Mäuse, in Honig gebraten

Alltag Die 7.40 Uhr-Straßenbahn ist für Frühaufsteher so etwas wie die Stammkneipe für Nachtvögel

"Die Straßenbahn wird in etwa 20 Jahren verschwinden, wie die Pferdebahn verschwunden ist" - prophezeit Vladimir Nabokov 1925 und trifft ziemlich genau das Schicksal "der Elektrischen", allerdings in West-Berlin. In Ost-Berlin dröhnt sie weiter - gelb, schwarz und träge wie eine gepanzerte Raupe. Sie ist für uns Frühaufsteher so etwas wie eine Stammkneipe für Nachtvögel - du gehst hinein und siehst bekannte Gesichter - oder auch nicht. So ist es auch heute in unserem Zug: Der mit dem Bauch ist da, und die Zicke mit der gepiercten Nase hat verschlafen. Oder hat sie die 7.30er genommen? Es sitzt eine erlesene Gesellschaft beisammen, hier in der 7.40er Bahn. Wir sind sozusagen Stolz und Hoffnung der Nation: Grundschüler, Gymnasiasten, Kulturbeamte (der mit dem Bauch) und andere Bürger, die wie ich um Punkt acht Uhr morgens irgendwo in einem erleuchteten warmen Raum erwartet werden. Ein paar Fremde sind auch immer unter uns. Man erkennt sie gleich, weil sie, kaum eingestiegen, zum Kassenautomaten stürmen, um gegen die pfeilschnellen und modernen BVG-Kontrolleure gewappnet zu sein. Die "Unseren" dagegen verfügen in der Regel über eine Monatskarte, und damit über eine gewisse Gelassenheit - ruhig treten wir in den Waggon und schauen uns um: hier ein Kopfnicken, da ein paar Worte.

- Halloooo, - piepst Sandra, eine gelegentliche Weggefährtin von mir. Fast ist sie meine Nachbarin - sie wohnt im Haus gegenüber.

- Hey, bist du allein heute?

- Meine kleine Schwester blutet aus dem Mund. Sie ist gestolpert und gegen den Fernsehtisch geknallt. Und jetzt blutet sie aus dem Mund. Meine Mama kann jetzt nicht aus dem Haus und ist sehr genervt.

- Hoffentlich ist da kein Zahn gebrochen!

- Nein, sie hat sich nur ihre Lippe verletzt. Und sie hat schon sechs Zähne. Und mit dem Fahrrad konnte ich nicht, weil mein Papa gestern vergessen hat, es zu flicken. Mama war sehr genervt. Und mein Papa, er vergisst immer, immer was!!! Das nervt. Und von Oma habe ich noch nicht die Geschenke bekommen ... Sie kommen erst die Tage, vielleicht.

- Geschenke? Hast du Geburtstag?

- Ich hatte!!! Vor drei Ta-a-agen! - schreit Sandra mir zu, als ob sie ihre Mutter und ich ihr Vater wäre.

Der vergessliche Vater hat es allem Anschein nach auch nicht leicht. Seit einigen Monaten trägt er nicht mehr seine verstaubte Handwerker-Latzhose. Frisch gewaschen und platt gebügelt begleitet er seine Frau beim Einkaufen, manchmal schiebt er den Kinderwagen allein unsere Strasse entlang. Ich vermeide es, ihn anzustarren, denn er kennt mich kaum, und ich bin bestens über seinen Alltag unterrichtet. Ich weiß sogar, dass er die roten Slips mit Bananenmuster, die Sandras Mutter ihm liebevoll ausgesucht hat, nicht anziehen will und dass er lange schwarze Boxershorts bevorzugt.

- Freust du dich über Geschenke?

- Natürlich. - Sandra lacht. Sie ist doch ein sehr nettes Mädchen.

- Was hast du alles bekommen?

Sie holt ein rosa, perlmuttschimmerndes Handy heraus.

- Zum ausklappen? Mein Gott! Zeig mal! Hat jemand aus deiner Klasse schon ein Handy?

- Nein, - sagt Sandra stolz. Nur eine aus der 3 B. Weißt du, es ist ganz schön teuer, ich muss aufpassen.

Beflügelt von meiner Begeisterung, schlägt sie ihre Regenjacke auf und führt mir noch eine Sensation vor: "Benetton" glitzert die Aufschrift aus farbigen Perlen auf ihrem schmalen Brustkorb. Die gelbe Regenjacke und der rosa Pulli mit Benetton rascheln aneinander und schlagen winzige elektrische Funken. Wir rücken auseinander und lachen.

- Das haben wir in Polen gekauft. Da haben wir auch den Kinderwagen gekauft, Fleisch kann man da auch kaufen, und Zigaretten, und Wurst. Auch Schokolade. Und meine kleine Schwester kann schon Treppen hochlaufen. Ich mag es sehr, mit ihr zu spielen. Ja, und mein Fahrrad haben wir auch dort gekauft.

- Sandra, du steigst aus!

- Ach, ja. - Sie flitzt aus der Tür.


Am nächsten Tag regnet es in Strömen, und wir sind nun in der 7:40er zu dritt. Sandra hockt neben mir am Fenster, mir gegenüber sitzt Peter, ein Drittklässler aus meinem Haus. Er ist besorgt: sein Mathebuch ist verloren gegangen, und er hat keine Hausaufgaben gemacht.

- Das Buch hat sicher jemand aus Versehen mitgenommen, musst du einfach fragen in der Klasse, - rate ich dem Jungen.

- Mir gehen auch manchmal Schulbücher verloren. Und die sind so teuer, und meine Mama sagt, dass manche sie einfach nicht kaufen wollen, und sie dann so mitgehen lassen, mit Absicht, und nicht aus Versehen. Solche Schmarotzer gibt es immer. - Sandra hat sich zu uns umgedreht, das freut Peter sichtlich.

- Wisst ihr, was eine Schildkröte ist? - fragt er und schaut uns verschmitzt an. -A?

- Ich - ja! Und du, Sandra?

- Ein Tier, - Sie schaut kurz und herablassend in Peters Richtung, schlägt ihr rosa Handy auf und fummelt konzentriert an den Knöpfen.

- Auch, - lacht Peter. - Aber eine Schildkröte ist auch ein Viereck aus römischen Legionären! Sie stellen sich zusammen, zum Beispiel in vier Reihen, und strecken ihre Schilde heraus, so sind sie unverwundbar! Und können sich bewegen!

- Ach, davon habe ich was gehört! Und du, Sandra?

Sie schweigt. Peter unternimmt einen neuen Anlauf.

- Weiß jemand von euch, wie die Legionäre im Feldzug ihre Wunden verbunden haben? Sandra weißt du das?

- Naaajn! - sagt sie und tippt gereizt auf den Tasten herum.

- Na, mit Gras oder Rinde, - beiße ich an.

- Mit Spinnweben!!! Im Ernst! Und was die Römer mit Hausmäusen gemacht haben?

- Dressiert? - ich bin auf die richtige Antwort gespannt.

- Gemästet! Stellt euch vor: wochenlang gemästet, und dann in Honig gebraten! Es war ihr Lieblingsessen!

- Igitt - sagt Sandra, ohne den Kopf zu heben.

- Woher weißt du das alles? - Ich bewundere Peters Wissen.

- Ich lese alles über Rom, und überhaupt, über Geschichte und Entdecker ... Und gestern habe ich gelesen, dass es die Wikinger waren, die Amerika entdeckt haben, und auch dass aus Afrika nach Amerika in zweihundert Jahren 20 Millionen schwarzen Sklaven verschleppt wurden, das ist doch schrecklich, wie Kartoffeln ...

Peter steigt aus - er muss früher raus als wir, er geht in eine andere Schule. Und noch von der Haltestelle her ruft er uns zu:

- Zwanzig Millionen, stellt euch vor!

Die Bahn fährt los, ächzend und quietschend.

Sandra reißt sich von ihrem Handy los:

- Maaann, ist der langweilig! Der ist in mich verknallt, und wie. Und wetten: Sein Buch findet er nie, das ist geklaut!

- Ach nein, Sandra, ich finde ihn sehr nett!

Sandra verzerrt ihr kleines Gesicht:

- Und er quatscht so viel, und immer so ein Zeug. Und mein Papa hat schon wieder die Prüfung nicht bestanden! Stell dir vor: schon zum fünften Mal!

- Was für eine Prüfung denn? Führerschein?

- Ah nein, etwas anderes, nicht Führerschein. Meine Mama wundert sich gar nicht: Sie sagt, er wird es beim fünfzigsten Mal auch nicht schafften!

Sandra steht auf, um auszusteigen. An der Tür dreht sie sich noch einmal herum und streckt ein Bein aus. Turnschuhe mit Plateausohlen! Sie deutet mit dem Finger darauf. Dann springt sie heraus, und als sie mit Schwung auf dem Asphalt landet, blitzen in der vier Finger dicken Sohle rote Lämpchen.

- Von Oma! Geschenk! Ach ja, und ich muss vielleicht in die zweite Klasse zurück - schreit sie mir von der Haltestelle aus durch die Scheiben zu.

Mich zieht es mit der Straßenbahn weiter und die Begegnung geht mir noch nach. Ich drücke die Daumen, dass Sandra die dritte Klasse packt, dass Peters Buch sich doch noch findet. Und dass es das Schicksal gut mit ihm meint, und er nie bananengemusterte Slips tragen muss.


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00:00 01.12.2006

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