„Manchmal habe ich Lust“

Escort Warum soll sich eine Frau schämen, wenn sie als Escort-Lady arbeitet? Natalia, die für die Agentur „Meine Begleitung“ in Berlin arbeitet, erzählt aus ihrem Alltag

Plötzlich ist das Gerücht auf dem Tisch, es wird getuschelt – und alle sind sich sicher, dass du etwas Schlechteres bist als sie. Sie kennen dich nicht, aber sie wissen genau, was du für eine bist.

Die Escort-Branche hält man in Deutschland ja immer für Edel-Prostitution. Die Aufregung um Bettina Wulff und ihr vermeintliches Vorleben machen das wieder deutlich. Die Diskussion ist verletzend – auch für die Menschen, die in der Escort-Branche arbeiten. Denn im Grunde interessiert sich niemand wirklich dafür, wer wir sind und was wir eigentlich machen.

Ich selbst bin noch nicht lange dabei, erst seit Anfang dieses Jahres. Im Fernsehen lief das Perfekte Dinner – eine Sendung, in der Menschen mit verschiedenen beruflichen Hintergründen zusammen kochen – und meine jetzige Chefin war dort zu Gast und erzählte von ihrem Job. Ich war schon vorher fasziniert von der Branche und hatte hin und wieder mit dem Gedanken gespielt, das selbst einmal zu versuchen. Als Kosmetikerin bin ich gewohnt, gepflegt zu sein, mich schön anzuziehen. Das lässt sich also gut verbinden: schick machen, jemanden zum Essen begleiten, in netter Gesellschaft sein. Und ja, manchmal habe ich auch Lust auf Sex.

Die Fernsehsendung war für mich der Auslöser. Ich habe im Internet recherchiert und ein langes Gespräch mit meiner Chefin geführt. Viele Agenturen werden von Männern betrieben, und es gibt dieses Gerücht, dass sie keine Frau einstellen, bevor sie nicht mit ihr geschlafen haben. Zu meiner Chefin Patricia hatte ich aber gleich Vertrauen. Sie hat mich gefragt, ob ich schon mal als Escort-Dame gearbeitet hätte und wie ich mir das so vorstellen würde. Dann hat sie mir erklärt, wie ein Treffen funktioniert.

Das erste Date war schon eine Woche später, sobald auf meiner Seite Fotos standen. Ich war total aufgeregt. Ich habe lange überlegt, welche Schuhe ich anziehe. Das Wetter war schlecht, und ich wollte nicht wie eine Anfängerin aussehen. Der Mann und ich haben dann erst etwas in der Hotelbar getrunken und uns unterhalten. Später sind wir spazieren gegangen und am Schluss war auch Erotik im Spiel.

Überhaupt, die Erotik. Es wird immer gesagt, dass wir mit den Männern schlafen müssen. Aber: Ich muss gar nichts. Ich bestimme, wie so ein Abend abläuft. Wenn die Chemie nicht stimmt, sage ich: „Tut mir leid, ich will nicht.“ Mit den Männern kann ich eigentlich gut darüber reden. Sie drängen mich nicht, sonst war’s das nämlich mit unserer Agentur. Nach jedem Treffen spreche ich mit meiner Chefin und sage Bescheid, ob alles in Ordnung war.

Ich muss gar nichts!

Manche Männer haben bestimmte Wünsche. Dass ich ein Kleid trage oder Jeans. Ein Gast mag zum Beispiel, wenn ich aussehe, als käme ich gerade aus dem Büro. Das mache ich gerne, es ist ein bisschen wie Verkleiden. Wenn es um Sex geht, frage ich mich aber jedes Mal: Will ich das jetzt wirklich? Ich kann jederzeit abbrechen, wenn es nicht passt. Meistens passt es aber. Ich habe ja auch in der Kosmetikbranche viel mit Körpern zu tun. Da mache ich auch Massagen, ohne dass ich mich ekele oder gleich verliebe. Das läuft einfach automatisch, ein bisschen wie beim Frauenarzt.

Natürlich gibt es Unterschiede. Manchmal bin ich verkrampft, wenn wir zum Beispiel sehr nobel essen gehen. Dann habe ich Angst, mich zu verschlucken, zu stolpern oder nicht die richtigen Worte zu wählen. An solchen Abenden bleiben wir meist beim „Sie“. Mit anderen ist die Atmosphäre locker. Und wenn wir uns mehrfach sehen, reden wir schon wie Vertraute: Wie war dein Tag, was hast du gemacht? Auf solche Wiedersehen freue ich mich.

Verliebt habe ich mich aber noch nie. Nur einmal bin ich von einem Treffen nach Hause gekommen und konnte nicht einschlafen. Ich war richtig begeistert von dieser Person und dachte: Au weia, das war jetzt schon anders als sonst. Es ist ja nicht so, dass ich keine Gefühle hätte, schon gar nicht, wenn es den ganzen Abend darum geht, dass man sich näherkommt. Das beschäftigt mich schon.

Ich kenne die Kritik, dass wir nur ausgenutzt werden. Das stimmt nicht. Vielleicht kann man es auf einer eher allgemeinen Ebene mit einer Beziehung vergleichen. Fühlt man sich da auch ausgenutzt? Nein, da bestimmst du auch, entweder hast du Lust auf etwas oder nicht. So ein Treffen ist wie eine sehr kurze Beziehung. Man erlebt etwas Schönes zusammen, und entweder sieht man sich wieder oder auch nicht.

Aus finanziellen Gründen mache ich es nicht. Ja, es ist leicht verdientes Geld, wo bekommt man für zwei Stunden Anwesenheit schon 360 Euro? Aber für mich zählt, dass ich was Besonderes erlebe. Davon leben könnte ich nicht, dafür ist es zu unregelmäßig. Manchmal bin ich zweimal in der Woche unterwegs, manchmal einmal, manchmal gar nicht. Angst, dass was passiert, habe ich aber nicht. Meine Chefin guckt sich die Männer genau an. Selbst Stammgäste müssen sich jedes Mal wieder bei ihr melden.

Für Gesellschaft bezahlt

Man kann Escort nicht mit der Arbeit im Bordell vergleichen. Ich werde nicht für eine bestimmte Art von Sex bezahlt, sondern für meine Gesellschaft. Ich bin 41, ich weiß, was ich repräsentiere und was ich wert bin. Davon abgesehen steht die Erotik oft nicht im Mittelpunkt. Ein weiterer Irrglaube ist, dass die Männer – bei mir sind sie zwischen 30 und 50 – alle verklemmt sind und sich deshalb mit mir treffen. Vielen geht es um Geselligkeit, einen gemeinsamen Theaterbesuch, ein Gespräch in der Hotelbar. Neulich habe ich jemanden für zwei Stunden zum Abendessen getroffen, das war’s. Ein Großteil kommt aus dem Ausland, Männer auf Geschäftsreise. Für andere ist es ein Ausbruch aus dem Alltag. Mit mir ist es eben nicht so wie zu Hause.

Wenn ich in einem Restaurant sitze, frage ich mich manchmal, ob das an den Tischen immer Ehefrauen sind. Und wenn ich merke, wie Männer mich angucken, dann frage ich mich, haben die was mitgekriegt? Aber es gibt ein stilles Einverständnis: Private Themen sind bei den Treffen tabu. Die Männer fragen mich nicht aus.

Meine Familie weiß nichts von meinem Job. Ich komme vom Land, wo alle streng katholisch sind. Meine Mutter würde mir wohl nicht zu dieser Arbeit gratulieren. Trotzdem habe ich keine Angst, dass jemand mich erkennt – sonst würde ich auf Fotos auch nicht mein Gesicht zeigen. In Berlin weiß nur eine gute Freundin, die mich deshalb nie schief angeguckt hat, was ich mache. Meine engste Vertraute ist allerdings meine Chefin.

Ich lebe in Berlin allein, deshalb brauche ich mich bei niemandem abmelden, wenn ich ein Date habe. Auf Dauer ist die Heimlichtuerei gegenüber der Familie aber anstrengend, auch wenn sie irgendwie zum Kick dazugehört. Wie lange ich das machen will? Keine Ahnung. Das hängt von meiner Laune ab. Ich bin überzeugt: Genauso spontan wie ich eingestiegen bin, kann ich wieder aufhören.

Natalia arbeitet für die Escort-Agentur „Meine Begleitung“ in Berlin

Protokoll: Sarah Schaschek
13:45 21.09.2012

Ausgabe 08/2020

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