Mann, oh Mann

Studie Sie kämpfen vor allem im Internet gegen Feminismus und Emanzipation. Aber eine einheitliche Bewegung sind Maskulisten nicht
Gerhard Hafner | Ausgabe 30/2014 45

"Männlichkeit ist ein irrelevantes Thema, denn die Abtrennung einer ‚theoretischen‘ Männlichkeit vom Geschlecht ist ein feministischer Mindfuck (hirnfick)" – so ein User im Forum einer antifeministischen Website. Das Thema Männlichkeit treibt sogenannte Maskulisten um, obwohl richtige Männer sich ja nicht darum scheren, was männlich ist. Mann ist’s halt.

Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung nimmt immer mal wieder Anläufe, dem Antifeminismus auf die Schliche zu kommen. Sie lässt die Strategien und Debatten analysieren, die sich als Gegenbewegung zu Feministinnen verstehen. Verdienen diese den Titel "Bewegung"? Das fragte sich für die Friedrich-Ebert-Stiftung nun Robert Claus. Er untersuchte in seiner gerade erschienen Studie die Szene, deren Männlichkeitsentwürfe er bereits zuvor hinsichtlich Verbindungen zum Rechtsextremismus beobachtet hatte.

Die Akteure und Akteurinnen des Antifeminismus sind kaum bei Aktionen auf Straßen und Plätzen zu sehen, dort, wo andere Bewegungen wie Stuttgart-21-Gegner oder Antikriegsdemonstranten die Trommeln rühren. Von maskulistischen Massen keine Spur. Aber die Online-Foren der Magazine und überregionalen Zeitungen quellen über von Tausenden wütender Männer, die mit antifeministischen Positionen Themenfelder im Bereich der Familien- und Sorgerechtspolitik besetzen.

Verbaler Amoklauf

Handelt es sich dabei lediglich um einen verbalen Amoklauf von unverhohlenen Frauenhassern, der die Debatte über Geschlechterpolitik vergiften soll? Oder entsteht doch eine echte soziale Bewegung gegen die Gleichberechtigung? Eine gemeinsame, alles überwölbende Ideologie kann Claus bei den Akteuren nicht ausmachen. Vielmehr zeigt er Widersprüche zwischen den Maskulisten auf. Einige werfen Frauen vor, diese würden durch ihre Karrieregeilheit die Familie im Stich lassen. Andere hingegen prangern nicht erwerbstätige Frauen an, da sie den hart erarbeiteten Wohlstand ihrer Männer konsumieren würden. Sowohl die Hausfrau als auch die berufstätige Frau sind Zielscheiben des Hasses. Einerseits bekämpfen Maskulisten weibliche Macht im privaten Bereich, die den Mann knechte. Andererseits möchten sie gern auch den Frauen den Weg aus der Privatheit in die Arbeitswelt blockieren.

Auf der Themenhitliste des Maskulismus steht Väterlichkeit dabei ganz oben. Männer erscheinen hier als fürsorgewillige Väter, die durch Exfrauen und eine feministisch unterwanderte Justiz von ihren Kindern getrennt würden. Die vaterlose Gesellschaft, die der damalige Spiegel-Redakteur Matthias Matussek bereits 1998 anprangerte, meint eine Tradition des systematischen Ausschlusses von Männern durch Frauen. Im Kontrast zum Bild der gefühlskalten und karrierefixierten Feministin entwerfen Maskulisten den neuen Vater dabei in emotionalen Fragen als fürsorglich, familienorientiert und liebevoll.

Wie die Männergruppen der 70er und 80er streben Maskulisten zu gemeinschaftlicher und positiver Männlichkeit. Diese Neujustierung von Männlichkeit ist jenseits klassischer Rollenmuster sogar teils durchaus an feministische Argumente anschlussfähig, insbesondere der positive Bezug auf aktive Vaterschaft. Trotz aller Modernisierungstendenzen erhalten die Männlichkeitsbilder aber in der Regel einen traditionalistischen Dreh in Richtung Lobpreisung männlich konnotierter Eigenschaften wie Stärke, Abenteuerlust und Durchsetzungsfähigkeit. Solch unterschiedliche Stoßrichtungen kommen etwa bei den beiden Vereinen Agens und MANNdat zum Tragen. Während Ersterer die Entdeckung der männlichen Fürsorge betreibt, vertritt der andere Verein ein im Grunde rein traditionelles Männlichkeitsbild des harten Abenteurers.

Unter der Klammer des gemeinsamen Feindbilds Feminismus kristallisieren sich zwei Strömungen des Maskulismus heraus. Biologisten streiten die Verhandelbarkeit von Männlichkeit gänzlich ab, qualifizieren sie als Nicht-Thema, um Männlichkeit ganz traditionell zu gestalten. Andere sind offen für eine flexiblere und modernere Auslegung. Die verschiedenen Milieus, die der Soziologe Carsten Wippermann etwa nach „traditionellen“, „hedonistischen“, „expeditiven“ und „postmateriellen“ Männern sortierte, reagieren auf Veränderungen sehr gegensätzlich. Das Bezugssystem der einen ist die traditionelle Familie aus Vater, Mutter und Kind. Der Männerbund, der enge Zusammenschluss unter Männern, gilt den anderen hingegen als Kulturträger – ein bereits historischer Gegensatz im Ringen mit der Moderne im 20. Jahrhundert.

Nicht zu unterschätzen

Von einer kohärenten maskulistischen Bewegung kann somit nicht die Rede sein. Die Interessen von Männern sind, kaum überraschend, viel zu unterschiedlich. Traditionalisten beschäftigt die Krise der Familie; Individualismus und das Aufbrechen von Hierarchien gelten als Bedrohung für das Gemeinwohl. Nicht die individuelle Person mit ihren Möglichkeiten zur Selbstentfaltung steht im Zentrum, sondern eine Ordnung, innerhalb der die Biologie den Geschlechtern ihren Platz anweist. Nach der Parole „Frauen und Kinder zuerst“ werden sie bei einer Schiffshavarie ohne zu zögern handeln – ganz im Gegensatz zu individualistischen Männern, die ihre privaten Interessen wahren wollen.

Unter dem Oberbegriff des Maskulismus finden sich etwa: Ideologen und Ideologinnen männlicher Überlegenheit und ökonomisch Prekarisierte, (Rechts-)Liberale, Familientraditionalisten, Rechtsextreme, Migranten ebenso wie Rassisten und auch ehemals profeministische Personen sowie nichtfeministische Frauen. Obwohl der Maskulismus außerhalb der digitalen Welt kaum mobilisieren kann, sei er dennoch nicht zu unterschätzen, betont Claus. „Er kann eine gesellschaftspolitische Allianz zusammen mit patriarchalen Bewegungen dezidiert rechtsextremer als auch religiös fundamentalistischer Couleur bilden.“

Klare Abgrenzungen sind jedoch kaum möglich. Der Verein "Väteraufbruch für Kinder" wurde noch vor vier Jahren in der Vorgängerstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung von Thomas Gesterkamp in die Riege derjenigen Organisationen eingeordnet, die den „Geschlechterkampf von rechts“ vorantreiben. Inzwischen ist der Verein aber Mitglied im Bundesforum Männer, in dem sich vor vier Jahren Organisationen zu einem „Interessenverband für Jungen, Männer und Väter“ zusammengeschlossen haben. Er ist komplementär zum Deutschen Frauenrat als Dachverband zahlreicher Frauenverbände konzipiert und soll – gefördert vom Bundesfamilienministerium – die Männerpolitik in den Fokus der Geschlechterveränderungen rücken.

Doch was ist „Männerpolitik“? Die Männerpolitik, die mit Feministinnen in einem konstruktiven Dialog steht, ist gleichfalls kontrovers und uneinheitlich. Auf der einen Seite plädiert Thomas Gesterkamp für eine eigenständige Männerpolitik jenseits von Feminismus und Antifeminismus sowie für eine „Vertretung männlicher Perspektiven und Interessen, die sich nicht auf einen Appendix von Frauenpolitik und Frauenförderung reduzieren lässt“. Andere Aktivisten nehmen grundsätzlich Abschied von den zwei scheinbar homogenen Geschlechtergruppen und von der Illusion des großen „Wir“ (Sebastian Scheele).

Eine solche Politik der "involvierten Männer" basiert nicht mehr auf Männern als Identitäts- oder Betroffenengruppe, sondern integriert sie in die Politik des Gender-Mainstreaming. Dies steht im Kontrast zum Maskulismus, da eine solche Männerpolitik Genderstrukturen und nicht männliche Befindlichkeiten als Grundlage ihrer Arbeit versteht. Seit den Amsterdamer Verträgen von 1997 ist Gender-Mainstreaming das erklärte Ziel der Europäischen Union und unterscheidet sich von Frauenpolitik dadurch, dass beide Geschlechter gleichermaßen einbezogen werden.

Viel wurde über dieses lange Wort schon gelästert, das so umständlich von Strukturen und Macht redet, nicht von Befindlichkeiten. Das Nachdenken über "Mars" und "Venus" und das Reden über Betroffenheiten von Männern fallen dagegen ungleich leichter. Und so werden dieses weiterhin das Netz, aber auch Fernsehtalkshows füllen. Und dadurch salonfähig bleiben.

Maskulismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass Robert Claus Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2014. Online unter http://library.fes.de/pdf-files/dialog/10861.pdf

 

 

 

06:00 29.07.2014

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