Massenaustreibung der Intelligenz

Sachbuch Drei Bände zu Österreich und seiner Literaturgeschichte lesen sich wie die Vorgeschichte zur Politik in Österreich heute

Das Aussehen eines Schriftstellers, einer Schriftstellerin sagt naturgemäß nichts über die Qualität seiner, ihrer Werke aus. Eigentlich sollte man sich in unserer Zeit der Klatschspalten, der Selbstdarstellung vor Kamera und Mikrophon und der Personality Stories einem Fotoband mit Autorenporträts verweigern. Und doch ist das Interesse an der Person, die ein Werk hervorgebracht hat, legitim - jedenfalls wenn es die Beschäftigung mit dem Werk nicht ersetzt, sondern ergänzt. Und Fotos, wenn sie gescheit sind, sagen tatsächlich etwas aus über die Abgebildeten. Dabei können Schriftstellerporträts, anders als Musiker- oder Schauspielerporträts, ihre Objekte nicht als Handelnde zeigen. Ein Autor am Computer, an der Schreibmaschine, mit dem Kugelschreiber in der Hand kommt an den schwitzenden Saxophonisten, an die kniende Maria Stuart nicht heran.

Was den Betrachter also aus Schriftstellerporträts anspricht, was die Abgebildete, den Abgebildeten im günstigen Fall trefflich charakterisiert, ist einmal der Gesichtsausdruck, die unveränderbare oder für den Fototermin angenommene Sprache der Mimik und dann die Umgebung, der - vom Objekt oder vom betrachtenden Subjekt - ausgewählte Hintergrund. Es gibt eine Reihe von prominenten Fotografinnen und Fotografen, die auf Schriftsteller spezialisiert sind. Fotobände unter ihrem Namen bekunden stets zumindest ebenso viel über sie selbst wie über ihre Objekte. Die Konstante des Betrachters erleichtert dort den Vergleich. Unterschiede gehen auf das Konto des Gegenstands, nicht auf jenes des beobachtenden Auges.

Im großformatigen Band des ansonsten für Westentaschenformate zuständigen Reclam Verlags wird den Fotografen wenig Respekt gezollt. Sie sind nur mühsam aus einem kleingedruckten Anhang zu ermitteln. Streng genommen ist der Band aber auch, dem Untertitel zum Trotz, weniger und mehr als ein Bildband. Einerseits genügt die Qualität der Fotowiedergabe nicht dem Anspruch, den man an einen Bildband zu stellen gewohnt ist, andererseits sind die Texte weit mehr als bloß begleitende Kommentare. Man darf den Wälzer durchaus als (allerdings unhandliches) Handbuch der österreichischen Literatur nach 1945 werten. Sympathisch bei der Darstellung der unmittelbaren Nachkriegszeit ist die adäquate Würdigung der exilierten und meist im Ausland gebliebenen Österreicher. Im Übrigen überwiegen zwar die Köpfe, aber sie stehen nicht allein da. Gelegentlich, allzu selten und unsystematisch, sieht man Szenenfotos aus Theaterstücken der behandelten Dramatiker. Grenzbereiche wie etwa der (Experimental-)Film sind durch Peter Weibel und Valie Export repräsentiert. Marc Adrian kommt nur als Unterschreiber, Peter Kubelka oder Kurt Kren kommen gar nicht vor. Dafür sind auch weniger bekannte, zum Teil erst seit kurzem publizierende Schriftsteller ernsthaft berücksichtigt. Dass sich die oder der eine oder andere unter ihnen nicht hinreichend gewürdigt fühlen mag, liegt in der Natur der Sache.

Zu den Gustostückln gehört ein Bild des sehr jungen Ossi Wiener am Kornett in der legendären Adebar; ein heftig gestikulierender Raoul Hausmann bei der Rezitation eines Lautgedichts - allerdings unübersehbar in Paris; der aufmerksam lauschende Albert Paris Gütersloh von links oben; ein Dreierporträt, auf dem Gerhard Rühm neben Friederike Mayröcker aussieht wie John Lennon; Hermann Schürrer in charakteristischer Haltung neben Gerhard Jaschke und Werner Herbst; die Mannschaft der Zeitschrift wespennest, damals noch an einem Tisch vereint, zum Himmel blickend (und um eine göttliche Eingebung flehend?); und am allerschönsten: der abgeschnittene, sardonisch lächelnde Robert Jungk am rechten Bildrand, während Reich-Ranicki Hilde Spiel die Hand küsst.

Die eine oder andere Entscheidung ist schwer nachzuvollziehen. Der von Weigel und Torberg initiierte Brecht-Boykott darf im Zusammenhang der Nachkriegsgeschichte nicht fehlen, aber ist ein ziemlich fades Foto Brechts hier vonnöten? Warum wählte man für Ernst Fischer ein Bild, das in erster Linie Anna Seghers zeigt - eine bedeutende, aber wohl doch keine österreichische Schriftstellerin? Warum bleibt hinwiederum Reinhard Baumgart, der zwischen zwei Österreichern sitzt, namenlos?

Wer mehr über österreichische Autoren erfahren will, die von den Nationalsozialisten ins Exil, in Konzentrationslager oder in den Untergrund getrieben wurden und zu einem großen Teil schon deshalb nicht in dem Reclam-Band aufscheinen können, weil sie das Jahr 1945 nicht mehr erlebt haben, sei auf ein Werk verwiesen, das mit wenig Bildern auskommt, aber umso mehr Respekt abverlangt für die - noch nicht abgeschlossene - Fleißarbeit, der sich Siglinde Bolbecher und Konstantin Kaiser unterzogen haben. Was selbst den Fachmann erschüttert, wenn er diesen Band mit rund 750 Seiten in Händen hält, ist die große Zahl der Verfolgten und Vertriebenen. "Keines der von den Truppen Hitlerdeutschlands überrannten oder von faschistischen Diktaturen eigener Provenienz beherrschten Länder weist einen so hohen Anteil Exilierter in der Literatur auf wie Österreich, auch Deutschland selbst nicht", stellen die beiden Verfasser fest.

Es kann hier nicht darum gehen, den Rang der einzelnen hier aufgenommenen Autoren zu diskutieren. Es sind bedeutende und weniger bedeutende darunter. Das Schicksal, das ihnen zuteil wurde, haben auch die Unbegabtesten unter ihnen nicht verdient. Diejenigen aber, die dieses Schicksal mitzuverantworten hatten und davon profitierten, hatten nie ein schlechtes Gewissen. Man hat in Österreich so gut wie nichts getan, um die Rückkehr der Überlebenden zu ermutigen und zu fördern. Stattdessen waren alle Parteien in größtem Maße bemüht, sich mit den Nationalsozialisten von gestern, die es, darf man manchen Patrioten glauben, gar nicht gegeben hat, "auszusöhnen".

So viel lässt sich sagen: Österreich sähe heute anders aus, hätte man verstärkt versucht, sich beim Aufbau nach 1945 (auch) auf jene zu stützen, die Gegner, nicht Mitläufer des Naziregimes waren. Dass Österreich, verglichen mit den anderen mittel- und westeuropäischen Staaten, eine unterentwickelte Demokratie ist, dass anderswo selbstverständliche demokratische Spielregeln in diesem Land als verzichtbar gelten, war unter anderem Ursache und ist Folge dieser Massenvertreibung der Intelligenz. Wie, wenn nicht aus dieser fortlebenden Geisteshaltung, wäre es zu erklären, dass auch nach 1945 so viele Schriftsteller und Künstler, keineswegs an Leib und Leben bedroht, das Land verließen? Sie werden in ihrer Heimat allenfalls in wohlfeilen Festreden und nach ihrem Tod vermisst.

Der paternalistischen Arroganz, mit der deutsche Verlage Friederike Mayröcker oder Robert Schindel zu deutschen Dichtern, mit der deutsche Anthologistinnen Lydia Mischkulnig oder Ilse Aichinger zu deutschen Erzählern machen, entspricht die Unbekümmertheit, mit der in Österreich die einstigen Kronländer für die österreichische Literatur in Anspruch genommen werden. Was macht eine Rose Ausländer, die in Czernowitz geboren wurde und in Düsseldorf starb, zur Österreicherin? Was macht Max Brod, der in Prag geboren wurde und in Tel Aviv starb und niemals in Österreich lebte, zum Österreicher? Das österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse, mit dem die Donaurepublik, wie so oft, vielmehr sich als den Empfänger ehrte? Die österreichische Wirklichkeit lässt sich nicht an feierlich überreichtem Klunker bemessen, sondern etwa daran, dass man Erich Fried spät, sehr spät die durch Hitler verlorene österreichische Staatsbürgerschaft anbot und ihm dann solche bürokratische Strapazen zumutete, dass er Jahre lang darauf und erst recht auf eine Übersiedlung von London nach Österreich verzichtete; dass die Erich-Fried-Gesellschaft, die deutschen Professoren ihren Wien-Urlaub finanziert, mit einem Geldsegen beglückt wird, von dem Erich Fried zu Lebzeiten nur hätte träumen können; dass Robert Jungk in Berlin, niemals aber in Österreich eine Gastprofessur erhielt; dass Georg Kreisler sich angesichts solcher Zustände jegliche offizielle Ehrung anlässlich runder Geburtstage verbeten hat. Was macht gar eine Eva Kovac zur Österreicherin, die 1924, sechs Jahre nach dem Ende der Monarchie, in Bratislava geboren wurde und in Israel lebt?

Solche Zuordnungen werden nicht dadurch weniger problematisch, dass die Verfasser, die Flucht noch vorne antretend, programmatisch auf die Ausschließlichkeit einer Zuordnung "verzichten". Warum verzichten sie dann nicht auf das Attribut "österreichisch" im Titel? Es ist einfach schief, wenn man stets dann großzügig in der Zuteilung nationaler Zugehörigkeiten ist, wenn man sich damit schmücken kann, nicht aber, wenn es etwas kostet. Gerne hörte man, dass der österreichische Staat eine besondere (auch ökonomische) Verpflichtung jenen Ländern gegenüber verspürt, aus dem die bei Bolbecher und Kaiser verzeichneten Schriftsteller stammten. Von diesem politisch, nicht literatursystematisch begründeten Einwand abgesehen, muss die Einleitung des Bandes als konziser Überblick über verschiedene Aspekte des Exils aus Österreich ausdrücklich gelobt werden. Sie ist unter anderem zu lesen als Vorgeschichte zum österreichischen Status quo.

Die Beteiligung von Jörg Haiders FPÖ an der Regierung hat Österreich eine internationale Beachtung beschert wie lange nicht. Von den in Folge erschienenen Büchern - etwa von Armin Thurnher oder Josef Haslinger - unterscheidet sich jenes von Norbert Mappes-Niediek durch die Perspektive: Der Autor lebt zwar seit zehn Jahren in Österreich, ist aber Deutscher. Vieles, was Österreichern als selbstverständlich erscheint, kann ihn noch verwundern. Der Status des Zugereisten erlaubt Mappes-Niediek, die angenehmen Seiten Österreichs ungebrochen zu genießen und zu preisen, ohne sich dem Verdacht provinzieller Mir-san-mir-Mentalität auszusetzen, und die negativen Seiten mit Distanz zu erfahren, ohne den Schmerz, den sie jenen bereiten, die sich trotz allem, als Folge ihrer Sozialisation, mit diesem Land identifizieren.

Mappes-Niediek mischt persönliche, oft recht zufällige Erfahrungen mit historischen Exkursen, mit Daten zum politischen System und zur Mentalitätssoziologie und mit aktuellen Zustandsbeschreibungen. Seine Erklärungen für österreichische Spezifika - meist im Vergleich zu deutschen Standards - leuchten ein. Sie zeugen von der Gelassenheit und nüchternen Heiterkeit eines Beobachters, den der Mangel an Demokratie in vielerlei Ausprägung, zum Beispiel, nicht wütend macht, wenn er ihn nur aus der Geschichte ableiten kann. Bei so viel Wohlwollen sehnt man sich fast nach ein wenig Thomas Bernhard. Und dass die Opfertheorie in Österreich heute fast vergessen sei - wie kommt Mappes-Niediek nur zu dieser These? Sieben Zeilen nach dem Zitat von Wolfgang Schüssels Äußerung, dass Österreich das erste Opfer Hitlerdeutschlands gewesen sei? Hat das Schüssel etwa das Amt gekostet? Waren die Österreicher auch nur erstaunt, als hätte sie der Bundeskanzler an etwas erinnert, was "fast vergessen" war? Das steirische Dorf, in dem Mappes-Niediek lebt, möchte ich sehen: Haben sich dort die Herren am Stammtisch als Täter geoutet? Na ja, vielleicht doch. Mit Stolz. Schließlich bemerkt der Autor zutreffend: "Wer Ausländer hasst, sagt es laut, niemand tut sich einen Zwang an." Na prima.

Die österreichische Literatur seit 1945. Eine Annäherung in Bildern. Herausgegeben von Volker Kaukoreit und Kristina Pfoser. Mit 840 Abbildungen. Reclam-Verlag, Stuttgart 2000, 360 S., 89,- DM

Siglinde Bolbecher/Konstantin Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur. Deuticke-Verlag, Wien-München 2000, 765 S., 82,- DM

Norbert Mappes-Niediek: Österreich für Deutsche. Einblicke in ein fremdes Land. Ch. Links, Berlin 2001, 199 S., 29, 80 DM

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 13.07.2001

Ausgabe 43/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare