Manikürt

Styling Eine Tagung in Salzburg widmete sich der Frage, wie Medien Männlichkeit formen

Schon mal was von Metrosexuellen gehört? Nein, mit Sex in der Metro hat es nichts zu tun, auch nicht mit dem Bestseller-Roman Middlesex. Mitnichten sind sexuelle Vorlieben gemeint. Die Spezies lebt in Metropolen.

Trotzdem ist ihr die sexuelle Orientierung nicht unwichtig. Im Gegenteil. Mann betont, Frauen zu lieben, besteht auf dem eigenen Vatersein, denn nur die behauptete straightness erlaubt ein Styling, das schnell mit Schwulsein assoziiert wird: ein gepflegtes Äußeres, manikürte Finger- und pedicürte Fußnägel, gefärbtes Haar und rasierte Brust. Der Puderpinsel sieht deshalb aus wie ein Rasierpinsel, der Kajalstift wie ein Füller von Mont Blanc. "Nie im Büro ausprobieren, niemals!" ist der dringende Ratschlag einer Zeitschrift.

"The Metrosexual", so definierte der Autor Mark Simpson bereits 1994, ist ein dandyähnlicher Narziss, verliebt nicht nur in sich selbst, sondern auch in seinen urbanen Lifestyle. Ein Heterosexueller, der seine weibliche Seite kennt und lebt. Ein Frauenversteher? Jedenfalls kein Badetuchanwärmer und schon gar nicht ein Geldfürspäteraufheber. Der Metrosexuelle kauft Designerklamotten, er liebt Luxus wie Glamour. Sie kennen niemand dergleichen in Ihrer Umgebung? Das kann nicht sein, der Trend ist da. Das Magazin Economist schätzt, dass 30 bis 35 Prozent der Männer im Alter von 25 bis 45 Jahren in den USA dazu zählen. Der Markt für Haarprodukte für Männer hat dort bereits einen Umfang von acht Milliarden Dollar erreicht.

Ihnen ist noch immer niemand eingefallen? Dann denken Sie an David Beckham oder Rinaldo. Metrosexualität tritt in Deutschland sichtbar im Sport auf. Beckhams Vermögen wird auf 56 Millionen Euro geschätzt und die hat der Fußballer nicht mit dem "besten rechten Fuß der Welt" erworben, sondern als Trendsetter in Sachen Kleidung und Frisuren. Der Wert seines Antlitzes beträgt nach Schätzungen 320 Millionen Euro.

Denn darum geht´s: um die Herstellung von Aufmerksamkeit für den Markt. Um Selbstoptimierung, um Selbstmanagement. Was als Autonomiegewinn erscheint, ist Führung der Selbstführung im neoliberalen Diskurs. Diese Lesart jedenfalls legte im Oktober auf einer Salzburger Tagung Männlichkeit in den Medien Marion Strunk, Professorin an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich, nahe.

Die These lässt sich in der Werbung überprüfen. Denn hier, so Guido Zurstiege, Medienwissenschaftler aus Berlin, kann man beobachten, was sich im wirklichen Leben nicht beobachten lässt. Das "wirkliche" Leben ist von Routinen, von Kleinkram und Widersprüchlichkeiten überlagert. Die Werbung dagegen beantwortet Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Sie instrumentalisiert dabei "unsere tagtägliche Konstruktionsarbeit an der Unterscheidung von Mann und Frau." Ein Mann oder eine Frau zu werden, ist nicht so einfach, wie ein Mann oder eine Frau zu sein. "Geschlecht ist eine Tatsache und zugleich eine Sache der Tat." Deshalb stylt Beckham seinen Body in der Muckibude. Die Werbung (zum Beispiel für den revolutionären Nassrasierer) nutzt seinen Körper als Augenfalle, und er nutzt umgekehrt die Werbung als Werbung für sich selbst.

Neu ist daran nicht, dass der nackte Männerkörper dem wohlgefälligen Blick ausgesetzt wird. Dem frönte schon die Antike. Neu laut Guido Zurstiege ist, dass jetzt auch der schmachtende und der kritische Blick erlaubt sind. Darin liegt die Enttabuisierung.

Der kritische Blick wird in der Männerzeitschrift Men´s Health in erster Linie den Frauen zugestanden. Frauen, so Lars Bregenstroth, Kommunikationswissenschaftler der Universität Essen, werden in Men´s Health zu Jurorinnen gemacht. Sie entscheiden, welcher Mann den Wettkampf um weibliche (!) Orgasmen gewinnt. Sie finden, dass ein ganzer Mann ist, wer einen ganzen Fisch zubereiten kann. "Gewissermaßen als Freund", gibt die Zeitschrift gute Ratschläge. "Das Ziel: am Strand liegen und bewundert werden." Die Gefahr: "Am Strand liegen und sich schämen müssen." Vor wem nur? Vor den Augen der Frauen.

Men´s Health stimmt dem gesellschaftlichen Wandel zu, die Emanzipation der Frau ist da. Deshalb werden in das überhistorisch gültige Bild von Männlichkeit neue Erwartungen integriert. Bislang zählte tendenzielle Verwahrlosung zum Bild des echten Kerls. Mit dem emanzipatorischen Sieg der jungen Frauen ist der gepflegte schmucke Körper ein Muss nicht nur für den Metrosexual, sondern auch für den "modernen Mann". Die traditionelle Rolle wird unterlaufen, meint Lars Bregenstroth, denn jetzt gelte es, sich an den Wünschen und Bedürfnissen der Frauen zu orientieren.

Kündigen sich neue Zeiten an? Wohl kaum, der Metrosexuelle ist nicht das Ende des Patriarchats. Der heimlichen Hoffnung Lars Bregenstroths muss ein Dämpfer aufgesetzt werden. Denn das neue bunt gemalte Bild vom Mann ist gelingende Anpassung, das ökonomische Interesse ist und bleibt die Basis dieser metrosexuellen Männerträume. Neu am neuen Phänomen ist nur: Männlichkeit ist besprechbar geworden.


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00:00 26.11.2004

Ausgabe 39/2020

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