutzten Tieren häufig im Gegensatz zum verfügbaren Wissen aus der Tierverhaltensforschung, so dass auch heute Nichtwissen - möglicherweise resultierend aus Nicht-Wahrnehmen-Wollen - eine Rolle spielt.

Betriebsblindheit wäre eine andere Erklärung für dieses Phänomen. Dabei ist von Bedeutung, dass gerade die Halter von Tieren in Massen- und Intensivtierhaltungen häufig keine Erfahrung mit einzelnen Individuen der betreffenden Tierart haben und deren arteigenen Bedürfnisse und Verhaltensweisen in einer artgemäßen Umgebung nicht kennen - weil sie die Tiere dort nie gesehen, gefühlt, gehört und gerochen haben.

Dr. Anita Idel ist Tierärztin und Mitbegründerin des Genethischen Netzwerkes sowie der Gesellschaft für ökologische Tierhaltung.


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00:00 03.03.2006

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