Mehr als ein Streit um Worte

Identität Vielleicht ist „Sinti und Roma“ doch keine gute Bezeichnung für jene, die ­„Zigeuner“ heißen wollen. Die Debatte zeigt, wie viel ­Politik im Namen steckt

Nach dem dritten Ordnungsruf war das Mikro aus: Immer wieder hatte der mecklenburg-vorpommersche NPD-Landtagsabgeordnete Tino Müller das Wort „Zigeuner“ verwendet. Ein diskriminierender Begriff, befand Landtagsvizepräsident Hans Kreher (FDP), dafür gehört das Rederecht entzogen.

Umso überraschter war Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (SPD), als sie Post von der Vorsitzenden des Vereins „Sinti Allianz“ bekam: Der Vorgang habe anhaltende Diskussionen in ihrem Bevölkerungsteil verursacht, schrieb Natascha Winter. Sie finde es „höchst problematisch“, dass die Verwendung des Begriffs „Zigeuner“ zu Ordnungsrufen führe. „Dies trägt dazu bei, dass die Volksbezeichnung von ca. zwölf Millionen Menschen, die in Europa leben, tabuisiert wird“.

Für ihren Verein sei nicht „Zigeuner“ ausgrenzend, sondern im Gegenteil die Bezeichnung „Sinti und Roma“. „Ein Rassist, der Zigeuner hasst, wird sie nicht lieben aufgrund einer Namenstilgung zugunsten fragwürdiger, unwissenschaftlicher und ausgrenzender Ersatzformeln wie Sinti und Roma“, so Winter im Brief.

Mahnmal fehlt immer noch

Auf Nachfrage erklärt Winter: „Es gibt viele Zigeuner, die nicht Sinti und Roma sind, und sie möchten hier in Deutschland nicht missachtet werden, indem man sie einem anderen Zigeunervolk zuordnet“. Sie vertrete „ein Drittel der hier lebenden Zigeuner, das sind vor allem Sinti“. Im Verein organisiert seien zehn Sinti-Verbände und ein Lowara-Stamm. In der Öffentlichkeit tritt aber vor allem Frau Winter auf, die anderen „verrichten überwiegend ihre Arbeit, entsprechend der Sinti-Tradition, heraus aus der Stille“, heißt es auf der Website der Sinti-Allianz. Öffentlichkeitsarbeit machten sie nur, um „dem unseriösen Alleinvertreteranspruch“ bestimmter Organisationen entgegenzutreten – gemeint ist der Zentralrat der Sinti und Roma.

Der Streit zwischen den Verbänden ist alt – und handelt auch von dem Wort „Zigeuner“. Jahrelang wurde über die Inschrift für das Denkmal der von den Nationalsozialisten ermordeten … ja, welches Wort soll nun folgen? ... gestritten. Das Mahnmal, vor 16 Jahren beschlossen, steht immer noch nicht. Es soll eine Tafel geben, die die „Chronologie des Völkermordes an den Sinti und Roma“ dokumentiert, danach aber die unterschiedlichen Gruppennamen nennt, die von den Nazis als „Zigeuner“ – in Anführungszeichen verfolgt wurden. Ein Kompromiss, der die sprachliche Schwierigkeit des Ganzen zeigt.

Der Zentralrat der Sinti und Roma hat sich jahrzehntelang für „Sinti und Roma“ anstelle von „Zigeuner“ stark gemacht. Der seit langem von Romani Rose geleitete Verband ist erster Ansprechpartner für die Bundesregierung und betreibt das Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma. Die Begriffsdebatte ist hier kein beliebtes Thema. Immerhin laufe der Strafantrag gegen die NPD, „und die instrumentalisiert Frau Winters Brief jetzt schon für ihre Sache“, sagt Herbert Heuß, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentralrat. „Sinti und Roma“ zu sagen, habe nichts mit political correctness zu tun. „Zigeuner ist eine Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft, die mit vielen Stereotypen beladen ist“, sagt Heuß. „Selbst nennt sich niemand so. Es ist schlicht eine Frage des Respekts, die Eigenbezeichnung der Gruppe zu wählen.“ Roma sei der Oberbegriff, in Deutschland sage man „Sinti und Roma“, weil die Sinti ein sehr ausgeprägtes Selbstverständnis hätten und die größte Gruppe in Deutschland seien. Das sei so wie „Bayern und Deutsche“.

Das Wort „Sinti und Roma“ ist eine deutsche Erfindung. Fast überall in Europa wird „Rom“ – Mensch – als Oberbegriff verwendet, entstanden aus den Bürgerrechtsbewegungen der europäischen Roma in den siebziger Jahren. Das Wort ist vor allem ein politisches Konzept. Stéphane Laederich, Autor des Standardwerkes „The Rroma“ schreibt: „Die Familie ist das Zentrum im Leben eines Roms. Die erste Loyalität gilt immer den Verwandten.“ Man sei Angehöriger einer Großfamilie, dann eines Verbundes von Großfamilien, dann einer Sub-Ethnie – wie der Kalderara, der Lovara oder der Sinti. Zuletzt gelte die Identifikation allenfalls der Weltgemeinschaft der Roma.

Die meisten empfänden „Zigeuner“ als diskriminierend, sagt Herbert Heuß vom Zentralrat. „An dem Begriff hängt der Rassenhass der Hitler-Zeit und die vielen alten Vorurteile, über angeblichen Dreck, Kriminalität, Faulheit, dass alle nomadisch leben und am Lagerfeuer sitzen.“ 68 Prozent der Deutschen wollten nichts mit Sinti und Roma zu tun haben, zitiert Heuß aus einer älteren Umfrage, und das habe mit eben diesen Bildern zu tun.

Abseits der beiden Dachverbände wird weniger emotional diskutiert. Manuel Trollmann macht Öffentlichkeitsarbeit für den Sinti Verband Niedersachsen mit 5.000 Mitgliedern, in keinem der verstrittenen Dachverbände organisiert, „weil wir hier ganz praktische Arbeit machen.“ „Ich selbst habe kein Problem damit, wenn mich jemand Zigeuner nennt“, sagt Trollmann. „Es kommt darauf an, wie das gemeint ist – und es ist nicht grundsätzlich diskriminierend gemeint.“ Die Älteren in seiner Familie könnten das Wort aber in keinem Fall aushalten. „Wer mit dem eintätowierten Z im KZ leben musste, verbindet unfassbares Leid mit dem Wort.“ Trollmanns Großonkel – Johann Rukeli Trollmann – war 1933 Boxweltmeister im Halbschwergewicht. Weil er Sinto war, wurde ihm dieser Titel nach acht Tagen aberkannt, er starb 1944 im KZ. „Nach 600 Jahren Sinti-Geschichte in Deutschland ist mein Großonkel der erste, nach dem eine Straße benannt wurde“, sagt Manuel Trollmann.

Aber auch die deutsche Forschung ist uneins über das Wort. Während der Historiker Wolfgang Wippermann seinen Fachbereich „Anti-Ziganismusforschung“ genannt hat und das Wort „Zigeuner“ indiskutabel findet, betreibt man in Leipzig „Tsiganologie“ mit dem Oberbegriff „Zigeuner“. „Zigeuner ist für uns der systematische Begriff, um vergleichbare Gruppen auf der ganzen Welt zu erforschen. Mit Roma fühlen sich höchstens 70 Prozent gemeint: Die Ashkali im Kosovo zum Beispiel und auch die Sinti in Deutschland nicht“, sagt Ethnologe Olaf Günther. „Wir problematisieren den Begriff aber immer.“

„Wenn man Forschung macht, sollte man die Gruppen und Untergruppen nach ihren Eigenbezeichnungen benennen“, sagt die Grazer Sprachwissenschaftlerin Barbara Schrammel, die Romanes lehrt. „Die Sinti sind eine Gemeinschaft, die sich stark von Roma – und das sind für sie osteuropäische Roma-Völker – abgrenzen und sehr wertkonservativ sind.“ Viele halten auch nichts davon, dass Chali – die anderen, nicht-Sinti, nicht-Roma – Romanes lehren und öffentlich machen. „Das kommt auch von der negativen Erfahrung mit Zigeunerforschern des NS-Regimes.“ Die NS-Rassenhygienikerin Eva Justin zum Beispiel hatte sich mit Sinti-Familien befreundet, die sie auch Romanes lehrten – was Justin gegen ganze Familien einsetzte. „Ein Trauma“, sagt Schrammel. „Hier spüre ich als Romanes-Forscherin Misstrauen. Auf dem Balkan plaudern Roma ganz unbefangen mit mir im so oft als ‚Geheimsprache‘ titulierten Romanes.“

„Nicht alle in einen Topf“

Timo Adam Wagner, Bundesvorsitzender des Jenischen Bundes Deutschland, seufzt schwer, wenn er das Wort „Zigeuner“ hört. Sein Verein hat knapp 4.000 Mitglieder, er schätzt, dass etwa 250.000 Jenische in Süddeutschland leben. „Für die Mehrheitsgesellschaft sind wir Zigeuner“, sagt Wagner. „Viele Jenische sind oder waren fahrend, das entspricht ja auch den gängigen Klischees.“ Lieber ist ihm, man nennt sie jenisch, Zigeuner findet er aber besser als „Sinti und Roma“. Hitler verfolgte auch die Jenischen als „Zigeuner-Mischlinge“ oder wegen ihrer Lebensweise „als Asoziale“. Anerkannt ist das bis heute nicht, es gab keine Entschädigungen für jenische Holocaust-Opfer und auch nie ein Entschuldigung.

Auf dem so umstrittenen Mahnmal stehen sie nach dem Streit aber auch – es war der Grund, überhaupt einen Verein zu gründen. „Die politische Formulierung Sinti und Roma macht es uns noch schwerer, unsere Anliegen in der Gesellschaft zu Wort zu bringen“, sagt Wagner.

Auf „zigeuner.de“ wird im Sinti-Forum heftig diskutiert: „Sinti wollen nicht Zigeuner genannt werden, weil die Deutschen uns sonst alle in einen Topf schmeißen“, schreibt einer, und dass die jugoslawischen und ungarischen Roma betteln und in der U-Bahn klauen und „uns“ damit sehr schlecht darstellen. Ein anderer User schreibt: „Ich bin stolz ein Zigeuner zu sein!!! Oder bin ich gar keiner? Hat irgendjemand beschlossen, dass ich das nicht mehr sein darf? Gut, nennt mich Roma, soll mir auch recht sein…Das wichtigste allerdings ist!!! ICH BIN EIN MENSCH!!!“ Das wäre dann Rom – aber das sind ja alle.

Der Europarat kritisierte schon 2002, dass es in Deutschland keine validen Daten zur Lebenslage der etwa 80.000 bis 120.000 hier lebenden Sinti und Roma gebe. Inzwischen hat sich die Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft die Mühe gemacht, eine Studie zur Bildungssituation der hiesigen Sinti und Roma in Auftrag zu geben. Dazu wurden insgesamt 275 deutsche Sinti und Roma intensiv befragt auch die Interviewer waren Sinti und Roma. Das Ergebnis wurde vergangene Woche vorgestellt: Das Menschenrecht auf Bildung gilt nicht im vollen Umfang für deutsche Sinti und Roma. Die desolate Bildungslage belegt das gravierende Versagen des deutschen Bildungssystems. 44 Prozent der Befragten haben keinerlei Schulabschluss, 11 Prozent besuchten eine Förderschule. Selbst 9 Prozent der unter 25-Jährigen haben keine Grundschule besucht. Nur 6 Befragte besuchten das Gymnasium.

Die Autoren der Studie fordern deshalb dringend einen nationalen Aktionsplan für eine Generationen übergreifende Bildungsförderung. Um Chancengleichheit zu schaffen, müsse natürlich Geld für gezielte Fördermaßnahmen in die Hand genommen werden. Auch zur Frage der angemessenen Bezeichnung gaben die Befragten Auskunft: Demnach verwenden 95 Prozent als Eigenbezeichnung Sinti/Roma, 7 Prozent lassen mit Einschränkungen die Bezeichnung Zigeuner zu. 45 Prozent bekennen sich manchmal nicht als Sinti oder Roma, um Diskriminierungen zu vermeiden.

14:00 02.06.2011

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