Maske der Moral

Proteste Phantasievolle Basteleien und unverstellte Wut: Zehntausende haben in Berlin und Frankfurt gegen die Politik der Zechprellerei durch Banken und Konzerne protestiert

Simone und Thomas Scholze kommen aus Magdeburg. Sie besuchen ihre Tochter in Berlin. Die Kundgebung hier hatten sie nicht eingeplant, aber sie passt gut zu ihrer Stimmung. Es reicht ihnen ganz einfach: 20 Millionen Euro Pension für den betrügerischen Herrn Zumwinkel; wegen Unfähigkeit geschasste Manager der Dresdner Bank werden trotz Verlusten mit 58 Millionen Euro honoriert; das Opel-Desaster, das Schaeffler-Rührstück mit der „armen“ Unternehmerin, ihren verzockten Millionen, mit einem roten Schal und einer untertänigen Belegschaft - Geschichten aus der Anstalt. Das Fass zum Überlaufen brachte dann „diese ZDF-Seifenoper über Krupp“, sagt Simone Scholze, das war „die reine Kapitalismuspropaganda und eine unglaubliche Verarschung“. Das passe nun aber nicht hierher, findet ihr Mann. Aber ja doch, sagt sie, „dass passt ganz genau hierher. Gegen Kapitalismus demonstrieren wir doch. Oder?“ Das ist die Frage.

Merkel als Konkursverwalterin

"Wir zahlen nicht für Eure Krise"- so lautet das Motto der Aktionen. Zehntausende sind in Berlin und Frankfurt gleichzeitig auf der Straße. Das Motto  ist erstmal nicht mehr als ein gutklingendes Statement. Ein gesellschaftliches Ziel ist es nicht. Nicht mal eine handfeste Forderung. Wie auch. Denn selbstverständlich werden wir dafür bezahlen. Dafür setzt sich die als Bundesregierung firmierende Konkursverwalterin des maroden Banken-und Finanzsystems seit Monaten mit ganzer Kraft ein. Das nennt sich Rettungsschirm für besonders schlecht geführte Banken, besteht aus Milliarden schweren Care-Paketen mit laschen Beipackzetteln, auch Regeln genannt. Für die Hypo Real Estate wurden bereits 102 Milliarden Euro locker gemacht. In den Merkelschen Maßnahmeblick geriet sogar kommunistisches Teufelswerk: Enteignung – aus Liebe zum System, wie die Süddeutsche Zeitung bemerkte.

Aktueller Stand: Der Bund ist im ersten Schritt mit 8,7 Prozent nun an der Hypo Real Estat beteiligt. Mit Steuergeldern wird der Laden saniert und dann irgendwann wieder privatisiert. Begleitet wird das organisierte Vertuschen und Beschönigen von frommen Redensarten über Werte und Ethik, mit Appellen an Moral und Anstand. Tatsächlich geht es um Moneten und um Macht. Vorläufig letzter Höhepunkt war das reuige Eingeständnis des Bundespräsidenten: „Wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt.“ Alle ist gut. Na, das kann man doch ändern. Am besten mit Streichungen im Sozialbereich, bei den Arbeitslosen, in der Bildung. Und Mindestlohn für alle geht schon gar nicht.

"Ich möchte sie Aus den Büros jagen!"

Die 45-jährige Logopädin aus Sachsen-Anhalt könnte explodieren. „Wollen Sie wissen, was ich am liebsten machen würde?“ Ich nicke vorsichtig – kommt jetzt der Ruf nach Barrikaden, nach „An die Laterne“? „Ich möchte die Schwätzer, Lügner, Dummköpfe und Betrüger aus ihren Büros auf die Straße jagen, all die, die uns erzählen, wie toll das System ist. Ja, natürlich für sie ist es das . Deshalb wollen sie es ja auch retten – auf unsere Kosten.“ Simone Scholze ist laut geworden. Ihr Mann guckt erschrocken, die Leute um uns herum am Begas-Brunnen vor dem Berliner Rathaus applaudieren und nicken zustimmend. Dieser Zorn ist auch ihr Zorn.

"Wäre die Welt eine Bank, ihr hättet sie längst gerettet."

Um 11 Uhr ist an diesem Samstag noch nicht viel los, aber Polizei schon reichlich vorhanden. An einem Stand gibt es Erbsensuppe mit Bockwurst, ein anderer bietet Literatur – marxistisch, trotzkistisch, antifaschistisch, sozialistisch, ein dritter informiert über Hartz IV und Kinderarmut, fordert Mindestlöhne und eine Reichensteuer. Soweit das Angebot an Alternativen. Schnäppchen sind nicht dabei.

Ein Mann trägt eine schwarz-rot-goldene Pappkuh mit der Aufschrift „Wir sind das Volk“ und mit einem Euro-Aufkleber am Euter. Auf handlichen Schildern wird der Tod des Kapitalismus verkündet. So einfach ist es freilich nicht mit den System-Untergängen und gesellschaftlichen Neuanfängen. Aber Wünschen ist noch nicht verboten und tobt sich auch in phantasievollen Basteleien aus, die beim Demonstrationszug durch Berlins Mitte in der Luft tanzen. Es passt zusammen: Der profitgierige Wolf, die gefrässige Heuschrecke und der Spruch von Greenpeace über den Zynismus der Politiker: „Wäre die Welt eine Bank, hättet Ihr sie längst gerettet.“

Genauso ist es, sagt Janosch, wissenschaftlicher Mitarbeiter in Potsdam. Er ist mit seinem kleinen Sohn hergekommen und will „für die Überwindung des Kapitalismus“ demonstrieren. Nicht die Krise sei das Problem, sondern das ganze System. Die Demonstrationen in Deutschland und anderen europäischen Ländern sieht er als einen ersten Schritt des Nachdenkens über die Ursachen für die gegenwärtige Krise. „Ich hoffe es“.

Der große kräftige Mann mit einer Ver.di-Fahne („Nennen Sie mich U. aus Berlin, Gesundheitsbereich“) ist hier, weil „für mich keiner einen Rettungsschirm macht. Wir müssen uns um uns selber kümmern. Mit Demonstrationen, mit Streiks, mit Betriebsstilllegungen.“ Die Gesellschaft muss sich vom Mehltau des Stillhaltens und des Duckens frei machen. Und es wäre auch keine Zeit zu verlieren. Bis zur Bundestagswahl im September werde die Sozialfassade noch gewahrt und die Maske der Moral noch getragen, „danach werden wir uns alle wundern. Dann ist Hartz IV nur das Vorspiel gewesen.“

Mehr über die Rückkehr der Protestkultur lesen Sie hier in unserem Wochenthema.


 

08:00 29.03.2009

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