Burga Kalinowski
29.03.2009 | 08:00 6

Maske der Moral

Proteste Phantasievolle Basteleien und unverstellte Wut: Zehntausende haben in Berlin und Frankfurt gegen die Politik der Zechprellerei durch Banken und Konzerne protestiert

Simone und Thomas Scholze kommen aus Magdeburg. Sie besuchen ihre Tochter in Berlin. Die Kundgebung hier hatten sie nicht eingeplant, aber sie passt gut zu ihrer Stimmung. Es reicht ihnen ganz einfach: 20 Millionen Euro Pension für den betrügerischen Herrn Zumwinkel; wegen Unfähigkeit geschasste Manager der Dresdner Bank werden trotz Verlusten mit 58 Millionen Euro honoriert; das Opel-Desaster, das Schaeffler-Rührstück mit der „armen“ Unternehmerin, ihren verzockten Millionen, mit einem roten Schal und einer untertänigen Belegschaft - Geschichten aus der Anstalt. Das Fass zum Überlaufen brachte dann „diese ZDF-Seifenoper über Krupp“, sagt Simone Scholze, das war „die reine Kapitalismuspropaganda und eine unglaubliche Verarschung“. Das passe nun aber nicht hierher, findet ihr Mann. Aber ja doch, sagt sie, „dass passt ganz genau hierher. Gegen Kapitalismus demonstrieren wir doch. Oder?“ Das ist die Frage.

Merkel als Konkursverwalterin

"Wir zahlen nicht für Eure Krise"- so lautet das Motto der Aktionen. Zehntausende sind in Berlin und Frankfurt gleichzeitig auf der Straße. Das Motto  ist erstmal nicht mehr als ein gutklingendes Statement. Ein gesellschaftliches Ziel ist es nicht. Nicht mal eine handfeste Forderung. Wie auch. Denn selbstverständlich werden wir dafür bezahlen. Dafür setzt sich die als Bundesregierung firmierende Konkursverwalterin des maroden Banken-und Finanzsystems seit Monaten mit ganzer Kraft ein. Das nennt sich Rettungsschirm für besonders schlecht geführte Banken, besteht aus Milliarden schweren Care-Paketen mit laschen Beipackzetteln, auch Regeln genannt. Für die Hypo Real Estate wurden bereits 102 Milliarden Euro locker gemacht. In den Merkelschen Maßnahmeblick geriet sogar kommunistisches Teufelswerk: Enteignung – aus Liebe zum System, wie die Süddeutsche Zeitung bemerkte.

Aktueller Stand: Der Bund ist im ersten Schritt mit 8,7 Prozent nun an der Hypo Real Estat beteiligt. Mit Steuergeldern wird der Laden saniert und dann irgendwann wieder privatisiert. Begleitet wird das organisierte Vertuschen und Beschönigen von frommen Redensarten über Werte und Ethik, mit Appellen an Moral und Anstand. Tatsächlich geht es um Moneten und um Macht. Vorläufig letzter Höhepunkt war das reuige Eingeständnis des Bundespräsidenten: „Wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt.“ Alle ist gut. Na, das kann man doch ändern. Am besten mit Streichungen im Sozialbereich, bei den Arbeitslosen, in der Bildung. Und Mindestlohn für alle geht schon gar nicht.

"Ich möchte sie Aus den Büros jagen!"

Die 45-jährige Logopädin aus Sachsen-Anhalt könnte explodieren. „Wollen Sie wissen, was ich am liebsten machen würde?“ Ich nicke vorsichtig – kommt jetzt der Ruf nach Barrikaden, nach „An die Laterne“? „Ich möchte die Schwätzer, Lügner, Dummköpfe und Betrüger aus ihren Büros auf die Straße jagen, all die, die uns erzählen, wie toll das System ist. Ja, natürlich für sie ist es das . Deshalb wollen sie es ja auch retten – auf unsere Kosten.“ Simone Scholze ist laut geworden. Ihr Mann guckt erschrocken, die Leute um uns herum am Begas-Brunnen vor dem Berliner Rathaus applaudieren und nicken zustimmend. Dieser Zorn ist auch ihr Zorn.

"Wäre die Welt eine Bank, ihr hättet sie längst gerettet."

Um 11 Uhr ist an diesem Samstag noch nicht viel los, aber Polizei schon reichlich vorhanden. An einem Stand gibt es Erbsensuppe mit Bockwurst, ein anderer bietet Literatur – marxistisch, trotzkistisch, antifaschistisch, sozialistisch, ein dritter informiert über Hartz IV und Kinderarmut, fordert Mindestlöhne und eine Reichensteuer. Soweit das Angebot an Alternativen. Schnäppchen sind nicht dabei.

Ein Mann trägt eine schwarz-rot-goldene Pappkuh mit der Aufschrift „Wir sind das Volk“ und mit einem Euro-Aufkleber am Euter. Auf handlichen Schildern wird der Tod des Kapitalismus verkündet. So einfach ist es freilich nicht mit den System-Untergängen und gesellschaftlichen Neuanfängen. Aber Wünschen ist noch nicht verboten und tobt sich auch in phantasievollen Basteleien aus, die beim Demonstrationszug durch Berlins Mitte in der Luft tanzen. Es passt zusammen: Der profitgierige Wolf, die gefrässige Heuschrecke und der Spruch von Greenpeace über den Zynismus der Politiker: „Wäre die Welt eine Bank, hättet Ihr sie längst gerettet.“

Genauso ist es, sagt Janosch, wissenschaftlicher Mitarbeiter in Potsdam. Er ist mit seinem kleinen Sohn hergekommen und will „für die Überwindung des Kapitalismus“ demonstrieren. Nicht die Krise sei das Problem, sondern das ganze System. Die Demonstrationen in Deutschland und anderen europäischen Ländern sieht er als einen ersten Schritt des Nachdenkens über die Ursachen für die gegenwärtige Krise. „Ich hoffe es“.

Der große kräftige Mann mit einer Ver.di-Fahne („Nennen Sie mich U. aus Berlin, Gesundheitsbereich“) ist hier, weil „für mich keiner einen Rettungsschirm macht. Wir müssen uns um uns selber kümmern. Mit Demonstrationen, mit Streiks, mit Betriebsstilllegungen.“ Die Gesellschaft muss sich vom Mehltau des Stillhaltens und des Duckens frei machen. Und es wäre auch keine Zeit zu verlieren. Bis zur Bundestagswahl im September werde die Sozialfassade noch gewahrt und die Maske der Moral noch getragen, „danach werden wir uns alle wundern. Dann ist Hartz IV nur das Vorspiel gewesen.“

Mehr über die Rückkehr der Protestkultur lesen Sie hier in unserem Wochenthema.


 

Kommentare (6)

Andererseits 30.03.2009 | 02:03

"Die Maske der Moral". Aha. Wir sind uns einig, nicht die Zocker sind schuld an der Krise, sondern das System, wie es so schön heisst. Und zwar nicht, weil der Kapitalismus nun per Definition ein raffgieriges unmenschliches System wäre. Die Krise ist fester Bestandteil des Kapitalismus, egal wie man ihn "gestaltet".

Es ist einerseits zu begrüssen, wenn mal wieder ein paar Leute auf die Strasse gehen. Aber - typisch Deutschland - das tun sie erst, wenn es an ihren Geldbeutel geht. Wegen Grundrechten, Meinungsfreiheit, Datenschutz, Versammlungsrecht etc geht hingegen kaum einer auf die Strasse. Eine "neue Protestkultur"? Da wartet wohl jemand auf die selbsterfüllende Prophezeiung.

Bemerkenswert ist, wie leicht die Leute doch an der Nase herumgeführt werden können. Da regen sie sich über gewissenlose Banker oder ignorante Politiker auf. Man kritisiert den Kapitalismus, der neuerdings abgeschafft gehört. Wie auch immer diese Idee in die Köpfe der Leute gekommen sein mag - der Plan geht auf, ich kann förmlich das freudige Gröhlen der Leute, die sie in die Welt gesetzt haben, hören.

Dabei ist die Sache doch im Grunde recht einfach. Die Arbeitsplätze, um die die Leute bangen und die sie zu behalten fordern, sind Resultat des Kapitalismus. Der Kleinwagen und das Mopped vom Youngster sind Resultat des Kapitalismus. Das Reihenhaus ist Resultat des Kapitalismus. Ebenso die warme Kleidung, der Sonntagsbraten, die Glotze, das Internet, die Zeitungen, die U-Bahn und so weiter und so fort - alles ist das Resultat des Kapitalismus.

Kurzum: WIR sind der Kapitalismus. Es gibt kein "die da". "Die" sind wir. So simpel ist die Welt. Da stellen sich die Leute hin und fordern die Abschaffung eines Systems, das ihnen den grössten Wohlstand gebracht hat, in dem Menschen auf diesem Planeten je gelebt haben! Aber solange sich ein Sündenbock findet, den uns unsere Regierenden gerade vor die Füsse geworfen haben, müssen wir uns nicht die Frage stellen, welchen Anteil wir an der Misere hatten.

O, ich höre schon die Proteste "Welchen Anteil am System hat denn ein HartzIV Empfänger?!". Die Antwort ist klar. Der Arbeitslose, sobald er wieder Arbeit hat, ist bestrebt, sich seine Existenz zu sichern. Bietet sich ihm die Gelegenheit, mehr draus zu machen, aufzusteigen, Karriere zu machen, eine Führungsposition zu ergattern, mehr Geld zu bekommen, dann wird er genau das tun, was ihn zum existentiellen Bestandteil des Systems macht: er wird ohne nachdenken zugreifen. Und wer würde das nicht?

Also stellt sich die Frage, wen die Kritik am System denn wirklich meint? Doch wohl nur diejenigen, die genau das taten, was man selbst an deren Stelle ohne Skrupel ebenso getan hätte.

PS: das Teil hier meint, der Kommentar wäre auf 3.000 Zeichen beschränkt. Daher muss ich an dieser Stelle abbrechen. Was ist das denn?

Magda 30.03.2009 | 16:27

Sie zitieren eine Demonstrantin: Das Fass zum Überlaufen brachte dann „diese ZDF-Seifenoper über Krupp“, sagt Simone Scholze, das war „die reine Kapitalismuspropaganda und eine unglaubliche Verarschung“

Es ist schon seltsam, aber solche Sachen können einen aufbrringen. Auch uns hat die Ausstrahlung dieser Schmonzette unglaublich geärgert.

Davon aber mal abgesehen. Es gab zu DDR-Zeiten - Ende der 60er Jahre - eine Serie: "Krupp und Krause". , basierend auf dem Roman eines westdeutschen Schriftstellers. Und das war - selbstverständlich auch ideologisch eingenordet - trotzdem ein guter Film in hervorragender Besetzung über eine Arbeiterfamilie in den Wirren des 20. Jahrhunderts. Meine Güte, dachte ich damals, die Sieger der Geschichte schreiben ihren Text. Und jetzt siegt wieder Krupp in Form von diesem Serienkokolores. Das wäre spannend, diese Filmserie mit der heutigen zu vergleichen.

A R 30.03.2009 | 19:31

Trägt das System wirklich die Schuld für die derzeitige Krise - oder sind es nicht wir Wähler die durch unsere Wahl (oder Nichtwahl) die politische Grundlage für die Krise erst geschaffen haben?

Das Opel vor der Insolvenz steht liegt in der Verantwortung des US-Mutterkonzerns GM, dessen Missmanagement und dessen verfehlter Modellpolitik. Die Finanzkrise wurde letztendlich durch die Politik – in Deutschland durch die rot-grüne Koalition unter Schröder – mit verursacht, die erst die gesetzlichen Rahmenbedingungen für das Zocken mit Krediten geschaffen haben. Aber es war auch unsere Gier nach schneller Rendite, nach hohen Profiten im zweistelligen Bereich. Wie bei Dagobert Duck leuchtete in unseren Augen die $- und €-Zeichen und bereitwillig investierten wir in die faulen Kredite der US-Immobilienwirtschaft, in der Hoffnung dass die Immobilienpreise steigen und steigen... und genauso wie bei der dot.com-Blase folgte unweigerlich der Crash!

Wer jetzt etwas ändern will, der muss aktiv werden, der muss die Menschen überzeugen ihr demokratisches Wahlrecht auszuüben anstatt weiter den Kopf in den Sand zu stecken, anstatt weiter zu glauben das man 'nichts ändern kann', der muss eine andere Politik wählen. Denn auch das – von einigen hier kritisierte – System kann geändert werden und zwar dann wenn es dafür eine demokratische Mehrheit in unserem Parlament gibt.

PS: Jeder Nichtwähler, jede ungültige Stimme ist letztendlich eine Stimme für den politischen Gegner und somit für die Politik die ablehnt wird!

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meisterfalk 31.03.2009 | 13:30

Du solltest Dich auch als Kandidat für den Bundespräsidenten-Job anmelden. Du könntest herrliche Ruck-Reden halten wie Roman und Horst. Allerdings wäre aus wahltaktischen Gründen zu empfehlen, wenigstens geringfüge Unterschiede zu den Positionen des Amtsinhabers zu zeigen, weil man sonst nicht weiß, warum man Dich statt seiner wählen sollte. Zum Beispiel könntest Du nicht länger behaupten, die Kapitalisten würden uns warme Mäntel für den Winter nähen (stell' Dir mal vor, was so ein Mantel kosten würde, bei dem Stundenlohn für diese hoch-, für's Nähen sogar überqualifizierten Arbeitskräfte!), sondern sagen, unsere Kapitalisten würden aus Sorge um unser Wohlergehen organisieren, dass aureichend qualifizierte und entlohnte Menschen in anderen Ländern die Mäntel für uns nähen, so dass wir uns auch zwei oder drei davon leisten können, und dass deshalb Forderungen nach mehr Einkommen überflüssig und gegenüber den Menschen, die unsere Mäntel nähen, moralisch auch gar nicht zu vertreten wären. Viel Glück für die Wahl! Und wenn's klappt: Denk' an mich, wenn Du einen Berater suchst. Über das Gehalt werden wir uns sicher einigen...

nosferatu 31.03.2009 | 19:49

das könnte ein Kommentar aus der Wirtschaftswoche sein, wir profitieren alle vom Kapitalismus und alle materiellen Güter, die wir zur Verfügung haben, seien Früchte des goldenen Kapitalismus. Nur, Arbeitsplätze, Mopeds, Wohnungen usw. hat es auch im real-existierenden (sogenannten) Sozialismus gegeben.....waren sie daher auch Resultat des Sozialismus oder nicht vielmehr Produkte menschlicher Arbeit? Menschliche Arbeit kann - muss aber nicht - kapitalistisch organisiert werden. Bleibt die Frage, wer über die Arbeit und die Verteilung der produzierten Güter bestimmt. In einem kapitalistischen System geschieht dies über den Markt, was eher öfter gesellschaftlich wünschenswertem Handeln entgegensteht. Und auch wenn es tatsächlich 'wir' sind die den Kapitalismus machen (Holloway), so gibt es doch einige, die über größere Machtressourcen wie z.B. Verfügungsrechte an Eigentum (und dadurch Macht haben, über die Organisation von Arbeit zu bestimmen) verfügen und andere, die sich dem fügen müssen; also in gewissem Sinne doch ein 'die' und ein 'wir'.
Eine Kritik am kapitalistischen System darf im übrigen nicht bei einer Personalisierung a la 'die' (Banker, die Ausländer usw.) sind schuld, stehen bleiben, sondern - wie es bei dir ja auch durchklingt - den zwangscharakter hervorheben. 'Wir' hätten (und haben) so gehandelt wie 'die', daher muss eine Kritik die dahinterliegenden Strukturen die dazu führen in den Blick nehmen.
Also liegt die notwendige Konsequenz darin, anfangen es anders zu machen und (mit demokratischen Mitteln) gegen 'die' zu kämpfen, die so weitermachen wollen wie bisher - und dadurch diese Krise zu einer Krise des Kapitalismus zu machen!

Streifzug 31.03.2009 | 22:08

Solche realen Demonstrationen sind immens wichtig. Es müssen noch wesentlich mehr werden. Vor allem sollten bestimmt Kreise aufwachen die durch die mediale Verblödungsmaschinerie dazu gebracht wurden ihre Wut dadurch zu äußern, dass sie den Fernseher anbrüllen. Auch viele Jugendliche glauben nur durch wütende Kommentare oder Blogeinträge die Realität ändern zu können. Unterstützt wird die Abkehr von der Realität durch immer eine schärfere Vorgehensweise von Einsatzkommandos bei Demonstrationen und die Kriminalisierung von Demonstranten. Das hält Leute ab rauszugehen und aktiv zu werden.