Massenausstellungskirmes

Kulturpolitik Based in Berlin: Klaus Wowereit hat zur Kunst-Leistungsschau aufgerufen, doch das sorgt für Protest. Ein Streitgespräch mit zwei Künstlern und einem der Kuratoren

Als Bürgermeister Klaus Wowereit und sein Kulturstaatssekretär André Schmitz den Berliner Abgeordneten vorschlugen, eine Kunsthalle zu bauen und zu finanzieren, lehnten die 2009 ab. Doch das erste Geld (600.000 Euro) war schon bewilligt und die Abgeordneten wünschten sich etwas, dass sie von der Notwendigkeit einer Kunsthalle überzeugen würde. Am 26. Oktober 2010 rief Bürgermeister Wowereit zu einer „Leistungsschau junger Kunst aus Berlin“ auf und bat die Künstler, Portfolios einzureichen. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Seit Ende Januar kursiert im Internet der offene Brief „Haben und Brauchen“, initiiert von der Kuratorin Ellen Blumenstein und dem Künstler Florian Wüst, den bereits mehr als 2000 Künstler und Kulturschaffende unterschrieben haben. Unterdessen gehen die Vorbereitungen zur Ausstellung am Humboldthafen weiter. Am Montag gaben die fünf Kuratoren (Angelique Campens, Fredi Fischli, Magdalena Magiera, Jakob Schillinger und Scott Weaver) den Titel der Ausstellung, die vom 8. Juni bis 24. Juli dauern wird, bekannt: „Based in Berlin“.

Uta Baier traf die Künstlerin Ines Schaber, den Mit-Initiator des offenen Briefs Florian Wüst und den Ko-Kurator der Ausstellung "Based in Berlin" Jakob Schillinger zum Streitgespräch.

Der Freitag: Lassen Sie uns ein wenig über die Situation der Künstler sprechen. Wie lebt es sich als Künstler in der angesagten Kunststadt Berlin?

Ines Schaber:

Gerade das ist ein Hauptanliegen unseres offenen Briefs „Haben und Brauchen“ an Herrn Wowereit. Wir fragen nach den Beziehungen zwischen dem angesagten Kunstort Berlin und den Bedingungen für Künstler in der Stadt fragt. Anfang der 90er waren die traumhaft: Es gab sehr viel billigen, freien Raum, Ateliers für Betriebskosten sozusagen und eine ausgeprägte dezentrale Kulturförderung. Diese Situation hat sich extrem prekarisiert. Es gibt nicht nur sehr wenige billige Ateliers, auch die dezentrale Kulturförderung ist weg. Für die Künstler, die ihr Geld in London verdienen und in Berlin leben, ist es weiterhin billig. Für die anderen ist Berlin die teuerste Stadt Deutschlands, denn es gibt nicht viel zu verdienen. Das steht in einem deutlichen Missverhältnis zum Hype, den nun auch die Politik um den Kunstort Berlin macht.

Wenn es so teuer in Berlin ist, warum gehen Sie dann nicht weg? Warum ziehen Sie nicht ins Umland?

Schaber:

Kunst ist kein individueller Schaffensprozess, sondern ein kreativer Austausch. In Brandenburg hat man den nicht.

Sie brauchen für Ihre Kunst also die angesagten Berliner Kneipen?

Schaber: Nicht die Kneipen, aber die Ausstellungen, die Bibliotheken. Ich brauche nicht wahnsinnig viel Platz, aber ich brauche den Austauschprozess und ich muss Netzwerke aufbauen und pflegen.

Haben Sie ein Atelier?

Schaber: Nein, das kann ich mir nicht leisten, ich habe einen Raum zum Arbeiten in meiner Wohnung.

Herr Schillinger, Sie haben – als Kurator - zur Vorbereitung der Leistungsschau junger Kunst viele Ateliers besucht. Wie erleben Sie die Situation der Berliner Künstler?

Jakob Schillinger: Viele Künstler brauchen heute gar kein Atelier, weil sie anders arbeiten. Sie haben nur einen Laptop. Ich habe aber auch viele Leute getroffen, die ein Atelier haben, selbst wenn dort nur ein Schreibtisch und ein Laptop stehen. Die leisten sich so ein Büro, einen Präsentationsort. Viele kommen aus London, Paris und New York und für die sind die Bedingungen hier paradiesisch, weil die Mieten vergleichsweise billig sind.

Florian Wüst: Das ist aber auch nur noch verhältnismäßig paradiesisch, denn die Lebenshaltungskosten steigen in Berlin dramatisch. Der offene Brief ist jedoch nicht aus der Not einer Gruppe geboren, die ums Überleben kämpft. Man weiß sich durchaus zu helfen und selbst zu organisieren. Was die Stadt ausmacht oder bisher ausgemacht hat, sind die Freiräume, in denen Kunstproduktion stattfindet. Wenn das nicht als positiver Wert anerkannt und gesichert wird, dann verschwindet die Grundlage für den besonderen Ruf der Stadt als Ort für zeitgenössische Kunst.

Herr Schillinger, warum sind Sie eigentlich Kurator für eine „Leistungsschau“ geworden?

Schillinger: Ich bin nicht als Kurator für eine Leistungsschau angefragt worden. Der Begriff wurde dem Projekt im Nachhinein von der Kulturpolitik übergestülpt. Er kommt nicht von den Kuratoren.

Dass es so großen Protest von Künstler dagegen gibt, stört Sie nicht? Auch nicht, dass mittlerweile mehr als 2000 Künstler, Kunstschaffende und andere den Brief gegen ihre Arbeit unterschrieben haben? Und dass Künstler sagen, wir wollen an Eurer Leistungsschau nicht teilnehmen.

Schillinger: So ist es ja nicht. Auch der BBK hat inzwischen richtiggestellt, dass es bei dem Brief weniger um diese Ausstellung geht als um grundsätzliche kulturpolitische Fragen. Entsprechend haben auch mehr als hundert Künstler den Brief unterschrieben und gleichzeitig Mappen eingereicht. Es geht doch um eine große zusätzliche Ausstellung und das heißt: Öffentlichkeit für Kunst. Die Debatten rundherum sind absolut notwendig, und die begrüße ich auch ausdrücklich.

Schaber: Ich glaube, ein großes Manko ist, dass es kein Konzept gibt, keine Idee. Kuratoren sammeln normalerweise nicht irgendwelche Künstlerarbeiten, sondern haben ein Thema, eine Fragestellung. Deshalb ist es für mich und viele andere Künstler auch gar nicht interessant, daran teilzunehmen.

Wüst: Ich würde mich meinerseits nicht an etwas beteiligen, das eine „Leistungsschau“ sein will. Ich kenne auch einige, die das genauso ablehnen.

Schillinger: Wir haben eine klar formulierte Fragestellung: unser Auftrag als Kuratoren ist, möglichst umfassend zu schauen, was im Augenblick in Berlin passiert. Deshalb gibt es auch keine thematische Klammer. Wir wollen gegenwärtige Tendenzen sichtbar machen, eine räumliche und zeitliche Konzentration künstlerischer Aktivität erzeugen. Zudem hat diese Ausstellung einen populären Anspruch. Wir wollen auch das Publikum erreichen, das normalerweise nicht in Galerien geht. Ich finde, man sollte ein Vorhaben, das auf eine breitere Öffentlichkeit zielt, nicht von vornherein ablehnen.

Schaber: Machen wir ja nicht.

Wüst: Ich finde es wirklich bewundernswert, wie leicht du Dir das als Kurator machst. Der Kontext dieser Ausstellung ist die politische Durchsetzung eines Kunsthallenneubaus. Hierfür werden Künstler wie Kuratoren instrumentalisiert. Aus diesem Kontext kann man sich nicht rausstehlen.

Schillinger: Ich möchte die Diskussion gern von der Frage wegbringen, ob es eine Kunsthalle geben soll.

Wüst: Aber darum geht es bei dieser Ausstellung.

Schillinger: Der Kulturpolitik vielleicht. Uns Kuratoren geht es darum, zunächst zu sagen: vier Millionen Jahresetat zusätzlich für Gegenwartskunst in Berlin sind super. Das Projekt ist ein ergebnisoffener Prozess, der uns genau das ermöglicht.

Schaber: Du und die anderen Kuratoren, ihr habt die Bedingung des Zeitdrucks akzeptiert, die Euch völlig handlungsunfähig macht. Wenn man nicht genügend Zeit für ein Projekt hat, muss man es ablehnen. Darauf einzugehen, ein solches Projekt in einem halben Jahr zu machen, halte ich für fahrlässig.

Soll es denn letztendlich eine Kunsthalle geben?

Schaber: Natürlich fehlt uns eine Kunsthalle, aber das kann nicht bedeuten, dass die bestehenden Institutionen nicht arbeiten können. Es geht darum, zu verstehen, wie Kunst produziert wird und wie sie funktioniert. Das muss man erst verstehen, bevor man sie fördern kann. Man kann nicht sagen, wir lassen hier mal eine Kunsthalle fallen und gucken, ob sie angenommen wird.

Schillinger: Eben! Deshalb ist doch dieses Projekt so ein offener Prozess. Ich finde es prima, dass die Künstler und Kulturschaffenden sich diesen Prozess jetzt aneignen und ihre Forderungen formulieren.

Wüst: Ohne unsere Intervention und den offenen Brief würden wir dieses Gespräch so nicht führen. Ich bin nicht bereit, mir ein Projekt anzueignen, das in seiner organisatorischen Struktur und kulturpolitischen Motivation darauf angelegt ist, die bisherigen Debatten sowie die eigentlichen Produktions- und Präsentationsbedingungen von Gegenwartskunst in Berlin zu ignorieren.

Würden Sie sagen: Stopp. Noch mal neu anfangen.

Wüst: Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass man mit dem Geld etwas macht, das über ein Kunstsommermärchen am Humboldthafen hinaus geht, ja.

Es ist jahrelang über eine Kunsthalle geredet worden. Dann gab es eine temporäre, jetzt gibt es wieder keine. Muss man immer noch weiter reden?

Wüst: Man muss weg von dieser Kunsthallenidee, die alles richtet. Eine neue Kunsthalle könnte lediglich ganz am Ende eines Prozesses stehen, in dem man sich zum Beispiel zu fragen hat, warum es keine Kunstämter in den Bezirken mehr geben soll.

Schillinger: Ja, richtig. Und wir verstehen uns als Teil dieses Prozesses. Aber ich finde eine Ausstellung für eine breite Öffentlichkeit, wie sie jetzt geplant ist, schon wichtig. Gerade in einer Stadt, die so sehr von der künstlerischen Szene geprägt ist. Man muss der Öffentlichkeit die Kunst, die hier entsteht, zugänglich machen.

Schaber: Es geht darum, wo interessante inhaltliche Auseinandersetzungen entstehen können und welche Räume dies ermöglichen und nicht um EINE Ausstellung.

Schillinger: Aber sollte man darüber nicht urteilen, wenn die Ausstellung steht?

Schaber: Nein. Die Frage ist, welche öffentlich geförderten Strukturen interessante Kunstproduktionen schaffen können. Die Diskrepanz in der Auseinandersetzung um die Kunsthalle ist, dass die Politik die Stadt darstellen will; die Künstler fordern jedoch eine Auseinandersetzung mit den Produktionsbedingungen der Kunst überhaupt.

Schillinger: Aber genau das fragen wir auch. Wir wollen die interessante Kunst zeigen. Und es ist klar, dass die dezentral in vielen kleinen Projekträumen, Institutionen, Atelierhäusern etc. entsteht. Uns geht es darum, sie temporär einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Wüst: Es macht doch einen Unterschied, ob ich in einer thematisch artikulierten Ausstellung vertreten bin oder in einer Massenausstellungskirmes mit dem Nenner „Berliner Künstler“.

Schillinger: Ist das eine Absage an populäre Formate? Oder sagt ihr jetzt schon: Unsere Ausstellung, die ihr noch nicht gesehen habt, wird nicht funktionieren?

Wüst: Natürlich kann man sich auf bestimmte Räume einlassen, ob das nun Zelte oder Dixi-Klos sind, aber das braucht Zeit.

Schillinger: Man kann immer noch mehr Zeit brauchen. Die haben wir aber nicht.

Wüst: Dann muss man es vielleicht lassen. Ich bezweifle jedenfalls, dass unter diesem Zeitdruck etwas Vernünftiges heraus kommt.

Schillinger: Es ist ein ambitioniertes Projekt, das eine Modellfunktion erfüllt. Man muss von diesem Ja/Nein wegkommen und darüber sprechen, welche Form finanzielle Förderung der Gegenwartskunst in Berlin annehmen kann, und auch darüber, welche Funktion sie erfüllen soll. Das Signal, „wir brauchen keine Kunsthalle“ wäre das Falsche. Ich denke, wir sind uns eigentlich einig. Die Debatte ist wichtig. Es hat sich auch schon Einiges entwickelt. Einen Boykott halte ich nicht für sinnvoll.

15:30 16.02.2011

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