mehr wissen wollen

Nachruf auf Christiane Hein Christiane Hein stammte aus Werder an der Havel, wo sie 1944 geboren wurde. Ihr Abitur machte sie in Berlin und begann dann eine Buchhändlerlehre. In ...

Christiane Hein stammte aus Werder an der Havel, wo sie 1944 geboren wurde. Ihr Abitur machte sie in Berlin und begann dann eine Buchhändlerlehre. In dieser Zeit lernte sie Christoph Hein, ihren späteren Ehemann, kennen. Sie arbeitete in einem Groß-Betrieb in Berlin-Weißensee als Kranfahrerin, studierte in den sechziger Jahren schließlich in Leipzig Philosophie und promovierte über den Neopositivismus. Im Defa-Studio für Dokumentarfilme in Babelsberg war sie erst Dramaturgin und später Regisseurin. Auch nach der Schließung des Studios machte sie Filme, zum Beispiel über die jüdische Künstlerin Käthe Loewenthal. Einen Namen hat sie sich auch als Autorin und Regisseurin fürs Radio gemacht. Die meisten Dokumentationen entstanden in der Redaktion von Dieter Jost, der in der gemeinsamen Feature-Abteilung von SFB und ORB bei RadioKultur arbeitet.

Christiane Hein ist am 18. Januar im Alter von 57 Jahren gestorben.

Ihre letzte Arbeit handelt von einer Toten. Es geht um Mirjam, eine Deutsch-Afrikanerin, die in der DDR aufwuchs und bei der Suche nach ihrem Vater gestorben ist. Sie hatte ihn nicht gekannt, weil er noch vor ihrer Geburt nach Afrika zurückkehrte. Mirjam war mehrmals dort, suchte nach ihren Wurzeln, fand Verwandte, aber ihren Vater fand sie nicht.

Und auch nicht den Platz, wohin sie gehörte. In Deutschland war sie eine Schwarze, in Afrika nicht schwarz genug. Das wurde ihr nach und nach bewusst. Auf ihrer letzten Reise infizierte sie sich mit Malaria. Geblieben ist von der 25-jährigen Frau nur wenig: Fotos, Schallplatten, eine Krankenakte.

Und eine Zeitungsmeldung. Auf die war Christiane Hein aufmerksam geworden. Nun wollte sie mehr wissen über dieses kurze Leben, wollte es in der Erinnerung wiedererstehen lassen.

So hat sie immer gearbeitet. Da war ein Ereignis, eine Nachricht, und sie holte die Geschichte dazu ein. Es begann in der Wendezeit, als wir im Funkhaus in der Ost-Berliner Nalepastraße die Abwicklung eines weltbekannten Zuchtbetriebes für Legehennen in Deersheim bei Halberstadt dokumentierten. Damals wurden dort Forschungsmaterial und Versuchsergebnisse von Jahrzehnten vernichtet. Die Existenz der Menschen gleich mit. Es war übrigens die Zeit, in der die Politik dem Osten "blühende Landschaften" verhieß.

Für den ORB befragte sie gleich nach der deutschen Einheit Frauen, die in verschiedenen Systemen gelebt hatten: in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus, im Sozialismus und in der westdeutschen Demokratie nach Erfahrungen und Erkenntnissen mit den verschiedenen Zeitläufen. Wir haben nur ein Leben, hieß dieses beeindruckende Feature.

In einer Co-Produktion für ORB und NDR dokumentierte sie Erinnerungen an den 17. Juni 1953. Zeitzeugen berichteten, wie sie die Ereignisse auf den Straßen in Berlin erlebt hatten, und wie sie in DDR-Gefängnissen misshandelt wurden. Zu Wort kamen auch solche, die erst heute begriffen haben, welche Chancen mit der Niederschlagung des Aufstandes verloren gingen. Den Kindern haben wir es nie erzählt ist von vielen ARD-Stationen übernommen worden.

1999 waren es die Meldungen über Umsiedler aus Russland, die in Brandenburg eine neue Heimat gefunden haben, die sie interessierten. Sie sah sich das genau an, wie die Menschen in den ehemaligen Sowjet-Kasernen in Jüterbog lebten, und wie sie in einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit, überhaupt eine Existenz aufbauen konnten. Auch hier ein Zwiespalt: zwischen dem Leben in Kasachstan und dem neuen in Deutschland. Man kocht Buchweizengrütze und singt die alten Lieder aus der Steppe: Ich kann das auf Russisch und auf Deutsch war eine Original-Ton-Collage, die sehr genau die Befindlichkeiten der umgesiedelten Menschen erfasste.

Im gleichen Jahr produzierte Christiane Hein für das SFB- und ORB-Feature in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandfunk Bleibt auf der Straße, beruhigt Euch nicht!, einen Rückblick auf die Demonstration am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz, bei der übrigens auch ihr Mann, Christoph Hein, das Wort ergriffen hatte. Sie recherchierte bei den Organisatoren und Demonstranten, bei den Leuten aus den Medien und auch bei Vertretern der Staatsmacht. So entstand ein Dokument, das viel mehr erzählt, als darüber in den Geschichtsbüchern zu lesen steht. Christiane Hein spricht von Ängsten und Hoffnungen, von Skrupel und von Mut.

So ist es gewesen in unserer gemeinsamen Arbeit. Sie wollte immer herausfinden, was hinter den Fakten steckt, was die Menschen taten, und warum sie es taten.

Als wir die letzte Produktion, die über Mirjams Schicksal, in Angriff nahmen, hatte sie ihre schwere Krankheit offensichtlich überstanden. Sie stürzte sich geradezu mit Enthusiasmus in die Arbeit. Im Herbst vergangenen Jahres - sie absolvierte zwischendurch die obligatorische ärztliche Kontroll-Untersuchung - waren wir fertig. Dann kam der Anruf aus der Klinik.

Ich habe Mirjams Geschichte in diesen Tagen noch einmal gehört und merke nun, dass Christiane Hein hier offensichtlich auch einer Frage nachgegangen ist, die sie selber die ganze Zeit beschäftigt haben muss: Was bleibt, wenn wir diese Welt verlassen?

Der hier abgedruckte Nachruf ist am 29.1. auf RadioKultur gesendet worden. Christiane Heins letzte Radio-Arbeit, Der weiße Nebel wunderbar. Requiem für Mirjam, sendet RADIOkultur am Mittwoch, dem 17. April um 21.00 Uhr.

00:00 01.02.2002

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare